Nassauische Allgemeine Zeitung.
Js 246.
Sonntag den 1». Oktober
1851.
Die Naff. Allg. Zeitung mit dem Wanderer erscheint einmal täglich mit Ausnahme des Sonntags. — Der vierteljährige PränümecationSpreiS ist in Wiesbaden für den Umfang des Herzogthum« Nassau, des GroßherzogthumS und Kurfürstentums Hessen, der Landgraffchait Hessen-Homburg und der freien Stadt Frankfurt 2 fl., in den übrigen Ländern deS fürstlich Thurn- und TariSschen Verwaltungsgebietes 2 fl. 1O tr. — Inserate werden die dreispaltige Petitzeile oder deren Raum mit 3 fr. berechnet. Bestellungen beliebe man in Wiesbaden in der L. Schellenber g' schen Hof-Buchhandlung, auswärts bei den nächst gelegenen Postämtern zu machen.
Uebersicht.
Amtlicher Theil.
Dienstnachrichten.
Nichtamtlicher Theil.
Der Septembervertrag.
Deutschland. Wiesbaden (Die Fruchtpreise). — AuS der Provinz (Die Stockbücher). — Frankfurt (Cen- tralpolizei. Die Hildesheimer Provinzial-Landschaften, v. Herrmann). — Koblenz (Die Deutz-Frankfurter Eisenbahn). — Wesel (Eisenbahn). — Hannover (Der Bundesbeschluß über die Ritterschaft. SiemeoS). — Magdeburg (Warnung). — Berlin (Festungsbau. Kinkels Flucht: Die Juden. Die Postconferenz. Der Herzog von Augustenburg. Vermischtes). — Aus dem Mecklenburgischen (Die Ritter- und Landschafts-Deputation).
— Bremen (Zur VerfaffungSfrage). — Wien (Die Ministerkrisis. Amnestie, ^ie Truppen in Holstein. Vermischtes).
Frankreich. Paris (Die Ministerkrisis. Magnan. Die Permanenzkommission. Der Seinepräfeet. Erklärung des Präsidenten. Vermischtes).
Großbritannien. London (Koffuth. Die Ausstellung). Griechenland. Athen (Gesetze. VerfaffungSfeier).
Neueste Nachrichten.
Amtlicher Theil.
Die durch die Versetzungen der Pfarrer Kirschbaum zu Niederwallmenach, Nink zu BergeberS- dach und Decan Keim zu Hachenburg zur Erledigung gekommenen Schulinspectionen sind für daS Herzogliche Justizâml St. Goarshausen dem Deca- natSvcrwalter Manderbach daselbst für daS Her, zogliche Juitizamt Dillenburg dem Pfarrer Zicken« drarh in BergederSbach und für das Herzogliche Justizamt Hachenburg dem Pfarrer Nink in Hachenburg und die Inspektion über die Elementarschulen der Stadt Dillenburg ist dem Decan Keim daselbst übertragen worden.
Nichtamtlicher Theil.
Der Septembervertrag.
(Schluß).
In Oesterreich scheint man allerdings empfindlich zu sein, wie auS den Aeußerungen der halbamtlichen Presse hervorgehl. So erklärt die „Austria" in einem ihrer Aufsätze über den Anschluß Hannovers an den Zollverein: Preußen betrachte die ganze Sache lediglich aus dem Gesichtspunkte der politischen Wichtigkeit, und der Sicherung seiner Hegemonie. Es räume Hannover materielle und finanzielle Vortheile ein, die in den Zollver« rinSverträgen bisher nicht erhört und von Preußen selbst früher aus Gründen entschieden zurückgewie- fen wären, die seither von ihrer Kraft nicht soviel verloren hätten, als man eS jetzt in Berlin darzustellen suche. Preußen lege sich und den übrigen Zollvereinsstaaten, zumal den an Hannover grenzenden, wie Hessen, höchst bedeutende administra, live Schwierigkeiten und pecuniâre Opfer auf, ohne jeden materiellen Entgelt. „Hannover wird gestat- tet bei sich den freien Salzhandel forlbestehen zu lassen, während in den anderen ZollvereinSstaaten das Salzmonopol fortdauert; seinen Seestädten wer- den freie EntrepolS, für Emden, Harburg, Geestemünde, den hannoverschen Inseln sogar, ZollauS- schlüsse garanlirt; seinen Schiffen wird in Preußen tie lange vergebens gewünschte Cabotage gestattet; seine niedrige Biersteuer, seine hohen Straßengelder werden ihm belassen. Die Eingangszölle auf die wichtigsten Finanzartikel, auf einen großen Theil deS über feine Grenzen eingeführten VieheS, auf die von Hamburg , Harburg, Altona, Bremen unverkauft zurückgehenden Hannoverschen Bergwerks- Produkte und Getreide, der AuSgangSzoll auf Wollt, werden seinen Wünschen gemäß herabgesetzt. Preußen verzichtet auf den Antheil an der Nachsteuer für die bei Amvirung deS Zollvereins in Hannover vorräthige Waare ; eS wird letzterem die zollfreie
Einfuhr deS zur Vollendung seiner StaatSeisenbah. nen nöthigen EifenS gestattet ; feinem Schiffbau werden Prämien als Vergütung der durch die höheren Zölle auf Metall erwachsenden MehrauSlagen zugesichert. Und trotz aller dieser großen Begünstigungen wird ihm sein Antheil an den gemein« >amen Einkünften nicht nach der Kopfzahl, sondern gleich um 75 Procent höher berechnet, während eS zu den gemeinsamen VerwaltungSkosten nur nach Der Kopfzahl beizutragen hat.--Der ganze Rechtfertigungsversuch, welchen sich die preußische Denkschrift zur Aufgabe wachte, ericheint mißlungen, und man hatte besser gethan, offen zu gestehen: Hannover'S Anschluß sei um keinen billigern Preis zu gewinnen gewesen, der große finanzielle Schaden für die ZollvereinSstaaten werbe jedoch durch poli- tische Lvriheile für Preußen aufgewogen. Nur auS politischen Motiven erklärt sich der Vertrag".
