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Msamichc Mgemcim Zeitung.

M 237.

Donnerstag den S Oetober

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Die Nass. Allg. Zeitung mit dem Wanderer erscheint einmal täglich mit Ausnahme des Sonntags. Der vierteljährige Prânumecationsptèi« ist in Wiesbaden für den Umfang des Herzogthums Nassau, des GroßherzogthumS und Kurfürstenthums Hessen, der Landgraffchast Hessen-Homburg und der freien Stadt Frankfurt 8 fL, in den übrigen Ländern des fürstlich Thurn- und TariSschen Verwaltungsgebietes 8 fL 1O ft. Inserate werden die dreispaltige Petitzeile oder deren Raum mit 3 fr, berechnet. Bestellungen beliebe man in Wiesbaden in der L. Schellenberg'schen Hof-Buchhandlung, auswärts bei den nächst gelegenen Postämtern zu machen.

Ms Bestellungen auf die Nass. Allgem. Zeitung für das vierte Quartal d. J. wolle man baldigst machen.

Uebersicht.

Scene aus dem Londoner Flüchtlingsleben. Deutschland. Wiesbaden (Entgegnung den Pfarrer Koch von Osterspai betr. Gräfin Rosfi). Aus dem Kreisamt Hadamar (Die Presse). Diez (Die Kartoffelernte). Frankfurt (Ein Gesandter Griechen­lands. Die geheimen Clauseln des SeptembervcrtragS). Vom Main (Baierisch -würtcmbergischer Protest). Stuttgart (Aufhebung der Grundrechte. Verordnung die Juden betreffend). Dresden (Berichtigung). Coblenz (Eingabe der Handelskammer). Duisburg (Wahl zur zweiten Kammer). Trier (General Bonin).

Berlin (Die Kosten der kurh. Occupatio». Das neue Wahlgesetz. Protest. DaS BundeSpreßgesetz. Die deutsch- katholische Gemeinde. Vermischtes). Lübeck (Eröffnung der Lübeck-Büchner Eisenbahn). Lauenburg (Die preußischen Truppen). Schleswig-Holstein (Ein­quartierungen. Der Eckenförder Belagerungszustand). Wien (Bankreform. Die Donaudampfschifffahrt. Mili­tärischer Bau. Deckung der neuen Anleihe. Lyceum. Ver­mischtes).

Schweiz. Bern (Stämpfli).

Frankreich. Paris (Botschaft des Präsidenten. Adresse an Koffuth. Koffuths Proclamation. AuS Algier. Ver­mischtes).

Italien. Turin (Spinola). Florenz (Das Con- cordat). Rom (Bücherverbot. Hinrichtung).

Polen. Warschau (Die Silberbarrenconfiscation. Eisen­bahnunfall).

Neueste Nachrichten.

Scene aus dem Londoner Flucht- lingsleben.

Die Hannoverische Zeitung bringt fol­gendeScene auS dem Londoner Flüchtlingsleben". Ich traf in London einen Freund, der die Gefällig­keit hatte, mich auf das Sehenöwürdigste aufmerk­sam zu machen. Eines Tages schlug er mir vor, eines der deutschen Kaffeehäuser zu besuchen, wo ich Gelegenheit haben würde, unsere Landöleute in ihrer ganzen Glorie zu sehen. In einer in die Regentstreet auSmünvenden Seitenstraße traten wir in das Haus eines badischen Flüchtlings ein, wel­cher stch in London etablirt und eine artige Eng­länderin zur Frau genommen hatte, obgleich er, wie mich mein Freund versicherte, in Baven eine Frau hat. Mein Freund irrte nicht. Ich fragte nachher den Ehrenmann, was die arme Engländerin anfangen würde, falls er sie verließe. Er lachte und meinte, sie würde sich ebenso wenig darüber grämen, als er, und sich einen andern zulegen. Wir stiegen eine Treppe hinauf, wo uns Lärm ent­gegentönte, und traten in ein Local, in welchem sich 50 bis 60 deutsche Flüchtlinge über daS deutsche Vaterland herumzankten. Plötzlich sprang einer auf einen Tisch und bat um8 Wort, welches ihm auch gewährt wurde.Die verfln Süddeutschen", begann er seine Rede,sind abermals diejenigen, welche uns bei unserm Unternehmen im Vaterland hindernd in den Weg treten wollen. Diese Oester­reicher, diese Lumpenhunde! Da wir sie nicht für unsere Herren anerkennen wollen, so wollen auch sie nicht mit unS vereint bas große Werk vollbrin­gen helfen". ES entstand ein heftiger Tumult. Ein junger Mann, ein Künstler dem Anschein nach, sprang auf einen andern Tisch und verlangte das Wort, welches ihm aber der Redner nicht zugestehen wollte; dieser ging ihm vielmehr zu Leib. Die Bal­gerei wurde nun allgemein, man raufte sich unter Flüchen und Schimpfreden. Wir aber hatten unS in ein anstoßendes Zimmer geflüchtet, von wo aus wir die Freude hauen, unsere künftigen Beglücker und Herrscher in ihrer ganzen Herrlichkeit bewun­dern zu können. Mitten auS dem Gewühle sprang ein untersetzter Mann auf einen Tisch und schrie, man solle sich nicht um Dummheiten zersplittern. ES bleibe dabei, in acht Tagen würde loSgeschla- gen. Ein donnerndes Bravo! war die Antwort auf diese Rede. Auf einem andern Tisch sah man den armen Künstler bluttriefend und sich vergebens be­mühend, das Wort zu erhalten. Der Untersetzte ver­

