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Mittwoch den 20 August
1831»
Die Nass. Allg. Zeitung mit dem Wanderer erscheint einmal täglich mit Ausnahme de« Sonntags. — Der vierteljährige Prânumecationspreis ist in WieSbaven für den Umfang des HerzogtbumS Nassau, des GroßherzogthumS und Kurfürstenthums Hessen, der Landgrafschast Hessen-Homburg und der freien Stadl Frankfurt S fl., in den übrigen Ländern des fürstlich Thurn- und TariSschen DerwaltungSgebieteS ® f(. 1O tr. — Inserate werden die dreispaltige Petitzeile oder deren Raum mit 3 fr. berechnet. Bestellungen beliebe ma« in Wiesbaden in der L. Schellenberg'schen Hof-Buchhandlung, auswärts bei den nächst gelegenen Postämtern zu machen.
Uebersicht.
Der Aufstand in der Havanna.
Deutschland. Wiesbaden (Assisen. Dr. Kothe). — Vom Rhein (Feuerlöschanstalten). — Vom Abhang deS WesterwaldeS (Die Mâßigkettsvereine). — Von der Lahn (Erzherzog Stephan). — Frankfurt (Der Bundestag). — Karlsruhe (Die Bahn nach OoS). — Sasel (Verurtheilungen). — Stuttgart (Der Proceß Becher). — München (Der Bergsturz). — Arolsen (DaS neue Wahlgesetz). — AuS Thüringen (Bauern- tumult). — Hannover (Erzherzog Albrecht, v. Manteuffel).
— Berlin (Der Provinziallandtag. Schutzmannschaften.
Die nordische Union. Swinemünde. Die dänisch-deutsche Grenze). — Breslau (Die deutschen Flüchtlinge). — Wien (Die „Presse". WarrenS ausgewiesen. Die Anleihe. Vermischtes).
Schweiz. Bern (Die neuen Zollsätze).
Frankreich. PjartS (Berrher's Politik. Odilon Barrot. Vermischtes).
Großbritannien. London (Sir John Franklin)
Italien. Mailand (Waffenverheimlichung). — Genua (Der Handelsvertrag mit Oesterreich). — Rom (Verhaftung eines Emmissärs).
Neueste Nachrichten.
Der Aufstand in der Havanna
Ueber den Ausstand in der Havannah berichtet die New Aörkcr Tribune vom 30. Juli folgendes:
Am 4, Juli erschien ein Manifest der Revo- lutionSpartei, von ihren Führern Aquera Estrada und Pinta unterzeichnet, worin der Beweis geführt wurde, daß Cuba sich von Spanien loSreißen müsse. Von diesem Augenblicke an begann der offene Kampf. Schon am 3. Juli war eS zu einem Scharmützel gekommen, bei welchem die Insurgenten mehre Waffen und einen ihrer Führer, NameuS Sanchez, verloren. Am 4. Juli stellten sie 200 Mann gegen 300 von den Königlichen Truppen (darunter 100 LancierS). Bei diesem Treffen verloren die Spanier 21 Todte, darunter den Hauptmann, hatten überdies 18 Blessirte und wurden zum Rückzüge genöthigt, während der Verlust auf Seiten der Cuboner unbeträchtlich war. Bei dieser Gelegenheit, heißt »S, gingen 12 spanische Soldaten zur revolutionären Fahne über, und eS läßt sich denken, daß die Sieger an Kraft, materiell sowohl als mo ralisch gewannen. In wenigen Tagen zählten sie fünf verschiedene GuerillaScorpS zu je 200 Mann ; die spanischen Truppen waren zu schwach, um sich in ihren früheren Stellungen zu behaupten, und der Gouverneur sandte Depeschen nach Havanna um Verstärkung von 2000 Mann. Der „Neuyork- Herold" weiß noch viel mehr zu erzählen. Diesem Blatte zufolge ist die Revolution auf der Insel allgemein, eben so die Desertion der spanischen Soldaten; 300 von ihnen, unter dem Commanko des Generals Conti, seien von den Insurgenten gefangen worden.
Noch spätere Nachrichten brachte der Dampfer Isabella von Havana nach Charleston, sie reichen bis zum 22. Juli. Zu Havana hieß eS, daß dr.i Compagnien vom Regiment Cantabria die Waffen gestreckt und zu den Insurgenten übergetreten seien. Ferner bei TunaS hätten die Spanier auf der Verfolgung der Insurgenten einen Verlust von 2 biS 300 Mann erlitten; ein Theil davon sei aber durch daS Sinken einer Fähre umgekommen. Nach einem Berichte deS Sekretariats deS KriegSdepartementS zu Havanna haben die Insurgenten am 4. Juli verloren, und zwar an Todten 5 Mann, ferner 14 Pferde, 11 Sättel, 18 Gewehre, 6 Pistolen, 11 Säbel und 15 Dolche, auch eine kleine Feldapotheke; sie halten sich hierauf in undurchdringliches Dickicht zurückgezogen. Ferner habe man am 16. Juli zwanzig Mann Rebellen gelangen. Nach weiteren Privatbriefen, welche die Isabella brachte, sind die Aufständischen 5000 Mann stark, und die Regie- rungSlruppcn haben in verschiedenen Scharmützeln namhafte Verluste erlitten. In einem Gefechte bei Nue- bitaS seien 9 span. Offiziere in Gefangenschaft gerathen, darunter Oberst Conti. Der Nederrest seiner Truppen habe sich an Bord eines Dampfers gerettet. 1000 Insurgenten hätten sich NuevitaS bemächtigt. SS seien 2000 Mann Truppen gegen sie ausgesandt
worden. In Havanna lagen nur wenige Kriegsschiffe, die übrigen waren mit Truppen nach Puerto Principi abgegangen. Oberst Conll's Regiment soll vernichtet sein; 300 gelobtet , die klebrigen von den Cubanern gefangen. Ein Regiment/der Garnison zu Havanna ist wegen Spuren von Unzufriedenheit verlegt worden. .Versiegelte Correspondenzen sind verboten.