So die „Austria". Sie bemerkt feiner, die bekannte preußische Denkschrift sei weniger merkwürdig durch daS, was sie sage, als durch daS, was sie verschweige. „Dieses negative Element macht sich in verschiedenen Richtungen geltend. Ein weit auSfchkNder Plan scheint demnach gar nicht zu bestehen, keine anderen geheim gehaltenen Verabredungen, wie über eine Aenderung der Berech tigungen der einzelnen Glieder deS Zollvereins und deS von diesem bisher befolgten Systems; keine nähere Andeutung über die von Preußen seit langem angestredle. Gemeinsam keil der gcsammien innern lnoireclcn Besteuerung der VereinSstaalen, wozu der Leplemberverlrag weitere Anfänge varbeul. Und doch lâßl der Schlußsatz deS SeparatarukelS 13, worin Hannover die Tyellnahme an den Verhandlungen über die Fortsetzung deS Zollvereins „mit gleichem Stimmrecht wie Preußen" zugesichert wird, im Zusammenhänge mit dem ersten Satze tiefe 6 Artikels, worin Maßregeln „zur Erleichterung dieser Verhandlungen erwähnt werden, kaum eine andere AuS legung zu, alâ daß man bei Diesen Verhandlungen, als Vorspiel der künftigen Einrichtungen deS Zollvereins, nicht allen beteiligten Staaten ein „glei- cheS Stimmrecht" einzuräuwen beabsichtige, sondern etwa zu Erleichterung der Verhandlungen die kleineren VereinSstaalen nur curiatim abstimmen lass n wolle". Die „Austria" hebt Die „neue, bisher unerhörte Form der Unterhandlungen" hervor, würde Verstimmung anderer VereinSstaalen über ein solches Verfahren natürlich finden; die unverhältntßmâ- ßigen Vortheile, welche man Hannover gewährt habe, fielen auch den füddeulfchen Staaten zur Last; ber Vertrag enthalte geheime Klauseln, Auffallend sei eS, daß Die Denkschrift Die Frage über Die gesummt deutsche Zolleinigung, von der im Vertrage vom 7. September selber noch die Rede fei und über die Stellung zu Oesterreich mit völligem Stillschweigen übergehe. „Dieses Schweigen spricht in der That am lautesten und zwar um so deutlicher, alS Preußen doch in der Art und Weise wie eS den Bestand eines StaalSmonopolS in Dem einen Vereinslande mit der VerkehrSfreiheit in dem andern in Einklang zu bringen vermochte, eben Oesterreich und dem übrigen Deutichland ein belehrendes Beispiel bot, daß die größten, gegenseitiger Annäherung entgegen- suhenbenSchwierigkeiten nicht unüberwindlich sind; hier mithin auch Die schicklichste Gelegenheit geboten war, über die österreichisch-deutsche Zolleinigung ein warmeS Wort zu sprechen. Doch wir wollen nicht weiter grübeln, nicht weiter forschen nach dem Schlüssel zu dem preußischen Verhalten. Wir nehmen vorläufig Die im Eingänge und am Schluffe deS neuen Vertrags hingesteUlc Aussicht, auf weitere, ganz Deutschland und Oesterreich umfassende Einigungen mit Dem vollsten Ernste, nicht blos als Phrasen auf. Nur können wir unser Bedauern darüber nicht unterdrücken, baß Preußen, bevor eS mit Hannover sich vereinigte, nicht Den diesseitigen, wiederholten Eröffnungen entsprechend, sich mit Oesterreich über die Grundlagen einer Einigung verständigte, wodurch nicht blos ebenfalls die Nordsee vielleicht mit geringeren Opfern zu erreichen gewesen, sondern auch jenes handelspolitische System, in welchem allein Englands industrieller Uebermacht gegenüber für ganz Mitteleuropa Heil zu finden ist, sofort zur festen Geltung gelangt wäre". Zum Schluffe vergleicht die „Austria" den neuen österrei- reichischen Tarif mit jenen deS Zollvereins und deS EtruervereinS und »schöpft daraus mindestens Die
tröstliche Zuversicht, daß die deutsche Tariffrâgè, wie sie sich in neuester Zeit zu gestalten scheint, in sich selber keine ernsten, am wenigsten unüberwind« liche Schwierigkeiten für die gesammtveutsche, d. h. mitteleuropäische Zolleinigung Darbietet, wenn von allen Seiten Offenheit und guter Wille mit in die Verhandlungen gebracht wird".
