Nassauische Allgmeine Zeitung.
M LL2.
Mittwoch den LS Oktober
1851
Die Naff. Allg. Zeitung mit dem Wanderer erscheint einmal täglich mit Ausnahme des Sonntags. — Der vierteljährige Pränumerationspreis ist in Wiesbaden für den Umfang des HerzogthumS Nassau, des GroßherzogthumS und RurfürstenthumS Hessen, der Landgrafschaft Hessen-Homburg und der freien Stadt Frankfurt S fl., in den übrigen Ländern des fürstlich Thurn- und TariSschen Verwaltungsgebietes S fl. IO kr. — Jnserate werden die dreispaltige Petitzeile oder deren Raum mit 3 fr. berechnet. Bestellungen beliebe man in Wiesbaden in der L. Schellenberg'schen Hof-Buchhandlung, auswärts bei den nächst gelegenen Postämtern zu machen.
U e b e r 5 t ch t.
Koffuth und die französische Demokratie.
Deutschland. Von der Elb (Selbstmord eines Falschmünzers) — Vom Main (Der Antrag der Coblenzer Handelskammer). — Karlsruhe (Verordnung Offiziers- ernennnngen betr.). — Mü',n chen (Regierungsvorlage. Der Jnstizminister. Zur Zollfrage. Roller). — Nürnberg (Die freie Gemeinde). — Dresden (Der Waldheimer Fluchtversuch). — Hannover (Scheele. Die Organisationsfrage). — Schwerin (Die Verhandlungen der Ver- fassungsveptttation. Anschluß an den Postverein). — Berlin (Instructionen für Hrn. Dellbrück. Rheinzölle, v. d. Heydt. Die Schutzmänner. Bethmann-Hollweg). — Königsberg (Pf. Detroit). — Ratibor (Der Kaiser von Oesterreich). — Wien (Telegraphenconferenz. Diensteid der Minister. Graf Wimpfen. Graf Potocki. Vermischtes).
Frankreich. Paris (Wahl des demokratischen Präfldent- schaftScandidaten. Rücktritt des Ministeriums. Vermischtes).
Großbritannien. London (Die Königin. Die Ausstellung. Kossuth).
Griechenland. Athen (Vermischtes).
Neueste Nachrichten.
Koffuth und die französische Demokratie.
Die „AugSb. Allg. Ztg." erwähnt auS Anlaß der erneuerten Koffuth'fchen Triumphalreden der Flugschrift deS ungarischen Obersten Nedbal über di« RevolutionSkämpfe seines Vaterlandes (Ham- turg 1850.)
Nedbal, der unter Klapka bis zuletzt für Ungarn in den Waffen stand, die er erst mit der Ueber# gäbe KomornS niederlegte, beklagt in dem unglücklichen Kampfe nichts so sehr, als daß die kleine republikanische Partei unter Szemere, verführt von einigen Fremden, die Unabhängigkeit Ungarns pro- clamirte und damit die Armee und daS Land, beide durchaus monarchisch gesinnt, der Republik in die Hände trieb. Darin vor Allem sieht er daS Verderben. Bekanntlich hatten bis dahin die Führer deS Heeres in diesem die Fiction aufrecht erhalten: daß eS für feinen König, für Ferdinand, den die Feinde Ungarns gestürzt hätten, streite. Die vom Reichstag auf KoffuthS Antrieb beschlossene Lossagung vom Hause HabSburg zerstörte diese Fiction, die bei sehr Vielen nicht mehr als eine Lüge war, für die der Honved und der Husar sein Leben ließ; daS Vertrauen sank, die Offiziere wurden schwierig, der Zwiespalt zwischen Görgey und Koffuth, zwischen den ungarischen und den polnischen Generalen wuchs, die Katastrophe bereitete sich vor.
