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Nassauische Allgemeine Zeitung.

JK 233. Dienstag den 7. October 1831.

Die Nass. Allg. Zeitung mit demWan'oerer erscheint einmal täglich mit Ausnahme des Sonntags. Der vierteljährige PrânumerationSpreiS ist in Wiesbaden für den Umfang des Herzogthums Nassau, des GroßherzogthumS und Kurfürstenthums Hessen, der Landgraffchaft Hessen-Homburg und der freien Stadt Frankfurt 2 fl., in den übrigen Ländern bt» fürstlich Thurn- und TariSschen Verwaltungsgebietes 2 fL 1O kr. Inserate werden die dreispaltige Petitzeile oder deren Raum mit 3 kr. berechnet. Bestellungen beliebe man in Wiesbaden in der L. Schèllenberg'schen Hof-Buchhandlung, auswärts bei den nächst gelegenen Postämtern zu machen.

W Bestellungen auf die Nass. Allgem. Zeitung für das vierte Quartal d. I. wolle man baldigst machen.

Uebersicht.

Amtlicher Theil. [

Dienstnachrichten.

Nichtamtlicher Theil.

Was wird aus Frankreich werden?

Deutschland. Wiesbaden (Die MassenauSweisung).

Vom Westerwald (Die Zusammenkunft derLinken").

Mainz (Rekruten auS Hohenzollern). Frankfurt (Dr. Rieken). Kar lSruhe (Die Stände). Zwei­brücken (Todesurtheile). Hannover (Feise) Har­burg (Aufhebung des Freihafens) Braunschweig (Eröffnung der Abgeordnetenkammer. Auslieferung von Oetker und Pfaff).. Elberfeld (Die Elberfelder Zeitung). Berlin (General Tietzen. Aeußerung der sächsischen Regierung über den Septembervertrag. Ver­mischtes). Aus dem Mecklenburgischen (Die Ritter- und Landschafts -Deputirten). Hamburg (Die Pädagogenversammlung). Altona (Uebergabe Holsteins). Wien (Aenderung des Finanzministerums. Das Gemeinde­gesetz. Rückkehr des Kaisers. Fürst Metternich. Der BanuS. Vermischtes).

Frankreich. Paris (Die Cabinetskrisis. DieLösung".

Die Permanenzcommission. VermischeS).

Italien. Turin (Magne. Der Bey von Tunis). Türkei. Konstantinopel (Die Eisenbahn nach Suez). Neueste Nachrichten.

Amtlicher Theil.

Dem provisorischen Lehrgehülfen Hofsmann zu Miehlen ist die dasige Lehrgehülfenstelle definitiv übertragen worden.

Nichtamtlicher Theil.

Was wird aus Frankreich werden?

WaS wird aus Frankreich werden"? Unter diesem Titel hat Hr. v. Keratry eine kleine Schrift über die Frage veröffentlicht, die gegenwärtig in aller Munde ist.Mit einem Seufzer deS Schmer­zes und des Mitleids (sagt daSJournal deS De« datS") spricht der Nestor unserer politischen Ver­sammlungen von dem Schicksal dieses großen Landes, welches durch seine Fehler und sein Unglück dazu verdammt ist, an sich selbst irre zu werden, und, umhüllt von Finsterniß, nach einem Lrltstern zu su, chen Keratry hat die drei oder vier Revolutionen mit'erlebt die seit sechzig Jahren auf einander ge. folgt sind, und er urtheilt über alle mit Klarheit deS Geistes, mit jener festen Logik, welche die gluck- liche Auszeichnung seines frischen, kräftigen Grelsen. alterS bilden. Die letzte dieser Revolution aber ist eS, die Februar-Revolution, welche er mit dem strengsten Nachdruck verdammt. Und diese Strenge erscheint hier nur zu gerecht, denn die Februar- Revolution war die am mindesten berechtigte, wie die verhängnißvollste von allen. Sie hat die Er­rungenschaften der früheren Revolutionen wieder in Frage gestellt, denn sie weckte die Zweifel an ihrem principiellen Recht. So unerbittlich der Verfasser über die Februar-Revolution den Stab bricht, so gerecht und anerkennungsvoll zeigt er sich dem Ge­dächtniß des weisen Fürsten, der für Frankreich achtzehn Jahre deS fruchtreichsten Friedens und des glänzendsten Gedeihens heraufführte.

