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Nassauische Allgemeine Zeitung.

M LOS

Samstag den 30» August

1851»

Die Nass. Allg. Zeitung mit dem Wanderer erscheint einmal täglich mit Ausnahme de« Sonntags. Der vierteljährige Pränumerationspreis ist in Wiesbaden für den Umfang des HerzogtbumS Nassau, des GroßherzogthumS und Kurfürstenthums Hessen, der Landgraffchait Hessen-Homburg und der freien Stadt Frankfurt Ä fL, in den übrigen Ländern de« fürstlich Thurn- und Tarisschen Verwaltungsgebietes 3 fl. IO kr. Jnferate werden die dreispaltige Petitzeile oder deren Raum mit 3 fr. berechnet. Bestellungen beliebe mau in Wiesbaden in der L. Schellenberg'schen Hof-Buchhandlung, auswärts bei den nächst gelegenen Postämtern zu machen.

Uebersicht.

Das Lyoner Complott.

Deutschland. Wiesbaden (Entgegnung). Idstein Die Verlegung des Seminar«. Deputation). Frank- furt (Der deutsch - österr. Postverein. Berichtigung). Sigmaringen (Der König von Preußen). Leipzig (Communisten. Schreibbücher). Hannover (v. Man­teuffel). Co bleu z (v. Wussow). Köln (Die Adresse an den König). Elberfeld (Die Zollern). Berlin (Zollpolitik.). Königsberg (Wahl. Byern in Tilstt).

Lübeck (Prokesch). Hamburg (Conflict in Schles­wig. Dampfschifffabrt. Vermischtes). P r a g (Verhaf­tungen). W i e n (Die schleswig-holsteinische Angelegen­heit. FrohSdorf. v. Andlaw. Tabacksurrogat. Die Probe­fahrten im Semmering).

Belgieu. Brüssel (Die Prinzen. Der Kriegsminister, v. Radowitz).!

Frankreich. Paris (Die Generalräthe. Joinville. Ver­bindungen mit Japan. Vermischtes).

Großbritannien. London (Der katholische Vertheidi- gungSverein).

Italien. Turin (Die Flüchtlinge).

Neueste Nachrichten.

Das Lyoner Complott.

Frankreich hat schon wieder einen politischen Monstreprozeß". Diesmal ist Lyon der Schauplatz deS Drama'S, und Die Hauptpersonen sind die Mit- glieder einer Verschwörung, welche unter dem Na­men deSgroßen Lyoner ComplottS" bekannt ist. Der Prozeß verdient seine Bezeichnung alsMonstre" nicht allein wegen der Zahl der Angeklagten eS find ihrer 51, nicht allein wegen der riesigen Proportionen deS corpus delicti die Verlesung der Anklageschrift dauerte nicht weniger als sieben volle Tage, sondern auch wegen der monströsen Pläne und Anschläge, welche durch diese Verhand­lungen anS Tageslicht gekommen sind. Auf die weitverzweigte Organisation der Revolutionspartei, auf die Mittel, die ihr zur Verfügung stehen, auf die Absichten ihrer Führer wirft der Prozeß ein merkwürdiges Licht. Es ist, als ob man plötzlich den ganzen Boden deS östlichen Frankreich von tau­send Gängen und Minen unterhöhlt erblickte. Merk­würdigerweise ist die Leitung dieser verwickelten und die »äußerste Gewandtheit erfordernden Sache, in welcher ein fast unermeßliches Material zu beherr­schen ist, in militärische Hände gefallen. Da Lyon sich seit dem Jahre 1849 sich noch immer im Bela­gerungszustände befindet, so gehören alle dort vor­kommenden Staatsverbrechen zur Cognition der Kriegsgerichte. Ein Oberst präsidirt und die Stelle deS öffentlichen Anklägers vertritt ein Jnfanterie- hauplmann. Nach den vorliegenden Berichten sind diese beiden Personen ihrer schwierigen Aufgabe ge­wachsen. Auf der Bank der Vertheidiger sitzen die renommirtesten democratischen Advocate» auS Paris, Michel (de BourgeS) an der Spitze. DaS Gerichts- gebäude umgeben Kanonen und Bajonnetc, und hin­ter den Bajonneren stehen Sag, für Tag Tausende von den berüchtigten Blousenmänner Lyons, welche mit ruhiger aber gespannter Aufmerksamkeit dem Verlaufe der Geschichte folgen. Wenn einer der democratischen Advocaten sich zeigt, dann erschallt auS der Volksmenge ein unermeßlicher Jubel, und die Kürassirpatrouillen, welche mit gezogenem Pallasch durch die Haufen reiten, vermögen diese Demonstra­tion nicht zu hindern.

