RMilW Allgemeine Zeitung.
^L M9> Dienstag den SO September 1831
Einladung zum Abonnement.
Auf das mit dem 1. Oct ober beginnende vierte Quartal laden wir hiermit zu geneigten Abonnements ein.
Die „Nassauische Allgemeine Zeitung" mit dem belletristischen Beiblatt „Der Wanderer" erscheint, Sonntags ausgenommen, täglich und beträgt der Pränumerationspreis für Wiesbaden, für den Umfang des Herzogthums Nassau, der drei Hessen, und der freien Stadt Frankfurt 2 fU, für die übrigen Ländern des fürstlich Thurn- und Tarisschen Verwaltungsgebietes mit Inbegriff des Postaufschlages 2 st. IO kr.
Durch den „amtlichen Theil" dieser Zeitung gelangen Kundmachungen der Regierung am frühesten zur Kenntniß des Publikums. Die Asstsen und Landtagsverhandlungen werden mit möglichster Schnelligkeit und Ausführlichkeit mitgetheilt. Ueber die Vorfälle und Zustände im Lande sowie von außenher berichten zahlreiche und zuverlässige Correspondenten, während der für Wiesbaden äußerst günstige Postverkehr es ermöglicht, die Nachrichten aus Norddeutschland, Belgien, England, Frankreich, Italien rc. früher, andere gleichzeitig mit den in der Umgegend erscheinenden Blättern zu bringen.
Die „Nassauische Allgemeine Zeitung" erfreut sich deßhalb einer bedeutenden, stets zunehmenden Verbreitung und eignet sich dadurch besonders zur Veröffentlichung von Anzeigen aller Art. Inserate werden die dreispaltige Petitzeile oder deren Raum mit 3 fr. berechnet.
Bestellungen beliebe man in Wiesbaden in der L. Schellend er g'schen Hof-Buchhandlung, auswärts bei den nächstgelegenen Postämtern zu machen.
Uebersicht.
Aufschlüffe über die wahre Natur der sogenannten freien Gemeinden.
Deutschland. Eltville (Zerstörung einer Familiengruft).
— Idstein (Haussuchung. Das Seminar).— Limburg (Das Hospital). -Frankfurt (Der Prinz von Preußen. Dom Miguels Vermählung. Ankunft der sardinischen Gesandten. Eisenbahn). — Heidelberg (Professor Lange). —München (Die Ankunft deS Kaisers von Oesterreich bezweifelt, v. Maffei). — Nürnberg (Die Bibliothek der freien Gemeinde). — Got h'a (Der Herzog von Augustenburg).—Hanno vier (Denkschrift. Klenze. Lippe- SchaumburgS Beitritt znm Septembervertrag). — Köln (Die Rheinzölle). — B erlin (Adresse des Provinzialland- tageS an den König. Der Handelsvertrag mit Belgien. Bremens Beitrit zum Septembervertrag). — Oldenburg (Beitritt zum Postverein. Der Großherzog. Der Erbgroß- herzog). — Von der Niederelbe (Collecte. Orla Lehmann). — Hamburg (Aufhebung der Grundrechte). Wien (Fürst Metternich. Notenwechsel mit der Pforte. Berichtigung das Anlehen betr. Die Presse).
Frankreich. Paris (Die Flüchtlinge in London. Der- urtheilung der Journale. Proudhon. Prinz Joinville. Leon Faucher'S Rede. Persrgny. Belagerungszustand. Vermischtes).
Italien. Mailand (Der Kaiser). — Rom (Hinrichtung durch die Guillotine).
Neneste Nachrichten.
Aufschlüsse über die wahre Natur der sogenannten freien Gemeinden.
Unter dem Titel: „Unser Austritt aus den freien Gemeinden" ist zu Nürnberg eben eine kleine Flugschrift erschienen von den bisherigen Predigern der fränkischen freien Gemeinden, den Herren Friedrich Dumhof und Georg Ruf, welche darin die Gründe darlegen, welche sie zu diesem Austritte bestimmten, indem sie dadurch diesen Schritt zu rechtfertigen bezielen. Die Sache ist in diesen Blättern schon mehrfach berührt worden, und wenn uns schon dieser Umstand veranlaßt, auch auf die erwähnte Schrift unsere und unserer Leser Aufmerksamkeit zu richten, so fühlen wir unS noch mehr verpflichtet von einem höheren Gesichtspunkte auS, von dem der Aufhellung der Wahrheit über das wirkliche Thun und Treiben dieser sogenannten freien Gemeinden und die.eigentlichen Tendenzen, welche dieselben verfolgen.
