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Donnerstag den 12. Juni
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Die Nass. Allg. Zeitung mit dem Wanderer erscheint einmal täglich mit Ausnahme de« Sonntags. — Der vierteljährige PränumecationSpreis ist in Wiesbaden für den Umfang des Herzogthums Nassau, des GroßherzogthumS und Kurfürstenthums Hessen, der Landgraffchait Hessen-Homburg und der freien Stadt Frankfurt 2 fl., in den übrigen Ländern des fürstlich Thurn- und Tarisschen Verwaltungsgebietes S st. IO fr. — Inserate werden die dreispaltige Petitzeile oder deren Raum mit 3 fr. berechnet. Bestellungen'beliebe man in Wiesbaden in der L. Schellenberg'schen Hof-Buchhandlung, auswärts bei den nächst gelegenen Postämtern zu machen.
Uebersicht.
Der Prozeß Bocarm^.
Stimmen der Presse.
Deutschland. Wiesbaden (Rückkehr Seiner Hoheit des Herzogs. Die Königin der Niederlande. Prinz Adalbert).
— Diez (Festlichkeiten in Oranienstein). — Von der Lahn (Die nassauische Eisenindustrie). — Von der mittleren Lahn (Die Marmorarbeiter). — AuS der gold- nen Grafschaft (Das Pferdewettrennen). — Mannheim (Ritter Traverè). — Wiesloch (DaS Zinkbergwerk). Stuttgart (Armengesetz) —München (DaS Artillerie- manöver. Der Herzog v. Genua). — Aus der Provinz Preußen (Die Proviaziallandtage). — Schleswig- Holstein (Graf Menèdorff. Die Notabeln). — Flensburg (DaS Erinnerungsfest). — Wien (Die Organisation Ungarns. Die Finanzmaßregeln. Das dänische Ministerium. DaS Strafgesetzbuch. Die Vorgänge in Warschau und Olmütz). — Triest (Reise deS Statthalters).
Frankreich. Paris (Gerüchte über eine Kabinetsânde- rung. Dupin's Besuch in London. Thätigkeit der Nationalversammlung).
Großbritannien. London (Der Friedenskongreß).
Italien. Turin (DaS „Statute". Die Eisenbahnanleihe. Die Kammer. Vermischtes). — Rom (Besetzung Spoleto'S). Polen. Warschau (Die holsteinische Frage. Graf Di- mitry Neffelrode).
Neueste Nachrichten.
Sprechsaal für Stadt und Land.
Der Prozeß BocarmS.
T)ie Sitzung vom 7. Juni wird eröffnet mit der Vernehmung deS Frl. A n t o i n H e r r e m b a u t vonDuvzeele, 26 Jahre alt, der Braut des Ermordeten. Ihr Erscheinen bringt einen schmerzlichen Eindruck hervor; man hält eS für grausam, diese Dame in eine solche Situation zu ziehen, und die Theilnahme deS Publikums steigert sich noch mehr, als man Frl. Duzeele, auf den Arm eines Vetters gestützt, eintreten sieht; so schleppt sie sich bis zu dem Sessel für die Zeugen und laßt sich beinahe ohnmächtig hineinfallen. Man bringt sie sodann durch Aelher-Einathmen wieder etwas zu sich; während deS ganzen Verhörs hört sie nicht auf, heftig zu zittern. — Die Angeklagten nehmen an der Bewegung deS Publikums gar keinen Aniheil und bleiben durchaus impafsibel. — Sie deponirt, daß Gustav FougnieS im Juli 1850 das von ihr und ihrer Minter bewohnte Schloß Grandmetz gekauft, und daß zwischen ihr und Gustav im August ein Verlöbniß Statt gefunden. Auf den 25. oder 26. September sei die Unterschrift deS Kontrakts festgesetzt worden, aber anonyme Briefe, welche Gustav erhalten; feien Veranlassung gewesen, daß dieser Termin hinauSgeschoben worden. Danach habe Gustav sich zurückgezogen, bis eine Erklärung zwischen Beiden stattgefunden, und nun sei der Termin der Heiralh für den Oktober, sodann für den November anberaumt