Nassauische Allgemeine Zeitung.
M 202 Sonntag den LL August 1881.
Die Nass. Allg. Zeitung n;it dem Wanderer erscheint einmal täglich mit Ausnahme des Sonntags.— Der vierteljährige PränumerationSprei« ist in Wiesbaden für den Umfang des Herzogtbumâ Nassau, des Großherzogthum- und KurfürüenthumS Hessen, der Landgrafschait Hessen-Homburg und der freien Stadt Frankfurt S sl., in den übrigen Ländern des fürstlich Thurn- und TariSschen Verwaltungsgebietes 8 fl. IO kr. — Inserate werden die dreispaltige Petitzeile oder deren Raum mit 3 fr. berechnet. Bestellungen beliebe mau in Wiesbaden in der L. Sch e llen be r g' scheu Hof-Buchhandlung, auSwârt« bei den nächst gelegenen Postämtern zu machen.
Uebersicht.
Amtlicher Theil.
Dienftnachrichten.
N ich tam tl i ch er Theil.
Ueber Höfkens neueste Schrift.
Deutschland. Wiesbaden (Ajusen). — Vom Rhein (NivellirteS und gegliedertes Staa.Swesen). — Darmstadt (Der Oberlaudenbocher Proceß). — Kassel (Vilmar).— Friedr ichSh a fen (Der König von Preußen). — Mün- chen (Gerichtsverfassung. Die Ji'chler Cooferenz. Rüstungen). — Gotha (Verfassungsänderung) — Han no» ver (Rückkehr des König«). — Vom Niederrhein (Die Aachen-Duffeldorfer Eisenbahn). — Berlin (Post- congreß. Bnndesverhandlungen. ».Westphalen. Die Eisenbahn nach Warschau (Sowicz). Die BundeStruppen in Holstein. Vermischtes). — Aus Mecklenburg (Reorganisation des Seminars). — Hamburg (Dr. , Merk). — Kiel (Prokeich v. Osten). — Salzburg (F.-M.-L. Graf Schaffgotsche. — W ien (ErzherzogLudwig. Das Ehegesetz.
Der Gesammteintritt. Furst Metternich).;
Frankreich. Paris (Besuch in Claremont. Die General- räthe. Vermischtes).;
Spauien. Madrid (Das Concordat mit Rom. Königin Christine).
Großbritannien. London (Ueberseeisches).
Italien. Turin (Die Flüchtlinge. Strafcolonie), — Florenz (Alrborough). — Neapel (Schiffahrtsvertrag).
Neueste Nachrichten.
Amtlicher Theil.
Die Schulinspecioren Decan Dombois zu Braudach und Pfarrer Riegl zu Fischbach sind aus ihr Ansuchen von der Schulinspection entbunden und die hierdurch zur Erledigung gekommene Schulinspection im Herzog!. Justizamle Braubach dem Pfarrer Schnelle zu Gemmerich, diese- nige im Herzog!. Justizamte Königstein dem Pfarrer Reuß zu Stenberg übertragen worden.
Nichtamtlicher Theil.
Ueber Höfkens neueste Schrift.
II Dom Rbeiu, 27. August In der neuen Lchrill deS Hrn. Höfken über die deutsch-öfter- relchlsche Zolleinigung, auS welcher Nr. 195 d. BI. vom 22. August einen Auszug bringt, heißt eS u. A.: „Führen die Engländer doch im Durchschnitt für 70 Millionen Thaler an Erzeugnissen ihrer Industrie jährlich auf die Märkte Mitteleuropas aus". In wie weil diese Zahlenangade richtig ist, oder nicht, wollen wir nicht erst untersuchen, und nur dagegen müssen w'r unS wenden, daß Hr. Höfken «in für Mitteleuropa und so auch sür Deutschland nachthkiltgeS Verhältniß daraus abzuleiten sucht. Bei Deutschland muß man unterscheiden zwischen dem Zollverein, der bei jener Ausfuhr Englands, nach oifiziellen Angaben, nur mit 3 bis 3'/, Mill, participtrie, während die übrigen Staaten Deutschlands, namentlich die nordwestlichen, mit Einschluß Mecklenburgs und Schleswig Holsteins, im Ganzen nur etwa % pCt. der Bevölkerung deS Zollvereins zählend, mindestens für 10 Millionen von jener er- Hallen, sonach relativ 45 bis 50 Mal mehr, als der Zollverein. Run fragen wir: Sind deshalb die nordwestlichen Staaten, ßnb die Hansestädte, Schleswig-Holstein, Mecklenburg, ärmer an Verwögen, als die deS Zollvereins? Die Wirklichkeit ergibt daS streit Gegentheil, und eS werden in diesem Punkte selbst Hannover und Oldenburg, sehr naturarme Länder, im Vergleich z. B. mit Würlemderg, mit dem letzteren oder einem anderen der südlichen Staaten wahrhaftig nicht tauschen. Noch bedeutend ungünstiger gestaltet sich daS VergleichSver- hältniß mit Oesterreich , das von jener Ausfuhr Englands auf Dem Papier allerdings ein nur sehr Geringfügiges, durch den nicht zu hemmenden Schmuggel aber, bei dem selbst seine Fabrikanten, wie man weiß, nicht wenig beihriligt sind, doch immer ein wesentliches mehr erhält, und das in Be
treff seines DermögenSstandeS, wie wir nicht erst nachzuweisen brauchen, sich noch lange nicht nvt dem Zollverein, geschweige denn mit jenen Nordwest- staaten messen kann. — Hr. Höfken versteht nicht auf den Grund der Dinge zu kommen, oder sucht absichtlich zu täuschen. Nur diese Alternative verbleibt, dem Ganzen seines RaisonnementS gegenüber, daS vornâmltch darauf berechnet ist, Oesterreich mit Deutschland in Zoll und Handel zu vereinigen und dies für daS letztere alS ein großes Glück karzu- stelltn sucht. Wie viel an Glück auS einer solchen Vereinigung für Deutschland entspringen kann, wie viel deS Gegentheils, wird sich Jeder leicht sagen können, der die dabei in Betracht kommenden Verhältnisse nur einigermaßen zu überschauen weiß und im Rechnen nicht stark zurückgeblieben ist. Wir wollen dies unsererseits nicht weiter erörtern, können eS unS aber nicht versagen, nochmals mit einigen Worten auf den Grundirrthum deö Hrn. Höf- ke n zurückzukommen.
Führen die Engländer — wie Herr Höfken versichert — im Durchschnitt für 70 Mill. Thlr. Erzeugnisse ihrer Industrie auf die Märkte Mitteleuropas auö", so ist es klar, daß dies ohne Gegensatz vor sich gehen kann, da die Engländer, so viel man weiß, noch nicht dahin gekommen sind, ihre Waaren zu verschenken, waS, nebenbei gesagt, wenn eS wirklich geschähe, doch wahrlich keinen Schaden für Mitteleuropa sein würde. Die Frage, um welche eS sich allein hier handeln kann, ist: Woraus ^besteht jener Gegensatz? Wie schon erwähnt, erhalten die Nordweststaaten, welche nur sehr geringe Zölle erheben, verhältnißmäßig bei Weitem am morsten von jener Ausfuhr, und daß ihr Gegensatz nicht im daaren Gelde besteht, liegt klar auf der Hand, da sie anderenfalls längst keinen Groschen mehr davon besitzen würden, während sie in Wirklichkeit auch daran, wie an sonstigem Vermögen , nicht ärmer, sondern jedenfalls noch reicher sind, als der Zollverein und vollends als Oesterreich. Ueberdem läßt sich statistisch nachweisen, baß Hamburg, welches alle Baarsendungen zwischen England und Deutschland vermittelt, jährlich in der Regel weil mehr Silber und Gold von England empfängt, als eS dahin aussendet.*) Sonach, wie sich von selbst ergibt, kann ihr Gegensatz nur in Produkten deS Ackerbaues und der Industrie bestehen, und daß sie sich bei diesem Tausch mit England besser stehen, alS wenn sie die von dem letzteren ihnen zngrführ- len Jndustrieerzeugnisse z. B. auS dem Zollverein holen wollten, wo sie vielleicht 50 bis 100 pCt. mehr im Preise und sonach in dem Maße mehr von ihren Produkten geben müßten, ergibt sich nicht weniger evident.
Anders, d. h. nur ungünstiger gestaltet sich die Sache allerdings für die Staaten, welche durch hohe Zölle die fremden Jndustrieerzeugnisse gewaltsam zurückzuhalten suchen und wo dann, wie ;. D. in Oesterreich, der Schmuggel zu Hülfe kommt. Denn der Schmuggler kann im Tausche nichkS anderes , als banred Geld gebrauchen, und eS ist schon deshalb kein Wunder, daß Oesterreich fortwährend so sehr arm an daarem Gelde ist. Nur da, wo der natürliche Tausch nicht unterbrochen wird, geht er stetS zum wahren Vortheile beider Theile vor sich.
Wie übrigens bekannt, führt der Zollverein 'einerseits jährlich für 90 bis 100 Millionen Thlr. allein an Fabrikaten auS, und waS er billiger davon liefert, werden die Nordweststaaten wahrhaftig nicht aus England beziehen. Aber nicht jede In- duftrie deS Zollvereins ist selbstständig, prokucirt so billig, daß sie erportiren kann, und daß der Zollverein bei denen, die zu theuer prokuciren, kein wirthschaftlicheS Glück macht, vielmehr nur materielle Opfer zu bringen hat, wird, nach allem vorerwähnten, noch um so klarer. Sogar die vorhandenen selbstständigen Jakustrieen leiden darunter, wie sich leicht nachweifen läßt, sehr wesentlich, und würden anderenfalls noch weit mehr erportiren können.
Noch ein Weitere« über daS unhaltbare Raison- nement deS Hrn. Höjken zu sagen, erscheint unS als überflüssig.