Diese Nachrichten von den aufständischen Bewegungen auf Cuba, leiden, wie ein Leitartikel der „Const. 3-" sich vernehmen läßt, an einem Fehler, welcher der transatlantischen Presse vorzugsweise geläufig ist, nämlich an einer großen Uebertreibung. Tausende von „Patrioten" stehen unter den Waffen, den spanischen Truppen wird Niederlage auf Niederlage belgebracht, Hunderte von Soldaten ertrinken auf der Flucht, andere Hunderte gehen zu den Aufständischen über — daS Alles lautet wie ein russisches Sieg-SbüÜetin aus dem Kaukasus und ist ungefähr ebenso glaubwürtig. DaS genannte Blatt fährt fort:
Es ist nicht zweifelhaft, daß auf Cuba eine große Unzufriedenheit mit der bestehenden Ordnung der Dinge obwaltet, welche abgesehen von allen andern Uebelständen und Lasten deS Colonialsystems, den Spanier als solchen zum gebornen Aristokraten stempelt, und den Creolen zu einer Art bürgerlichen HelotenthumS verdammt. Aemter und Einfluß jeder Art gebühren von Rechtswegen den Leuten, welche aus dem Mutterlande nach Cuba geschickt werden, oder auf eigene Hand hinübergehen, um dort ihr Glück zu machen; die auf Cuba geborenen Söhne der Spanier dagegen bringen eine gewisse Beschol- tenheit mit sich auf die Welt, vermöge deren sie zu jeder bürgerlichen Rolle in ihrem GeburtSlande unfähig sind. Die Nachbarschaft der unabhängigen Staaten deS Festlandes von America trägt natürlich daS ihrige dazu bei, den Cubanern die spanische Herrschaft immer verhaßter zu machen, und es ist nicht zweifelhaft, daß jede von Nordamerika ausgehende Unternehmung, welche sich den Sturz des Regimentes der Spanier zum Zwecke macht, die lebhaftesten Sympathien bei der kreolischen Bevölkerung finden wird.
Ein selbstständiger Befreiungsversuch der Creo- len aber gehört zu den unwahrscheinlichen und jedenfalls zu den hoffnungslosesten Dingen. Eine Handvoll jugendlicher Brauseköpfe mag die Fahne der Unabhängigkeit aufpflanzen, aber einen massenhaften Volksaufstand wird man ohne mächtige fremde Hilfe, schwerlich jemals zu Stande bringen. Die Cubaner sind ein durch Reichthum, LuruS und Unlhäiigkeit entnervtes, durchaus unkriegerisches Volk, unendlich verschieden von den Bewohnern der Pampas und der Hochebenen des Festlandes, welche doch auch ihrerseits den Spaniern bei Weitem nicht ebenbürtig waren und ihre Unabhängigkeit zuletzt nur der unermeßlichen Ueberzahl verdankten.
Die Spanier haben auf Cuba eine Besatzung von 25,000 bis 30,000 Mann ihrer besten Truppen, eine Streitkraft, die vollkommen hinreichend ist, um eine Bevölkerung von 8 bis 900,000 Creolen in Unterwürfigkeit zu halten. Um zu glauben, baß die spanischen Truppen für die Sache deS Aufstandes gewonnen werden könnten, muß man sehr unrichtige Vorstellungen von der Macht deS National- geisteS haben, welcher selbst den schlechtesten spanischen Soldaten beseelt, und von dem Gefühle der europäischen Ueberlegenheit, mit welchem er auf Die Creolen hinabblickt.
Angenommen indessen, daß Spanien seine Herrschaft auf Cuba durch eine allgemeine Bewegung der Creolen ernstlich bedroht sähe, würde eS schwerlich vor Dem äußersten Mittel zurückfchrecken, welches ihm übrig bliebe, um dieselbe zu behaupten. Mehr alS eine halbe Million Sclaven stehen jeden Augenblick zur Verfügung der spanischen Staatsgewalt — eine HülfSmannschaft, die nur einen einzigen Augenblick in Bewegung gesetzt zu werben braucht, um jeden Creolenaufstand nicht nur zu brechen, sondern auch unmöglich zu machen für ewige Zeiten.