DaS allgemeine Interesse deS StaateS, der Re- aierung wie deS Volkes, ja der ganzen jetzt von so vielen Seiten in ihren Grundfesten bedrohten Gesellschaft gebietet, die Wahrheit darüber an'S Tageslicht zu bringen und nichts unbeachtet vorübergeben zu lassen, waS zur Erreichung dieses Zweckes beizutragen geeignet ist. Das Volk muß durch Thatsachen überzeugt werden, daß die Regierungen Deutschlands mit dem vollsten Rechte und auS den gewichtigsten Gründen in der jüngsten Zeit ange- fangen haben, daS Treiben und — wir sagen es geradezu und ungescheut — daS Unwesen dieser, auf dem doppelten Felde der Religion und der Politik, den Zwecken der Partei deS allgemeinen Umsturzes in die Hände arbeitenden Seklirer schärfer aus'S Korn zu nehmen und zu den Maßregeln zu schreiten, welche unerläßlich erscheinen, und dem kaum bemerkbar und unter allerlei trügerischen AuS- hângeschilven immer weiter und gefährlicher um sich freffenden Krebsübel entgegenzuwlrken, seinen Fortschritten zu steuern und dasselbe zuletzt mit der Wurzel auSzureißen.
I Wir sind nun natürlich weit entfernt, die Herausgeber der vorliegenden Flugschrift als eine Auto- I ritäl betrachten zu wollen, welche an und für sich genommen besonderes Vertrauen unS einzuflößen vermöchte. Die Vergangenheit derselben zieht zwischen ihnen und unS eine unübersteigliche Scheidewand, welche ein Vertrauen unsererseits unmöglich macht, und gerade die Schrift, durch welche sie ihren jetzigen Schritt zu rechtfertigen bemüht sind, ist im Grunde für sie selbst das schärfste und härteste Ver- dammungSurtheil, daS über sie und ihr ganzes Verhallen von ihrem Ausritte auö der kaiholischen Kirche an, ausgesprochen werden konnte. Wir werden Gelegenheit haben, Sätze auS ihrer Schrift anzuführen, die für das, waS wir hier sagen, den Beweis liefern werden. Aber nichtsdestoweniger kann nicht in Abrede gestellt werden, daß sie durch ihre bisherige Stellung als Prediger und sonach mehr oder weniger GewissenSräthe und Vertrauensmänner der Angehörigen der sogenannten christlichen freien Gemeinden, durch die täglichen Berührungen zumal mit Denen, die sich die Vorstände jener Gemeinden nennen, wie mit den übrigen Gliedern derselben, also durch fortwährenden Verkehr bester als irgendwer in der Lage waren, eine genaue Kenntniß von den Personen, mit denen sie umgingen, von deren Eigentlichem Sinnen und Trachten, sowi. von den Dingen, welche in der Gemeinschaft wie bei den einzelnen Gliedern vorgingen, zu erhalten. Ist daS Bild, daS sie unS davon entwerfen, getreu, ja wir gehen noch weiter, ist auch nur die Hälfte der in der Schrift angeführten Thatsachen begründet und wahr, so werden wohl auch den Verblendetsten die Augen aufgehen, man wird endlich erkennen, mit weß Gei- steSkindern wir hier eS zu thun haben, und Diejenigen, deren Amtes eS ist, werden wissen, was die die Pflicht gegen daS Land und seine theuersten, hei- lichsten Interessen von ihnen erheischt. Allen, denen Religion und Familie, Recht uud Sitilichkeit noch etwas mehr sind alS leere inhaltlose Worte, werden dankbar jede Maßregel begrüßen, welche die Abwendung der ernsten Gefahren bezweckt, die ein längeres Zusehen und Gewährenlassen unausbleiblich bringen müßte.
Nach diesen kurzen einleitenden Bemerkungen gehen wir zum Inhalte der fraglichen Schrift selbst über. Die Herausgeber führen zuerst an, daß auS Anlaß ihres Austrittes aus den freien Gemeinden und ihres UebertritteS zum Protestantismus die leidenschaftlichsten Urtheile zu Tagr getreten, und vor Allem die Mitglieder der freien Gemeinden selbst eS seien, welche sie mit Schimpf und Hohn überhäufen". „Die zertrümmerten Fenster unserer Wohnung — sagen sie — verkünden den Vorübergehenden die fanatische Aufregung Derer, welche „Humanität und Brüderlichkeit" auf ihre Fahne spreiben, von völliger Religionsfreiheit und allgemeiner Duldung reden, jedoch dabei, wie gerade die Gegenwart wieder bezeugt, in Fanatismus und Leidenschaftlichkeit Alles überbieten.
