RasMW Mgcmeim Bettung.
Ji 168. Sonntag den 20. Juli 1851.
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Oechelhäuser's Denkschrift.
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Neueste Nachrichten.
* Oechelhäufer's Denkschrift.
VI.
Den dritten Abschnitt widmet der Verfasser Betrachtungen über die Eisenindustrie deö Zollvereins. Wir entnehmen denselben folgende Haupt- punkte:
Wir haben den belgischen Vertrag als die nächste Veranlassung der überaus traurigen Lage bezeichnet, in der sich die Eisenindustrie deS Zollvereins befindet.
Die Ursachen, welche eS überhaupt nothwendig gemacht haben, daS deutsche Eisengewerbe von der untersten Stufe, der Roheisenerzeugung, an gegen daS Ausland zu schützen, liegt wie bekannt darin, daß die inländischen Erzeugungskosten höher als die von Belgien und Großbritannien stehen, daß folglich die freie Coneurrenz unserem Eisengewerbe den Untergang bringen müßte.
Allerdings ziehen sie aus dieser Wahrnehmung die handelspolitischen Gegner der Eisenzölle den ganz entgegengesetzten Schluß, indem sie die Noth- Wendigkeit ihrer Aufhebung gerade mit dem Hinweis auf jene Verschiedenheit der Erzeugungökosten zu begründen suchen. Wir wollen nun keineswegs im Allgemeinen dem Streben den Konsumenten, möglichst wohlfeiles Eisen zuzuführen, die Berech. tigung absprechen. Ungerecht und unvernünftig wird eS aber, sobald der wirtschaftliche Vortheil des wohlfeileren EisenS einseitig aufgefaßt und nicht gegen den wirtschaftlichen Nachtheil eines Untergangs der inländischen Eisenindustrie abgewogen wird.
Die Freihandelspartei stellt sich in ihrer Auffassung dieser Frage auf einen von den concreien Verhältnissen gänzlich absehenden ideellen Standpunkt. Sie abstrahirt davon, daß so viele Millionen an Capital, so viele Tausende von Men- schenkräften in der Eisenindustrie bereits verwandt find, daß der Wohlstand der industriellen wie land- wirthschaftlichen Bevölkerung ganzer Länderstrecken untrennbar mit ihrem Bestehen zusammenhängt und daß ihre fernere Entwickelung (die allerdings nur unter Bedingungen, welche die künftige Concurrenz- fâhigkeit sichern, stattfinden darf) in großartigem Maßstabe Gelegenheit bietet, noch weitere Capitalien und Kräfte wirthschaftlich nutzbar zu machen. Die Art, wie jene Partei die Eisenzollfrage behandelt , wäre höchstens dann zulässig, wenn eine inländische Eisenindustrie nochgar nicht vorhanden wäre, und eS sich nur um die Entscheidung handelte, ob gewisse vorhandene und noch nicht benutzte Kapital- und Menschenkräfte ökonomisch vor- theilhafter in diesem oder in einem andern Gewerbe anzulegen seien. Sobald aber eine ausgedehnte Eisenerzeugung, und zwar als eines der ältesten Gewerbe deö Landes, vorhanden ist, kann und darf dieses Vorhandensein bei Beurtheilung der Eisensrage nicht mehr übersehen werden, und daS Geschick der vielen Tausenden, deren Auskommen und Bestehen von der inländischen Eisenindustrie abhängig ist, muß gegen den Vortheil, den die Con- fumenten von einem etwas billigern Eisen haben
dürften, in die Wagschale geworfen werden. Einen zweiten Rechnungsfehler aber machen unsere Gegner, indem sie nicht in Anschlag bringen, daß ohne eine inländische Eisenindustrie die Preise deS ausländischen EisenS mit Nothwendigkeit höher stehen müßten, als sie sich jetzt unter dem Einfluß dieser Milbewerbung stellen.
Die Ansicht, daß bei der Eisenzollfrage die Interessen deS Eisenverbrauchs gegen die Interessen deS Eisengewerbes abgewogen werden müssen und daß die Entscheidung nicht von einer einseitigen RücksichtSnahme abhängig gemacht werden darf, steht gar nicht einmal in nothwendigem Zusammenhang mit den handelspolitischen Systemfragen und ihre Richtigkeit kann überhaupt nur von demjenigen bestritten werden, der grundsätzlich dem Staate daö Recht und die Befähigung abspricht, daS wirth- schastliche Leben einer Nation zu leiten und zu ordnen, der vielmehr nur von der Reibung oder dem Zusammenstoß .der in ihrem Ringen nach Gewinn ganz ungefesselten Einzelkräfte die höchsten und für die Gesammlheit ersprießlichsten Ergebnisse erwartet. Wir überlassen unS indeß vertrauensvoll der Hoffnung, daß diese gefährliche Lehre in den Reihen deutscher Staatsmänner nicht viele Anhänger gefunden hat, noch finden wird.