kündete der Versammlung, er habe ihnen noch etwas mitjutheilen, ein Schreiben, welches er von Kinkel er­halten. Bei dem Namen Kinkel legte sich der Sturm augenblicklich, im Saal herrschte Toblenstille, ge­spannt lauschte jeder den Worten des Redners. Das Schreiben war ein Absagebrief Kinkels ; er sage sich von dieser Genossenschaft der Vaterlandsbeglücker, und zwar auf immer los. Von solchen Men­schen sei für die gute Sache kein Heil zu erwarten. Dieselbe würde, sobald zum zweitenmal die Befrei- ungSstunde schlüge, durch ihr Gebaren wiederum, und zwar unwiederbringlich verloren sein. Eine Thränenfluth, Ströme vergeblich vergossenen Bluts würden abermals umsonst zum Himmel schreien, und er habe nicht Lust dereinst vor Gott zu treten, um über solche Unthaten Rechenschaft geben zu müs­sen. Er sage sich deßhalb damit los und übersende sämmtliche auf den Verein bezügliche Papiere. Pfui! erscholl eS, als daS Schreiben, zu Ende gelesen war, wie auS einem Munde, und dieser AuSruf war daS Signal zu einem abermaligen wüsten Toben. Ver- râlher! verflr Aristokrat! Schurke! waren noch die gelindesten Schimpfreben, mit welchen man den Abgefallenen belegte. Es trat jetzt ein junger Mann vor, welcher der Verjammlung mittheilte, daß er aus Kinkels eigenem Munde (??) gehört habe, daß nicht Schurz, sondern ein (oder der, ich kann mich nicht mehr entsinnen) Prinz von Preußen ihn be­freit habe. Er habe als preußischer Officier ver­kleidet Spandau verlaffen, sei von Schurz außerhalb der Festung erwartet worden, und habe in Beglei­tung desselben seine Flucht bewerrstelligl. Von neuem entstand wildes Toben und Fluchen, wornach die Frage aufgeworfen wurde, was zu thun sei?DaS will ich euch sagen", schrie der Untersetzte,sobald die Stunde schlägt, diesen Hund, diesen aristokrati­schen Engländer, dem man einen Bissen vorgeworfen hat, der sich waS darauf zu gute thut den Märtyrer zu spielen diesen Kinkel zuerst aufhängen.- Von hier müssen wir fort, daS sage ich. In diesem verfln Lande ist kein Feld mehr für unS. Ihr habt ja bei der Eröffnung der großen Ausstellung gesehen, wie sie dieses Weib, diese Metze vergöttert, ihr einen Triumphzug bereitet, wie bis jetzt noch keinem gekrön­ten Haupt einer zu Theil geworden. Es ist zum Tod­lachen wenn ich daran denke. Diese Puddings, diese Borergesichter: diese treuen Weiber, in deren Gesicht die berechnendste Wollust sich auSdrückte! Und dieser (ich vermag daS Wort nicht nieder, zuschreiben, Prinz Albert war gemeint), der, sein deutsches Blut verläugnend, mehr einem spleensüch- tigen Engländer als einem unserer LandSleute gleicht!" Diese Aeußerungen riefen bei den Zuhörer schallen­des Gelächter hervor.DaS schwöre ich Euch," fuhr er fort,sobald die Stunde schlägt, verfll sei der Biffen den ich genieße, biS ich nicht vierzig von jenen schwarzangestrichenen (ich verschone Sie mit der Anführung deS pöbelhaften Ausdrucks) mit eigener Hand erdrosselt habe. Ja, eS darf kein Kind der Wiege übrig bleiben, sobald eS männlichen Geschlechts ist und einen schwarzen hat. Nicht die Weiber, wenn sie schwanger sind, sollen ver­schont bleiben, den Bauch will ich ihnen ausschlitzen und, wenn eS ein Junge ist, ihn herauSreißen, den Bauch wieder zunähen und--." Es folgten noch weit superlativere Auslassungen, die doch selbst für die Versammlung zu stark waren. Ein großer Theil derselben, worunter namentlich die bejahrteren Zuhörer, entfernten sich, von Entsetzen ergriffen. Man sah eS ihnen an, daß sie lieber daS schlimmste LooS zu erdulden bereit wären, als solchen Canni- balen anzugehören. Auch wir verließen voll Grau­sen einen Ort wo der AuSwurf der Menschheit un­ter der MaSke der Vaterlandsliebe feinen teuflischen Gelüsten frech Worte leiht. Ihre Leser werden obige Schilderung sicher mit Kopffchülteln aufneh­men. Ich kann sie darum nicht schelten, denn ein gutgearteteS Gemüth hält solches Gebaren für eine Unmöglichkeit. Auch ich würde, wäre ich nicht Au­gen» und Ohrenzeuge desselben gewesen, zur Ehre der Menschheit und insbesondere meines Vaterlands, geneigt sein das Ganze für sinnlose Uebertreibung zu halten. Die Demokraten werden natürlich nicht verfehlen, Ungläubigkeit zu affectiren. Die obige Schilderung beruht aber nichtsdestoweniger auf stren­

