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Rassimischc AllMcme Zeitung.

Jo 2L8.

Mittwoch den 22. Oktober

1851»

Die Nass. Allg. Zeitung mit dem Wanderer erscheint einmal t â g l i ch mit Ausnahme deS Sonntags. Der vierteljährige PränumerationSpreiS ist in Wiesbaden für den Umfang des Herzogthums Nassau, des GroßherzogthumS und KurfürssenthumS Hessen, der Landgrafschatt yeffen-Homburg und der freien Stadt Frankfurt 9 fl., in den übrigen Ländern des fürstlich Thurn- und TariSschen Verwaltungsgebietes 8 fl. IO fr. Jnsera te werden sie vreisvaltige Petitzeile oder ve-en Raum mit 3 fr. berechnet. Bestellungen beliebe man in Wiesbaden in der L. Sch ellen be r g'schen Hof-Buchhandlung, auswärts bei den nächst gelegenen Postämtern zu machen

Uebersicht.

Kossuth.

Deutschland. AuS dem Amte Höchst (Agitation). Herborn (Die Wochenmärkte).Darmstadt (Lucifer)»

Kassel (DaS Ministerium). Erlangen (Anstellung schleSw Geistlichen in der Pfalz). Coburg (Gesetze). Leipzig (Verhaftung). Coblenz (Berichtigung). Magdeburg (Die Magdeburg-Wittenbergische Eiseâhn) Berlin (Die Kammer. Die deutsche Flotte. Die Abstim­mung im Bundestag. Vermischtes). Wien (Die Ver- hâltnisse zur Türkei. Die Pulvererploston in Krems). Triest (Die Karstbahn. Der Aufstand in China).

Frankreich. Paris (Die Situation).

Spanien. Madrid (Schreiben der Königin. Die Abge­ordneten).

Großbritannien. London (Parton).

Italien. Turin (Recriltirung auf der Insel Sardinien. Der neapolitanische Gesandte abgerufen. Gioja entlassen. Geographie der englischen Presse. Frâul. Rachel). Venedig (Die Handelskammer. Mord. Die Eisenbahn von Mestre nach Treviso eröffnet). Neapel (Geschenk des Königs). Rom (Graf Esterhazy).

Türkei. Konstantinopel (Raubzug der Wahnbite» nach Mekka und Medina).

Neueste Nachrichten.

Kossuth.

Zwei Jahre nachdem Kossuth von dein großen Theater der ungarischen Revolution abgetreten, wo er Enthusiasmus und Haß in gleichem Grade rege gemacht, tritt er abermals, von der türkischen Re gierung aus Andringen Englands freigegeben, auf die Wellbühne, und sein erster Schritt ist eine Thorheit. Er konnte wahrlich der österreichischen Regierung, die ihn verfolgt und seinen Namen an den Pranger schlagen läßt, keinen bessern, und den Engländern, die seine Freilassung bewirkten und ihn alâ eine Art Medusenschild gegen Oesterreich und Rußland brauchen wollten, keinen schlechter« Dienst erzeigen, als durch seine Erklärung für die Solidarität aller europäischen Revolutionen. Daß die konservativen Journale Frankreichs die Erklä­rung Kossuths verdammen, daS läßt sich schon aus ihrem Parteistandpunkt erklären: daß aber die eng­lischen Journale, und zwar gerade die leitenden, wieTimes" undMorning Chron cle", ebenfalls ein VerbammungS - Urtheil aussprechen, ist höchst charakteristisch. DaS Morning Chronicle " nennt seine Adresse an die französischen Demokratenschluu- wer alS geschmacklos und thöricht", und geht dann mit einer geschickten Wendung darauf über, daß die Gemeindebehörden von London und Southampton doch nicht übel thun würden, den Helden Ungarns feierlich zu empfangen. Die Aeußerungen, welche daSMorning Chronicle" sich dann gegen dte Con­tinentalmächte erlaubt, sind, zum mindesten gesagt, ebensogeschmacklos und thöricht" wie die Adresse Kossuthâ an die französischen Democraten selbst. Der Aerger derjenigen, welchen durch den stand­haften, von England unterstützten Widerstand deS Sultans ihre Beule entrissen wurde, wird reichlich aufgewogen durch die Dankbarkeit der VolkSpartei auf dem Continent". Geht hier nicht dasMor­ning Chronicle" gleichermaßen auf den Unsinn einer Solidarität der Revolution auf dem Conii, nent ein?

Wir sagen mit Vorbedacht derUnsinn" einer solchen Solidarität, weil sie, sobald Frankreich hin­eingemischt wird, einen innern Widerspruch enthält. Wir leben nicht mehr in der Zeit, wo Frankreich mit der Türkei und den ungarischen Malcontenten gegen Oesterreich verbunden war, denn damals galt eS, die Macht deS enge verbündeten spanisch-habs­burgischen HauseS zu brechen, ihm seine außerdeul- schen Besitzungen zu entreißen und eS auf daS schon hinreichend uneinige Deutschland zu beschränken; jetzt steht die Sache anders: wenn die LoSreißung Ungarns und Italiens von Oesterreich gelänge, so wäre die Verbindung Deutschlands zu Einer Macht in kurzer Zeit fertig, und Ungarn würde doch unter deutschen Einfluß fallen, falls eS sich nicht entschlösse, völlig mit Rußland gemeinsame Sache gegen Deutsch­land zu machen, ein Salle mortale, zu welchem sich Pie Magyaren wohl schwerlich entschließen werden.

