RassauW AllMäne Zeitung.
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Freitag den 29. August
1831.
Die Naff. Allg. Zeitung mit dem W anderer erscheint einmal täglich mit Ausnahme des Sonntags.— Der vierteljährige PränumecationSpreiS ist in Wiesbaden für den Umfang des HerzogthumS Nassau, des GroßherzogthumS und Kurfürstenthums Hessen, der Landgrafschaft Hessen-Homburg und der freien Stadt Frankfurt 8 fl., in den übrigen Ländern d^s fürstlich Thurn- und Tarisschen Verwaltungsgebietes 8 fl. IO fr. — Inserate werden die dreispaltige Petitzeile oder deren Raum mit 3 fr. berechnet. Bestellungen beliebe mau in Wiesbaden in der L. Schellenberg'schen Hof-Buchhandlung, auswärts bei den nächst gelegenen Postämtern zu machen.
Uebersicht.
Der Zollverein Nekrolog.
Deutschland. Wiesbaden (Assssen. Urtheile des Kaffa- tionShofeS. Die Aachen-Münchener Feuerversicherungs- Gesellschaft. DaS Ministerium). — Dillenburg (Äe- schwornenliste. Einbruch). —Koblenz (SignoraOldi).— Baden (Ueberschwemmung.) — Stuttgart (Beitritt zum deutsch-österreichschen Postverein). — Sigmaringen (Der König von Preußen). — München (Militärpserde- ankänfe. Prinz Adalbert). — A us dem Anhaltischen (Verfassungsänderung). — Leipzig (Die Untersuchung gegen den Blumverein). — H ann o ve r (Reise des Königs).
— Elberfeld (Verwarnung). — Aus Westphalen (Eisenbahn von Paderborn nach Bielefeld). — Berlin (Protest gegen den Gesammteintritt. v. Westphalen. Kongreß der PiuSvereine. Dec Snudzollvertrag. DaS Ministerium in Braunschweigt. — Hamburg (Synd. Merk. Truppenverlegung). — Wien (Die französische Besatzung RomS).
Frankreich. Paris (Die Generalräthe. Graf Delamarre's
Vorschlag Vermischtes).
Italien. Turin (Ministerwechsel. Vermischtes). — Ka« gliari (Die englische Flotte).
Neueste Nachrichten.
Der Zollverein.
* Dom Rhein. Ende Auglist. Die Entwicklung deS Zollvereins zieht mit Recht die Aufmerksamkeit immer weiterer Kreise auf sich. , ES hat jenen VaterlandSfreund <sehr schmerzlich berührt, daß auch die letzte Vereinsversammlungen immer noch mit der frühern Heimlichkeit abgehalten werden mußten. Der herkömmlichen Geschäftsordnung gemäß ward auch in Wiesbaden Alles im tiefsten Geheimniß berathen und festgestellt. Selbst die Zeitungen, welche am meisten in der Lage waren, über den Gang der Dinge in Kassel und Wiesbaden etwas mitcheilen zu können, wagten selten mehr alS die einfache Notiz vom Dasein jener Versammlungen zu geben. Die Wiesbadener ZoUkonferenz ging auseinander. Was sie gethan, ob und waS für Beschlüsse in derselben über die nächsten und größten Volksinteressen zu Stande gekommen seien, daS erfuhr man erst aus den Regierungsverordnungen , welche einige Zeit darauf in den einzelnen Zollvereinsstaaten die in Wiesbaden vereinbarten Bestimmungen in Wirksamkeit setzten. Welchen Eindruck daS urplötzliche HerauSlreten der also beschlossenen Abänderungen deS Zollvereinstarifs bei den Betheiliglen im Zollverein hervorbringen mußte , war unschwer vorauSzusehen. So lange die jetzige Organisation deS Zollvereins besteht, wird sich nach wie vor die alte Erfahrung wiederholen, daß eS bei gänzlicher Ausschließung der Oeffent- lichkeit von den Berathungen und Schlußfassungen über die populärsten Angelegenheiten an Unmöglichkeit grenzt, die Wünsche und Bedürfnisse des VolkeS auch nur teilweise zu befriedigen. Seit der Ver- öffentlichung der neuen Abänderungen sind darüber Stimmen sämmtlicher Handelspolitischen Parteien, sowie der am nächsten dadurch getroffenen Kreise industrieller Interessen laut geworben. Ungeachtet deö beträchtlichen Guten, was schon in der einzigen Ermäßigung der Rheinzölle liegt, werden die Verbesserungen über den vielen Klagen wegen vereitel- ter Erwartungen fast gänzlich übersehen. Diese Mißstände empfinden wir selber li f und müssen sie unS besonders bitter von der gejammten österreichischen Presse, der ministeriellen an der Spitze, vor. werfen lassen, welche auf die große Oeffentlichkeit der Behandlung derselben Angelegenheit in ihren Grenzen hinweist. Dort gewährte man der mit- raihenden Theilnahme von Vertretern der unmittelbar berührten Volksklassen den weitesten Spielraum, so daß die öffentliche Meinung über daS Wesen der bevorstehenden Reform stets im Klaren war. llebri- genS wollen wir nicht an einer gesunden wirth- schaftpolitischen Entwicklung unseres Vaterlandes verzweifeln. Die öffentliche Meinung wendet sich immer mehr dieser hochwichtigen Frage zu, wodurch schon viel gewonnen ist. Es trägt hierzu bei die auSgebrochene ZollkrisiS zwischen den süddeutschen
Staaten und der Schweiz, die Regelung der HandelS- verhältnisse zwischen Oesterreich und Sardinien, welche auf ganz Deuschland zurückwirken wird. Der handelspolitische Ausschuß zu Frankfurt feiert ebenfalls nicht, die Idee eines geiammtdeutschen Zollvereins, dem sich manche Nebenländer Deutschlands anschließen müssen, scheint sich trotz allem ParticulariSmuS immer mehr Bahn zu brechen.
