Rasslmischc Allgemeine Zeitung.
JE 136.
Freitag den 13. Juni
1851.
Die Nass. Allg. Zeitung mit dem Wanderer erscheint einmal täglich mit Ausnahme des Sonntags. — Der vierteljährige PränumecationSpreis ist in Wiesbaden für den Umfang des HerzogthumS Nassau, deS GroßherzogthumS und Kurfürstentums Hessen, der Landgrafschaft Hessen-Homburg und der freien Stadt Frankfurt Ä fl., in den übrigen Ländern des fürstlich Thurn- und TariSfchen Verwaltungsgebietes S fl. IO kr. — Jnfera te werden sie dreispaltige Petitzeile oder deren Raum mit 3 fr. berechnet. Bestellungen beliebe man in Wiesbaden in der L. Schellenberg'schen Hof-Buchhandlung, auswärts bei den nächst gelegenen Postämtern zu machen.
U e verficht.
Vom Freihandel und den Schutzzöllen.
Deutschland. Limburg (Besuch Sr. Hoheit des Herzogs).
— Diez (Garnisonswechsel). —. Bad-EmS (Die Kur).
— Von der Lahn (DaS Oraniensteiner Fest).— Frankfurt (v. d. Heydt. Metternich). — Bruchsal (Begnadigung deS Lieutenant Mahler). — Stuttgart (Der Postuertrag. * - eiffers Entlassung). — Landau (Eisenbahnlinien). — München (Der Hof. Militârererzitien).
— Koblenz (Verein der Naturforscher). — Berlin (DaS Pressgesetz. Die Provinzial-Landtage. Der Vertrag mit Belgien). — Hamburg (Monument in Flensburg. Auflauf). — Bremen (Kolatschek'S Monatschrift). — Wien (Der Handelsminister. Die vsterr. Generale in Warschau).
Frankreich. Paris (Die Verfaffungsrevision. Bankett im Elysee. Vermischtes)
Portugal. Lissabon (Die Contrereoolution).
Großbritannien. London (Dom Cap. Die Ausstellung. Die ungarischen Flüchtlinge).
Italien. Turin (Gesetzentwurf die Aufhebung der geistl. Gerichtsbarkeit betr. Der Freihafen von Nizza.) — Ancona (Strenge. Fürst Demidoff) — Rom (Die Angriffe auf die Franzosen).
Griechenland. Athen (Der Prozeß Mauromichali. Räubereien).
Türkei. Konstantinopel (Mehemed Ali. Vermischtes). Neueste Nachrichten.
Vom Freihandel und den Schutz
zöllen.
Gr. Wir haben in Nro 127 d. Bl. einen Vergleich gelesen, der so recht bestechlich und a|f Bethörung berechnet ist. Es soll nämlich nicht der Mühe werth und offenbar nachtheilig sein, ein Gu!- denstück auS dem Wasser zu holen, wenn dies« zwei Gulden kosten würde. Wir sind hiermit gaßz einverstanden, wenn der Fall so nackt hingesteüt wird, wie dieser und viele andere Schlagstückchen der Freihändler, wovon wir dieses eine hier nur widerlegen wollen. Zum Heraufholen deS Gulden- stückS soll aber doch gewiß Arbeit verwendet werden ? Gesetzt nun, bei voller Beschäftigung der Ar- heiter betrage Der Taglohn einen Gulden und eS wären zwei Arbeiter für einen Tag, oder zwei Tage für einen Arbeiter zu der Operation erforderlich, so wird sich wohl Niemand finden, daS Guldenstück zu heben. Ist dagegen für dieArbeiter keine Beschäftigung vorhanden, werden sie da nicht besser thun, für einen halben Gulden den Tag zu arbeiten, als gar nichts zu verdienen?! In dem letzteren Falle befinden wir unS aber mit der Eisenindustrie, z. B wenn sie der englischen Konkurrenz erliegen sollte. Wir wollen nur produktive Arbeit für unsere unbeschäftigten Kräfte, aber keine neuen Industriezweige bei vollständiger Beschäftigung aus Kosten der Allgemeinheit gegründet wissen.
Am verworrensten und fast ergötzlich zeigen sich unsere Freihändler aber bei Beurtheilung deS sog. englischen Freihandelssystems , worüber wir auch in Nro. 124 d. B. eine Probe erhielten. Nachdem England Jahrhunderte hindurch ein hartnäckiges Absperrungssystem befolgt hatte, demzumTrotzs?) es auch, mächtig und weit hervorragend in den einträglichsten Industriezweigen geworden ist — mit deren Erzeugnissen eS die halbe Welt versorgte und ausbeutete, mußte doch wohl eine Zeit kommen, wo die Schutzzölle für diese Industriezweige überflüssig wurden. Aber gegen diese Schutzzölle richtete sich „jcht der Eifer der englischen Freihändler, da sie, wie gesagt, überflüssig waren; sondern le- diglich gegen die Zölle, womit man die Rohprodukte und Nahrungsmittel zu Gunsten der Grundbesitzer belegt hatte — und die die Produktionskosten der Industrie verheuerten. Die Abschaffung dieser Zölle war eine Lebensfrage für die englische Gewerbthätigkeit und die sog. englische Protektioni- stenpartei, die ganz irrthümlich mit unseren Protektionisten oder Schutzzöllnern auf ganz gleiche Linie gestellt wird, geht nur darauf aus, die abge- worfenen Zölle wenigstens zum Theil wieder einzu-
führen, um der Industrie einen guten Theil von den Lasten aufzubürden, die sie jetzt, gerecht oder ungerecht, tragen muß. Sonst sind alle GewerbS- zweige, die man in England heimisch machen will und sich noch nicht gehörig gekräftigt haben, mit Zöllen geschützt, wie sie unsere Schutzzöllner nicht anzusprechen wagen würden.