Nach einer Befürwortung, welche in dieser Weise anhebt, stellt A. Bertin eine Reihe von Ab­sätzen auS der genannten Schrift Keratry'S zusam­men. Wir geben im nachfolgenden einige Bruch­stücke dieser Auszüge:

Im Jahr 1789 war das Bedürfniß der Re­form unserer socialen Zustände allgemein gesühlt. Man verlangte: Achtung der Person und deS Eigen- thumS, Unverletzlichkeit deS Haufeâ als deS Heilig- thumS der Familie, Gleichberechtigung in der Con- curren, um StaatSämter, nur geregelt nach Verdienst und Würdigkeit, Beisteuer zu den Staatslasten nach

Maßgabe deS Vermögens. ES ist unzweifelhaft, daß 1848 diese Eroberungen als Preis langjährigen Ringens dem Land gesichert waren. In keinem Theil Europa'S, ja der civilisirten Welt erfreute sich das Individuum in ausgedehnterem Maß, als in Frankreich der freien Uebung seiner angebornen und erworbenen Kräfte. Ließen sich einige Unter­schiede im bürgerlichen Leben wahrnehmen, so waren sie gemeinhin eine Folge ererbten GutS, glücklicher Speculatton, wichtiger öffentlicher Dienste, geistiger Begabung oder der hervorragenden klug angelegten Arbeit deS Erwerbs. Einige hierarchischen Formen cristirten noch. Sie waren nicht vom Uebel. Die vaterländische Geschichte fand in ihnen Erinnerungen früheren Ruhmes, niemand litt unter ihnen, mehre­ren gereichten sie zum Nutzen. Die eitle Spielerei mit Titeln war so leicht von Gewicht, vertrug sich so gut mit der Eigenliebe neueren Datums, daß man ihr verzieh, wofern man sich nicht lächerlich machte. Es gab in der That weder Adel mehr noch Bürgerstand. Der Adel sah ein, daß cS noch auf andere Dinge ankam, als auf den Platz im Wappenbuch seines GaueS; vor dem Bürger lag jede Laufbahn offen, und eS galt nur in ihr daS Verdienst zu erproben.

DaS wahre Ziel war also erreicht; man hat eS thöricht genug überschritten. Die Aufgabe ist, wieder dahin zurückzukehren. Dazu gehört Muth und gespannte Kraft. Auf einer schiefen Ebene ein­zuhalten, ist schon viel; aber um gar wieder um­zukehren, dazu gehört die höchste Stärke der Mus­keln und Nerven. Sind wir so stark? Wir müssen eS sein; denn länger stehen zu bleiben ist unmög­lich. Die Lage, in welche unS der 24. Februar gestürzt hat, ist zu gefährlich, zu bedrohlich für alle die Interessen, welche in der öffentlichen Ruhe ihre Lebenslust finden, zu widersprechend unsern Gewohnheiten und Bedürfnissen, als daß man ihr eine lange Dauer versprechen könnte. Sie fordert eine durchgreifende Verbesserung, und nicht bloß unfruchtbare Modifikationen. Gewänne diese Lage längern Bestand, so würde sie unS unvermeidlich zu einem Bürgerkriege führen, und dieser würde, wie immer, mit dem Despotismus schließen. Man hat unS in eine Republik geworfen, aber kein Mensch ist Republicaner in ganz Frankreich, ein­schließlich der Verfasser der neuen Constitution. Ihr sucht Brutusse und findet nur Sybariten. DaS Re­giment, zu dem man unS geführt hat, heischt strenge Sitten, und die unsrigen sind um nicht mehr zu sagen sehr mild; eS heischt den einfachsten Ge­schmack, und der unsrige ist raffinirt in Wohnung, Kleidung, Tafel, in allem, waS wir den Comfort deS Lebens nennen. Vor allen Dingen fordert die Republik Vaterlandliebe; wer aber hat, mit weni. gen Ausnahmen, heutzutage noch ein Vaterland? Um dem Vaterland wohl zu dienen, bedarf eS eines festen Glaubens. Wo findet Ihr diesen noch? El- wa bei den Republicaner» von gestern oder bei denen der Zukunft? Ick möchte wohl wissen, ob die den Glauben an die göttliche Gerechtigkeit haben können, welche tagtäglich den Spruch der mensch­lichen Gerechtigkeit antasten?...

Eine Republik wie San Marino, die nur eiu Kloster ist, läßt sich begreifen; man gibt wohl auch die Möglichkeit einer schweizerischen Republik zu, auS Kantonen zusammengesetzt, deren Band sich täglich mehr lockert, während daS Ganze nur noch durch die Auswanderungen sich erhält und durch den Verkauf von Soldaten an zahlungsfähige Mächte; auch die Möglichkeit der nordamericanischen Freistaaten bestreitet man 'nicht, deren wachsende Bevölkerung auf den ungeheueren GebietSrâumen noch nicht dahin gekommen ist, daß Mann an Mann mit dem Ellenbogen stößt, und doch darf sich auch hier diese RegierungSform keine unbegränzte Dauer versprechen. Allein eine Republik von 37 Millio­nen Einwohnern, auf ein Gebiet eingeschloffen, wo man um jede Scholle mit Geld oder vor Gericht daS Eigenthum streitig macht, mit einer Bevölke­rung, die angefressen ist von Vergnügungssucht, jenen Geist und Körper entnervenden Künsten der Verschwendung ergeben, stets geneigt, sich in schlüpf­rigen Schaustellungen zu berauschen und endlich wie in einem Schraubstock zwischen monarchische Staaten

eingepreßt eine solche Republik wird stets nur unter einer Bedingung eristiren können, und diese ist: der Krieg! und zwar ein Vertilgungskrieg, be­gleitet von der Gegnerschaft ganz Europa'S, welches sich einer Demagogie muß zu erwehren suchen, die nicht einmal die kahle Entschuldigung äußerster Sit­tenstrenge für sich hat.

