Einzelbild herunterladen
 

WWW Allgemeine Zeitung.

M 171»

Donnerstag den 2L. Juli

1851»

Die Nass. Allg. Zeitung mit dem Wanderer erscheint einmal täglich mit Ausnahme des Sonntags. Der vierteljährige Pranumerationspreis ist in Wiesbaden für den Umfang des HerzogthumS Nassau, des GroßherzogthumS und Kurfürstenthums Hessen, der Landgrafschaft Hessen-Homburg und der freien Stadt Frankfurt S fl., in den übrigen Ländern des fürstlich Thurn- und TariSschen Verwaltungsgebietes Ä fl. IO kr. Inserate werden die dreispaltige Petitzeile oder deren Raum mit 3 fr. berechnet. Bestellungen beliebe man in Wiesbaden in der L. Schellenberg'schen Hof-Buchhandlung, auswärts bei den nächst gelegenen Postämtern zu machen.

Uebersicht.

DieKölnische Zeitung" und der Freihandel. Deutschland. Wiesbaden (Die Westerwälder Bahn). Aus der Mitte des HerzogthumS (Die städtische Verbrauchs- und Verzehrungssteuer). Fra nkfurt (Feier des Sieges bei Novara. Der Bundestag). Freiburg (Ankunft des Großherzogs). Ulni (Die Militärkommis- sion). München (DaS Strafgesetz. Die Leuchtkugeln).

Hannover (Enthüllungen). Elberfeld (Simons).

Berlin (Das Gebäude der ersten Kammer. General v. Radowitz. Das Geschenk für den König von Dänemark. Die Bundescentralpolizei. Vermischtes). Hamburg (Herzog von Nemours. De Rego Barras). Altona (Justiz der Dänen). Wien (Oesterreichs Plane in Italien).

Belgien. Mons (Graf Bocarms).

Frankreich. Paris (Die Revisionsdebatte. Das Fest­mahl. General Magna». Gerücht über eine Kabinets- ânderung. Vermischtes).

Italien. Rom (Die französische Besatzung).

Netteste Nachrichten.

DieKölnische Zeitung" und der

Freihandel.

(Schluß.)

Die Arbeiter vor hundert Jahren, waren nur junge Handwerker, denen das Reisen als AuS- bilvungSmittel diente. Sie konnten ohne einen Hel­ler die ganze civilisirte Welt durchstreifen und wur­den doch als anständige Leute angesehen. Gegen» wârtig ist der Handwerksbursche ein der Polizei verfallener Landstreicher, und will er dieser nicht beständig in den Händen sein und von Loch zu Loch geschoben werden, so braucht er jetzt trotz Eisenbahnen und Eilwagen viel mehr Geld wie vor 100 Jahren.

Wir wollen deßhalb eben nicht die großen Vor­züge, welche unsere Zeit gegen die vor 100 Jahren hat, verkennen. Wir haben nur darthun wollen, daß sich das Schicksal der arbeitenden Klassen nicht so enorm gebessert hat, wie die Kölnische Zeitung dar- zulegen bemüht ist. Auch wird die Lage der arbei­tenden Klassen, wie in der Natur der Sache liegt, nie einen sehr glänzende werden können, weil daö Steigen der Arbeitslöhne immer eine Vertheuerung der Produkte im Gefolge haben muß,

Die Hauptcrrungenschaft, welche seit 100 Iah» ren das deutsche Volk gemacht hat, ist die rie­sige Entwicklung des Bürgerthums, d a s s e i n e E r i st e n z auf s e I b st b e st i m m t e Arbeit, die allein nur einen dauern- den Wohlstand erzeugen kann, gründet. Hierdurch ist auch dem Geringsten die Möglichkeit gegeben, durch Fl- und Geschicklichkeit auS seiner ursprünglichen Sphäre hinauszutreten und sich einen höheren Standpunkt in der Gesellschaft zu erringen. Diese Möglichkeit eben ist die Zauberformel, die bei richtiger Leitung der Arbeit durch die Staats­gewalt, caS gedeihliche Fortkommen der modernen Staaten bedingt und an ihr haftet der groß­artige Apparat der Künste und Wissenschaften, die die Produkte der Arbeit veredlen und wohlfeil, das heißt Jedem zugänglich machen.

Die oberste Aufgabe der Staatsgewalt ist da­her, die nationale Arbeit zu heben und alle Indu­striezweige, die die Produktion solcher Gegenstände zum Ziel haben, welche zur gedeihlichen Entwicke­lung der Nation beitragen, oder deren Erzeugnisse geschickt sind, als Tauschmittel gegen Bedürfnisse gebraucht zu werden, die das Land hervorzubringen von der Natur nicht befähigt worden ist, bei sich heimisch zu machen , und wenn dieses auch mit zeitweisen Opfern für die Nation verknüpft sein sollte.

Um ihrem Ziele, dem Ruin der vaterländischen Arbeit, näher zu kommen, waren die Freihändler von jeher bemüht, die einfachen Begriffe von der Handelsbilanz und der Natur des Geldes zu ver­wirren und lächerlich zu machen.