ger Wahrheit, und wird hoffentlich dazu beitragen, gutmeinenben Demokraten über die wahren Gesin­nungen vieler ihrer Parteigenossen die Augen zu öffnen. Kinkel hat dieselben, wie wir gesehen, bereits gewürdigt. Welch ungeheuere Selbstüberschätzung von Seiten der Besseren unter der DeMokratenpartei, zu glauben, sie würden die destructiven Elemente beseitigen und unschädlich machen zu können! . . . Man glaube nur nicht, daß sich diese Menschen an­gelegen sein lassen, ihre hülfSbedürftigen Parteige­noffen zu unterstützen. Als ich noch im obenerwähn­ten Kaffeehause war, brachte ein alter Jude einen blutjungen Menschen herein, ein Bild deS Jam­mers, in dessen hageren Zügen sich der höchste Grad deS Elends und der Erschöpfung kundgab. Er war so lange dem wüthenden Hunger preisgegeben ge­wesen, daß, alS man ihm zur Erquickung etwas Speise reichte, sein Magen dieselbe verschmähte, und man ihn erst mit etwas Wein wieder zu beleben suchen mußte. Rührend war eS zu sehen, wie dem Juden, seinem barmherzigen Samariter, bei seinen menschenfreundlichen Bemühungen die Thränen über die Wangen liefen. Der junge Mensch erzählte nun: er sei Schuhmacher seines Gewerbes, habe beim Militär gestanden und sei bei dem Barricadenkampf in Dresden mit neun Andern zum Volke überge­laufen. Das Volk, in der Meinung, sie wollten die Barricade erstürmen, habe gefeuert, wobei sechs seiner Gefährten geblieben wären. In London habe eS ihm an Mitteln zum Lebensunterhalt gänzlich gemangelt, er sei daher mehrere Male zu den Häup­tern der Partei gegangen, um von ihnen Unter­stützung zu erbitten, denn er wisse wohl, daß diesel­ben im Ueberfluß lebten. Man habeZhu aber barsch mit den Worten fortgewtesen; Was geht unS daS Schustergesindel an!

Deutschland.

8 Wiesbaden, 8. Oclober. In der Nr. 232 unserer Zeitung hatten wir die auS demFrankfur­ter Journal" in dieFreie Zeitung" üdergegan- gene Correspondenz von hier,daß Pfarrer Koch auS Osterspai wegen Verleitung zum Meineide in Untersuchung stehe", auf den Grund der verläßig, sten Quellen als eine Unwahrheit bezeichnet. DaS von hier auS in der Regel schlecht bedienteFrank­furter Journal" bringt nun in seiner zweiten Bei­lage zu Nro. 237 von demselben schlecht unterrich­teten Correspondenten die weitere Nachricht:daß jene Correspondenz auf den in Gegenwart mehrerer achtbarer Zeugen ausgesprochenen Mittheilungen eines mit den Verhältnissen deS Herrn Pfarrers Koch amtlich vertrauten Beamten beruhten". Auch dieser Artikel ist auS demFrankfurter Journal" in die vorletzte Nummer derFreien Zeitung" über­gegangen und hat durch beide Blätter Verbreitung im Herzogthum Nassau gefunden. Wir können es aber wiederholt und auf daS bestimmteste als eine Unwahrheit bezeichnen, daß Pfarrer Koch wegen Verleitung zum Meineide in Untersuchung stehe und können daher auch nicht glauben, daß jene Nach­richt den Mittheilungen eines derjenigen Beamten entflossen ist, welche mit dem Inhalte der Unter* fuchungSacten wirklich bekannt sind. Dem hiesigen Correspondenten deSFrankfurter Journals" ist aller Wahrscheinlichkeit nach eine übel aufgefangene Un­terredung zwischen mit dem Stande der Untersuch­ung nicht näher bekannten Personen durch die dritte oder vierte Hand wiederum entstellt zuge­gangen und er hat sodann den Fang als gute Waare bei demFrankfurter Journal" an den Mann gebracht.

* Wiesbaden, 7. October. Gräfin Rossi ist hier eingetroffen und wird hier einige Tage verweilen.

Aus dem Kreis amt Hadamar, Anfang Oct. Bereits ist in diesen Blättern die Confisca­tion der ersten Nummer von der in der L. Buch­handlung zu W. erschienenenHechel" erwähnt worden. DaS Kreiöblatt ist ebenfalls durch daS