Nassauische Allgemeine Zeitung.
^L 22 L» Samstag den 20» September 18SL
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Uebersicht.
Die Expedition gegen Cuba.
Deutschland. Wiesbaden (Asfiseir). — Weilburg (Empfang des hohen Regentenpaares). — Diez (Der Großherzog von Oldenburg). — Vom Rhein (Romanie und Germanie. Der Zollvertrag mit Hannover). — Frankfurt (Die Paulâkirche). — Darmstadt (Verordnungen).
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Frankreich. Paris (Belagerungszustand. Die Damen der Halle. Gerüchte von Cuba. Vermischtes). Großbritannien. London (Gefahr der Königin). Italien. Verona (Der Kaiser). — Rom (Amnestie). Neueste Nachrichten.
* Die Expedition gegen Cuba.
Die Berichte über die Expedition nach Cuba enthielten so viele Unrichtigkeiten, waren so sehr in neu-orleanistischem Sinne gefärbt, daß der spanische Gesandte in London Jsturitz sich genöthigt sah, denselben eine officielle Entgegnung gegenüber zu stellen. Wir entnehmen derselben Folgendes : „Durch das Attentat von Round Island und die Expedition von CardcnaS war die gegenseitige Stellung der spanischen und der americanischen Regierung unzweideutig bezeichnet. Während jene so offen wie möglich in der feierlichsten Weise ihren Entschluß erklärte, gegen die Angreifer Cuba'S die völkerrechtlichen Gesetze mit der äußersten Strenge in Anwendung zu bringen, erklärte diese durch die Procla- mation des Generals Taylor die Freibeuter als außerhalb des Gesetzes stehend und ohne Anspruch auf irgend welchen Schutz. Beide Regierungen hielten ihnen wiederholt vor, daß der Tod deö Piraten die Folge ihrer Verbrechen sein werde. Diese in jedem anderen Lande vollkommen unnöthige Warnung blieb jedoch leider in Amerika unbeachtet. Die Expedition von Cardenas fand Statt, spanisches Blut ward bei diesem durch nichts zu rechtfertigenden Angriffe vergossen, und das Unternehmen endigte mit der Flucht der Schuldigen. Der spanische Gouverneur, welcher die zu Contoy aufgehobenen Gefangenen in seiner Gewalt hatte, trieb den Edelmuth bis zur Unvorsichtigkeit. Einige der Gefangenen wurden freigefprochen, den übrigen verzieh man, nicht ein einziges Opfer fiel, kurz, es war unmöglich, in der Milde noch weiter zu gehen. Bald jedoch machten sich die Folgen dieses großmüthigen Verfahrens bemerklich. Der Aufstand von Puerto Principe, die Schilderhebung Agnero'S und feiner wenigen Anhänger, angestachelt durch die Erwartung einer neuen Expedition auS den Vereinigten Staaten, und endlich die Landung Lopez' auf der Nordküste überzeugten den General-Capitân schnell von den verderblichen Wirkungen seiner früheren Milde und von der Nothwendigkeit, die volle Strenge des Gesetzes walten zu lassen. Nachdem er also den Entschluß zu energischem Handeln gefaßt hatte, erhielt er am 12. August um 3 Uhr Morgens eine an den Gouverneur von Mariel gerichtete Depesche von dem Capilän der königlichen Fregatte „Esperanza", in welcher daS Herannahen eines Dampfers gemeldet wurde. Der Generalcapitân, die Richtung deS verdächtigen Schiffes erwägend, zauderte keinen Augenblick, und um 7 Uhr desselben Morgens lief der KriegSdampfer „Pizarro", unter Befehl des Ge