Ebenso verhält eS sich mit der Rhederei in England, die durch den Einfluß der NavigationS- Akte oder vielmehr Trotz derselben, wie unsere guten Freihändler als getreue Nachbeter von Av. Smith sagen würden, sich zu einer Höhe erhob, wie sie keine andere Nation im Verhältniß aufzuweisen hat. Obgleich nun die strengen Bestimmun« > gen dieser Akte zu Gunsten der englischen Industrie gemildert worden sind, so genießt sie doch gerade durch diese Milderungen wieder solche Vergünstigung , daß keine andere Rhederei mit ihr die Kon- konkurrenz wohl aufnehmen kann. Wenn die Lenker der deutschen Handelspolitik, die diesen Namen in sehr geringem Maße erst ansprechen kann, solche. Bestimmungen träfen, wie sie von der englischen sog. Freihandelspartei durchgesetzt wurden, so könn, len wir unS im Interesse unserer nationalen Wohlfahrt Glück wünschen. So aber, wo die ersten
NahrungSmittel und Rohstoffe mit hohen Finanzzöllen belegt sind, und unsere nationale Industrie ohne Gegenseitigkeit dem AuSlande preisgegeben ist,
müssen wir es um so mehr beklagen, daß die Ver- 3 Ems vorgenommen worden, man ist auch darauf kehrtheit unserer unpraktischen Theoreliker mit einem bedacht gewesen, einem bei niederem Wasserstande ! Eifer auf die Zerstörung unserer nationalen Arbeit ! der Lahn möglicherweise eintretenden Mangel an
I binstrebt, der .cijaxA- besseren Zieles würdig wäre.
D e u t f eh l a n d. -
f Limburg, 10. Juni. So eben — nach 12 Uhr — haben Se. Hoheit der Herzog mit Höchst. Ihrer Gemahlin und Sr. Durchlaucht dem Prinzen Nikolaus und Gefolge vonOranienstein aus unsere festlich geschmückte Stadt, insbesondere unsern altehrwürdigen und geschmackvoll befortrten Dom, unter dem Geläute aller Glocken und fortwährendem Böllerschießen, von einer berittenen Ehrengarde ter angesehensten Bürger eingeholt, mit einem Besuche beglückt. Am Weichbllke der Stadt wurden Ihre Hoheiten von den hiesigen Beamten, dem Ge- meinderalhe und den Jungfrauen, die Ihrer Hoheit der Frau Herzogin einen Blumenstrauß zu überreichen die Ehre hatten, am Portale deS DomeS von Bischof und Domkapitel nebst der gesaminten übrigen Geistlichkeit empfangen. Der Herr Bischof drückte in einer kurzen Anrede Ihren Hoheiten daS die Stadt beseelende Gefühl der Ehrfurcht und Anhänglichkeit an ihre LandeSherrschaft aus, worauf Se. Hoheit der Herzog mit erhobener Stimme ungefähr folgendes im treffendsten Anschlusse an die bischöfliche Bewillkommung erwiderte: „Er danke herzlichst für die sich überall bekundende Liebe: wenn der Herr Bischof äußere, daß die Stadt stolz auf seinen und der Herzogin Besuch sei, so habe er zu versichern, daß er als Landesherr wahrhaft stolz darauf sei, seine Gemahlin in eine Stabt zu sichren, die ihre Treue und Ergebenheit auch in schwankenden Tagen bewährt habe und gewiß stetS bewähren werde. Gerne anerkenne er, daß hieran die in diesem Dome seit Jahrhunderten bethätigte Förderung deS Christenthums, welches der Herr Bischof mit Recht die Wurzel und Quelle der gesellschaftlichen Ordnung und Wohlfahrt nenne, das wesentlichste Verdienst habe; er halte eS auch für seine heilige Regentenpflicht nach allen Kräften die Pflege deS Christenthums in seinen Landen zu unterstützen. — In sichtlich angenehmer Stimmung besahen hiernächst die höchsten und hohen Herrschaften den Dom in allen Einzelnheiten und den ausgestellten Domschatz, der bekanntlich von Churtrier an daS Haus Nassau kam und von hochseligem Herzoge Wilhelm dem BiSihum Limburg geschenkt wurde. Als Erinnerung an den Besuch des DomeS geruhten Ihre Hoheiten Abbildungen desselben und Eremplare von dem zu dessen Restauration im Jahre 1840 heraus- gegebenen instruktiven Schrifichen deS Herrn Dr. Busch dahier über daS Alter deS DomeS durch den Verfasser sich überreichen zu lassen. Vom Jubel deS Volkes begleitet, fuhren Ihre Hoheiten gegen zwei Uhr durch die freundlich geschmückten Straßen unserer Stadt nach Oranienstein zurück.