Daß Spanien im äußersten Falle zu diesem Mittel greifen werde, halten wir für unzweifelhaft. Wenn England sich nicht scheute, die Rothhäute deS Westens als Bundesgenossen zu gebrauchen gegen seine aufständischen Provinzen, die eS im Grunde zwar recht gut entbehren konnte, so wird Spanien, dessen überseeische Politik von jeher die rücksichtsloseste war in der Welt, so wird Spanien, sagen
wir, sicherlich nicht anstehen, im Nothfall die afrikanische Race loszulassen gegen seine westindischen Stiefkinder. Der Besitz von Cuba ist nämlich für Spanien nicht viel weniger als eine Bedingung der ökonomischen Eristenz. Von den zwölf Millionen Piastern, welche Cuba jährlich aufbringt, fließen vier Millionen baar in Den Schatz deS Mutterlandes ; der neunte oder zehnte Theil der gesummten Einnahme des StaateS. Wie oft die Einkünfte von Cuba, welche in den schwierigsten Zeiten immer regelmäßig einliefen, Die in gewissen Zeiten fast die einzige zuverlässige Hilfsquelle deS StaateS bildeten, wie oft jene vier Millionen Spanien aus den äußersten Verlegenheiten gerettet, das ist schwer zu zählen. Wenn die hartherzigen Finanzmänner von Paris und London um keinen noch so großen Wu- cherzinS mehr Geld berieten wollten, so bot man ihnen entweder die Quecksildergruben von Almaden oder die Zollertrâgniffe von Cuba zum Unterpfande an, und sofort erheiterten sich Die finsteren Mienen und öffneten sich die eisernen Schränke mit größter Bereitwilligkeit.
Diesen unfreiwilligen Helfer in Der Noth, Spanien wird ihn festhalten um jeden Preis. Ganz Cuba wiid ein Schlachthaus und eine Brandstätte werden, ehe Spanien die letzten Besitzungen aufgibt. WaS uns betrifft, so haben wir zwar wenig 3n- teresse für Die despotische Herrschaft Spaniens auf Cuba, aber noch weniger Interesse für die Sache der kubanischen Unabhängigkeit. Denn mit dieser Unabhängigkeit würde die Sclaverei auf Cuba verewigt sein, so weil eS menschlicher Bosheit gegeben ist, ihre Werke zu verewigen.
Deutschland.
* Wiesbaden, 19. Aug. Die gestrige Assisen- verhandlung endete mit Verurtheilung deS Andreas Belz zu 3 Jahren Zuchthaus, deS Jac. Schmutzler zu 2 Monaten CorreciionShauS, deS Adam Jos. Forst unddeS Joh.Jos. Betzel zu 3 Wochen Gefängniß.
* Wiesbaden, 19. August. Gegenstand der heutigen Verhandlung ist die Anklage gegen Georg Philipp DeiSner von Grönberg, 33 Jahre alt, Bürstenbinder; Leonhard Nicolai von Stierstadt, 35 Jahre alt, ebenfalls Bürstenbinder, und Jacob Maibach von Stierstavt, Schmidt von Gewerbe. Phil. DeiSner ist defchuldigt, in der Rechtssache der Wittwe deS Gottl. Mailand Dorothea geb. Hahn zu Frankfurt gegen Jacob Maibach wegen einer Forderung von 82 fl. 15 kr. am 30. November 1850 bei dem Herzog!. Justizamte zu Königstein nach erfolgter Vereidigung als Zeuge wider besseres Wissen falsch angegeben zu haben, er sei am dritten Pfingsttage deS JahreS 1849 in Gesellschaft deS Leonhard Nicolai von Stierstakt in der Wohnung deS Emanuel Hahn zu Frankfurt a. M. gewesen und habe gesehen, wie Jacob Maibach dem Letzteren eine Zahlung von 80 fl. geleistet und darüber von diesem eine Quittung empfangen habe..
Leonhard N ico la i und Jac. Mai bach sind an# geklagt, den Georg Philipp DeiSner von Grönberg zu dem oben näher bezeichneten falschen eidlichen Zeugnisse vorsätzlich bestimmt zu haben ; Jacob Maibach insbesondere noch beschuldigt, daß er versucht habe, den Leonhard Nicolai zur Ablegung gleichen falschen eidlichen Zeugnisses zu verleiten.
DeiSner wird als ein unreligiöser, gewissenloser, lüderlicher Mensch geschildert
Die Verhandlung leitet Assisenvicepräsidcnt Trepka, alS Ankläger fungirt StaatSprocurator- Substitut Flach, als Vertheidiger Procurator v. Schütz und Procurator Geiger.
88 Wiesbaden, 17. August. Herr Dr. Kothe, über dessen außerordentliche Leistungen in der Gedächtnißkunst schon viele deutsche Blätter Lobende- berichtet haben, hat auch hier bei feinem gestrigen öffentlichen Vortrage über Mnemonik sowohl durch seinen schönen Vortrag, als auch die Proben feinet wirklich enormen Gedächtnisses überrascht.