Nassauische Allgemeine Zeitung.
ISS Donnerstag den 21 August 1831.
Die Naff. Allg. Zeitung mit dem Wanderer erscheint einmal täglich mit Ausnahme des Sonntags. — Der vierteljährige PrânumecationSpreiS ist in Wiesbavèu für den Umfang des HerzogtbumS Nassau, des GroßherzogthumS und Kurfürstenthum- Hessen, der Landgraffchait Hessen-Homburg und der freien Stadt Frankfurt Ä fl., in den übrigen Ländern des fürstlich Thurn- und Tarisschen Verwaltung-gebietes L fl. IO kr. — Inserate werden die Dreispaltige Petitzeile over deren Raum mit 3 fr. berechnet. Bestellungen beliebe man in Wiesbaden in der L. Schellenberg'scheu Hof-Buchhandlung, auswärts bei den nächst gelegenen Postämtern zu machen.
Uebersicht.
Die jüngsten Revolutionsstürme.
Deutschland. Wiesbaden (Die Redaktion der Kölner Zeitung. Assisen.) — Biebr ich, Mainz u. Frankfurt (Der König von Preußen). — Karlsruhe (Der Kriegszustand. Krönlein). — Stuttgart (Wolkenbruch). — München (Der Landtag. Die Leuchtkugeln. Versammlung der Bienenwirthe. Vertrag mit Sachsen-Coburg). — AuS Thüringen (General Ravowiy). — Ber 1 in (Der Fürstencongreß in Ischl. Ministerwechsel. Der Bundestag).
— Hamburg (Die österreichischen Truppen). — Kiel (Die Dänen). — Wien (Die Reise des Kaisers nach Italien. Ansuchen der dänischen Regierung. Der Aufstand in Serbien. Vcrwarnunq der „Neuen Zeil". Die Anleihe) Ungarn. Preßburg (Truppensendung nach Italien. Ver- mischteS).
Frankreick. PjariS (Joinville'S Candidatur. Die Per- manenzcommisston. Der unterseeische Telegraph. LouiS Blanc. Vermischtes.
Großbritannien. London (Die Industrieausstellung).
Italien. Turin (Besorgniß. Die Befestigung von Eesale.
DaS Ministerium).
Neueste Nackrichten.
Die jüngsten Revolutionsstürme.
Die sturmbewegten Wellen deS ZeilensiromeS haben sich besänftigt, die trübe Flut klärt sich und gestaltet einen Blick in die Tiefe. Die Phase der für unser Vaterland so bedeutungsvollen Bewegung ist vollendet, an die Stelle deS Berichterstatters tritt nach und nach der Geschichtsschreiber und überliefert der Nachwelt, was er auf der hohen Warte der Wissenschaft über den Parteien stehend mit unge- trübten Augen an dem fertig vor ihm liegenden Stoffe wahrnimmt. Wir haben wohl eine Menge historischer Skizzen auS den bethen Jahren, unseres Wissens ist aber Dr. Georg Weber, Director der höheren Bürgerschule in Heidelberg der erste, der in seinem jüngst erschienenen Lehrbuch der Weltgeschichte an früheren Ereignissen und Ursachen an* knüpfend, den Faden der Geschichte über unsere Sturm- und Drangperiode hinaus bis auf die letzte Zeit hin leitet. Er schließt den historischen Theil seines BucheS mit einer zusammenfaffenven Betrach tung, der wir die wichtigsten Stellen entnehmen. Ob er den Parleimann von dem Geschichtsschreiber zu sondern gewußt, möge r er Leser beurtheilen.
„Zwei sturmvolle Jahre liegen hinter unS, reich an Hoffnungen und Erfahrungen, an Täuschungen und Wehen. Wie sehr man sich auch von mancher Seite bemühen mag, die „tollen" Jahre zu verun giimpfen und sie auS dem Gedächtnisse „hinauSzu- bringen", sie haben ihre Berechtigung und ihre geschichtliche Größe, und sollten die Ergebnisse der langen Kämpfe nicht der Art sein, daß sie durch ihren Erfolg, ihre guten Gaben im Andenken deS deutschen BolkeS bleiben, so werden die unzähligen Leiden und Thränen , die sie hervorgerufen, noch lange die Erinnerung daran wach erhalten. Sie waren ein gewaltiger Schlag inS öffentliche Leben, mächtig an Wirkungen und reich an Lehren, und für Deutschland der Wendepunkt unserer bisherigen Denkweise, unserer politischen Haltung. Die Lehren und Erfahrungen, die unS in diesen beiden Jahren zu Theil geworden, haben der Thätigkeit der nächsten Zukunft eine große Aufgabe gestellt. Wir wollen die Wirkungen dieser ereignißvollcn Jahre nur andeuten, um tie Ausgabe zu überschauen und die Ueberzeugung zu gewinnen, daß der bisherige Weg nicht ferner gangbar ist.