Wer die Eisenzollfrage einzig dem Interesse deS Eisenverbrauchs gemäß entschieden wissen will, der muß eS für ein einfaches, leichtes und von gar keinen ökonomischen Nachtheilen begleitetes Unternehmen halten, die in der Eisenindustrie verwandten } Kapital- und Menschenkräfte herauszuziehen und | I einem anderen Zweige gewerblicher Thätigkeit zuzu- « wenden.
In der That ist wohl selten ein Gegenstand i von so außerordentlicher tiefeiugreifendcr Bedeutung mit einer solchen Leichtfertigkeit behandelt worden, wie die Freihandelspartei das Aufgeben von bestehenden und daS Uebergchen zu neuen Erwerbs» zweigen bespricht. Um dieß ganz zu ermessen, muß man sich den concrcten Verhältnissen eines Landestheils gegenüber stellen, dessen Hauptgewerbe der Bergbau und die Eisenproduction, sowie die Weiterverarbeitung des Eisens bilden. Nächst dem Ackerbau gibt eS kein Gewerbe, welches so mit der Oertlichkeit, dem vaterländischen Boden selbst verwachsen ist, als die Eisenindustrie. In den meisten Bezirken, wo sie betrieben wird, geht die Betheiligung an dem Besitz der Gruben, der Wälder oder Hauberge, wie auch der Eisenwerke, durch alle Klassen der Bevölkerung hindurch, und wenige Gewerbe haben sich noch so geeignet erwiesen / einen kräftigen Mittelstand zu tragen und überhaupt so günstige sociale Erscheinungen hervorgerufen, wie die Eisenindustrie. Ja mitunter hängen noch andere Gewerbe, z. D. Lohgerbereien, aus'S genaueste mit dem Bestände der Eisenindustrie einer Gegend zusammen, indem solche nicht mehr bestehen können, wenn daS Kohlholz sich nicht verwerthen läßt und die Lohrinde allein die Zinsen wie den Arbeitslohn der HaubergSwirthschafl tragen soll. Und nun erwäge man die Folgen, die für eine solche Gegend der durch die Vernichtung deS Eisengewerbes erzwungene Uebergang zu einem andern Erwerbszweig haben muß. Das Capital der Bevölkerung steckt in den Gruben, Wäldern, Hütten u. s. w., die keinen oder doch nur einen unendlich geringeren Werth haben, wenn sie außer Beziehung zur Eisenindustrie gedacht werden. Seit Menschenaltern mit diesem Gewerbe verwachsen, liegt eS in der menschlichen Natur, daß die Bevölkerung dasselbe nicht eher für ein anderes vertauscht, als bis die letzten Ersparnisse aufgezehrt sind und die bitterste Noth dazu treibt. So verschwinden nicht bloß die objectiven Capitalien, sondern auch die subjeetiven Ur# Capitale der GeschästSkenntniß, Fähigkeit und Geschicklichkeit werden werthloS; kurz, ehe der Ueber# gang zu einem anderen Gewerbszweig vor sich gegangen, ist die ganze Gegend verarmt. Wenn wir nun solchen Erscheinungen schon bei anderen Gewerben , die ähnliche Krisen durchzumachen hatten, begegnen, in wie viel höherem Grade muß eS bei einem so mit der Oertlichkeit verwachsenen Industriezweig wie die Eisenindustrie der Fall sein, die sich überdieß fast immer in einzelnen Gegenden zusammengedrängt findet, und hier alsdann die einzige oder doch die einzig maßgebende Grundlage der materiellen Existenz aller Bewohnerklaffen bit«
bet , wo folglich ein solcher Uebergang doppelt erschwert ist und die Erscheinungen deS ElendS massenhaft hervortreten müssen. Dem Fortschreiten eines solchen ElendprocesseS kann und darf der Staat nicht ruhig zusehen.