Sie fahren sodann in folgender Weise fort: „Aber die Mitglieder der freien Gemeinde sind nicht die Einzigen, welche unS in jetzigem Augenblicke mit lieblosem Urtheile entgegentreten. Die freie Gemeinde zählt auch außer ihrem Kreise gar Manche, welche ihr anhängen, sie mit Geldbeiträgen unterstützen , ihre Versammlungen besuchen und sich alS Geistesverwandte derselben sühlen. Auch diese, obschon selbst noch im äußeren Verbände mit einer der christlichen Consessionen, sind schnell bereit, den Stab über unS zu brechen, und sie ereifern sich um so mehr über den Schritt, welchen wir gethan, je mehr ihr ganzes Wesen und ihre Denkweise zu der von unS verlassenen Gemeinschaft sie hinzieht. Noch eine andere Gattung unserer Gegner bilden Jene, welche sich weder um die christlichen Kirchen, noch um die freie Gemeinde bekümmern, die letztere we
der achten, noch unterstützen, aber unzufrieden mit der politischen Lage der Gegenwart, doch die freie Gemeinde in so weit begünstigt und gefördert wünschen, alS sie die christlichen Kirchen, in welchen sie eine Säule der bestehenden bürgerlichen Ordnung erblicken, zu bekämpfen sich bemüht. Hiedurch ist der KreiS unserer Gegner bezeichnet, wenn wir unS gleichwohl nicht verhehlen, daß auch Mitglieder der evangelischen Kirche, Die dieS nicht nur äußerlich, sondern in Wahrheit sind, unS Ankömmlinge mit fragenden Blicken, zuweilen sogar mit einigem Mißtrauen betrachten. DieS ihnen zu verargen, sind wir so weit entfernt, daß wir im Gegentheile vornehmlich auS Achtung gegen sie in wenigen Worten eine Rechtfertigung unserer Handlungsweise niederzulegen suchen".
Jetzt geht die Schrift zur Beantwortung der Hauptfrage über: warum die beiden Prediger der freien Gemeinde den Scheidebrief gegeben? Ihr Erwachen auS dem Irrthume — sagen sie — und mithin ihr Ausscheiden aus den freien Gemeinden wurde zunächst durch den Entwickelungsgang, welchen der Deutsch!arholiciSmuS nahm, herdeigeführt. Nicht „daß jener nicht folgerichtig sich entfaltet hätte, daß die einmal ungeschlagene Bahn zu anderen Ergebnissen, als oen gegenwärtig vorhandenen, hätte führen können", daS meinen die Verfasser nicht; sie erklären nur, daß sie iirthümlich eine andere Entwickelung des De u t sch ka th oli- ciSmu S erwarteten, als sie in der Wirklichkeit eingetreten ist. Sie glaubten in demselben eine religiöse Reform erblicken zu dürfen, aber was sie statt derselben gesunden, daS setzen sie in folgender Weise auseinander; wir lassen sie selbst sprechen:
„Daß der D e u t sch kath oli ci S muS allmä- lig jeden religiösen Charakters sich entkleiden, daß er dahin kommen werde, wohin er gekommen ist, ahnten wir in keinerlei Weise. Und wie Vielen, welche demselben beilraten , mag eS in ähnlicher Weise ergangen sein (?) I Wer aber immer noch glauben wollte, der DeuischkatholiciSmuS befinde sich auf dem Gebiete der Religion, der wäre gewaltig im Irrthume. Er gleicht einer auSgerissenen Pflanze, die anfangs noch von dem Safte des Bodens lebend, auf welchem sie stand, täglich mehr und am Ende völlig vertrocknet. Von religiösem Leben ist mit unbefangenem Auge an ihm, und hätte man das schärfste Vergrößerungsglas, wohl nichts mehr zu sehen. ES ist wahr, hie und da könnet ihr in den Versammlungen freier Gemeinden noch Nachklänge einer religiösen Sprache vernehmen, aber waS hat eS Damit für eine Bewandtniß? Wo noch religiös gesprochen wird, geschieht eS aus Klugheit, entweder den Schwachen, den „Dummen" gegenüber, welche man zu angeln und zu gewinnen sucht, oder der Regierung gegenüber, auf daß sie daS verliehene Patent nicht zurücknehme, mit einem Worte, es geschieht, (wir wissen waS wir,behaupten) unter geheimem Vorbehalte (reservatio mentalis). Man redet von einem Gotte und denkt sich dabei etwas Anderes, man redet von Unsterblichkeit und denkt sich dabei etwas Anderes, man redet von einem Himmel und denkt sich dabei etwas Anderes, man redet von Tugend und Sünde und hält sich jederzeit ein Hinterpförtchen offen, durch welches lediglich Denen, welche schon „weiter voran" sind, der Durchpaß gewährt wird. ES ist gegenwärtig nichts übrig auf dem Felde der Religion, woran man nicht gerüttelt, ja waS man im Kreise der freien Gemeinden nicht zerstört hätte, und die einmal begonnene Verneinung positiver Grundlage hat sich in schauerlicher Consequenz zur Gottlosigkeit im strengsten Sinne deS Wortes vollendet. Selbst daS dürftige, der Regierung bei dem Gesuche um staatliche Anelkennung vorgelegte Bekenntniß ist von den Gemeinden völlig überschritten, und die Grund- bestimmungen derselben, wie sie der Gemeindever-