1) Die öffentliche Meinung, früher von so gro ßer Bedeutung, ist vernichtet, und muß sich von Neuem auS den Ruinen emporbilden. Der VolkS- geist ist gebrochen, die alte Parteistellung erschüttert und verrückt, das öffentliche Leben geknickt und ziellos. Der alte Liberalismus hat sich aüfgelöst in eine democratisch-republicamsche Partei, die gestützt auf die leidenschaftliche Masse, den Umsturz der be* si-Kepden staatlichen Ordnung bezweckt, um für einen Zustand republikanischer Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit den Boden zu ebnen, und in eine konstitutionelle oder liberal-conservatwe Partei, Die in her Umgestaltung deS losen deutschen Staatenbun-
deS zu einem einheitlichen Bundesstaat mit starker Ercculivgcwalt und einem durch Gesetze geordneten freien StaaiSleben im Ganzen wie im Einzelnen das Ziel ihres Strebens erblickt. Aber verlassen und gehaßt von dem verführten Volke, daS sonst auf ihre Worte gelauscht, haben die letztern vor der Hand ihre Stütze verloren, die ihren Bestrebungen Nachdruck verleihen könnte. Wie verfolgte Flüchtlinge mußten sie sich unter den Schutz der wieder erstarkieu Regierungen stellen und mit ihren frühern Gegnern gemeinsame Sachen machen; aber diese wandten ihnen nunmehr schakensroh den Rücken; man hatte sie beim Andrang deS FemkeS als Schild vorangestellt und dadurch die Angriffe von sich auf jene gelenkt; jetzt waren sie abgenutzt und du ch- löchert und konnten ohne Gefahr beseitigt werden. Da man sie beschuldigte, den Siurm heraufdcschwo- ren zu haben, so glaubte man ihnen keinen Dank schuldig zu sein, daß sie hie und da die schäumenden Wogen aufgehalten.
Die Partei der Altkonservativen und Aristokraten, die sich in den Tagen der Bewegung zurück gezogen und verborgen hatten, kamen nach der Niederwerfung der Revolution wieder zum Vorschein, um bei dem Werke der Raction Dienste zu leisten. Möge man nicht Ursache haben von ihnen mit eben so viel Recht wie einst von den Bourbonen und der heimgekehrten Emigration sagen zu müssen: „Sie haben nichts gelernt und nichts (oder sehr Vieles) vergessen"!
2) ES sind Gebrechen und Schäden der bürgerlichen Gesellschaft und der Volksbildung zu Tage gekommen, von denen man vorher keine Ahnung hatte. Materielle Noch, sittliche Verwilderung, get füge Unreife, traten in lhrer ganzen Blöße hervor, und schreien um Abhülse. Die Kirche zieht deßhalb zu inneren Missionen auS, die Schulen sollen zweckmäßiger eingerichtet werden, daS GewerdSwesen fordert Beachtung und Pflege. Dabei thut vor Allem Noth, daß das Gemeindeleben geweckt, die Armenpflege besser bestellt und die lose Verbindung der einzelnen Gemeindeglicver unter einander fester geknüpft werde. Die wohlhabenden Bürger dürfen sich nicht im Vertrauen auf die Fürsorge der Behörden einer ruhigen Bequemlichkeit hingeben und die Regierungen nicht dem Wahne huldigen, die Einsetzung eines neuen „Rä'hchenS" in die StaatS- Maschine genüge, um die Gebrechen der Zeit, die Wunden des Volks zu heilen. DaS schreibleligt Rescriptcnregimcnt der vormärzlichen Tage hat die stürmischen Bewegungen mehr gefördert als die Leidenschaft und der Unverstand der Demagogen. Anderseits behält aber auch der AuSspruch seine volle Geltung; daß seine politische oder sociale Einrich- tung ächleö VolkSglück begründen könne, wenn nicht zuvor im Volke selbst eine tiefere Sittlichkeit; ein regerer Sinn für bürgerliche und häusliche Tugend und ein wärmeres Pflichtgefühl einkehrt.
3) DaS Volk hat die bittere Erfahrung gemacht, daß alle in der Noth gewährten Zugeständnisse und Verheißungen nur so lange in Kraft blei- den, als die Verhältnisse die Regierungen zur Treue und zum Festhalten zwingen. Die Vorsehung hat die Leitung und Gestaltung der Dinge abermals in Deren Hände gegeben; die Nation müde und nach Beendigung der Krisis sich sehnend , würde sich mit einem geringen Maß politischer „Errungenschaften" begnügen, würde mit Dank auch eine minder reichliche Gabe von Freiheit und Volksrechten hinnehmen. Wird aber Alles versagt und kehren wir wieder im Ganzen und Großen zu frühern losen Zuständen zurück, so wird die Zukunst lehren, ob die demokratische Macht, die jetzt zerschmettert zu Boden liegt, auch wirklich besiegt und überwunden ist.