Oberst Nedbal sagt vom ThronentsetzungSbe- schluß: „Der 14. April war ein Tag, der mit dem Fluche der Nation auf die Welt kam. Die Wirkung dieser Maßregel auf daS Heer war eine augenblickliche und folgenreiche. Kein stürmischer Jubel im Heere, kein Zähneknirschen bei einer Partei (wie der Pole LapinSki sagt) — nur Ein Schrei der Entrüstung in der ganzen Armee. BiS dahin waren wir Vorkämpfer der Nation, die ihre edelsten Söhne der Armee gab, Unterthanen und Soldaten des Königs — gegen den Kaiser und seine Rathgeber inS Feld gezogen — und nun wollte man uns eine Ueberzeugung aufnöthigen, die wir nie getheilt, weil fie daS Recht unserer Erhebung umstürzte, und unS dahin brachte, wo unS, als Rebellen, welche die Fackel eines allgemeinen Brandes in die Welt schleuderten, der Boden unter den Füßen wankte. Seit diesem Augenblick waren die geschicktesten Ofsi- ziere der Armee, die für daS Prinzip der Nationalität und des Königthums ihr Schwert gezogen — in ihrem Vertrauen in die Sache und in der Hoffnung eines glücklichen AuSgangeS zweifelhaft ge- worden; Jeder, dem es am Herzen lag, seine Nation unter der ihr zusagenden Regierungsform zu sehen, Jeder, dem die Systeme allgemeiner Weltbeglücker daS Hirn nicht verbrannt hatte, Jever endlich , der Soldat seit Jahren war, sah von diesem Augenblicke an die Gefahr riesengroß emporwachsen. Görgey, der mit einer genauen Kenntniß der Nation und ihrer Verhältnisse einen feineren diplomatischen Ueberblick Euorpa'ö verband als Koffuth, hätte nicht
mehr als nur seine Pflicht gethan , wenn er seine Armee von dem Geiste Szemere'scher Aufklärung fern gehalten und ihr jene politische Tendenz bewahrt hätte, die von der ganzen Intelligenz Ungarns getheilt und vom Volke seit Jahrhunderten adoptirt war. Aber er brauchte dies nicht einmal zu thun. Die Armee blieb, mit Ausnahme weniger, die größtentheils Fremde waren, ihrem loyalen Princip auch ohne sein Zuthun getreu. Ein Husar, der sich in be.r provisorischen Republik gefiel, hat in Ungarn nie er istirt; eine Armee der Republik habe weder ich noch irgend ein anderer Beobachter gekannt".
Diese Worte eines tapfern Soldaten, der in jenem Kampfe nicht über seine Säbelspitze hinaus sah, decken jedem, der dessen noch bedurfte, das furchtbare Spiel aus, daS Kossuth mit der arglosen Leichtgläubigkeit seiner LandSleute trieb. Für Ungarns Rechte rief er die Magyaren auf, uud zielte nach dem Sturze dessen, der im monarchischen Sinne der Nation der Schlußstein aller Rechte war, des Königs. Die Unabhängigkeit des Landes, die Unantastbarkeit der Nationalität versprach er, und verfaßte dann mit Graf Batthyany Denkschriften, um die Krone bald dem Herzog von Leuchtenberg, bald einem englischen Prinzen anzubieten. „Es ist eine bekannte Thatsache (sagt Oberst Nedbal), daß an mehreren Höfen Europa'S Schritte geschahen, dem Thron Ungarns einen König zu geben".
Jenes wahnsinnige Thronentfetzungsvecret und die Berusnng der polnischen RevolutionSchefS machten eine Aussöhnung mit Oesterreich unmöglich, und führten mit Nothwendigkeit zur russischen Intervention, wie Görgey und Klapka recht gut voraussahen, die deßhalb wüthend waren über „die Schwätzer von Debreczin".
AlS Klapka und seine Waffengenoffen von Ko- morn nach England und Frankreich kamen, ward eS kaum beachtet. Koffuth, der nie zur Armee zu gehen wagte, Koffuth, dem in den entscheidenden Augenblicken Muth und Besinnung entfielen, der den ungarischen Generalen abwechselnd schmeichelte und Jntrigueen gegen fie spann, Kossuth, der Freund und Feind kopflos ins Verderben stürzte — er ist, wie einst Lafayette und Washington, der Gefeierte zweier Welten.) Die Massen sind blasirt, sie verlangen nach Emotionen und sie bekränzen den, der ihre Schmeicheleien mit Schmeicheleien erwidert.
Die französische Regierung hatte sich den Bemühungen Englands um Koffulhs Freilassung an# geschloffen, sie hatte mehr als Einem ungarischen Verbannten ein edelmüthigeS Asyl gewährt, wie sie eS den Polen gewährte, von denen nur zu viele ihr mit Theilnahme an den Verschwörungen lohnten. Aber die ganze Ordnungspartei Frankreichs würde cS der'Regierung zum Vorwurf gemacht haben, hätte sie geduldet, daß Kossuth, ein Feuerbrand, durch die französischen Städte gezogen wäre, wo überall die anarchische Gährung wie eine offene Pulvertanne ihm zur Seile lag. Das war statt deS versteckten, broschürenschmiedenden MazziniSmuS die RevolutionS- predigt in Person, die sich auf 'Markt und Gasse stellte. Die Regierung versagte ihm die Landreise von Marseille nach Calais. Darüber erließ Koffuth daS bekannte Sendschreiben an die Marseiller Demokratie.
