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Dienstag den 16» September

1851»

Die Nass. Allg. Zeitung mit dem W and erer erscheint einmal t« g l i ch mit Ausnahme des Sonntags. Der vierteljährige Pränumerationspreis ist in Wiesbaden für den Umfang des HerzogthumS Nassau, des GroßherzogthumS und Kurfürstenthums Hessen, der Landgraffchaft Hessen-Homburg und der freien Stadt Frankfurt 8 fl., in den übrigen Ländern des fürstlich Thurn- und Tarisschen Verwaltungsgebietes 8 fl. 1O kr. Inserate werden die dreispaltige Petitzeile oder deren Raum mit 3 fr. berechnet. Bestellungen beliebe mau in Wiesbaden in der L. Schellenberg'schen Hof-Buchhandlung, auswärts bei den nächst gelegenen Postämtern zu machen.

Uebersicht.

Aus dem Elysee.

Deutschland. Wiesbaden (Asffsen. Fürst Metternich).

Oestrich (Haussuchung). Nassau (Berichtigung).

Frankfurt (DaS BondeSeorpS. Die neueste frauzö- fische Note. Die deutsche Flotte. Dr.Weinlich). Kassel (Dr. Kellner. Die Blumeiche). A r o lse n (Die Anleihe)

München (v. d. Pfordten. König Otto). Nürn- berg (Die freie Gemeinde). Hannover (Ein demo­kratischer Cabinetsconrier- Der Wiesbadener Zolltarif). Berlin (Der Jschler Kongreß. Der Zollvertrag mit Han­nover, v. d. Horst. Bardeleben). Tilsit (Göllnitz) Schwerin (DaS Seminar). Hamburg (Lieute­nant Lorenzen). W ien (Die neue Anleihe. Freiwillige Anleihe. Die Jnternirten. Graf Taaffe. Vermischtes).

Dänemark. Kopenhagen (Die einbcrufenen Schleswiger). Frankreich. Paris (Das Wahlgesetz. Baron Rothschild.

Lola Montez. Daâ Complott. Vermischtes).

Spanien. Madrid (Armero. Llorente. DaS Ministerium. Umtriebe).

Portugal. Lissabon (Silva Cabral und der Herzog von Terceira).

Italien. Turin (Mellegari. Rekrutenaushebung). G enu a (Abreise des Königs). Cagliari (Die sardi- dinische Flotte). Rom (Die Eisenbahn. Geheimes Konsistorium).

Amerika. New-York (Die Expedition gegen Cuba). Buenos- Ay reS(Urquiza. Ausbruch der Feindseligkeiten).

Neueste Nachrichten.

Aus dem Elyfee.