Die Handelsbilanz ist freilich auch von vielen Staatsmännern nicht sonderlich klar aufgefaßt wor­

den und hat zu manchen Irrthümern in der Na­tionalökonomie Veranlassung gegeben. Sie ist aber deshalb doch eine unumstößliche Wahrheit; denn was für das Geschäft eines Einzelnen richtig ist, muß es auch für eine Nation fein Der Ein­zelne sowohl, wie eine Nation, dürfen nicht mehr auSgeben, als sie einnehmen, sonst müssen sie verarmen. Alle Sophistik der Freihändler wird nicht im Stande sein, diesen einfachen Satz, der die Quintessenz aller Verkehrs­philosophie ist, und im größten Kaufmann, wie im kleinsten Krämer seine Verfechter hat, zu entkräften. Eben so wird eS den Freihändlern nicht gelingen, den allgemein anerkannten, aber noch nicht bestimmt sormulirten Begriff von der Natur deS Gel­des zu verfälschen Sie sagen, indem sie wie im­mer ihren Gegenstand nur einseitig auffaffcn, daß Geld nur eine Waare wie jede andere sei; vergessen aber dabei zu sagen, daß eS auch jede Waare ist, wodurch eS sich gerade wesentlich von allen anderen Waaren unterscheidet. Daß es aber jede Waare ist, und nicht wie diese z u m wirklichen Verbrauche sich eignet, gibt ihm eine andere Natur und Bestimmung. Man kann demnach wohl sagen;daß daS Geld wohl jede Waare, nicht aber jede Waare Geld ist".

Wir haben schon in früheren Aufsätzen daâ Geld als das Blut des Verkehrs bezeichnet. Diesen Namen verdient eS im vollsten Umfange! Denn wie in dem Blute alle Bestandtheile nnv Bedingungen zur Formirung und Erhaltung deS thierischen Organismus enthalten sind, so sind d i e s e E i g e n s ch a fl c n auch in dem Gelde rück sichtlich des Verkehrs enthalten. Das Blut muß nämlich zuerst allen Organen die Thä» tigkeit verleihen, welche sie geschickt machen, die Nahrungsmittel zu assimiliren. DaS Geld spielt im Verkehr dieselbe Stelle e S muß zuerst immer die Organe, die Menschen, fähig machen, die Assimilation, d. h. die Dar­stellung der Produkte entweder durch materielle oder geistige Arbeit zu be­werkstelligen.

Ohne Geld ist bei selbstbestimmter Arbeit auch nicht daö kleinste Geschäft in Gang zu bringen und eS muß immer in einem gewissen Verhältniß zur Arbeit vorhanden fein, wenn diese nicht in'S Stocken kommen sost. ES ist daher nicht gleichgül­tig, ob eine Nation viel oder wenig richtig ver« theilteS Geld besitzt: denn ist eS knapp vorhanden, so wird eS im Werthe steigen und eine Verlheue- rung der Produkte nach sich ziehen; ist eS aber reichlich vorhanden, so können alle Geschäfte vor, theilhafter betrieben werden, da dann der Zinsfuß fallen muß. Hierbei setzen wir natürlich geregelte Rechtszustände voraus.

Das Geld hat mit allen Waaren die Eigen­schaft gemein, daß eS dahin strömt, wo eS am be­sten bezahlt wird und zugleich sicher für den Be­sitzer anzubringen ist. ES kann deshalb auch eine in ihren Produktions - und Verkehrsverhältnissen kränkelnde Nation noch lange Zeit Hinreichenden Zufluß von Geld haben, ohne daß ein Schluß auf ihr materielles Wohlbefinden daraus gezogen wer­den könnte.

Dagegen aber läßt sich auS der Ausfuhr deS Geldes, wenn eS in eigener Industrie Verwendung finden könnte, fei nun zur Bezahlung auswär­tiger Bedürfnisse oder zur Anlegung im Auslande bestimmt, sicher abnehmen, daß die nationale Wohlfahrt in gewerblicher oder politi­scher Beziehung im Sinken ist.

Deutschland.

* Wiesbaden, 23. Juli. Gestern hatte sich auf Einladung der Herren Friedrich Röhr, Gott­fried Ruß und Dr. Za iS eine beträchtliche An­zahl hiesiger Bürger im RathhauSfaale versammelt, um bezüglich der Überreichung einer Vorstellung an daS StaatSministerium und an Se. Hoheit den Herzog zu berathen, welche die Eisenbahnlinie von Wiesbaden über Limburg nach Deutz alS die den Jnterressen des Landes am meisten entspre­chende zur Ausführung anzuempfehlen hätte. Im