nerals Bustillos, mit 7 Compagnieen (ungefähr 700 Mann) von der Havannah aus. Er hatte einen Schooner im Schlepptau, welcher die Pferde der SlabSofsiciere und einige Soldaten des Regiments El Rey, sämmtlich unter Befehl deS Generals Enna stehend, trug. Der „Pizarro" ankerte denselben Tag in Bahia Honda, vier Meilen von PlaytaS, wo die Piraten am Morgen gelandet waren. Lopez hatte feine Streitkräfte getheilt. Ungefähr 400 Mann hatten von dem Dorfe LaS PosaS Besitz ergriffen, und 100 andere hatten auf El Morillo, einem kleinen Hügel mit einigen auf die Küste herabbltckenden Häusern, eine Stellung eingenommen, wahrscheinlich in der Absicht, dir Landung neuer Truppen zu unterstützen oder im Falle einer Niederlage den Rückzug zu sichern. General Enna, den eS nach dem Kampfe gelüstete und der wahrscheinlich durch die vielen sich widersprechenden Berichte getäuscht worden war, theilte gleichfalls seine kleine Streitmacht. Zwei Compagnieen griffen den Hügel El Morillo an, zwei andere blieben außerhalb deS Kampfbereiches, und er selbst mit nur drei Compagnieen griff den wenigstens 350 Mann starken und durch die Häuser deS Dorfes, durch einige rasch aufgeworfene VertheidigungSwerke, sowie durch die Schwierigkeiten deS Terrains gedeckten Hauptkörper des Feindes an. General Enna hatte folglich gegen einen nicht nur an Zahl überlegenen, sondern auch durch starke Verschanzungen geschützten Feind zu kämpfen. Die spanischen Truppen griffen mit dem Bayonnetle an, empfingen daS feindliche Feuer und stießen auf einen verzweifelten Widerstand. Der Verlust war beider- seitS sehr bedeutend, und man focht Mann gegen Mann in den Straßen deS Dorfes. Die königlichen Truppen hatten 120 Verwundete und eine große, jedoch noch unbekannte Zahl Todter , unter denen sich der zweiteMajor deS Regiments Leon befindet. General Enna, dem daS Pferd unter dem Leibe erschossen wurde, sah sich genöthigt, in Folge der Stellung deS Feindes die Artillerie abzuwarten und fsich mit seiner kleinen Schaar zurückzuziehen. Die Piraten verließen das Dorf, um ihn anzugrci- fen, doch ein Angriff des Generals zwang sie, in ihre gedeckten Positionen zurückzugehen. Er machte hierauf in geringer Entfernung mit seinem kleinen Häuflein Halt, welches er wegen des Transportes und GeleiiS der Verwundeten nach Bahia Honda nochmals theilen mußte. Dort blieb er, ohne im Geringsten belästigt zu werden, bis zum Morgen deS 15., wo 4 Compagnieen Infanterie und 150 Reiter, welche der Generalcapitän unter Befehl deS Obersten, ChefS deS GeneralstabeS, gesandt hatte, als Verstärkung eintrafen. Am selben Tagen kam noch eine andere, auS 5 Compagnieen und 2 Berg- Geschützen bestehende Colonne unter Befehl deö Brigadegenerals Don Martin RosaleS an. Die Feinde, welche seit dem Gefechte vom 13. unthätig gewesen waren, verließen daS Dorf LaS PosaS, und zur Zeit der letzten Nachrichten auS der Havannah (17. August, 8 Uhr MorgeNS) hatte Lopez nur noch 200 Mann von den 500, mit denen er gelandet war, bei sich. Alle übrigen waren in dem Kampfe von LaS PosaS geblieben, oder hatten sich zerstreut und waren von den Truppen und dem Landvolke, welches auS freiem Antriebe Jagd auf sie machte, erschossen worden. In dieser Zahl sind die 50 von der Mannschaft deS Dampfers „Habanero" gefangen genommenen Abenteurer mit inbegriffen. Folgendes ist der Hergang der Hinrichtung; Sie waren ergriffen worden in vier Booten an der Küste Cuba'S in spanischem Gewässer. Sie bildeten einen Theil der Expedition Lopez', waren. sämmtlich bewaffnet und geführt von einem Anführer und fünf Officieren. Sie kamen am 16. früh Morgens in der Havannah an, und nachdem sie in Folge ihrer eigenen Aussagen schuldig befunden worben waren,