Eine republikanische RegierungSform in Ungarn wäre, abgesehen von der innern Unwahrscheinlichkeit, auch in Beziehung auf die äußeren Verhältnisse nur möglich, wenn Deutschland zur Republik würde, und daS möchte wohl kaum im Interesse Englands lie­gen. Kossuth kann also in der Hand Englands nur ein Feuerbrand sein, durch den man Oesterreich in steter Verlegenheit und Aufreizung erhält. DaS ist jedenfalls eine Rolle, die beS ehemaligen Hauptes der ungarischen Regierung sehr unwürdig ist; man hat deßhalb auch nicht ermangelt, daS ohne Wider­spruch würdigere Benehmen deS Grafen Casimir Batchyany dem theatralischen Auftreten Kossulh'S gegenüber zu stellen.

Politisch betrachtet ist die Adresse Kossuths an dle französischen Demokraten eine ganz hohle Dia- lribe. Nur England könnte möglicherweise von einem Sieg Kossuths und der Polen Vortheile ern­ten, da der Staat, der zwischen dem adriatischen und schwarzen Meer entstehen sollte, nie auf eigenen Füßen hätte stehen können. war also, selbst daS vollständigste Gelingen der Plane Kossuths und der Polen vorausgesetzt, nichts alS eine Specula- tion auf die Zerrüttung des ContinentS, ebenso wie die von Engländern früher besprochene Möglichkeit eines StaatS von österreichischen Slawen, ein nicht lebensfähigeres Unding als der Magyarenstaat zwischen Adria und dem schwarzen Meer.

Die französische Demokratie ist immer noch im Fiebertraum der alten französischen Macht und Größe, und betrachtet Frankreich alS vaS Centralland von dem Freiheit und Civilisation nach ihrem Zu­schnitt über die Welt auSgehen soll. Indem nun Kossuth dieser Demokratie huldigt, tritt er Italien und Deutschland gleichmäßig mit Füßen. Der Globe (7. Oct.) meint zwar Kossuthhabe daS Manifest nicht schreiben können, und dessen Tragweite nur unvollkommen verstanden; niemand werde mehr erstaunt und geärgert sein alâ er, wenn er erfahre, wie man im Westen Europas daS Do? cument, daS feine Unterschrift trägt, auSlege; der Erfolg deS Manövers, daS ihn scheinbar compro- mittire, werde nur von kurzer Dauer sein, und seine ersten Worte nach seiner Ankunft in England würden die Befürchtungen seiner Freunde zerstreuen." DaS ist augenscheinlich geschrieben um den schlim- men Eindruck, den Kossuths Auftreten in Marselle gemacht hat, zu verwischen, und den Ovationen, die man ihm bereitet, nicht hinderlich in den Weg zu treten, aber diese Entschuldigung Kossuths geht auf Kosten seiner Urtheilskraft. Die Wiener Presse be merkt ganz richtig dazu:Als Antwort hierauf erlauben wir uns nur ganz einfach unseren Lesern in Erinnerung zu bringen, daß vor beiläufig andert­halb Jahren von derAllg. Z." ein Theil deS ver­traulichen Briefwechsels zwischen Kossuth und Bem in französischer Sprache veröffentlicht wurde, und eS damals niemanden einfiel gegen die Echtheit jener Briefe wegen Kossuths Unkenntniß der französischen Sprache zn Protestiren."

Diese Entschuldigung, wie sie der Globe gibt, ist jedoch darum bezeichnend, weil daraus hervor­geht, daß durchaus in England eine Demonstration gemacht werden soll. Das ergibt sich auch deutlich aus den Bemerkungen deS Morning Chronicle, wenn es sagt:Solche Demonstrationen können etwas gutes bewirken. Die Reden und Abstimmun­gen englischer Korporationen , obwohl tn England selbst, waS die Bildung der öffentlichen Meinung betrifft, von keinem großen Werthe, werden aus­wärts einen gewissen Einfluß haben. Hätte die österreichische Politik nicht die Gesangenhaltung Kossuths in der Türkei zu verlängern gesucht, daS Volksuitheil hätte sich ohne weife! weit minder nachdrücklich ausgesprochen. Der Willkomm den man Kossuth bereitet, ist die passende Antwort auf die mitleidslose Politik deS Wiener CabinetS". Man möchte freilich fragen, wer denn England zum Zucht- meister deS ContinentS bestimmt habe, und daran erinnern, daß alles waS in Ungarn nach Unter­drückung des AufstandS vorfiel, Kinderspiel war gegen die Gräuel, die England nach anderhalbhun­dertjährigem konstitutionellem Regiment in Irland nach dem unglücklichen Aufstande der Vereinten Ir­länder verübte und verüben ließ. Mit solchen Re- criminationen verwickelt man sich aber nur in daS häkliche Gebiet Der moralistischen Politik, Die hier schlechte Anwendung findet. Hier handelt eS sich

gar nicht um die moralischen Rücksichten, denn Nie^ mand wird glauben, daß die Engländer auS purer Humanität und Großmuth jetzt so handeln, und dieß ließe sich auch ohne solche prunkende Demon­strationen abmachen.

