München, 30. Juli. Der neue von den De- vollmâchtigten der ZvllvereinSstaaien in Wiesbaden zu Stande gebrachte und von den betreffenden Regierungen nunmehr ratificirte „BereinStarif" wird demnächst publicirt werden und mit dem 1. October l. 2. in Kaast treten.
Z. A. Berlin, 31. Juli. Es herrscht hier in der Residenz der preußischen Monarchie vollkommene Stille. AlleS ist auf Reisen, der König, die Prin zen, die Minister, mit Inbegriff des Ministerpräsidenten, die Diplomaten, die Professoren, und wer sollte nun etwas schaffe»? Auch der Polizeipräsident Hinkeldey ist nicht hier, überall Ferien. WaS kann man also anders thun, als Krolls Sommergarten zu besuchen, oder bei Sommer die Gungl'sche Kapelle zu hören, oder im Tivoli daS Feuerwerk abbrennen zu sehen, oder in Schauspiel« und Opernhaus, im Friedrich-Wilhelm Städtischen Theater, und wo sonst noch Opern, BalletS, Lustspiele, Possen zu genießen? Wer lieSt noch Zeitungen, Ablerzeitung, Kreuzzeiiung, Wehrzeitung, Nativnalzeitung, und wie sie alle heißen, von denen die einen nichts wissen, die andern nichts wissen wollen, wenn man so viele Genüsse haben kann und so viele Sehenswürdigkeiten, ja sogar eine Sonnenfinsterniß , die anstatt des kostspieligen Sonnenaufgangs in den Propheten eingelegt werden soll? Die Astronomen allein sind noch zu respectiren, sie lügen nicht, sondern die Sonnenfinsterniß tritt ein, wenn sie dieselbe anzeigen. Wie wär' es, wenn Deutschlands Interesse einmal einer Astronomen^ Versammlung übertragen würden? Solche Männer sind gewohnt, scharf zu beobachten, mit bewaffneten Augen und stets mobilen Instrumenten. Doch wir scherzen nicht. Es scheint unS thöricht, so viel Po- litis zu treiben, da doch nichts dabei herauskommt. Genießen wir einstweilen die Genüsse, die wir haben; sollen wir materiell werden, und den geistigen Interessen ein Valet sagen, so wollen wir eS auch gründlich thun. Wie sich der hochgepriesene, christliche Gesichtspunct mit diesem Uebergewichte des Materialismus verbinden lasse, wissen wir nicht, dieses Geheimniß werden die Kreuzritter lösen.
Im August erblicken auch wir unsern König, der sich heiter und wohl fühlt, und der dann von Mainz über Frankfurt nach Darmstadt reisen wird. ES ist eigenthümlicher Zufall, daß der edle Herrscher auS dem Hause Hohenzollern nun auf der Stammburg die Huldigung erhält und daß ihm schon jetzt daS Land wieder zufällt , welches die Ahnen vor lange besaßen.
Die „neuen Gespräche" des Generals von Ra- dowitz haben natürlich viel von sich sprechen lassen: man bewundert die Meisterhafiigkeil der Form, die Fülle der Ansichten, allein eine vollkommene politi- sche Rechtfertigung der letzten Politik findet sich nicht darin, weil der Verfasser sie nicht geben konnte. Dazu sind alle Personen und Zustände noch allzu neu und frisch. Radowitz ist kein Mann deS Materialismus, allein wir sollen ja demselben nachhängen , da wir nur beschränkten Unterthanen»?» stand haben, und eben deßhalb richtet Radowitz mit dieser Schrift noch weniger auS, als mit seinen früheren. Er führt uns den Schlachtruf der Cala- lonier an: „Eisen erwache"! Dieser Ruf allein ist eS, welcher entscheiden wird: kein Buch und fein Edict. Elihu Burritt wird freilich darüber trauern, aber der Oelzweig und die Taube kamen auch erst nach der Sündfluth.