Die Angeklagten selbst sind fast alle obscure und unbedeutende Personen, deren Schicksal unS nicht sehr interessiren kann. Einige von ihnen sind gut­müthige Verführte, andere gemeine Spekulanten, einige wenige wirkliche Ehrgeizige. Die Mehrzahl hat auf eine Versorgung durch die Revolution ge­hofft; sie besteht aus jenen Schiffbrüchigen des bür­gerlichen Lebens, die in allen Complotlen eine be­deutende Rolle spielen. Einer kleinen Minorität muß man nachrühmen, daß sie eine wirklich bürger­liche Existenz auf'S Spiel gesetzt haben. Dies gilt Namentlich von dem Anführer, Hrn. Alphons Gent, Welcher als Advocat eine glänzende Praxis in Lyon hatte und, als er verhaftet ward, eben im Begriffe stand, eine gute Parthie zu machen.

Die Geschichte deS Lyoner ComplottS ist in Kürze folgende; Nachdem am 13. Juni 1849 der letzte offene Aufruhrversuch durchs rasches Einschreiten des Generals Changarnier vereitelt und die Führer der Montagne, Ledru Rollin an der Spitze, ver­sprengt worden waren, zogen sich die minder com- promittirten Chefs der RevolutionSpartei auS der von Changarnier und Carlier bewachten Haupt­stadt, in welcher die Bevölkerung von Emeuten nichts wissen zu wollen schien, in diejenigen Depar­tements zurück, in welchen ihre Haupistärke liegt. Diese Departements bilden den Strich Landes vom Jura bis hinab anS Mittelländische Meer. Lyon ist der Brennpunkt dieses vulkanischen Areals. In diesen Departements entfaltete die socialistische Pro­paganda sofort eine weitgreifende Thätigkeit. Ohne sich an die Sommitâten der parlamentarischen Mon­tagne viel zu kehren, traten die Agitatoren in desto engeren Verkehr mit dem in London gebildeten de­mokratischen Centralcomite und mit den nach Genf versprengten Flüchtlingen. In kurzer Zeit beveckte sich vaS ganze Rhonethal mit angeblichen Wohl- lhâtigkeitSvereinen, und wo nur ein williger Drucker aufzutreiben war, da tauchte auch irgend ein revo­lutionäres Journal auf. Von jenen Vereinen war der wichtigste und zahlreichste derjenige, welcher den NamenLa Nouvelle Montagne" führte. Er war in Decurien oder Abtheilungen von je zehn Personen getheilt; jede Decurie war von einem Sergeanten und einem Corporal befehligt. Die Mitglieder zahlten einen monatlichen Beitrag von 8 bis 12 SouS, abgesehen von den häufigen Col- lecten, von deren Ertrage die Reisekosten und son­stigen Ausgaben der Führer und Agenten bestritten wurden. Manche der Agitatoren lebten augenschein­lich ganz und gar von solchen patriotischen Epen, den. In jedem Departement hatte dieNeue Mon­tagne" einen Präsidenten und ein Comite, welches mit den leitenden ComitcS in Lyon, Paris und London correspondirte. Die Aufnahme neuer Mit­glieder erfolgte unter jenen komisch, schauerlichen Feierlichkeiten, welche wir auS unseren Ritter- und Spekiakelstücken kennen. Der Neophyt mußte mit verbundenen Augen auf einen Dolch folgenden Eid leisten:

Ich, N. N., ein freier Mann , schwöre im Namen der Märtyrer der Freiheit, meine Hand zu waffnen gegen politische sowohl als religiöse Ty­rannei, und daS zu allen Zeiten und an allen Or- ten; ich schwöre, für die Verbreitung demokratischer und socialistischer Prinzipien zu wirken; ich schwöre, meinen Brüdern beizustehen, so oft eS nothwendig sein mag; ich schwöre, wenn daS LooS mich trifft, einen Verrâther zu Tode zu bringen; ich schwöre, nicht laut werden zu lassen, was in dieser Gesell­schaft gesagt oder gethan wird, und ich verdamme mich zu einem schimpflichen Tode, wenn ich diesem Eide untreu werden sollte".

Nach Ablegung dieses Eides nahm man dem Eingeführten die Binde ab, und er erblickte nun die nackten Waffen aller Mitglieder auf feine Brust gezückt, zum Zeichen, daß alle ihn vertheidigen oder strafen würden, je nachdem er Treue oder Untreue übe. ES scheint ziemlich erwiesen, daß ein großer Theil der socialistischen Bevölkerung in fünfzehn Departements diesem Bunde angehörte, daß seine Verzweigungen vom Abhange deS Jura an beiden Ufern der Rhone bis zum Meere reichten. Seine Anstalten für einen Bürgerkrieg waren vollkommen ernsthaft; geheime Pulvermühlen arbeiteten für ihn; andere Munition kam als Contrebande über die schweizerische Grenze; Vorrälhe von Waffen wur­den angehâuft , und fortwährend ein enger Verkehr mit den Flüchtlingen aller Nationen unterhalten, welche sich im Jahre 1850 noch in den schweize­rischen Grenzkantonen drängten. Für den ursprüng­lichen Stifter deS Bundes, wenigstens für denje­nigen , der die Idee angab, hält man Ledru-Rollin; die eigentliche Seele und der wahre Leiter aber war Alphons Gent, dessen Einfluß und Ansehen inner­halb des Bundes von dem Juni 1850 batirt. Das Wahlgesetz vom 31. Mai war so eben votirt wor­den , und die ungestümeren Elemente der Democra- tie verlangten, daß man augenblicklich mit der Flinte in der Hand gegen diesesAttentat" der National­versammlung protestiren solle. Die Flüchtlinge und Verbannten, denen in London und Genf die Zeit lang wurde und deren einzige Chance in einer

neuen Revolution lag, schürten den Eifer. Die parlamentarische Montagne in Par iS dagegen, welche die Hülfsmittel der Regierung genauer kannte, welche eine Stellung zu verlieren hatte, und gar keine Lust hegte, sich durch den Nimbus zurückkehrenver Ver- bannter in Schatten stellen zu lassen, diese Fraktion der Nationalversammlung weigerte sich, die Gefahr eines neuen Aufstandes zu laufen und erregte da­durch nicht geringe Erbitterung bei den revolutio­nären Gesellschaften in den Departements. Die feu­rigeren Demagogen von Avignon, Air, NiSmeS rc. verlangten eine kühnere Politik und eine raschere Opposition, und Gent war der Mann, der ih­nen ihre Wünsche zu erfüllen versprach. Sein Plan , wie er auS verschiedenen Theilen der vor­liegenden Aktenstücke erhellt, war ein sehr umfassen­der und wohl angelegter.