'b Sity 8. Juni. Sicherem Vernehmen nach wird unsere jetzige Garnison binnen 4 Wochen mit einem Bataillon in Wiesbaden vertauscht. Man kann dabei nicht unerwähnt lassen, durch welche wackere Haltung und gute MannSzuwt sich unser jetziges Bataillon stets auSzeichnete, wie namentlich die Rekruten ohngeachtet deS beständig ungünstigen Wetters während der Ererzierzeit heute mit Ruhe und Sicherheit alter Soldaten vor dem Herzog manövrirten und welchen Verlust die hiesige Gesellschaft dadurch trifft, daß sie auf die treffliche Harmoniemusik der Tambours verzichten muß.
^ Bad - Ems , 10. Juni. Unsere diesjährige Badesaison bat trotz der bisher andauernden ungünstigen Witterung einen erfreulichen Anfang ge, nommen, denn bereits zählt unsere Badeliste 700 Gäste, der größeren Zahl nach Engländer und Norddeutsche. Zu den bereits angemeldeten Gästen dürfen wir auch dieses Jahr wieder einen hier all- 1 gemein bekannten und verehrten Gast, Se. Hoheit den Herzog von Meiningen, zählen, der schon diese Woche eintreffen wird. — UebrigenS haben eS sich Einwohner und Mdeverwaltung auch diesmal wieder angelegen sein lassen, den hier Erholung und Heilung Suchenden den Aufenthalt so komfortable als möglich zu machen. Nicht nur sind viele zweck.
mäßige Verschönerungen in der Umgebung von
I der Lahn möglicherweise eintretenden Mangel an i Badewaffer dadurch zu begegnen, daß daS 43—44° R. j heiße Wasser auS der auf dem linken Lahnufer lie, genden Quelle vermittelst einer Dampfmaschine, die eben ausgestellt wird, in die Bäder deS Kurhauses und der Vier Thürme geleitet wird.
K Dou der mittleren Lahn, 10. Juni. Die Sektion deS Nassauischen Vereins, welcher die Leitung des GesangS und der Musik bei dem Oranien- steiner Feste für dieses Jahr übertragen ist, hat zu den vier allgemeinen Liedern, welche an den beiden ersten Festtagen am Morgen und am Abend von dem ganzen versammelten Volke unter Führung der Liedertafeln gesungen werden sollen, folgende Stücke bestimmt: 1) DaS BunbeSIied von Mozart, 2) daS deutsche Vaterland, komponirt von Speyer, 3) daS BundeSlied „Sind wir vereint zur guten Stunde", von Grosse, 4) Himmel auf Erden, von Schnyder von Warlensee. Der Sachkundige wird mit dieser Auswahl zufrieden sein. Besonders ist es auch erfreulich, daß man das deutsche VaterlandSlied nicht vergessen und gerade die Speyer'sche Komposition ausgewähll hat. Volksfeste sollen vor Allem den allgemeinen nationalen Sinn pflegen und sich von allen zeitlichen Mißstimmungen fern halten. Die Leitung ist dem Herrn Lehrer Holzhäuser in Diez übertragen, welcher sich im Interesse der Sache zunächst noch mit Herrn Ohlen macher in Limburg, Herrn Euler in Weilburg und Herrn Roos in Nassau in Verbindung setzen wird, sowie von der letzten Vereinösitzung einstweilen noch Herr Feye in Idstein und Herr Spieß in Hadamar zu Preisrichtern beim nächsten Feste gewählt worden sind. Es sollen dieses Mal vier Preisrichter außer den aktiven Gesangvereinen stehen. Drei können auS den Direktoren der betheiligten Liedertafeln gewählt werden. Der Verein fordert auch die Bergleute, die Turn- und Schützenvereine insbesondere zur Einübung der angegebenen Gesangstücke auf. Wir versprechen unS viel von der diesjährigen Musik- unD Gesang-Darstellung.
Frankfurt, 11. Juni. Der k. preuß. Handels, minister v. D. Heydt ist gestern Abend hier eingetroffen und im russischen Hof abgestiegen. — Seine Durchlaucht Der Fürst Metternich wird noch heute auf dem Johannisberg anlangen.
Bruchsal, 8. Juni. (B. L.) Der ehemalige Lieutenant Mahler, den fein Mißgeschick in den Strudel der Revolution hincingezogen hatte, und der standrechtlich zu 10 Jahren Zuchthaus verur- theilt war, ist begnadigt worden, jedoch nur unter der Bedingung der sofortigen Auswanderung.
Stuttgart, 10. Juni. (W. C.) In der heutigen 18. Sitzung der Kammer der Abaeorvneten ">"»-