•) Schon seit längerer Zeit ist Sold billiger in Hamburg, wie in Enzianr.
Deutschland.
* Wiesbaden, 30. Aug. (Assisenverhandlung.) Anna Maria Krahn, 36 Jahre alt, Taglöbnerin von Erbach, ist angeklagt, am 26. März 1851 in den geschlossenen Laden der Wittwe deS R.iimuag Herber zu Oestrich eingestiegen zu sein, in der Absicht, sich in den rechtswidrigen Besitz dort besind- licher Gegenstände zu setzen; an deren Erreichung sie jedoch durch daS Hinzukommen der Familie Herber gehindert wurde. Der Laden deS Fensters durch welches die Angeklagte eingestiegen, war, mit auS der Untersuchung hervorgeht, nicht geschlossen. Das Fenster selbst war so hoch, daß eS zweifelhaft ist, wie die Angeklagte ohtte Beihilfe von Außen in dasselbe gelangen konnte.
Die Verhandlung leitet Assisen - Vicepräsident Trepka; als Siaalaanwali fungirt StaatSprocu« rator-Substitut Moritz, als Vertheidiger Procu, rator v. E ck.
Die Angeklagte wurde von den Geschwornen für schuldig erkannt und vom Afsisenhof zu einer CorreclionShauSstrafe von drei Monaten verurrheilt. Der Staatsanwalt hatte auf eine CorrectionShauS« strafe von zwei Monaten, der Vertheidiger auf eine achlâgige Gefângnißftrafe angetragen. AlS Grund der erkannten höheren Strafe ist der Mangel an MilverungSgrünven zu betrachten.
^ Dom Rhein, Ende August. Es erwacht ' überall ein regeres Interesse für ein wahrhaft ge- I gliederteS StaatSwesen im Gegensatz zu der biShe, j rigen NivellirungSsucht. Man kann sich, wie ein I bekannter Staatsmann bemerkt, über Republik oder Monarchie, über aristokratische oder demokratische Einrichtungen heruwstreilen, ohne damit auf daS eigentliche Princip zu kommen, in welchem sich die Freiheit deS Staatsbürgers von seiner Bevormundung scheidet; die Bedeutung für daS praktische Leben liegt vielmehr in dem Unterschiede zwischen nivellirtem und gegliedertem StaatSwesen. Die eine Ansicht construirt den Staat von oben herunter und möchte daS ganze Gebäude alS ein Hängewerk an den Dachstuhl festkleden; die andere construirt der Natur der Sache nach von unten hinauf und fragt nach der Zweckmäßigkeit der inneren Einthei« lung, nach der Solidität der Tragmauern, nach der Bequemlichkeit von Ranm und Gelaß, anstatt den Charakter eines StaatSgebâudeS bloß nach der Spitze bemessen zu wollen. Die nivellirende Ansicht' geht zuvörderst von der Ownipoienz der Staatsgewalt aus, welche auch in Republiken eine absolute fein kann, und will der Beamlenherrfchasl gegenüber Alles in Individuen aufgelöst haben; daS System der Gliederung hingegen bezweckt ein selbstthätiges Leben auch außerhalb der Staatsgewalt, und sindtt die geregelten Formen dafür, indem eS den Genossenfcheften gleicher Interessen in Corpora- tionen, Innungen und Vereinen aller Art eine unabhängige Entwickelung verstattet. In einem nivel- lirten Staate muß so viel als möglich regiert werden, weil die Einwirkung von AmtS wegen, dem Princip gemäß, für die allein zulâisiqe LedenSregung gilt; in einem gegliederten StaatSwesen findet sich im Gegentheil der Staat um so starker, je mehr er sich auf eine den bloßen AwiSmechaniSmuS überragende Lebenskraft verlassen kann, und die Behaglichkeit für den Staatsbürger besteht eben darin, daß daS Beamtenregiment auf daS Minimum der äußersten Nothwendigkeit beschränkt ist. WaS an dem leidigen Zuvielregieren auf diese Weise erspart wird, daS ist der vrakrische Gewinn, welcher der freien Bewegung der Einzelnen, der Familien, der Gemeinden, der Provinziaiiiälen, der Genossenschaften und (Korporationen zugute kommt. So herrscht in einer wohlgegliederten Monarchie viel mehr individuelle Freiheit, alS in einer ntpeDirten R-publik. Von letzterem hat Frankreich zu verschiedenen Zeiten einen abttbredenben Beweis abgelegt. Der Bürger wurde durch die Beamten auch im Namen einer Ripublik aus daS Aergste bevormundet. Die neueren Geschicke Europas haben gelehrt, daß ein ni- vellirteS Gemeinwesen den StaatSausgaben der Gegenwart nicht mehr gewachsen ist. Recht handgreiflich hat sich dies unter Anderem im Armenwesen gezeigt. Man bat erkannt, daß Gemeinde und Gau in ihre alten Rechte wieder eingesetzt werden müs-
I fen. Nur hat man in der Organisation deS letz-