Laufe der Debatte, an welcher sich hauptsächlich Hr. Hergenhahn, Dr. Großmann, Hr. Röhr, Hr. Ruß, Hr. Freitag und Hr. Pfeifer, Amtmann in Altenkirch, belheiligten, wurde nament- lich die Besorgniß geltend gemacht, daß bei Zu­standekommen der gleichzeitig projectirten Lahn- ba hn von Gießen nach Koblenz Wiesbaden isolirt, von der VerkehrSlienie abgeschnMen und der Zweck, den reichen Naturschätzen deS Westerwaldes neue Absatzwege zu erschließen, nicht erfüllt würde. Von anderer Seite wurde dagegen geltend gemacht, daß die Lahnbahn und die Westerwälder Bahn, die ein­ander beinahe rechtwinklich durchschneiden, ganz gut nebeneinander bestehen. können, daß eS jedoch sehr zweifelhaft sei, ob die preußische Regierung, in deren Interesse eine Verbindung zwischen Köln-Kob- lenz und Wetzlar oder Mainz liegt, die Concession zum Weiterbau der Westerwälder Bahn nach Deutz er­theilen werde, daß man daher die Vortheile, welche die Lahnbahn bietet, zu erreichen suchen und die Verbindung mit Wiesbaden durch eine Bahn von da nach Limburg Herstellen soll. Zweigbahnen von der Westerwälder Bahn nach der Main-Weserbahn würden jedenfalls entstehen, deßhalb möge man sich wenigstens die durch das Land führende Bahn von Limburg nach Gießen sichern und dadurch verhin­dern, daß z. B. von Altenkirch nach Marburg ge­baut werde. Bei der Abstimmung entschied man sich, die Westerwälder Bahn mittelst der erwähnten Vorstellung an die Regierung und Se. Hoheit den Herzog zu befürworten und schritt sonach zur Wahl 1 eines Comite von 7 Mitgliedern, welche die weitere j Leitung und Förderung dieser Angelegenheit zu über, k nehmen hätten. Gewählt wurden: Gen.-StaatS- procurator Hergenhahn, Fr. Röhr, G. Ruß, ; Av. Krieger, Med. Dr. Za iS, Gemeindcrath I Revisor Schmidt. Prokurator Lang und Kauf- - mann F. W. Käsebier erhielten gleiche Stimmen uud haben sich untereinanteOwegen Annahme der Wahl zu verständigen.

!! Aus der Mitte des Herzogtums, Mitte Juli. In mehreren unserer Städte besteht von Seiten einiger Geschäftszweige ein jahrelanger Kampf gegen die städtische Verbrauchs- und VerzehrungS, steuer, welche von der StaatSwissenschaft allerdings langst in ihrer Ungerechtigkeit und Unzweckmäßig­keit gerichtet ist, und nur beibehalten wurde, weil sie eben einmal bestand und man nicht gleich wußte, aus welcher andern Quelle der Ausfall der städti­schen Finanzen zu decken sei. Kein anderer Streit ist in den letzten Jahren^ mit solcher Erbitterung und oft so unedlen Waffen geführt worden, als dieser Kampf um lokale Geldfragen. Es ist hier eine wahre chronique scandaleuse erwachsen. Man hat in neuerer Zeit mit Recht in staatlichen Din­gen häufig auf belgische Vorgänge Angewiesen, wo das Volk frei von Stubengelchrfnmkeil und eitlen Hirngespinnsten mit ächt praktischem Geiste seine Lebensfragen in die Hand zu nehmen wußte, weil man eS eben nie der altgermanischen Selbstverwal­tung gänzlich entwöhnt hatte. Belgien wird auch in dieser städtischen Finanzfrage wahrscheinlich schon in der nächsten Zeit einen lehrreichen Weg gehen. Allerdings nimmt in seinen Städten die Verbrauchs­steuer eine solche Ausdehnung über die verschieden­sten Gegenstände ein, daß dieses Land die Mißstände dieser Besteuerungsart zehnfach empfinden muß. UebrigenS wird durch die bevorstehenden Verhand­lungen in der belgischen Kammer auch für den ver­stocktesten Kleinbürger die Frage principiell entschieden werden. In der Sitzung vom 8. d. M. trug näm­lich der Abgeordnete CovmanS auf Abschaffung der städtischen Verbrauchs- und Verzehrungssteuer an. Er motivirte seinen Antrag in einem langen und vortrefflichen Vortrag, welcher den Beifall aller Parteien fand. Er wies auf die Resultate der Wissenschaft hin, entwickelte die Erfahrungen seiner siebenzehnjährigen Forschung über diesen Gegenstand, machte auf die Klage der WirthschaftSpolitiker auf­merksam, daß diese Steuer gehässig fei, entsittlichen­den Unterschleif, sowie die Entvölkerung der Städte herbeiführe, weßhalb schon ein kaiseilicher Erlaß vom 8. Juli 1549 die Communalsteuer für alle Zeiten aufgehoben habe. Man dürfe daher der Hoffnung wohl Raum geben, daß eine belgische Kammer von 1851 nicht zurückstehen werde. Er forderte für den Augenblick nur dieJnbetrachtnahme" seines An-