DieKöln. Zlg." vom 13. Sept, bringt ein Schreiben auS Paris, dessen Inhalt so außerordent­lich wichtig ist, daß sie die Bürgschaft für die un­bedingte Zuverlässigkeit der Mittheilungen zu über­nehmen sich nicht getraut. Sie versichert jedoch, daß der Brief von guter Hand kommt und daß dessen Verfasser sich stets als ein wohlunter' richleter und unparteiischer Berichterstatter bewahrt hat. Die Situation ist in dem Schreiben jedenfalls sehr interessant und mit großer Klarheit gezeichnet. DieKöln. Ztg." schickt demselben einige Bemer­kungen voran. Sie meint: Wir brauchen nicht erst zu sagen, daß unS die Aussicht auf einen StaatS- streich in Frankreich nicht erfreut. Allerdings wün­schen wir die Verlängerung der Gewalten deS Prä­sidenten, nicht aus Anhänglichkeit oder Bewunde­rung für seine Person, sondern weil sämmtliche Parteien, die mit dem Eiser und der Emsigkeit eines Ameisenhaufens durch einander wimmeln, nicht im Stande sind, eine neue, ihren Wünschen entspre­chende Gestattung der Dinge zu Stande zu bringen. Die neuerdings hervortretende Bewerbung Join- Ville's, welche von der Familie Orleans gewollt und nicht gewollt wird, kann zu nichts Anderem führen, als zur Vermehrung der Verwirrung. Die Fort­dauer deS Bestehenden wird daher nach und nach von allen vernünftigen und uneigennützigen Fran- zosen alS das beste und einzige AuSkunftSmittel be. trachtet, wie daS schon aus den Beschlüssen der Generalräthe klar hervorgeht. Von 86 General- räthen haben nur zwei sich gegen die Revision aus­gesprochen , und nur drei sich politischer Wünsche enthalten. Alle übrigen haben in dieser oder jener Form sich für die Revision erklärt, die nach Lage der Umstände gleichbedeutend ist mit einer Verlän gerung der Gewalten deS Präsidenten. Wenn die gesetzgebende Versammlung ein treuer Ausdruck für die vorherrschende Stimmung deS Landes sein will, so ist eS ihre Pflicht, die Revision nach ihrer Wieder­eröffnung im November zu genehmigen. Leider schei­nen die Parteien zu verbissen, um das Wohl des Vaterlandes über ihre nächsten Wünsche zu stellen. Herr v. Girardin versichert, er und die übrigen 188 Deputaten, welche die Revision verworfen, bildeten die lebendige Varricade der Republik. Man hat aber in neuerer Zeit militärischerseits große Fort­schritte gemacht in der Kunst, Barricaden hinwegzu­räumen. Da die 188 und ihr socialistischer Anhang einen Mann, den sie so sehr zu verachten vorgeben, wie LouiS Napoleon, nicht an der Spitze der Repu­blik dulden wollen, so wäre eS die höchste Zeit, für Frankreich einen andern Präsidenten ausfindig zu

machen. Aber der weiße fleckenreine ApiS will sich nirgends finden. Man hört nichts mehr von Car- not, und Carnot ist am Ende doch auch bloß der Träger eines Namens, so gut wie der gegenwärtige Präsident, nur daß der Name Napoleon etwas be­kannter ist. Würde die Revision abermals verwor­fen, dann mag der Augenblick gekommen sein, wo die Mehrheit zu der Minderheit sagt: DaS Spiel muß aufhören! und ein paar Zeilen aus der Ver­fassung streicht, mit denen Frankreich nicht auskom- men kann. Aber wenn ein Staatsstreich nothwen­dig werden sollte, so wird doch ein Jeder wünschen, daß der Präsident ihn in Uebereinstimmung der Ver­sammlung auSführe. Die Partei, welche ihn jetz', ermutigt durch den Ausspruch der Generalrälhe, zu einem militärischen Handstreiche drängt, ist die Partei der Abenteurer von Straßburg und Bou- logne, nnd daS Haupt derselben ist die Prinzessin Mathilde Ihr Kuchen mit der Kaiserkrone und dem Oscz la prendre! wird Niemand begeistern. DaS rein Persönliche der Beweggründe tritt dabei zu grell heivor. In der Brust deS Prinzen, eines mittelmä­ßigen Mannes, wird der Kamps, den ein Cromwell nicht zu enden vermochte, auch wohl ohne AuSgang bleiben. Seine Unschlüssigkeit wird ihn zu dem bewegen, waS seine Ansicht ohnehin erfordert: den letzten Augenblick abzuwarten. Er hat jetzt gute Karten in der Hand, und seine Aufgabe ist, sie nicht zu verspielen. Er kann daS Spiel sogleich nach allen Regeln gewinnen, wenn nämlich die Mehrheit in der gesetzgebenden Versammlung sich eine Aenderung deS beschränkten Wahlgesetzes vom 31. Mai 1850 gefallen läßt und ein Theil der Opposition sich dadurch bewogen fühlt, für die Re­vision zu stimmen.