Von der Größe und besonderen Wohlthätigkeit dieser Organisation zeugen besonders die wüthenden Angriffe der in diesen Dingen sehr scharfsinnigen englischen Presse.
Dr. Huthsteiner.
0 Weilburg, 24. August. In den Abendstunden deS heutigen Tages bewegte sich ein ungewöhnlich zahlreicher Leichenzug auf unsern Friedhof, und eS wurden unter ehrenvoller Anerkennung seiner ausgezeichneten Verdienste die irdischen Ueber» reste eines theuren Vollendeten zu Grabe gebracht, auf dessen Besitz unsere Stabt mit Recht stolz sein konnte und dessen Gedächtniß gewiß bei unS und unseren Kindern in dankbarem Andenken bleiben wird. Der theure Vollendete war der herzoglich nassauische Obermedizinalrath Dr. Huthsteiner, ein Mann, dessen Namen auch außerhalb unserer Mauern mit Ehren genannt wurde und der cs verdient, daß auch in diesen Blättern seiner gedacht wird. Ihm war bie lange Laufbahn von mehr alS 74 Jahren gegönnt, und während beriethen hat er deS Segens unendlich viel gestiftet. In Diez, wo sein Vater Chirurg war, wurde er am 6. Januar 1777 geboren, verlebte dort seine Jugendzeit und genoß daselbst seinen ersten Unterricht in der baft» gen deutschen und lateinischen Schule. Mit großer Pietät gedachte er bis in sein spätestes Alter feiner dortigen Lehrer, insbesondere deö JnspectorS Vo l l- Pracht und deS ReciorS Manderbach. Seine Eltern konnten wenig für seine weitere Ausbildung thun. Sein feueriger Geist und fein wißbegieriger Sinn trieben ihn hinaus in die Welt. Beim Mi- litär fand er eine Stelle, wo er die von seinem Vater erlernten chirurgischen Kenntnisse auSüben konnte. ES war dies in der königlich preußischen Armee, mit welcher er bei Bacherach über den Rhein ging, den Gefechten bei Waldelgesheim und Stromberg beiwohnte und während der Belagerung von Mainz unter unsäglichen Beschwerden diente. Hierauf zu dem oranien-nassauischen Feldcontingent nach Philippsburg berufen, erhielt er bei der durch die herrschenden Epidemieen nöthig gewordenen Verlegung der Hospitäler nach Wiesenthal und später nach Rauenthal die Leitung über daS Hospital seines ContingentS, ein deutlicher Beweis deS großen Vertrauens, daS man in den Jüngling setzen zu dürfen glaubte. Von da begleitete er sein Con, tingent auf allen Märschen und Unternehmungen bis Ende 1797, während welcher Zeit er sich man» nichfaltiger Auszeichnungen zu erfreuen hatte. Nun trat er vom Kriegsschauplätze ab und studirte seit Herbst 1798 in Marburg mit unablässigem Eifer die medizischen Wissenschaften weiter, bis er am 25. December 1799 dem Rufe nach England folgte und in bie Brigade deS Erbprinzen von Oranien eintrat. Hier lernte er die musterhafte Einrichtung der englischen Militär- und Civilspitäler kennen und verblieb daselbst bis Ende 1802, wo er, ungeachtet der an ihn ergangenen Aufforderung, in englische Dienste zurückzutreten, zur Unterstützung seiner Familie in sein Vaterland zurückkehrte. Er wurde hier anfangs als Amtsarzt 'n Hilchenbach im Sie- geuschen eingestellt, erwarb sich dann am 14. November 1804 mit Lob die Doctorwürde zu Marburg und war später in den beiden Cantonen Freudenberg und Wildenberg stalionirt. Im Februar 1814 rückte er sodann mit dem oranischen Regi- mente alS RegimentSarzt inS Feld, marschirte im October desselben JahreS nach Holland, tm Herbste 1815 nach Brabant und wohnte dem Gefechte bei Q-ualrebraS, sowie der Schlacht von Waterloo bei. Nach letzterer führte er die Direclion des Gesundheitsdienstes bei der zweiten Division der königlich niederländischen Armee diS zu Ende deS JahreS, worauf er, obwohl ihm damals, wie auch später
noch, schmeichelhafte Anträge gemacht wurden, die niederländischen Dienste verließ und in seine Hei- math zurückZng.