worden. Den Ursprung der Briefe habe Gustav im Schlosse Bitremont gesucht, wo man nach seiner Nachlassenschaft lüstern gewesen und seinen Tod gewünscht; der Graf habe ihm ein mal vergiftete Gemüse geschickt, nach deren Genuß AlleS im Hause genöthigt gewesen, Gegengift zu nehmen. Eines TageS, fährt die Zeugin fort, sei der Graf noch sehr spät AbendS — etwa 8 oder 10 Tage vor dem 20 November — zu ihr gekommen und habe gefragt, ob Gustav an jenem Abende noch nach Peruwelz zurückkchre; „ich sagte ihm, daß ich daS nicht wisse. Der Graf fragte mich nun, ob Gustav FougnieS ein Logis in Granbmetz habe, waS ich bejahte, eben so die Frage, ob er da Domestiken habe". — Fr. Hat er Ihnen nicht die Worte mitgetheilt, die sein Vater auf dem Sterbebette gesagt? — Antw. Ja er erzählte mir, daß sein Vaier gesagt habe: „Gustav, ich sterbe vergiftet, alS Opfer deS Schlosses Bitremont; hüte dich, daß du nicht ein ähnliches Schicksal hast" ! — Am 21. sei der Forstwârter Armand Wilbaut zu ihr gekommen, um ihr von Seiten der Gräfin anzukündigen, daß Gustav plötzlich gestorben: er habe sich über Kälte beklagt, sei zum Ofen gegangen, um sich zu wärmen, und dort todt niedergefallen. Der Forstwärter hatte den Befehl im Schlosse Grandmetz zu bleiben, bis Frau von SRnrnrntp ihn jnrnrfrnfpn intim hi# 1#ät»v» hnh#
ihm auch noch befohlen, die Schlüssel zur Wohnung Gustav'S zu fordern. Diele habe sie, Zeugin, ihm nicht gegeben, und um 9 Uhr AbendS sei er zurück- gekehrt. — Fr. WaS stand in dem anonymen Brief, welchen Sie erhielten? — A n t w. Daß Gustav FougnieS der würdige Sohn seines BaierS fei, daß er fünf oder sechs Kinder im Dorfe BiergeS habe, daß, wenn ich ihn heirathete, ich die unglücklichste Person von der Welt sein würde, da er nicht aufhören werde, seine alten Bekanntschaften aufzusuchen. In einem ähnlichen Sinne sei der andere Brief an FougnieS abgefaßt gewesen. Beide Briefen hätten dieselbe Handschrift verrathen. — Der Angeklagte will von diesen Briefen nichts wissen; waS seinen spätern Besuch bei der Zeugin angehe, fo erklärter, er habe sich erkundigen wollen, ob Gustav nicht die Nacht in Grandmetz bleiben könne, weil ein spätes Heimkehren der Gesundheit desselben,, für die er besorgt gewesen, hätte schädlich werden können. Die Gräfin gesteht, die anonymen Briefe geschrieben zu haben, sie hätten enthalten, waS das Gerücht ihr zugebracht. — Virginie Hoquet, Büglerin in Peruwelz, gibt an, am 20. November und am folgenden Tage habe sie im Schlosse gearbeitet , und da habe Marie Monjardez sie aufgefordert, mit ihr auf den Boden zu gehen, um Gustav'S Cravate dort zu holen und sie mit ihr zu verbrennen. .Die Cravate habe einen großen dunkeln Flecken gehabt, den Zeugin für Blut gehalten. — Virginie Fournier, ihre Schwägerin, auch Büglerin, hat auch den Flecken gesehen, dann sagt sie auS, daß die Gräfin sie am 20. November nach Peruwelz geschickt, um den Dr. j Semet auf den folgenden Tag für die Kinder zu j bestellen; und als sie der Gräfin die Antwort gebracht, habe sie diese allein mit ihrem Bruder im Speisesaale angetroffen. Die Angeklagte läugnet nun, sich mit ihrem Bruder außer dem Augenblicke, wo ihr Mann daS Anspannen von Gustav'S Wagen bestellt, allein befunden zu haben. Sie will auch von der Sendung zum Ärzte nichts wissen, da ihre Kinder alle wohl gewesen.