In diesem Kampfe eines Volkes gegen alle und aller gegen dieses eine wo wird da der Sieg sein? Blicken wir auf den Zustand des WelttheilS, von welchem wir ein Glied bilden, wie können wir denn die Kühnheitchaben, zu behaupten, daß Europa sich um daS Banner unserer Propaganda schaaren werde! Wir könnten nichts weiter, als das Jahr 1793 erneuern mit seinen Schrecken, Plünderungen, seinen Revolutionstribunalen, seinen geschändeten Tempeln, seinen drei Bankerotten, seinen Assigna­ten, mit seinen Parteigängern, die sich selber einer um den andern aufS Schaffet schicken mit all seinen Schmerzen, seinen Thränen, seinen verwaisten Fa­milien, mit den Strömen des reinsten BlutS vor den Thüren der Kerker und auf den Straßen. In der That, nur mit allem diesem, denn der Preis deS Sieges nach außen oder innen würde nur die Schre­ckensherrschaft sein.

Wir haben gesehen, daß die Republik von 1848 eine wahre Sinnlosigkeit ist bei dem gegenwärtigen Zustand unserer Sitten, ein abgeschmackter Ana­chronismus, vor welchem uns bittere Erinnerungen hätten bewahren sollen. So hat es sich nur zu sehr bestätigt, daß die Erfahrung der Väter für die Söhne verloren ist".

Deutschland.

* Wiesbaden, 5. Oct. DieWeser-Zeitung" bringt in ihrer Nummer vom 2. October eine Cor- respondenzaus dem Rheingau" vom 28. v. M., die sich in umfaffender Weise über die Un­rechtmäßigkeit der hier erfolgten oder bevorstehenden Ausweisungaller der fremden Handwerker" verbrei­tet, .deren NamenSverzeichniß sich unter den Papie­ren des Scribenten Feibel vorgefunden haben soll". Der Correspondent meint,von etwas Ver­botenem, von einem heimlichen Treiben kann, so viel unS bekannt, hier gar keine Rede sein. Zu verschiedenen Zeiten nämlich können Sie immer fol­gende öffentliche Aufforderung unter den Bekannt­machungen derFreien Zeitung" lesen:Verein zu Wahrung der Volksrechte. Mittwoch, den ...., Abends 8 Uhr, findet eine Versammlung im Nero, thale statt, wozu die Mitglieder dringend eingeladen werden. Der Vorstand". Versammlungen dieser Art haben also niemals auch nur einen Schein von Heimlichkeit angenommen, vielmehr stets unter den Augen der Polizei stattgefunden, der eS allein frei­gestanden haben würde, sich ein NamenSverzeichniß der Mitglieder des fraglichen Vereins zu verschaffen, sondern diese auch selbst nebst ihrem Treiben näher in Obacht und Augenschein zu nehmen. Hat sie beides gethan , so ist ja einer SeitS daS bei dem Vorstände aufgefundene NamenSverzeichniß durch­aus irrelevant und anderer SeitS würde sie, wenn in dem Vereine etwas Unerlaubtes vorgegangen, schon längst eingeschritten sein. Wo liegt also der Sinn einer MassenauSweisung auf den Grund jener aufgefundenen NamenSliste hin? Auch die Bestä­tigung deS Umstandes, daß sich unter den Papieren des Vorstehers eine Correspondenz mit Hrn. Ste- chan vorgefunden, kann hieran nichts ändern, selbst dann nicht, wenn dieser Briefwechsel in daS Feld des Verbotenen übergegangen sein sollte; weil kein Verein in der Welt für alle, sondern höchstens nur für solche Handlungen seines Vorstehers verant­wortlich gemacht werden kann, welche als in den ihm übertragenen Geschäftskreis einschlagend und ohne eine Ueberschreitung desselben begangen wor­den sind. Dasselbe gilt auch von jedem einzelnen Mitgliede eines Vereins, so wie von deren mehre­ren und man hüte sich wohl, nicht wiederum prm, cipiell in die falsche Richtung zu gerathen, berge- mâß man ganze schöne Felder hoffnungsvoller (?!) Saat einiger weniger Unkrautstengel wegen zertritt