4) An Deutschlands Ostgrenze lauert ein mächtiger Feind, der unsere Freiheit und geistige Bildung gefährdet und im Westen ist eine dämonische Macht gelagert, die unserer Sittlichkeit und Civilisation ein weites Grab zu bereiten droht. Wir müssen also auf unserer Hut sein, daß nicht unsere edelsten Güter einer geistigen oder sittlichen Barbarei erliegen. — Werden diese Aufgaben in der nächsten Zeit befriedigend gelöst, so waren die zwei ereignißvollen Jahre, die alle Schäden zu Tage gebracht, trotz ihrer Stürme und Wehen nicht ohne segensreiche Folgen. Sie bilden ein frisches Blatt in der Geschichte einer langen thatenarmen Zeit;
daS bewegte Volksleben mit feiner Oeffentlichkeit seiner lauten Lust und Begeisterung verlieh ihnen den Charakter der Jugendlichkeit im Gegensatz zu dem rede- und schreibseligeu Greiftnalter der früheren Jahre ; und wenn wir auch den Schlamm, den die fremden Wogen über unsere Erde ge'pieli, auS der Erinerung vertilgen mögen — der innere Kern, der allen Bewegungen zu Grunde lag — Deuiich« landS Freiheit, Größe und Einheit wird stetS in Ehren bleiben.
Deutschland.
* Wiesbaden, 19. August. Die Redaction der Köln. Zlg. hat mit dem Artikel in Nr. 197 dd. Köln 16. August durchaus nicht den billigen Anforderungen entsprochen, welche die N. A. Z. in Folge deS in Nr. 19l berKöln.J. gegen sie gerichteten Angriffs zu stellen, in vollem Rechte war. Die Redaction der Köln. Z. thut dergleichen, als erwiese sie unS durch eine auch nur theilweise Aufnahme unserer Entgegnung eine Gunst, während eS sich um eine Pflicht handelte, die sie zu erfüllen hatte, und die nicht halb gethan werden kann.
Wir haben der Redaction der Köln. Zlg. nie unsere Entgegnung enthaltende Nummer der N, A.Z. zugeseiidkt, und darin die w e s e n t l i ch st e n Stellen bezeichnet, die wir ausgenommen wissen wollten, und dennoch erlaubt sich die K. Z. unter dem Vorwand, I Die so gekürzte Erklärung sei zu lang, uns in unserer Vertheidigung zu beschränken, dieselbe nach Gutdünken selbst zu führen, unsere Entgegnung durch Hinweglassung deS Nothwendigsten zu entstellen und nicht genug an dem, in demselben Artikel , der unsere Vertheidigung enthalten soll, eine Polemik gegen unS in einem Ton zu eröffnen, den wir als gänzlich unanständig und unpassend rügen müssen.
So war in unserer Entgegnung hervorgehoben, daß der fragliche Artikel, welcher den Angriff in Nr. 191 der Köln. Z. gegen und hervorrief in Nr. 111 Dee N. A. Z. vom 13. Mai also vor einem Vierteljahr erschienen war, daß eS also dem CorreSpondenlen weniger um die ganze Angelegenheit alS darum zu thun war, die Schmähungen über Die Haltung und Tendenz unseres Blattes anzubringen, eine Anmuthung, auf welche die Köln. Z. trotz ihrem Mangel an Raum auf daS bereitwilligste einging.
Wir haben dort ferner dargethan, daß der fragliche Artikel nicht gegen Diesterweg, sondern nur gegen die Redaction des „Allgemeinen Nassauischen Schulblattes" gerichtet, daß Der Artikel ganz mäßig gehalten war, und daß eS daher eine Unwahrheit sei, wenn behauptet wird, Die „Nass. AUgem. Zeitung" habe wiederholt oder überhaupt Schmähartikel gegen den höchst verdienten Pädagogen gebracht.
Die'e Umstände anzuführen, hielt die Redaction der Köln. Z. für überflüssig, dagegen finket dieselbe, daß wir unS wegen Der Unrichtigkeit einer über Diesterweg gemachten Mittheilung entschuldigen. DaS ist nicht Der Fall und war auch nicht unsere Absicht. Der Beweis, daß man ohne Schuld sei, ist deßhalb noch keine Entichuldigung in Dem Sinne, wie die Redaction der Köln. Z. eS meint.
Daß dieselbe nicht wiedergab, waS wir von einem Correspondenten hallen, der unter dem Deck, waniel der Anonymität solche ungerechtfertigte An, griffe auf unser Blatt sich erlaubt, darüber wollen wir unS hlnaussetzkn, indem diese Bemerkungen schon durch unser Blatt an die richtige Adresse gelangt sind. Wir haben eS jetzt nur noch mit der Redaction Der Köln. Z. zu thun, der unser einfaches Nein nicht eben so viel gilt, als daS einfache Ja ihres „geehrten" Correspondenten, die, trotzdem, daß sie unser Blatt nicht näher zu kennen behaupte», dennoch „bei ihrer hinlänglichen Kenntniß der Art, Wege und Zille anderweiler (!) Anschwärzer (!) deS höchst verdienten Pädagogen" daS Urtheil ihres Correspondenten für gegründet hält und zu dem ihrigen macht. Wir können Die Redaction der Köln. Ztg. nicht hindern, eine auch noch so ungünstige Meinung über unser Blatt zu hegen, wenn sie e® aber wagt, eine solche an Szufprechen, ohne bessere Gründe als Die angeführten dafür zu haben, oder Beweise für ihre Behauptung beizubringen,