wurden sie um halb 12 Uhr in der Nähe deö Schlosses von AtaleS erschossen. Mehr als 20,000 Zuschauer waren bei dem traurigen Schauspiele zugegen und brachten VtvatS auf die Königin und auf Spanien auS. Die Truppen hatten ein Viereck gebildet; die Kavallerie und die Bürgergarde befanden sich auf den Seiten. Der Oberst ward allein erschossen, die fünf Officiere zusammen und die übrigen Gefangenen je 10 und 10. Sie wurden sämmtlich nach der Erschießung sofort von der Richtstätte entfernt, um Platz für ihre unglücklichen Lei, denSgefährien zu machen. Ihre sterblichen Ueber- reste wurden gleichfalls sofort auf zehn von den Begrädnißunternehmern gelieferte Leichenwagen ge- gelegt. Die Unternehmer waren sämmtlich schwarz gekleidet und geleiteten die Todten zu einem ganz anständigen Begräbniß. Nach der Hinrichtung zogen die Truppen um den Platz und marschirten dann ab. Nicht eine einzige Leiche blieb auf dem Platze. Erst nach dem Abzüge der Truppen erlaubte man dem Volke, die Stelle zu betreten, wo eine solche traurige Handlung der Gerechtigkeit vollzogen worden war. Das Vorstehende ist eine genaue und wahre Schilderung der Behandlung, welche die Gefangenen erfahren. Alle die widerlichen, irrthümlicher Weise in den englischen Zeitungen veröffentlichten Einzelnheilen sind verleumderische Erfindungen der amerikanischen Presse. Man mag verschiedener Meinung darüber sein, ob die Anwendung deS Gesetzes zweckmäßig war oder nicht. Ueber die Anwendung deS Gesetzes hinaus kann aber sicherlich den spanischen Behörden auf Cuba feine Grausamkeit zur Last gelegt werden. Sie haben eine schmerzliche Pflicht erfüllt, aber sie haben sie mit der Würde und dem Anstand erfüllt, welcher ehrenhaften und tapfern Männern geziemt .... Und wenn man nach historischen Vorgängen sucht, wo findet man eine menschlichere und mildere Regierung alS die spanische? Gleich die englischen Jahrbücher liefern sie uns nicht viele Beispiele zahlreicherer und härterer Strafen? Wie ist England kürzlich mit den Piraten der chinesischen See umgegangen? Läßt sich die Zahl der in Havannah erschossenen Abenteurer mit der Zahl der von der britischen Seemacht mit so vielem Rechte in jenen Gewässern vernichteten Menschen vergleichen? Und doch hatten jene chinesischen Piraten England nicht auf seinem eignen Gebiete heimgesucht, sie hatten sich nicht mit Vorbedacht aufgemacht, um das Blut englischer Soldaten und englischer Unterthanen zu vergießen und Eng, länger ihres Vermögens zu berauben..... Wenn in Folge davon, daß General Enna seine Streitkräfte getheilt hatte, die Expedition Lopez' nicht innerhalb 24 Stunden vollständig vernichtet worden war, so drohte ihr doch der Untergang, und den letzten Nachrichten zufolge war derselbe sogar sicher. In jeder Richtung von den spanischen Truppen verfolgt, marschirten die noch übrigen 200 Mann am 16. auf Artemisia. Nur diesen einen Weg hatten ihnen die wohlüberlegten Maßregeln deS General- CapitänS offen gelassen. Dieser hatte bereits einen Theil der havannesischen Besatzung Lopez entgegengeschickt, während die früher in LaS PosaS besind- lichen drei Colonnen ihn von allen Seiten beunruhigten. DeS Erfolges sicher, hatte der General« Capitän darauf die von General Enna und Brigadier RosalteS befehligten Truppen eine beobachtende Stellung von Mariel bis an die Mündung von Rio Blanco einnehmen lassen, während die unter Befehl deS Obersten Elijalor stehenden nach Pinar del Rio zurückkehren sollten, um etwaigen neuen, auS den Vereinigten Staaten kommenden Expeditionen Widerstand zu leisten. Der nächste Dampfer wird wahrscheinlich die Nachricht von der vollständigen Vernichtung des Lopez und feiner Bande bringen, welcher sich die Stimmung der Bewohner Cuba'S entschieden feindlich bewiesen hat.