DaS Schreiben selbst lautet:

Paris, Sept. Es gibt gegenwärtig keine Partei in Frankreich, die nicht in mehrere Fraclio- nen gespalten wäre. Wir haben drei Sorten Legi­timisten : die deS nationalen Rechtes, diejenigen, die streng an den Rechten Heinrichs V. halten, und die berechnenden Leute deS Hrn. Berryer; drei ver­schiedene Arten Orleanisten: die Joinvillisten oder reinen, die bonapartistischen und die Fusionisten. Von der republikanischen Partei will ich gar nicht sprechen, denn sie ist in eine fast unzählige Masse Fractionen gespalten, obgleich sie sich Angesichts der Krisis von 1852 um daS Banner der Verfassung geschart und Aufrechterhaltung der Republik als Losungswort angenommen hat. Die Zwietracht herrscht jetzt in der OrbnungSpartei, die im Jahre 1849 einen so glänzenden Sieg durch ihr Zusam­menhalten erfochten hatte. Seit es sich darum han- delt, den vor dritthalb Jahren erfochtenen Sieg zu benutzen, ist die Eintracht verschwunden, und jede Partei oder vielmehr jede Fraction einer jeden Par­tei hat wieder ihr Fähnlein aufgesteckt. Selbst das Elysee ist von der Zwietracht nicht verschont geblie­ben. DaS kleine Häuflein der Getreuen Louis Bonapartes ist nicht einig über die Mittel, wie man zum Zwecke gelangen soll. Die Einen wollen aus eine quasi-legale Weise, die Anderen auf eine gewaltsame Weise LouiS Bonapartc'n über den Mai­monat 1852 hinaus an dem Ruder erhalten. Die Quasi. Legalen, mit Leon Faucher an der Spitze, sind ihrer Anzahl nach die stärkere Partei; zu ihr gehören alle diejenigen, welche ohne besondere dy­nastische Vorliebe die Präsidentschaftsverlängerung wollen, weil LouiS Bonaparte einmal am Ru­der ist. Die Anhänger der Gewalt - Maßregeln, die man auch StaatSstreich-Mânner nennen könnte, fürchten, daß man mit der Legalität nichts durch­setzen und man jede passende Gelegenheit, um Frankreich mit einem neuen Kaiser oder Consul zu beglücken, unbenutzt vorüber gehen lassen werde. An ihrer Spitze steht die Prinzessin M., und zu ihren Hauptleuten gehören jene Männer, die sich einst auf so tolle Weise dem Prinzen geopfert haben. Diese beiden Parteien suchen sich im Elysee den Rang streitig zu machen. BiS jetzt hat die quasi-legale Partei die Oberhand behalten, und alle Bemühun­gen der StaatSstreich-Männer haben bisher nichts geholfen. Die Prinzessin M., die einen großen Ein­fluß auf LouiS Bonaparte auSübt, stand zwar oft auf dem Puncte, den Sieg über ihre Gegner davon zu tragen, aber immer gelang eS Leon Faucher wie­der, die Plane derselben zu hintertreiben, und die Gerüchte von Staatsstreichen, die bei solchen Gele­