Berlin, 1. August. Die L. C. schreibt: ES wird in der deutschen Presse vielfach den P^ot^sten Englands und Frankreichs gegen den Gefammlein- tritt Oesterreichs in den deutschen Bund eine viel zu geringe Bedeutung beigelegt. Wenn schon alle deutsche Regierungen sich dahin ausgesprochen, daß der Gesammteintritt Oesterreichs eine rein innere Frage sei, so sind damit jene Proteste nicht gebo. den. Die englische Regierung zumal hält ihren Protest mit großer Entschiedenheit aufrecht; eS sind dieSfallS dem Wiener Cabinet sehr bestimmte Erklärungen abgegeben worden, von denen man sicher nicht so leicht abgehen wird. Die österreichische R» gicrung zögert um deßhalb auch noch mit der energischen Betreibung des GesammteintrittS, und sie dürfte in dieser Angelegenheit schwerlich eher mit Entschiedenheit vorgehen, bevor sie sich nicht der präcisesten Zustimmung deS russischen CabinetS bei allen ihren Schritten in der Frage des GesammteintrittS vergewissert hat. Die russische Regierung hat sich bisher diese Frage gewissermaßen offen gehalten, und eS möchte nicht ohne Schwierigkeit bleiben, sie zu dem Anerkenntniß zu vermögen, daß die GesammteintrittSfrage eine innere Angelegenheit deS Bundes sei. Das russische Cabinet hat, trotz dem man im Publicum glaubt, daß dasselbe bereits zur Zeit der Warschauer und Olmützer Conferenzen sich zustimmend geäußert habe, bisher bindende Erklärungen vermieden.
ES ist in Zeitungen mehrfach die Rede von einer bevorstehenden Zusammenkunft Sr. Maj. deS Königs und deS Kaisers von Oesterreich auf österreichischem Gebiet. Hier ist in unterrichteten Kreisen nichts davon bekannt, daß Verabredungen zu einer solchen Zusammenkunft getroffen wären, ebenso
wenig wird zugestanden, waS ebenfalls von mehreren Zeitungen berichtet wurde, daß eine Zusammenkunft unseres Königs mit dem Könige von Würtemberg bei Gelegenheit der Reise nach Hohenzollern bevorstehe. — Ein Wechsel in dem Oberkommando der in Nordbeuischland befindlichen österreichischen Truppen soll demnächst bevorstehen. Dem Vernehmen nach soll Erzherzog Albrecht den Oberbefehl übernehmen. Von einer weiteren Ausbreitung der österreichischen Truppen im Norden Deutschlands, einer Besetzung Bremens z. B. , ist hier durchaus nichts bekannt. Die „Nat. Ztg." berichtet: „Die Verhandlungen wegen Wiederanknüpfung der diplomatischen Verbindungen zwischen den Höfen von Stuttgart und Berlin sollen neuerdings wieder inS Stocken gerathen sein, und die gänzliche Ausgleichung noch in weiter Ferne liegen". Hierzu bemerkt die „N. Pr. Z.", daß Verhandlungen in die, ser Hinsicht noch gar nicht gepflogen sind, daß durch die Anwesenheit Sr. kgl. Hoheit des Kronprinzen am Hoflager zu Potsdam und bad durch Höchst- denselben Sr. Maj. dem Könige überreichte eigenhändige Schreiben Sr. Maj. deS Königs von Würtemberg zuverlässig die Beziehungen zwischen beiden Höfen sich freundlicher gestaltet haben, und daß diese freundlicheren Beziehungen in letzter Zeit durchaus nicht gestört worden sind.
Der König hat auf seiner Reise nach den letzten Nachrichten am 29. Juli Morgens Danzig verlassen, war über Dirschau und Marienburg um 6 Uhr in Elbing eingetroffen , hatte sich aber nach Besichtigung deS Militärs sogleich weiter nach Schlobitten, dem zum Nachtquartier bestimmten Orte begeben.