Der 84. Zeuge ist Laver Lambert, Brigadier der GenSdarmerie in Tournay, der im Arresthause in Tournay in Dienst gewesen ist. Er erzählt, daß der Angeklagte sich bei ihm über Frau v. Bocarme beklagt und unter Anderm geäußert: sie habe mit ihrem Bruder in Streit gelebt, aber sie habe ihm ja in ein Glaö einschütten können, und jetzt sei sie schuld, daß er so tief drin stecke. Dann hätte er noch behauptet, nach dem Unglück habe er, der Graf, zwei Personen auS dem Speise- saale gehen sehen, aber er dürfe die Namen dieser Personen nicht nennen. Als der Präsident diese Aeußerungen dem Angeklagten vorhält, will sich dieser, wie gewöhnlich, dessen nicht erinnern.
Der 85. Zeuge ist B r i s e m ou ti e r, Brigadier der GenSdarmerie zu Peruwelz. Am 22. und' 23. November ist er in daS Schloß gesandt worden und hat dort auf Befehl Armand Wilbaut arretirt und unterm Bettstroh des W'lbaut an 40 Kilo Tabak gefunden. Dann hat er weitere Nachiuchun- gen gehalten und, weil ihm frische Stellen im Blu. mengarten auffielen, dort nachgegraben und zwei todte Katzen und zwei todte Enten gefunden; eine der ersteren hatten die Mägde den Grafen dort ein. scharren sehen. Dann erzählt er weitläufig, wie er im Plafond eines Zimmers im Schlosse den Versteck der chemischen Instrumente entdeckt und sie daraus hervorgezogen habe. Der Graf, befragt, weßhalb er diese Gegenstände so gut verborgen, gibt an, daß er eine längere Reise nach Deutschland projek- tirt, um der Hochzeit Gustav'S auSzuweichen, und diese Sachen habe er wohl verwahrt wissen wollen an einem Orte, den nur er und seine Vorfahren ge- sannt.
Der Advokat der Gräfin bittet, daß man den Zeugen frage, ob es möglich sei, sich hinter den Schrank im Vorzimmer zwischen Küche und Speisesaal zu verstecken, ohne durch die in die Küche führende Thür gesehen zu werden. Der Zeuge gibt an, daß das nicht vollständig möglich sei.
Der 86. Zeuge, Forstwär,er Armand Wilbaut, macht sehr weitläufige Deposilionen überall sein Thun und Treiben am 20. und 21. November. An letzterem Tage hat ihm Frau v. Bocarmö be- , fohlen, sogleich nach dem Schlosse Grandmetz zu i gehen und Madame von Dudzeele, den beiden alten i
und dort zu bleiben, bis sie ihn zurückrufen, lasse; ich sollte, sagt der Zeuge über die Möbel und daS Silberzeug, welches Gustav dorthin hatte bringen lassen und deßhalb ließ ich nach den Schlüsseln fragen. — Abends spät ist er zurückgegangen und um 4'4 Uhr Morgens (am 22. Novbr.) in Bitremont angekommen. Er hat sich ins Leichenzimmer begeben, wo der Kutscher gewacht bade; nachdem Zeuge dort eine Weile geschlafen, sei der Graf gekommen und habe ihm gesagt, er wolle ihm guien Tabak zum Rauchen schenken; er sei demselben hinauf gefolgt; dort habe der Angeklagte ihm Tabak in einen Sack geschüttet, aber befohlen, es Niemanden zu sagen und den Tabak wohl zu verbergen. Nachdem er den Tabak in seine Wohnung gebracht, habe ihm der Graf noch zweimal Tabak geschenkt und ihm befohlen, eine Strohmatte und Papiere zu verbrennen. Seit 1843 habe der Graf Tabak gebaut. — Der Zeuge deponirt ferner, daß er einst den Grafen in der Waschküche getroffen, wie