Um eS ganz klar zu machen, wie wenig die Solidarität der Revolutionen in Europa heißen will, darf man nur darauf aufmerksam machen, daß alle politischen Schriftsteller Frankreichs erklärt ha­ben, wenn eine vollständige Einigung Deutschlands zu Stande käme, so müßte Frankreich dagegen den Degen ziehen. Dann wäre Rußland Frankreichs Bundesgenosse, und wie Ungarn und Polen dabei fahren würden, läßt sich ungefähr ermessen. Die Hauptfrage liegt also in Deutschland, nicht in Un­garn und noch weniger in Polen. Einem verbrann­ten Kopfe, wie Ruge, und einem Dutzend Schnei- dergesellen, die man jüngst in Paris als Häupter einer gegen Deutschland gerichteten Verschwörung verhaftete, wird man dabei doch wohl keinen Ein­fluß aus Die Geschicke Deutschlands zugestehen; die Verhafteten mögen sich in strafbare Verbindungen eingelassen haben, aber furchtbar sind sie gewiß nicht. Kann aber Ungarns Schickt»! ohne Deutschland nicht entschieden werden, und sind Die deutschen Ver­bannten ohnmächtig, so legt man Dem pomphaften Empfang Kossuths in England sicherlich zu viel Ge­wicht bei, und man kann den Engländern die Freude gönnen, sie haben ohnehin schon einige Dornen in Dem RuhmeSkranz ihrerer neuen humanistischen Lauf­bahn gesunden.

Deutschland.

8 Aus dem Amte Höchst, 19. October. Der bekannte polnische Jude, der sich schon seit Jahren in hiesiger Gegend aufhält, wühlt in verschiedenen Orten eifrig und erfolgreich. Er hält häufig abend­liche Vorlesungen, und verkündigt feinen Zuhörern die unfehlbare Ankunft deS rothen Messias im künftigen Mai. Daß solcher Samen nicht auf un* fruchtbaren Boden fällt, davon kann sich Jeder, der Die Stimmung in verschiedenen Gemeinden des Am­tes zu beobachten Gelegenheit hat, leicht überzeugen.

3 Herborn, 15. Oct. In hiesiger Gegend nimmt Die Theurung der Lebensmittel zu; daS 4pfünDige Brod z. B. kostet 16 kr. Es kommt dieß daher, weil eS nicht mehr, wie bisher, gestattet ist, daß Die Landtrule ihre Früchte und Victualien he» rumtragen dürfen, sondern daß ein Wochenmarkt errichtet werden soll. ES ist Damit weder dem Ver­käufer noch dem Käufer gedient, weßhalb sich die allgemeine Stimme gegen dieses Institut auSspricht.

Darmstadt, 19. Oct. Nach Beendigung der gegen Hrii. C. Schafer wegen mehrerer incriminir- ter Artikel in seinemLucifer" verhandelten Pro­zesse sollen sich, wie wir vernehmen, Straiverurlhei- lungen in lummarischem Umfange von etwa IV, Jahre ergeben haben. Als der Verurlheilte jüngst zur Verdutzung herangezogen werden sollte, war derselbe nicht aufzufinden und über seinen Dermali* gen Aufenthalt keine Kunde zu erlangen. DaS von Hrn. Schäfer seit 1. d. M. herauSgegebene Witzblatt" erscheint jetzt unter Verantwortlichkeit deS Geschäftsführers der Officin.

Kassel, 19. Oct. Nachdem die Absicht, den pnesionilten Finanzminister von Motz wieder für Uebernahme deS Finanzministeriums zu gewinnen, gänzlich hat aufgegeben werden müssen, so ist eS, Da unter Den kurhessischen StaatSdienern selbst ein quaUficirter und der Regierung genehmer Vorstand für jenes drückende Ministerium nicht hat aufgefun­den werben können, im Werke, den Obervorsteher deS ritt.rschafilichen StiftS Kaufungen, Hrn. von Esch w ege zu Reichensachsen, zum Finanzvor, stande zu machen und wird dessen Ernennung wahr­scheinlich in Kurzem erfolgen. Geheimeraih Voll­mar würde, dem Vernehmen nach, vorerst in daS Ministerium deS Innern übergehen. Hr. v. Efch- wege war nie im Staatsdienste, dagegen öfters alS Deputirter Der ritterschaftlichen Stifter Kaufungen und weiter Mitglied der vormârzlichen Volksver­tretung gebildeten Stândiverfammlungen und als solcher in den BudgetauSschüffcn thätig.