Ueber die in den westlichen Provinzen totale Sonnenfinsterniß wird der P. Z. aus Dirschau geschrieben: Die Beobachtung deS Anfanges der Sonnenfinsterniß wurde durch Gewölk verhindert, bald aber klärte sich von Hela und Danzig her der Himmel auf, und als die Sonne mehr als halb verdunkelt war, wurde sie völlig frei. Nach vorher völliger Stille erhob sich kurz vor demVerschwinden des letzten Lichtfunkens der kalte Finsternißwind, und man sah von Nordosten in der Atmosphäre den schwarzen Schatten deS Mondes nahen. Mit dem Erlöschen deS letzten Sonnenstrahls wurde eS durchaus dunkel wie in der Nacht, und eine große An- zahl von Sternen wurde sichtbar. Namentlich sah man Venus, Merkur, ReguluS, Spica, Jupiter und Vega. Gleichzeitig erschien urplötzlich die herrlichste Lichtkrone um »den Mond , an welchem selbst man durch daS Fernrohr mehrere röthliche Hervorragungen, wahrscheinlich die im Morgenroth strahlenden Gipfel von Gletschern bemerkte. Die totale Finsterniß dauerte über 3 Minuten. Referent befand sich in einem großen Kreise von Beobachtern auf einer freien Anhöhe. Die Plötzlich eintretende Nacht machte auf Alle, obgleich Jeder darauf vorbereitet war, einen überraschenden und mächtigen Erndruck. Ein Gefühl der Bangigkeit bemächtigte sich namentlich der Kinder, welche sich ängstlich an die Eltern drängten, ein achtjähriges Mädchen fragte, ob jetzt ein Erdbeben erfolgen werde. Jeder fühlte das Seltene des langerwartc« ten Moments, der leider kurz war, alle Erscheinungen einzeln zu beobachten und gleichzeitig den Eindruck des Ganzen zu empfangen. Und doch wurde der erste Lichtfunke von Allen mit einen AuSdrucke der Freude begrüßt. VenuS blieb noch 11 Minuten nach dem Aufhören der totalen Finsterniß sichtbar. Während der zweiten Hälfte der Finsterniß wuree die Sonne durch keine Wolken getrübt. Eine Gruppe von Sonnenflecken in der Gegend, in welcher der Mons eingetreten war, und ein größerer langer Fleck nahe an der Stelle des Austritts waren durch daS Fernrohr deutlich sichtbar.
Die Voß'fche Zeitung sagt: Die Kosten der bairischen Erecutiou in Kurhessen , die bis zum 31, Jan. 1,400,000 Fl. betragen sollten, werden sich bis zu Ende dieses MonatS dem Vernehmen nach ungefähr auf 3,500,000 Fl. belaufen. Die Voß'fche Zeitung erklärt zugleich die Angabe für einen Irrthum, daß der Bund die Kosten vorschußweise an: Bai.rn vergüten, und sich dafür von lctztcrm die Foderung an Kurhessen ceoiren lassen werde; vermuthlich werde daS kurhessische Volk die Kosten der Ereeution in jährlichen Raten nachzuzahlen haben.
Berlin, 2. August. Nach einer Andeutung der „V. Z." scheint eS, daß der Bundestag trotz seiner gehäuften Geschäfte Zeit finden wird, sich mit der Cocardenfrage, über deren Dringlichkeit die Stimmen allerdings getheilt sein dürften, zu beschäftigen ; man soll nämlich in Frankfurt darauf hingewiesen haben, daß das Tragen von Cocarven und anderen Farben, als jenen des Landes, denen der resp. Träger angehört, schon längst (durch Bundesbeschluß vom 2. Juli 1832) untersagt sei, und beabsichtigen, auf diesen Bundeöbeschluß, der sich je nach Bedürfniß auch weiter als auf die militärischen Kreise auSbehnen ließe, zurückzukommen.
Kiel, 30. Juli. (B-H.) Der Schooner „Elbe" ist heute Morgens von den BundeScommissaren an die Dänen abgeliefert, hat die dänische Flagge aufgezogen und segelt heute Abend fort. „Hekla" wird,
dem Vernehmen nach, morgen Nachmittag unseren Hafen verlassen. DaS Dampfschiff „Kiel" wird morgen dem dänischen Capitainu Sommer überliefert. —
Wien , 30. Juli. Der seit 1849 anhängige politische Proceß gegen Josipovitsch und BoniS soll kürzlich zu Ende geführt worden sein, und daS gefällte Urtheil auf „Tob durch den Strang" lauten. Obgleich nun berr Antheil dieser Individuen an der magyarischen Revolution ein notorisch wesentlicher war, so glaubt man doch, die Gnade deS Monarchen werde beiden Sträflingen daS Leben schenken. Auch die Frage wegen der Jnternirung KossuthS scheint fortan eine mildere Auffassung zu erhalten. Man verlangt zwar für künftighin die pünkiliche Erfüllung der bisherigen Stipulationen, dürfte jedoch seiner Zeit hierbei Modifikationen eintreten lassen, welche sich für die Verantwortlichkeit der'":türkischen Regierung alS erwünscht darstellen. — Der kaiserl. königliche Geschäftsträger zu Athen, Graf Ingelheim, wird heute hier erwartet, um einer fernern Bestimmung entgegen zu gehen.