ES wird leider unvermeidlich sein, daß nach der inneren Umgestaltung, welche die Eisenindustrie im Laufe der letzten Jahrzehnte erfahren, manche allzu ungünstig gelegenen Eisenwerke unseres Vaterlandes nie wieder zur Concurrenzfähigkeit gelangen, sondern allmählig eingehen werden. Für sie wird der Schutzzoll doch immer die wohlthätige Folge haben, der zu raschen Entmerthung aller Capitalien vorzubeugen und den Uebergang auf andere Er- werbSzweige zu erleichtern. Auch hat es ökonomisch eine ganz andere Bedeutung, wenn innerhalb der StaatSgränzen ein Gewerbe aus der einen in die andere Gegend zieht, als wenn sein Untergang bloß durch die äußere Coneurrenz veranlaßt ward und das ganze Gewerbe inS Ausland wandert.
Allein im Ganzen genommen hat unsere Eisenindustrie allerdings noch eine Zukunft. Sie kann den Hauptgegenden erhalten, sie kann dem steigenden Verbrauch angemessen durch neue an günstigen Punkten zu errichtende Anlagen erweitert und doch dabei der in der bisherigen Verteuerung liegende Conflict mit dem Eisenverbrauch allmählig gehoben werden. Der Eisenzoll wirkt nicht direkt auf diese Veränderungen ein, allein er macht eS möglich, sie vornehmen zu können; kein Land hat das Werk der völligen Umgestaltung einer so großartigen Industrie noch zu bewerkstelligen vermocht, ohne solche schützende Maßregeln auf längere Zeit und in höherem Grade zu gewähren, als die Eisenindustrie deö Zollvereins jemals in Anspruch genommen hat. In diesem Sinne müssen wir einen genügenden Eisenzoll als die erste Bedingung erkennen, unserer Eisenindustrie eine Zukunft zu schaffen. Nicht durch Zerstörung eines großen inländischen Gewerbszweiges und auch nicht durch dauernde Vertheuerung des EisenS wird der Streit zwischen Eisenerzeugung und Verbrauch auf eine den Interessen der Gesammtheit angemessene Weise gelöst, sondern einzig dadurch, daß die in# ländische Eisenindustrie erhalten, dem steigenden Verbrauch entsprechend ausgedehnt und zugleich der Concurrenzfähigkeit entgegen geführt wird. Der belgische Vertrag, indem er selbst den so außerordentlich geringen gesetzmäßigen Schutz von 10 Sgr. beseitigte, hat jenen EntwickelungSprozeß auf die nachtheiligste Weise gehemmt und somit auch dem Verbraucher nur einen scheinbaren Dienst geleistet.
Allerdings wird von Seiten der Freihandelspartei geltend gemacht, an einen allmäligen Abschlag der inländischen Eisenpreise sei nicht zu denken und die Concurrenzfähigkeit mit dem Auslande überhaupt nicht erreichbar; der Zoll sei also mit einer fortdauernden Vertheuerung des Eisens identisch. Diese Ansicht läßt sich vollständig wiederlegen.
ES ist zuerst falsch, daS bestehende Uebergewicht der Holzkohlen-Eisenindustrie als einen Maaßstaab zu betrauten, wie weit wir hinter den Fortschritten deS Auslandes zurückgeblieben seien. Fassen wir nur die einfache Thatsache ins Auge, daß der Zollverein die vierzigfache Walbfläche besitzt wie Groß- brittanien, so ergibt sich von selbst, daß hier und dort die Frage von der Lebensfähigkeit der Holz- kohlen-Eisenindustrie der Coneurrenz der CoakSeisens gegenüber ganz verschiedene Grundlagen hat. Die Holzkohlen Frischeres wird nun wohl voraussichtlich in rascher Abnahme bleiben und binnen wenigen Jahren durch die innere Coneurrenz der PuddlingS- frischerei bei Steinkohlen bis auf einen bedeutend geringeren Umfang herabgebracht sein. Auch manche Holzkohlen Hochöfen in Gegenden, wo daö Holz durch andere Verwendungszwecke zu hoch im Preis gehalten wird, mögen den Betrieb auf die Dauer nicht sortieren können. Allein damit ist noch keineswegs gesagt, daß überhaupt unser ganzer Hüttenbeirieb bei Holzkohlen mit Nothwendigkeit dem Un# tergange geweihet sei, zumal das von den Frisch- feuern verbrauchte Holzkohlenquantum sich durch deren Eingehen immer mehr vermindert und so für die Hochöfen disponibel wird. Soweit sich im Ge- genlheck voraussehen läßt, sind die ProductionS- kosten der Haupt-Eiseninbistrictc bis zu einem Punkte herabzubringen, der innerhalb eines gewissen Um# fangS den Foribetrieb der Holzkohlen-Hochöfen ge-