Nassauische Allgemeine Zeitung.
Jo 21L
Freitag den 12. September
1851
Die Naff. Allg. Zeitung mit dem Wanderer erscheint einmal täglich mit Ausnahme des Sonntags. — Der vierteljährige Pränumerationspreis ist in Wiesbaden für den Umfang des Herzogthums Nassau, des GroßherzogthumS und Kurfürstenthums Hessen, der Landgrafschast Hessen-Homburg und der freien Stadt Frankfurt 2 fl., in den übrigen Ländern des fürstlich Thurn- und Tarisfchen VerwaltungSgebieteS S fl. IO kr. — Inserate werden die dreispaltige Petitzeile oder deren Raum mit 3 kr. berechnet. Bestellungen beliebe mau in Wiesbaden in der L. Schellenberg'schen Hof-Buchhandlung, auswärts bei den nächst gelegenen Postämtern zu machen.
Uebersicht.
Kloster Langenau.
Deutschland. Wiesbaden (Assisen). — Hattersheim (Die Versteigerung des Schwyzer Viehes). — Dillenburg (Die Sieg-Ruhrer Eisenbahn). — Frankfurt (Prinz Canino. Dom Miguel. H. v. Gagern. Der Bundesbeschluß über die Grundrechte. Anträge die Presse betr.).
— Kassel (Schreiben des Kurfürsten). — Vom Hardtgebirge (Conferen; der kathol. Geistlichen). — M ü n ch e n (Die Königin von Griechenland. Das Passauer Sängerfest).
— W e im a r(Berichi)gung). — C o b l e n z (DerProviuzial- Landtag). — Sureniburg (Schwurgerichte). — Berlin (Der Zollvertrag mit Hannover. Blittersdorf. Vermischtes). — Bremen (Haase). —Hamburg (Bille-Brahe).
— Wien (M. G. Saphir. Die kais. Erlasse. Der Ge- sammteintritt. Hirtenbriefe. Haffenpflug. Der Bergsturz in Bregenz. Vermischtes).
Frankreich. Paris (Die Untersuchung Ministerwechsel. Thiers. Graf Mols. Das Complot. Vermischtes).
Spanien. Madrid (Taufe der Tochter der Herzogin von Montpensier. Vermischtes).
Italien. Mailand (Reiseplan des Kaisers). — Genua (Die brittische Flotte. Ankunft des Königs). — Neapel (Verurteilungen). — Rom (Die bolognestsche Eisenbahn). Neueste Nachrichten.
Schloß Langenau
(Einweihung de« Krankenhauses und der RettungSanstalt für verwahrloste Kinder.)
So ist denn, was vor Jahresfrist erst nur der Gegenstand anregender Wünsche und mahnender Hinweisung war, was u. A. auch in vorliegenden Blättern (A. N. Z. 1850. Nr. 221) unter der Aufschrift : „Fürsorge für verwahrloste Kinder" empfohlen wurde, dessen Ersüllung jedoch in weiter Ferne zu liegen schien und dessen Ausführung serther mit mancherlei Hemmungen zu kämpfen hatte und zahlreichen Bedenken begegnete — in diesen Tagen mit erhebender Feier unter erfreulicher Theilnahme edler Christenherzen inS Leben getreten. In den Räumen des alten Schlosses .Langenau an der Lahn hat die Einweihung deS Krankenhauses am 7. und die der Rettungsanstalt für verwahrloste Kinder am 9. Sept, d. I. unter Beiwohnung größerer Volksmenge und insbesondere der Erlauchten Familienmitglieder der Grundherrschaft zu Nassau stattgefunden.' ES dürfte wohl auch in weiteren Kreisen gern vernommen werden, waS bei diesem Anlasse den zahlreichen und mit segnenden Wünschen erfüllten Zuhörern verkün, digt wurde und deren Herzen zu freudigem Vertrauen aus das fernere Gedeihen dieser Anstalten christlicher Liebe ermuntert hat.
Die Einweihung deS Krankenhauses geschah in der Art, daß der zum Vorsteher der Anstalt auSersehene, als Mitglied deS leitenden AuS- schuffeS bereits öfters auch in diesen Blättern genannte Bezirks - Medicinal - Accesstst Dr. Haupt, mit einigen einleitenden Worten von dem seitherigen Fortgänge deS Unternehmens Rechenschaft ablegie, insbesondere auf die reiche Großmuth der hohen Besitzerin der Gebäulichkeiten hinwies, und sodann die benachbarten Geistlichen der beiden christlichen Konfessionen ersuchte, die segnende Weihe über daS nunmehr ins Leben tretende Krankenhaus auSzu- sprechen. So wies denn zunächst der Pfarrer von Obernhof, Schulinspector Zeiger, auf die dreifache Bedeutung der Feier, als einer Aufforderung zum Danke, als eines Anlasses zu freudiger Zuversicht, als einer Mahnung zu frommen Gelübden, »hin, und that dies mit beredten, kräftigen Worten. Ihm folgte sodann der milder Seelsorge deS Kirchspiels Seelbach und der Leitung der Detentions- anstalt in den Räumen der Abtei Arnstein betraute Pastor, Schulinspector Görner, und führte mit besonders treffender Ansprache an dem Gleichnisse des barmherzigen Samariters durch, wie die helfende Christenliebe und der fromme Christendank gegen den Herrn in diesem neuen Krankenhause sich darin zu verherrlichen habe, daß die Kranken und Nothleibenden bei allem entschiedenem Fe st halten der Grundsätze undder Richtschnur christlicher Krankenpflege
doch ohne Unterschied der annoch getrennten christlichen Glaubensauffassung und selbst ohne Betracht des etwaigen FernstehenS von dem Evangelio gleichwohl Zulassung finden, Pflege und Barmherzigkeit erlangen, wobei jedoch die leibliche Pflege stets Hand in Hand zu gehen habe mit theilnehmender Fürsorge zur Reinigung und Heilung ihrer unsterblichen Seelen. Hatten einige Seitenbeziehungen bei den ersten Rednern theilweise störend berührt, da eS sich ja bei den seitherigen Erörterungen nicht um Befeindung deS LiebeSzweckeS selber, sondern nur um Sicherstellung der für christliche Krankenpflege erforderlichen Richtschnur, sowie der Eigenschaften christlicher Krankenpfleger und Pflegerinnen gehandelt hatte: — so waren gerade die Worte deS letztgenannten Redners vorzugsweise geeignet, die festliche Stimmung wahrhaft zu versöhnen und die junge Anstalt der helfenden Theilnahme auf das Einfachste und Väterlichste zu empfehlen. Die Worte waren um so willkommener, da sie auS dem Munde eines katholischen Geistlichen kamen und eine neue Bürgschaft Darboten, daß hier eine gemeinsame christliche Krankenpflege in dem Einen Herrn und Erbarmer erstrebt und sicher gestellt werden solle. Zum schönen Anfänge darum nun auch ein guter Fortgang! —
Derselbe klare und heiter glänzende Herbsthimmel, welcher die Einweihung deS Krankenhauses begünstigte, sollte am 9. September d. I. auch der Eröffnung und Einführung der seither zu Hömberg geleiteten RettungSanstalt für verwahrloste Kinder zu Langenau freundlichen Vorschub leisten. ES war ein erhebender Augenblick, alS die mächtigen Glocken der alten Abteikirche abermals von ihrer Höhe herab den in bewegter Stimmung Herbeigeciltcn im stillen Lahn- thäte verkündeten , daß ein neues Werk rettender christlicher Bruderliebe in diesem Thalgrimve seine Weihe aus der Höhe zu fernerem Bestände in den erneuerten Räumen deS schützenden Schlosses finden solle. War schon die Beziehung auf die Rettung verwahrloster Kinder an sich ergreifend, so wirkte zur Erhöhung gerührter Stimmung noch der Blick auf die drei armen Knaben^ welche — auS der Umgegend gebürtig — als die Erstlinge unter die Zucht und Ordnung der Anstalt behufs ihrer Bewahrung und Rettung, ihrer Unterweisung und Erziehung eintrelen sollten, und welche vor der versammelten Menge mit ihren Pflegern standen. Erhebender Gesang und ermunternde Ansprachen auS dem Worte Gottes hoben die Feier.
ES folgte mit bewegender Ansprache Hr. Pfr. Petsch von Schweighausen, welcher Ps.°23 als den rechten Ausdruck der Freude und deS Dankes, der Zuversicht und der Segens - Erwünschung zu Grunde legte und an alle Belheiligle förderliche Ansprache hielt. Besonders erfreulich aber war eS, den neu ernannten AnstaltS - Lehrer Reichardt selbst zu hören, welcher von seinem Aufenthalte im Rauhen Haufe behufs seiner Ausbildung Rechenschaft gab, und in sehr klarer und entschiedener Weise den ganzen Standpunkt deS Wirkens in dieser RettungS - Anstalt, welche weder eine Strafanstalt noch auch eine blofe VersorgungS - Anstalt sein könne, zu bezeichnen suchte und hierbei Ps. 84 alS HauSpsalm vortrug. — Die kräftige und einfache Persönlichkeit dieses junges Mannes berech, tigt zu den schönsten Erwartungen, wie denn auch einmütige Stimme durch die Versammelten ging: „der Mann weiß, waS er will, er ist sich der rech, ten Grundlage, der ganzen Aufgabe, der hohen Verpflichtung bewußt, er hat den rechten Halt in der Richtschnur deS Wortes Gottes treu zu erfassen gesucht." — Dkvw. Ullrich von Miehlen, als Mitglied deS leitenden Ausschusses, sprach sodann die weihenden Worte zur Eröffnung der Anstalt, verpflichtete mit ernstem Vorhalte den neuen Lehrer und die fortan Mutterstelle bei den Kindern vertretende, in der Person einer achtbaren Wittwe Maul von Nassau gefundene Hausmutter, und gedachte gleich den früheren Rednern noch insbesondere der hohen Wohlthäterin , sowie der gesammten Gräf- lichen Familie, Hochwelche neben den übrigen Bei- trägen helfender Liebe durch Ueberlassung der HauS- räume sowie der von den Zöglingen zu bearbeitenden Ackerfläche daS inS Lebens Treten der Anstalt vorzugsweise ermöglicht hatte.
Hiernach aber darf diese Doppelfeier alS eine*
in hohem Grave erhebende und zu schönen Hoffnungen ermunternde bezeichnet werden. Indem man wohl in nächster Zukunft weiteren Mittheilungen entgegensetzen darf, sollen die vorstehenden Zeilen nur dazu dienen, die liebende Theilnahme auf die die nunmehrige Eröffnung deS neuen Krankenhauses sowie der RettungS-Anstalt, welche dermalen alS die erste unseres HerzogthumS mit ihren Anfängen vor unS steht, hinzulenken und ihre Förderung her Christenhülfe auf daS Angelegentlichste zu empfehlen.
D e u t f ch l a n d.
* Wiesbaden, 11. Sept. (Assifenverhandlung.) Apollonia Keil, die Ehefrau des HatterSheimer Bahnaufsehers Keil ist angeklagt, in der Untersuchung gegen Anton Kordey und Andreas Jost von Hattersheim wegen eines im HatterSheimer Bahnmagazin verübten Diebstahls, nach vorauS- gängiger Beindigung, wissentlich falsch ausgesagt zu haben, daß sie die Verübung deS Diebstahls durch die genannten wahrgenommen habe. Die letzteren haben ihr Alibi nachgewiesen und sind in Folge dessen der Haft entlassen worden.
Der Grund Der gemachten Aussage scheint der zu sein, den Verdacht der Begehung deS Diebstahls von ihrem eigenen Sohne Joseph Keil abzulenken.
Die Angeklagte ist von ihrer OrtSbehörde als geschwätzig geschildert, ihre sonstige Aufführung ist tadellos.
Die Verhandlung leitet Assisen-Vizeprâstdent Tr epk a; als StaatSanwalt fungirt StaatSprocu, tor Substitut Flach, als Vertheidiger der Angeklagten Procurator v. Eck.
- Hattersheim, 10. Septbr. Heute wurde dahier durch den Verein nassauischer Land- und Forstwirthe eine sehr interessante Maßregel zur Förderung der inländischen Rindviehzucht unter sehr zahlreicher Bethätigung des landwirthschaftlichen PublicumS in Ausführung gebracht. Es hatte nämlich jene Gesellschaft vor längerer Zeit beschlossen, an die Stelle der früher alljährlich zu Hofheim abgehaltenen BezirkSpreisevertheilung für Rindvieh eine Versteigerung von in der Schweiz angekauftem Ori- ginalrindvieh der nHierlich mit Recht so sehr ge- schätzten Schwytzer-Raxe zu setzen und die vordem zu Preisen bestimmte Geldsumme nunmehr zur Deckung deS sich allenfalls ergebenden Deficits bei jener Versteigerung zu verwenden, um auf diese Weise Zuchtvieh von besonderer Güte inS Land zu bringen. Der Anfang war mit dem Ankäufe von 11 zum zweitenmale trächtigen Kühen und 5 tragenden Rindern gemacht worden. Für den mit den hiesigen Verhältnissen Bekannten kann eS keinem Zweifel unterliegen, daß durch Einführung eines so vorzüglichen auswärtigen Züchtungsmaterials weit mehr für Förderung der Viehzucht gewonnen wird, als durch die frühere Preisevertheilung. In gleichem Grade ist eö unzweifelhaft, daß Vieh von völlig sicherer Originalabstammung für den rationellen Viehzüchter einen besonderen Werth hat. AuS diesen beiden Gesichtspunkten muß daher daS Verfahren deS Vereins nassauischer Land- und Forstwirthe, Schwytzer-Vieh in der Schweiz ankaufen und im Lande versteigern zu lassen, als ein sehr dankenS- wertheS bezeichnet werden, um so mehr, als derselbe sich dadurch der Gefahr eines sehr bedeutenden Verlustes, welcher recht wohl eintreten konnte, aussetzte. ES war indeß sehr erfreulich, zu sehen, daß in Folge theils des durch Herrn Thierarzt Groll von Wiesbaden sehr wohl auSgeführten Ankaufes, theils der Anerkennung, welche daS Schwytzer-Vieh vermöge seiner Qualität auch in unserem Lande bereits gefunden hat, bei der Versteigerung so gute Preise erlöst wurden, daß der VereinScasse, dem Vernehmen nach, nur ein ver- hältnißmäßig nicht sehr großer Verlust zu tragen bleibt, worüber wohl demnächst im landwirthschaftlichen Wochenblatte öffentliche RechnungSadlage zu erwarten sein dürfte, und daher Die ganze Maßregel alS gelungen anzusehen ist. Einige Viehzüch, ter, denen die hohen Preise, welche geboten wur. den, nicht zusagten, haben die Absicht ausgesprochen, demnächst ohne Vermittlung deS Vereins ebenfalls Schwytzer-Vieh auS der Schweiz kommen zu lassen,