WaS eine völlige Zolleinigung mit Oesterreich betrifft, so stellen sich einer solchen, wie selbst warme Fürsprecher derselben nicht verhehlen, noch „tausend Schwierigkeiten" in den Weg, die zum Theil auch in Verhältnissen ihren Grund haben, die nicht handelspolitischer Art sind. Ein großes mittel-europäisches Zoll-, Verkehrs- und HandelSgebiet erscheint sehr Vielen alS wünschenSwerth; von Oesterreich her wird jetzt zuvorkommend angedeutet, daß man Modifikationen in dem bisherigen System nicht abgeneigt sei, und einst auch sogar daS den Erwartungen nicht entsprechende Tabaksmonopol fallen lassen werde. Dagegen wirb eingewandl: Zunächst kommt Alles darauf an, den Zollverein zu confolidirrn, Die Wirkungen des neuen österreichischen Tarifs abzuwarten, vorerst beide großen Körper in eine Han- delSvereinigUng zu bringen und allmâlig schrillweise in den Tarffânverungen vorzugehen, diS man die zu erstrebende Ausgleichung gesunden habe. UnS fcheint, eS liege im Wesen dieser Frage, daß sie in Den nächsten Jahren schwerlich eine alle Theile befriedigende Lösung erfahren könne. Für den Norden Deuifchlands tritt sie demnach nicht alS unmittelbar praklif ch hervor; doch darf man ihre Tragweite und Bedeutung nicht verkennen, und muß sie unab* lässig im Auge behalten.
In Hannover, icheint eS, hat die öffentliche Stimmung sich mit Dem Vertrage auSgeföhnt; manche LanbeSlhrile, die durch denselben ihrer bisherigen Jivlirung enthoben werben, begrüßten ihn mu Freuden. Die Meinung, baß die befürchteten Nachtheile sich durch anderweitige Vortheile auS- gleichen, gewinnt mehr und mehr Raum, und man hebt besonders hervor , daß Hannover doch schon auS finanziellen Rücksichten gezwungen gewesen sei, eine Erhöhung seiner bisherigen Flnanzzölle zu betreiben ; daS erkleckliche Prâcipuum jammt andern Begünstigungen und dem Wegfall der Binnenzölle erscheine daher vollkommen annehmbar.
Durch die unbedingte Vereinigung Hannovers mit dem Zollverein, welcher, wie man hört, jene mit Oldenburg auf dem Fuße folgen wird, ist auch die Stellung Der Hansestädte eine andere geworden. WaS Bremen anbelangt, so hat man hier längst die Ansicht gehegt, daß dieser Staat und dessen HanvelSstand inc besondere, sein Heil nicht in einer Jfolirung vom übrigen Deutschland zu futen habe, sondern daß eine innige Verbrüderung mit demselben ersprießlich sein müsse. Man ist immer geneigt gewesen zu einem HandelSbunoe die Hand zu bieten. Ein Zollanschluß an den Zollverein konnte natürlich nicht in nähere Erwägung kommen, weil Bremen nirgend mit demselben zusammengrânzte, lonbern durch zwischenliegende Staate von demselben getrennt war. Jetzt hat sich plötzlich diese Frage in den Vordergrund gestellt, und verlangt eine viel- feitige und gründliche Erörterung. Bisher standen sich bei Den Unterhandlungen über den Beitritt zum Verein immer Staaten mit festen Systemen und Tarifen gegenüber, und die beiderseitigen Interessen ließen sich verhâltnißmâßig leicht abwägen. Bet den Hansestädten dagegen kommen, in Betreff ihrer ganz eigenthümlichen Stellung und ihres über alle Erdtheile ausgedehnten Handelsverkehrs, hundert große und kleine Dinge in Betracht, die für daS Fortgedeihen derselben von erheblichstem Belang sind und über welche nicht leichthin entschieden werden kann und darf. So viel wir adsehen und beurtheilen können, scheint sich, bei Dem so plötzlich und unerwartet gekommenen Ereigniß, darüber, wie Bremen in Betreff desselben zu erfahren habe, noch keine feste Meinung ober Ansicht gebildet zu haben. Man erwägt, waS für diesen Staat und Deutschland am meisten frommen werde, und erörtert Die abweichenden Ansichten mit lebhaftem Interesse. Irren wir nicht, so scheint man im Allgemeinen darin übereinzustimmen, daß Die Frage deS O b s zurücktrete hinter daS Wie? Wenn eS möglich ist eine beiden Theilen zusagende Ausgleichung zwischen den verschiedenen Systemen, der bisherigen unbehinderten freien Beweglichkeit und Der Zollkontrolle des