Durch seinen Dienst im Feld hatte er sich den Dank deS Vaterlandes verdient, hatte sich aber auch eine Fülle herrlicher Erfahrungen in feiner Kunst gesammelt, und mit diesen Erfahrungen ausgerüstet kam er dann mit Juni 1816 hierher nach Weilburg, war zuerst AmlSphysicuS, dann Mevicinalrath und zuletzt Obermedicinalrath. Sein Ruf alS Arzt war sehr ausgebreitet und er wurde weithin gesucht, ge» liebt und verehrt. Und daS mit vollem Recht. Denn sein klarer Blick, sein gesundes Urtheil, seiner reichen Erfahrungen, seine gediegenen Kenntnisse, sein resolutes Wesen, seine glücklichen Heilungen und sein freundliches aufheiterndeS Benehmen am Krankenbett erwarben ihm allgemeines Vertrauen. Da mag kein Haus in unserer Stadt und keine Familie in unserer Nachbarschaft sein, wohin er nicht mit seinem einsichtsvollen Rathe und seiner erfolgreichen Hilfe gekommen wäre. Insbesondere war eS die Chirurgie und die Geburtshilfe, worin er daS Ausgezeichnetste geleistet hat.
Am 6. Januar 1843 feierte er sein 50jährigeS Dienstjubiläum, an welchem nicht blos die hiesige Stadt, sondern auch feine vielen Freunde in der Nähe und Ferne den innigsten Antheil nahmen. Unser gnädigster Herzog und Herr bewilligte ihm alS Zeichen höchsten Wohlwollens die große goldene Verdienstmedaille. Mit dem 1. Januar 1844 trat er in den Pensionsstand, fuhr aber fort bis zum letzten Augenblicke seines Lebens feine Kräfte der leidenden Menschheit zu widmen. Auch verdanken wir ihm vorzugsweise die Begründung und Erbauung unseres städtischen Hospitals, daS er auch im Tode noch mit einem Legate bedacht hat. Im geselligen Verkehr hatte er die schöne Gabe recht verständig und lebhaft zu unterhalten, wußte mit tref- fendem Witze die Unterhaltung zu würzen und konnte in seinem höheren Alter noch durch die Frische und Schärfe seines Geistes eine ganze Gesellschaft erheitern und beleben.
Haben wir Alle viel an ihm verloren, so em» pfindet doch seine Familie, seine Gattin, seine Schwägerin und seine Kinder am schmerzlichsten seinen Verlust, denn sie waren sich mit treuer Liebe zuge« lhan und nur unter Thränen konnte er dieser schmerzlichen Trennung gedenken. Er fühlte seinen herannahenden Tod, dem einiges Unwohlsein vorauS- ging und der in Folge eines Schlaganfalls ganz sanft eintrat. Nicht lange vor seinem Tode bekannte er noch mit wahrhaft religiösem Gefühle laut und unumwunden: „Ich hoffe auf Gottes Barmherzigkeit. Ich habe daS Gute gewollt; doch bin ich nicht ohne Fehler. Bei dem Herrn aber ist Gnade. Mich stört kein Kummer und keine ängstliche Sorge vor dem Tod. Ich bin bereit, wenn mich Gott abruft, christlich zu folgen."
Und so ist er denn nun gefolgt dem Rufe seines Gottes in ein höheres Dasein, wir aber sprechen dankbar und mit Verehrung gegen den Vollendeten: „Wer den Besten feiner Zeit genug gethan hat, der hat gelebt für alle Zeiten, — sein Gedächtniß bleibe im Segen"! D.
Deutschland.
* Wiesbaden, 28. Aug. (Assisenverhandlung.) Phil. Adam Winterwerber von Nochern, 36 Jahre alt, Leinweber (Diebstahls wegen mehrmals bestraft), ist angeklagt, nach Verabredung und in Gemeinschaft mit Johann Sa um ann von Kiedrich in der Nacht vom 16. auf den 17. Dec. 1850 mit gewaltsamen Einbruch in das dem Hrn. Georg Franz Melchior Brentano von Frankfurt a. M. gehörige Wohnhause in Winkel und Erbrechung zweier dort befindlichen Schränke Weißzeug und Kleider in dem SchätzungSwerth von 400 fl. gestohlen zu haben.
DaS Wohnhaus d-S Herrn Brentano liegt am Rhein. Auf dem Rasenplatz zwischen Brenta no'S Garten und dem Rhein ist ein Zimmerplatz mit Schneidkauten. Martin DotzHeimer von Winkel entdeckte am 18. December v. I. in einer der oben erwähnten Schneide - Kauten einen mit