Vorgestern Morgen fand man den Arzt deS Wiener allgemeinen Krankenhauses, Dr. Reyer, todt auf feiner Stube; eine Blase mit Chloroform war mittelst Heftpflasters an fein Gesicht geheftet. Der Selbstmörder, am Beginne deS schwarzen Staars leidend, hatte kurz vor dieser Katastrophe eine weitläufige Dissertation mit seinen College» über die „leichteste Sterbeweise" gehalten.
Triest, 31. Juli. Der Erzherzog Ferdinand Mar hat gestern auf der Fregatte Novara seine Seereise angetreten.
F r S rz k L e i ch.
PariS, 31. Juli. Die neuliche Nachricht der „Assemblee Nationale", daß Cavaignac förmlich von der Candidatur zur Präsidentschaft im Jahre 1852 zurückgetreten sei und Carnot vorgeschlagen habe, bezeichnet man der Köln Ztg. als unrichtig. Dagegen sei unter den Mitgliedern der Linken sehr stark davon die Rede, alle Fraktionen der republikanischen und wo möglich sogar den TierSparli zu einem Congreß aufzufordern , um einen Präsivent- schaftS - Candidaten aussindig zu machen, der durch streng konstitutionelle Gesinnungen allen Schattirun, gen der Opposition genügen könnte. Der Berg wird binnen Kurzem ein Manifest anS Volk erlas« sen, um ihm sein ganzes politisches Benehmen und namentlich sein Votum über die Revision der Verfassung auS einander zu setzen und zu rechtfertiger.
Wie sehr erbost die Legitimisten gegen die On- leanisten seien, dies geht auS ihrem plötzlichen Anschlusse anS Elysee zur Genüge hervor. Die Antr- pathie der Legitimisten gegen die Familie Orleans hat folgenden Ursprung. Der Prinz von Joinvine hatte an seinen ehemaligen Adjutanten Ernouf einlln Brief über die Visite der Herren Berryer, Bcnoest d'Azy und General St. Priest in Claremont gie- schrieben. Dieser Brief war in nicht sehr schonenden Ausdrücken für die drei Besucher gehalten und namentlich wird die Fusion darin in sehr sarkastischer Weise behandelt. Hr. Ernouf — man weiß nicht, ob bloS auS eigenem Antriebe — ließ daS Schreiben deS Prinzen hier cireuliren und die Legitimistein beklagen sich über diesen Mangel an Zartgefühl. Hierdurch kam es zu einer Scene im Fusionscomite und der Herzog von Montebello, welcher eS übernahm, die genannten Legitimisten vorzustellen, sah sich veranlaßt, einen Brief an den Prinzen von Joinville zu schreiben, in dem er sich über dessen Attitüde in dieser Angelegenheit beschwert. Miard, der Akademiker und Freund Güizok's , soll diesen Brief überbringen. Doch ist an die Fusion nicht mehr zu denken uns die Orlea nisten sprachen zu viel vom Prinzen Joinville, als daß daS Elyfte noch einen Abfall der Legitimisten zu befürchten halte. So weil Berryer's und Fallour' Einfluß reicht, kann der Präsident ruhig sein.
Emil de Girardin gesteht denn heute in der „Presse" die Richtigkeit der Mittheilung ein, welche wir vorgestern gemacht haben, indem er zugleich and' spricht, daß die „Patrie", welche gestern die Sache hier veröffentlichte und durch die Policei und diese durch Eröffnen deS betreffenden Briefes davon hätte Kenntniß erhalten können. Dieser Verdacht ist ungegründet ; Vebru Rollings Brief war an Cremievr gerichtet, und dieser hat denselben mehreren Personen gezeigt; so weiß ich, daß Granier de Caffagnac eS war, der dem Hauptredacteur der „Patrie" davon Mittheilung machte. — Charles Hugo ist gestern AbendS arretirt tvorden, um seine Strafzeit anzutreten ; da die Gefängnisse sämmtlich sehr überfüllt sind, so hat man dem jungen Schriftsteller unwürdiger Weise in derjenigen Abtheilung der Con- ciergerie eine Zelle angewiesen, welche verurteilte Diebe u. s. w enthält. — Der bekannte Graf d'Orsay speiste gestern AbendS bei Emile de Girardin, alS ein Brief Charles Hugo'S ankam, worin er Hrn. Girardin feine unangenehme Lage meldete. Der Graf d'Orsay war darüber indignirt und stieb sofort an Ludwig Napoleon deu folgenden Brief: