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Nassauische Allgemeine Zeitung.

^L 196

Freitag den 22. August

1831.

Die Nass. Allg. Zeitung mit dem Wanderer erscheint einmal täglich mit Ausnahme de« Sonntags. Der vierteljährige PranumecationSpreiS ist in Wiesbaden für den Umfang des HerjogtkumS Nassau, des GroßherzogthumS und KurfürstenthumS Hessen, der Landgrafschait Hessen-Homburg und der freien Stadt Frankfurt S fL, in den übrigen Ländern des fürstlich Thurn- und Tarisfchen Verwaltungsgebietes S fl. IO kr. Jnferate werden die dreispaltige Petitzeile oder deren Raum mit 3 tr. berechnet. Bestellungen beliebe« in Wiesbaden in der L. Schellenberg'schen Hof-Buchhandlung, auswärts bei den nächst gelegenen Postämtern zu machen.

Uebersicht.

Die österreichische ZolleinigungS-Literatur. Deutschland. Wiesbaden (Asstsen). Aus der Her- zogthum Nassau (Bundesheerwesen). Nastätten (Tâdtung durch den Bliy). Vom Main (Das englische Postwesen). AuS dem Rheingau (Besuch deS Königs von Preußen auf dem Johannisberg. Berathung). Frankfurt, Darmstadt und Karlsruhe (Der König von Preußen). Kassel (Berichtigung). München (Der Unfall auf dem Kugelfang. v. Ringelmann). Leipzig (Roßmâßler).Köln (Aeußerung deS Königs über die Köln. Ztg). Düsseldorf (Trinkspruch des Königs). Berlin (Erklärung Rußlands. Der Zoll­verein. Graf Dyhrn. Die Sonntagsfeier. Die Provin- ziallandtage. Die Reise des Königs). Danzig (Die ProvinziallandtagSangelegenheit). Bremen (Versamm­lung der Cigarrenfabrikantenl. Hamburg (Die große Parade. Der Conflict mit Oldenburg und Lübeck. Da« Altonaer Sängerfest. Graf Reventlow-Criminil). Wien (Die Probefahrten. Unterstützung der Montenegriner).

Schweiz. Bellinzona (Der österr. Cordon).

Belgien. Br ü sse l (Die Ersatzwahl für den Grasen Ferd. v. Bocarmè. Die Kunstausstellung).

Frankreich. Paris (Barroche. JoinvilleS Candidatur als Uebergang zum RohaliSmuS anempfohlen. Eröffnung der Eisenbahn nach Nantes).

Spanien. Madrid (Das Kind der Herzogin von Mont- penster brtr. Der Aufstand auf Cuba).

Italien. Rom (Mordversuch. Dit VinceutiuSvereine.

Orstni'S Rücktritt).

Aegypten. Alerandria (Das Tanflmat).

Neueste Nachrichten.

Die österreichische ZolleinigungS- Literatur.

Einen neuen beachtungSwrrlhen Beitrag zur östereichischenZollvrreinigungSlitrra- tur liefert ein vor Kurzem in Regensburg erschie­nenes BuchDeutschlands Zoll- und Handelseinig, ung mit Hinblick auf die öftere. Zollreform und die Dresdener Conserenzen", für dessen Verfasser irr- thümlich Herr DönnigeS gehalten wurde, das aber der Feder deS Dr. Höfken entflossen zu fein scheint. Er spricht sich über England und den Freihandel in folgender Weise auS: Nichts anderes als der gefammioentsche HandelSbund kann Deutschland befähigen, auch auf ter WelthandelS- bühnt eine HauplroUe zu übernehmen, groß und mächtig zu werden. Wer hieran noch zweifelt, der belehre sich darüber auS der englischen Presse und ihren ZornauSbrüchen wider die österreichischen Bor- schläge. Leider nun hat eS Lord Palmerston bei diesen ZornauSbrüchen nicht bewenden lassen I Die Engländer erkennen die Größe deS Plans, sie be­greifen, daß, wenn derselbe zur Ausführung käme, sie viel Zeit und Mühe vergeblich aufgewendet hät­ten. Sie fürchten, baß Mitteleuropa die Waffe, welche England so lange und mit so großem Erfolge für den Aufschwung seines Handels- und Gewerb- fleißeS gegen die andern Nationen g-brauchte, nun gegen England selbst kehren könne. In Italien sehen sie gleichfalls unter Oesterreichs Einspielen einen nationalen Handelsbund sich vordereren.

Den Grund dazu haben verschiedene Post-, Zoll- und SchiffsahrtS . Uebereinfünfte zwischen Oesterreich für seine lombardiich-venetianischen Pro­vinzen, Den Herzogthümern Modena, Parma, dem Großherzogthum ToScana und dem Kirchenstaate bereits gelegt.

Dieser Bund wird nach einem Naturgesetze seine Anziehungskraft auch auf die übrigen Bruchtheile deS nationalen Ganzen üben, trotzdem, daß England sich eifrig bemüht, mittelst Handelsverträgen befon- derS Piemont zu fesseln und als Hemmschuh gegen ibn vorzuschieben. Die rasche Herstellung der Eisen­bahnlinie von Triest und Venedig nach dem tyrrhe- Nischen Hafen Livorno ist die kräftigste Antwort auf die britischen Verträge mit Sardinien. Ein regeS Anemanderschließen deS österreichisch-deutschen und deS österreichisch-italienischen HanrelSbundeS könnte nicht auSbleiben, schon weil der Kaisrrstaat unmit- telbar daS mächtige Mittelglied bildete und dieselben

Grundsätze in der allgemeinen Handelspolitik wür­den in bilden großen Körpern zur Geltung kommen. Die kühnsten Entwürfe deutscher Kaiser würden sich aus diese Weise verwirklichen, Italien und Deutsch­land in innigsten freien Verband treten, unbeschadet ihrer nationalen Selbstständigkeit. Wie natürlich, daß engliscye Blätter gegen solche Vorschläge den Kreuzzug predigen, daß die britischen Staatsmänner, nicht gewohnt, sonst sich vor Chimären zu fürchten, kein Mittel verschmähen und alle Triebfedern in Bewegung setzen, um ihrer Verwirklichung entgegen zu arbeiten. Führen die Engländer doch im Durch, schnitte für 70 Millionen Thaler an Erzeugnissen ihrer Industrie jährlich auf die Märkte Muteleu- ropa'S auS! Natürlich ferner, baß an einem solchen Handel auch diesseits viele Interessen hängen, daß einige Städte und Gegenden sich an die thatsächliche ökonomische Abhängigkeit von England gewöhnt haben und Nuyen daraus ziehen, daß die Englän­der mithin in Deutschland selbst Verbündete für ihre Bestrebungen finden.

Wir dürfen unS nicht verhehlen, daß wir, um im Wettkampfe mit England, dem so große Vor, theile zur Seite stehen, nicht zu verlieren, auch Opfer nicht scheuen dürfen, und vor Allem die kleinliche Eifersucht, den blinden Haß deS Partitu- lariSmuS aufgeben müssen. Nur mit vereinten Kräften werden wir Großes zu Stande bringen. Wäre der Schutz selbst ein Uebel, er ist noch ein nothwen- wenbigtS, bis wir unS der gleichen Elemente der politischen Freiheit und Wohlfahrt, deS Flotien- fchuyeS und der Macht, der GewerbS- und Capi- taikrâfte wie England erfreuen. Und trotz seines ungeheuren Vorsprungs in allen diesen Beziehun­gen huldigt England selbst nichts weniger als dem unbedingten Freihandel. ES zieht nach wie vor den größten Theil seiner Staatseinkünfte aus der Be­steuerung deS auswärtigen Handels, welche alle Nationen der Erde mitzuleisten haben, und eS ist weit davon entfernt, alle Steuern in der einen, zu welcher die Vertheidiger deS absoluten Freihandt lS logisch gelangen müssen, in der Einkommentare aus- gthtn zu lassen. ES hat zwar feine Prohibitionen zu Gunsten der Industrie und der nationalen Schiff­fahrt fallen lassen, aber nur weil sie ihm nicht mehr nützten, sondern bloß noch zu schaden drohten, und eS hat nur dem Theile der ausländischen Fabrikale freie Einfuhr gestaltet, welcher Maschinenarbeit zu­läßt, worin eS allen Nationen überlegen ist, wäh­rend eS feiner schutzbedürftigen Fabrikation, die sich noch wesentlich auf Handarbeit stütz«, einen verhäli- nißmâßig sehr hohen Schutz fortwährend angedeihen läßt.

DaS Schutzsystem schließt eben den Freihandel im Einzelnen nicht aus, eS stellt nur gew«ffe Vor­behalte auf, nach Deren Erfüllung eS gegen die Be­seitigung der Zölle nichts mehr einzuwenden hat, und über diese Vorbehalte wacht die britische Han­delspolitik vor wie nach mit der äußersten schütz- zöllnerischen Vorsicht. England hat nur daS Pro­hibitivsystem, das allein der Handelsfreiheit princi­piell entgegensteht, aufgegeben, nicht aber auch das Schutzsystem, wie solches ihm nützt, und eS steht, in dieser Hinsicht ganz aus einer Linie mit Oester, reich, daS flieht falls gegenwärtig bloß dem Schutz­system huldigt, so weit eS ihm frommt. Wo Eng­land auch feine Schutzzölle aufgegeben und seine Finanzzölle ermäßigt Hai, dort ist es allein zu Gun­sten der Berwohlfeilung seiner gabtifaiion und in Artikeln aesch-hen, welche für den Unterhalt der arbeitenden Klaffen am noihwenbigllen sind. In unseren Tagen, bei der Art unseres HandelS würde der unbedingte Freihandel, dem zufolge wir unsere eigene Fabrikation in jeder Hinsicht schutzloser ließen, als die Engländer selbst, unS mit gebunde­nen Händen dem AuSIande preisgeben.

Eine seltsame Verwirklichung der Handelsfrei­heit für Deutschland!

Wir nähmen dann vielleicht Theilan dem wohlseilen Capital Englands", also an seiner billi­gen Arbeit; allein wir geriethen zugleich in die Un­möglichkeit, auch nur den billigeren WaarenpreiS zu verdienen. Wohlfeilheit ist ein relativer Begriff; der Arbeitslohn, der verdient sein muß, um auch die billigsten Produkte zu bezahlen, ist der wirkliche Maßstab dafür. Ja, werden wir erst in die Mög­lichkeit gesetzt sein, überall mit gleichen Vortheilen wie England zu arbeiten und zu handeln, fo baß

die Eröffnung deS völlig freien MitbewerbeS als gerecht sich darstellt, bann wollen wir Diese nicht weiter scheuen. BiS dahin verlangen die praktischen VerkehrSverhâltniffe überall eine specielle Auffassung und entschlüpfen einer allgemeinen Theorie; bis da­hin haben wir weniger ein allgemeines Maß anzu« legen, als im Einzelnen zu prüfen, waS deS Schutzes bedürftig ist, wie man eS in England wohlverstanden und den Schutz, wo er nöthig schien, gelassen, ja sich selbst noch die Befugniß zu Retor- sionSmaßreqeln vorbehalten hat.

Der Freihandel hat noch nirgends absolut «ri« ftirt, und nicht auS Schwärmerei für sein Princip, sondern auS sorgfältiger Rücksicht auf seine Ber» hältnisse hat England gehandelt. Thuen wir veß- gleichen, handeln wir, wie eS für uns paßt, ebenen wir den Boden zuelst bei unS selbst, und räumen wir die innern Hindernisse der Betriebsamkeit, die vielen Schlagbäume und hemmenden Besteuerungen hinweg, fassen wir unsere Kräfte zusammen l Wenn wir in diesem Sinne zur Verwirklichung unserer activen teutschen Handelsfreiheit Hand anlegen, dann werden wir auch mit raschem Schritt für die freie Weltconcurrenz erstarken.

D e u t f eh l a n d.

* Wiesbaden, 21. August. Gegenstand der heutigen A)sisenverhanblung ist die Anklage gegen Alois Dumm von Rauenthal, 35 Jahre alt, Mül­ler und Taglöhner, wegen Raubes. Am 8. Mai gesellte sich Damm zu dem von Frauenstein nach Schierstein gehenden Israel. ReligionSlebrer Sala­mon Schweitzer. Als beide etwa 10 Minuten von Schierstein entfernt waren, stellte sich Dumm plötzlich vor Schweitzer und forderte ihn auf, indem er seinen Stock drohend erhob, ihm Geld unt Uhr auSzuliefern. Schweitzer gab in seiner Bestürzung dem A. Dumm einen halben Kronen- thaler und feine silberne Taschenuhr. Dumm ist schon mehrmals wegen Diebstahls bestraft und ver, büßt gegenwärtig eine wegen witberholter Landstrei­cherei gegen ibn ausgesprochene Strafe.

Den Vorsitz führt HosgerichiSraih Flach, als Ankläger fungirt Slaaisprocurator Reichmann, als Vertheidiger Procurator Dr. Geiger.

& AuS dem Herzogthum Nassau, 18. Aug. Von einer Seite her, deren confervative Gesinnung nicht in Zweifel gezogen werten kann, wird in neuester Zeit eine einheitsvollere, festere Organisa­tion des BundeSheerwesenS erstrebt, welche schon längst der Wunsch der ächt patriotischen Männer aller Parteien gewesen ist. Allerdings werten hier­mit von teil deutschen Staaten Opfer gefordert, welche man wie ein bedeutender deutscher Ossicier sich auSdrückt, wieder für groß hält, obwohl man in den letziverfloffenen Jahren noch viel größere zu bringen bereit war. DaS bisherige Uebermaß der Selbstständigkeit auch der kleinsten Staaten in der HcereSgefkygebung und Heeresverwaltung muß al­lerdings aufgrgeden werden, wenn ein deutsches Heer best-hen soll. Für solche Opfer in einem BundeSwesen findet man übrigens einen Vorgang bei Staaten, welche in dieser Hinsicht auch von den konservativsten Olficicren gepriesen werten, und welche ebenfalls sehr eifersüchtig auf ihre besondere Selbstständigkeit sind, nämlich bei den Vereinigten Staaten Nordamer«kaS und den Schweizern. Diese Opfer finden aber ihren reichlichen Lohn; denn sie e werden die sichersten Bürgschaften für Die Selbst, ftälidlgkeit und Unabbängigkeit deS Gesammivater- lautes, für den Schutz seiner wichtigsten Interessen, und für seine würdige Stellung im System der europäischen Staaten. Denn obgleich man mit Recht in den letzten Bewegungen daS deutsch« Heerwesen noch die gesundeste Seite deS BundeS- weiens genannt hat, so leidet doch die Orgaiiif-ition deS BilndeSheercS, nach dem einstimmigen Urtheil Der tüchtigsten deutschen Officiere, an sehr großen Gebrechen, welche alle daraus fließen, daß die Hee- reSgesetzgebung und Verwaltung zu zersplittert ist, und daß nicht DaS Bewußtsein eines einigen Bun- deSheereS jeden einzelnen Truppenkörper und jeden Krieger genugsam burchdiingl. DaS Ideal eines * deutschen BundeSheereS, so daß sich die Einzelstaa-