Der „UniverS" bemerkt dazu: „Kossuth betrachtet sich in Frankreich, wie zu Hause, und richtet ein Manifest an die Demokratie von Marseille, AlS Demokrat hatte er ein Recht dazu. Die De- mokraten find Weltbürger. Haben wir doch Ledru- Rollin und seine Freunde römische Bürger werden sehen, Mitglieder der europäischen Republik unter dem Banner Äazzini'S. Die Corporation von London hat dem neuen Gaste Englands eine Beglückwünschung votirt, worin sie ihn den ersten Bürger Europa'S nennt. BewundernSwerthe Sympathie EnglandS^für alle Conjpiratoren, die den Continent bedrohen! . . Bekanntlich war die slavische Bevölkerung Ungarns in Hörigkeit gehalten, durch den siegreichen Stamm der Magyaren. Kossuth war der Hauptagent der magyarischen Aristokratie. Die europäische Demagogie aber interessirte sich für daS LooS der Ungarn, nicht als ob sie ein Wort von der ungarischen Frage verstanden hätte, sie sah in Ungarn nur eine ungeheure Verwirrung, bei tfer sie instinctmäßig in die Flamme blieS. Koffuth, der erkennt, welches Quidproquo Ungarn gespielt, bekehrt
sich zur europäischen Demagogie; sie hat einen Re< cruten mehr. Die Ungarn aber, die ihre Nationalität zu vertheidigen wähnten, müssen bitter bedauern, die Betrogenen und Opfer eines ehrgeizigen Phrasenhelden geworden zu sein". (Schluß folgt.)
Deuts chland.
^ Voll der Elb, am 11. October. Gestern ereignete sich in Hadamar ein Fall eigener Art.
Der Fuhrmann Ludwig Neeb von Urdorf, AmtS Marienberg, versuchte nämlich in Hadamar einen falschen preußischen 5 Thaler-Schein auszugeben. Er wurde aber von den Landjägern erwischt, und bei dem Justizamte daselbst abgeliefert.
Während der Herr Accessist Thomä denselben verhörte und seine Aussage protocollirle, schnitt sich Neeb auf der Amtsstube den Hals ab, und stürzte todt zu Boden.
Neeb wird als ein gefährliches und in jeder Beziehung schlechtes Subject geschildert.
UebrigenS könnte das Amt Marienberg noch Dutzende solcher Subjecte liefern. —
Die Kartoffelernvte füllt auf'm Westerwald wieder sehr schlecht auS, und eS gibt wieder sehr viele faule. —
+ Vom Main, 11. October. Die Handelskammer zu Coblenz hat bet der Regierung ein Verbot deS Abzugs von Getraide nach dem AuSlande beantragt, und mehrere Blätter, u. A. die Oberpost- amtSzeitung, haben sich beeilt, dies zu beloben. Wir dagegen fragen: Was versteht die Coblenzer Handelskammer unter Ausland, und was hat sie sich überhaupt bei ihrem Anträge gedacht? Bekanntlich sind bei uns in Deutschland die Preise von Getraide dermaßen gestiegen, daß wir jetzt Zufuh, ren von dem letzteren auS Holland und England an unS ziehen, welches letztere, wie sich von selbst ergibt, nur dadurch ermöglicht werden kann, daß die Regierungen Hollands und Englands, man kann sagen, glücklicherweise, nicht eben so engherzig ben* ken, alS jene Handelskammer. Wie sich aus dieser Sachlage aber ferner ergibt, kann die letztere unter Ausland nur die benachbarten Staaten Deutschlands verstanden haben, und das bekundet einen Grad von Engherzigkeit, der wirklich seines Gleichen sucht. Gegenwärtig fließt Getraide von einem deutschen Staat in den anderen, beständig nach den Stellen hin, wo man augenblicklich dessen am meisten bedarf, und wo eS am theuersten ist: ein für alle Theile sehr ersprießlicher Zustand in der That, der durch die mit vielen Kosten geschaffenen modernen Communicationsmittel wesentlich gefördert wird, der aber sofort aufhören müßte, wenn die Regierung Preußens daS eintreten ließe, was die Coblenzer Handelskammer begehrt und waS die Regierungen anderer deutschen Staaten dann nachzumachen, wenn auch nicht verpflichtet wären, doch sicherlich nicht verfehlen würden. Dann würde man bei unS in Deutschland leicht die Zustände Spaniens erleben können, wo nicht selten, in Folge höchst dürftiger Communicationsmittel, eine Provinz Ueberfluß an Früchten hat, während eine andere, dicht daneben belegene, großen Mangel an solchen leidet. Dann würde unseren Eisenbahnen, unserer Dampfschifffahrt und unseren chaussirten Wegen eine der Functionen, auf welche sie angewiesen sind, geradezu entzogen und eine gewaltige Satyre auf fie hervorgerufen werden.
Ein Verbot der Ausfuhr von Getraide nach Holland, England und anderen, dem wirklichen AuSlande angehörenden Staaten hat, wie wir gezeigt haben, gar keinen Sinn und die Ausfuhr dahin verbietet sich ganz von selbst. Verhielt eS sich aber auch anders, als eS der Fall ist, würde der Antrag der Coblenzer Handelskammer immer ebenso ungerecht als wirthschaftlich verkehrt sein.
Ungerecht deßhalb, weil dabei die Tendenz vorliegt, unseren Landwirlhen den Vollgenuß der Preise für ihre Produkte zu schmälern. Unsere Landwirthe, die in den letzten Jahren vielfach mit spottbilligen Preisen für ihre Produkte verlieb nehmen mußten und sich massenhaft wegen mangelhaften Bestehens zur Auswanderung drängten, sollen noch ferner bei Fähigkeit beraubt werden, wenn sie eine schlecht«