er mit Franz De- blicquy zwischen chemische» Apparaten beschäftigt gewesen, seiner Angabe nach, Kölnisches Wasser zu machen. Der Angeklagte habe ihm davon zum Probiren geben wollen und aus einem Gläschen einen Tropfen gegossen, der klar wie Krystall gewesen; wie Zeuge ihn habe trinken wollen, habe ter Graf gesagt: Es ist noch nicht fertig, ich muß noch etwas hinzuthun. Er habe etwas Gelbes hinzugeschüttet; es habe nun geschmeckt wie Branntwein, dann wie Tabak. — Der Zeuge deponirt noch über den Leumund deS Grafen; man habe diesen einen „Ma- I quereau" genannt. DaS Auditorium bricht in ein 1 Gelächter aus und der Graf stimmt von Herzen darin ein. — Nachdem noch einige Zeugen vernommen, von denen einer behauptet, der Forstwärter Armand Wilbaut fei am 21. November betrunken gewesen, wird die Sitzung um 12^ Uhr geschloffen.
Stimmen der Presse.
Die Schlesische Zeitung schreibt aus Berlin: Mit so großer Bestimmtheit auch von Wien auS eine totale Systemsänderung in den wichtigsten Fragen der innern Politik Oesterreichs in Aussicht gestellt und scheinbar durch den Personenwechsel im Handelsministerium als bereits vorhanden bezeichnet wird, mit so großem Mißtrauen dürften doch alle derartigen Berichte aufzunehmen sein. Der angekündigte Systemswechsel bezieht sich gerade auf diejenigen Punkte, welche mit der Frage deS österreichischen GesammteintrittS auf daS innigste verwachsen sind — die ZolleinigungS- und Gefammt- staatsfrage. England und Frankreich haben ihren Widerspruch gegen den Gesammteiniritt nicht aufgegeben , und welche Stellung Preußen in Bezug auf daS Projekt einnimmt, weiß man in Wien auS der Denkschrift vom 14. Februar; zudem ist in Frankfurt jetzt noch Slimmeneinhelligkeit nöthig, wenn Oesterreich hier feinen Zweck erreichen will. Für den Augenblick kann dem Fürsten Schwarzenberg daher nichts mehr am Herzen liegen, als daS Hinderniß der Stimmeneinhelligleit zu beseitigen; und hierzu ist wieder erforderlich, den Glauben zu erwecken, als habe Oesterreich seine bisherigen Plan« der österreichisch.deutschen Zolleinigung und des Ge« sammieintrillS gänzlich aufgegeben — Ein Glaube, der nur durch den Schein einer gänzlichen Systems, ânderung hervorgebracht werden kann! Und wie leicht ist dieser Schein zu erregen! Die Verfassung vom 4. März, unausgeführt wie sie ist, kann wieder wegoktroyirt werden; man wird dann zugleich die verheißenen Reichs- und Kronlanktage los. Und was schadet eS, wenn daS Handelsministerium einen neuen Chef erhält? Inzwischen aber gelingt es vielleicht durch dieS Manoeuvre, in Frankfurt die Stimmeneinhelligkeit zu beseitigen; dann kommt ein neuer Systemswechsel, und die allen Plane, ihrer Realisirung einen guten Schritt näher, kommen wieder zum Vorschein. Daß diese Beurtheilung der Nachrichten über den angeblich bevorstehenden SystemSwechscl nicht ohne Basis ist, geht zunächst auS der großen Thätigkeit hervor, weiche nach zuverlässigen Mittheilungen Graf Thun in Frankfurt I entwickelt. Sein Augenmerk ist vor allem auf die Ver- 1 treter derjenigen Kleinstaaten gerichtet, welche früher ) mit Mr-«a-n M#vhtinh#n mnrjn ♦ 6- sin-fu #r . mil