genheiten verbreitet waren, wurden alsdann wider^ rufen und als von den Demagogen erfunden dar- gestellt. Heute vor zehn Tagen war dieses wieder der Fall. Man betrachtete die bevorstehende Proela- maUon des Kaiserreiches als sicher; mehrere Gene­rale waren schon gewonnen, ein Ministerium P. war fertig, die republicanische Garde und die mo­bile GenSbarmerie standen kampfgcrüstet da er­fuhr Leon Faucher die neue Intrigue. Er eilte nach dem Elysee, und die großartigen Verhaftungen der letzten Woche waren daS ganze Resultat der gehei­men Intrigue. DaS Complot und die Wünsche Der Generalrälhe sollten die Beweggründe sein, wa­rum man zu außerordentlichen Maßregeln seine Zu­flucht genommen; AlleS war vorbereitet, die Procla« Marionen sogar schon angefertigt und die VerhaftS« befehle erlassen ; zum großen Aerger der Staatsstreich« männer mußten die Gerüchte über die Ausführung eines Staatsstreiches wieder demeniirt werden. Ueber die eigentlichen Absichten LouiS Bonaparte'S selbst Hörl man eigentlich wenig. Selbst seine Vertrauten wissen wenig oder gar nichts. Eines steht fest: Gutwillig wird er nicht von der Gewalt abtreten. Er scheint sich Wilhelm den Schweigsamen zum Vorbilve genommen zu haben: denn über seine ge­heimen Absichten schweigt er, wie dieser. Wilhelm schwieg aber auS List, LouiS Bonaparte schweigt aber wahrscheinlich, weil er nicht weiß, was er sa­gen soll.II nose pas accepter nos öftres", sagte neulich Herr von M..., einer der Intimen deS Elysee,et il se tait, parcequil ne vcut pas dire, quil a peur". Herr von M. mag Recht ha­ben ; LouiS Bonaparte mag zwar persönlichen Muth haben, aber er hat nicht moralische Kraft genug, um, dem Beispiele seines Oheims folgend, seine ganze Stellung aus eine Karte zu setzen. Im ge­genwärtigen Augenblicke hat jedoch, wie man mir fest versichert, Leon Fancher einen schweren Stand. Man verlangt im Elysee den Widerruf deS Gesetzes vom 31. Mai; Louis Bonaparte scheint diesem Pro« jecte nicht abgeneigt zu sein. ES könnte sich daher leicht ereignen, daß der Hauptgegner eines Staats­streiches mit dem Gesetze vom 31. Mai zur großen Freude der Bonapartisten fiele. Der Appell an das Volk würde dann gemacht, d. h.. Veron'S Plan auögeführt werden, der darin besteht, erst einen Staatsstreich zu machen und ihn dann durch einen Appell an das Volk legalisiern zu lassen".

Deutschland.

* Wiesbaden, 15. Sept. (Asfisenverhandlung.) Heinrich Wilh. Steuber, 29 Jahre alt, Küfer von EmS, ist angeklagt, fünf falsche Preuß. Fünf- thalerscheine, wohlwissend, daß sie nachgemacht wa­ren , an sich gebracht und für ächt verausgabt zu haben (eventuell die falschen Scheine im guten Glauben für ächt angenommen, aber nach erkann­ter Täuschung dennoch für ächt verausgabt zu haben).

Der Angeklagte, der sonst einen guten Leu­mund besitzt, behauptet, von einem ihm unbekann­ten Kurgaste diese fünf preuß. Fünfthalerscheine als Geschenk erhalten zu haben.

Die Verhandlung leitet Assisen - Vicepräsident Trep ka; als Staatsanwalt sungirt StaalSprocu- rator-Substitut Moritz, als Vertheidiger Procu, rator Lang.

* Wiesbaden, 15. September. Nach zuver­lässigen unS gemachten Mittheilungen wird Fürst' Metternich morgen, Dienstag den 16. Septem­ber vom Johannisberg abreisen und durch Süd- deuischland sich dircct nach Wien begeben. Der Fürst wird morgen mit dem ersten zu Berg gehen­den Düsseldorfer Dampfboot bis Mannheim fahren. Am nächsten Tage übernachtet Se. Durchlaucht in Stuttgart, Donnerstag in Donauwörth, Freitag in Linz, von wo auS nach einem Aufent­halt von einem Tage die Reise nach Wien auf dem Dampfschiffe fortgesetzt werden soll, so daß Se. Durchlaucht Sonntag den 21. September in Wien eintreffen wird.

Oestrich, 12. Sept. Gestern wurde bei dem hier wohnenden Literaten v. Glümer eine Haus­suchung vorgenommen.