Der Aufstand sollte in fünfzehn Departements zur nämlichen Stunde auSbrechen; die Grenzen Savoyens und der Schweiz sollten als RückzugS- linien dienen; die in Genf versammelten Flücht­linge sollten durch rasches Vorrücken die französische Bewegung unterstützen; Toulon und Marseille soll­ten wo möglich besetzt und somit die Communica- tion mit der Flotte und der afrikanischen Armee ge­wonnen werden; an allen Punkten sollte man zu, erst die kleineren Militärposten überfallen und ent­waffnen , die größeren Besatzungen möglichst zer­splittern, in den Städten die Offiziere in ihren Quartieren ausheben, und dann, wenn auf diese Weise die Bewegung im Südoften sich einige Tage behauptet hatte, hoffte man allmähliq ganz Frank­reich zu einer allgemeinen Schilderhebung fortzu­reißen. Daß alle diese Partien deS Planes sorg­fältig auSgearbeitrt waren, geht auS einer umfang, reichen Correspondenz hervor, welche sich in den Händen der öffentlichen Anklage befindet. Am 29. Juni 1850 kamen Abgeordnete aller Zweigvereine des großen Bundes zu Valence an der Rhone zu­sammen, und Gent ward auf diesem Congresse förm­lich zum Oberhaupte deS ComplotteS ernannt. Eine zweite Zusammenkunft fand am 30. <èept. zu Ma­con an der Saone statt, welcher mehrere Volksver­treter von der äußersten Linken beiwohnten. Der Zweck dieser Versammlung war, den Zeitpunkt deS LoSschlagenS festzustellcn, und man kam überein, baß in dem Augenblicke, wo die Nationalverfamm- lung, die damals Ferien machte, ihre Arbeiten wie. der aufnehmen wird, das Signal zum Aufstande gegeben werden solle. Alle diese Vorbereitungen fielen seltsamer Weise in die nämliche Zeit, wo LouiS Bonaparte seine Rundfahrt durch die unter* minirten Departement» hielt. In den Briefen auS dem Monate October sprach Gent zuversichtlich von dem nahen Bevorstehen eines entscheidenden Kampfes. Da gerâth plötzlich, in der ersten Woche des No­vembers , ein Verzeichniß der Hauptverschwörer in die Hände der Polizei. Nicht durch Verrath, fon# dern durch Zufall ward das Complott entdeckt. Meh­rere Rädelsführer wurden auf der Stelle verhaftet, wichtige Correfponvenzen wurden mit Beschlag be­legt; Gent selbst ward ergriffen; einigen wenigen gelang eS zu flüchten. Alle namhaften Theilnehmer deS ComplottS stehen in diesem Augenblicke vor dem Kriegsgerichte.

Diese Entdeckung mag Frankreich einige stürmi­sche Wochen erspart haben; außerdem ist ihre prak, tische Bedeutung wohl nicht sehr groß. WaS kann eS viel helfen, daß 50 Schuldige zur Veranlwor, tung gezogen werden, wd ganze Provinzen von einem Netze geheimer Gesellschaften bedeckt sind? Diese geheimen Gesellschaften würden, wie alle Com- plolte, wenig gefährlich sein, wenn sie sich nicht auf einen bedeutenden Theil der Bevölkerung stützen könnten. In Lyon gehören fast alle Arbeiter, in den benachbarten Departement die meisten Landleute zu ihren Anhängern. Mit der Entdeckung eineS derartigen ComplottS hat man daher nur ein Symp­tom deS Uebels beseitigt, nicht daS Uebel selbst, eine Lunte abgeschnitten, nicht daS Pulver entfernt. Neunundneunzig Lunten mag man durchschneiden, die hundertste vielleicht erreicht daS Pulver. Neun­undneunzig Verschwörer verfallen der strafenden Justiz, der Hundertste fährt als Triumphator aufs Capitol. Aber der Erfolg derartiger Unternehmun­gen hängt nie von ihnen selber ab, sondern immer von den allgemeinen Zuständen der Nation. (W.Z.)