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RaMW Allgemeine Zeitung.

M I2N

Mittwoch den â. Juni

1851»

Die Nass. Allg. Zeitung mit dem Wanderer erscheint einmal täglich mit Ausnahme des Sonntags. Der vierteljährige PränumscationSpreiS ist in Wiesbaden für den Umfang deâ HerzogthumS Nassau, des GroßherzogthumS und KurfürftenthumS Hessen, der Landgrafschait Hessen-Homburg und der freien Stadt Frankfurt Ä fL, in ven übrigen Ländern des fürstlich Thurn- und TariSschen Verwaltungsgebietes 8 fl. 10 kr. Jnfera te werden Die dreispaltige Petitzeile oder deren Raum mit 3 kr. berechnet. Bestellungen beliebe man in Wiesbaden in der L. Schellenberg'schen Hof-Buchhandlung, auswärts bei den nächst gelegenen Postämtern zu machen.

Uebersicht.

Amtlicher Theil.

Dienftnachrichten.

Nicht amtlich er Theil.

Der Prozeß Bocarms.

Deutschland. Wiesbaden (Schreiben desH. Ministerial- AssefforS Obernheimer. Afften.) 93on der Aar (Jagd­verpachtung). Vom Westerwald (Die Eisenindustrie).

Frankfurt (Die BnndeSzentralkommission. DieEisen- bahnverbindung mit Holland). München (Klenze. Dr. Herrmann). Hannover (Die deutsche Flotte) Berlin (Die Beschränkung der Presse. Die Friedrichs­feier. Der Gesammteintritt). Kiel (Die Kommissäre. Demonstration) Olmütz (Zweck der Zusammenkunft).

Wien (Ungarische Kolonisten. Die schleswig-holsteinische Frage. Die Warschauer Konferenz. Erzherzog Marimilian.

Note von Frankreich. DerLloyd". Abreise deS Kaisers von Rußland).

Frankreich. Paris (Odilon Barrot. Das Bulletin de« WiderstandSauSschußeS).

Großbritannien. London (Die Titelbill. Die eng­lische Flotte vor Malta).

Neueste Nachrickten.

Sprechsaal für Stadt und Land.

Amtlicher Theil.

Dem KreiSamtmann von Wintzingerode zu Höchst ist die Annahme deS von Sr. Majestät dem König von Preußen ihm verliehenen St. Johanniter- ordenS gestattet worden.

Der Mebijinalrath Dr. Heydenreich zu Dillenburg ist nach Limburg versetzt worden.

Dem Medizinalakzessisten Dr. Spengler zu Herborn ist die Annahme des von Sr. Königlichen Hoheit dem Großherzog von Mecklenburg-Schwerin ihm verliehenen Titels eines Hofraths gestattet worden.

Der Pfarrvikar Wirths von Dienethal ist zum Kaplan zu Montabaur und der Kandidat Karl Ullrich von Miehlen zum Pfarrvikar zu Dienethal ernannt worden.

Nichtamtlicher Theil.

Der Prozeß Bocarmv.

Schluß der Sitzung vom 29. Mai. Der Jn- struktionSrichter fährt in feiner Zeugenaussage fort: Ich begab mich unmittelbar nach dieser Unterhaltung zu Frau von Bocarme, um sie zu fragen, ob eS wahr sei, daß Gustav sich mit der Nicotin-Phiole selbst vergiftet, daß ihr Mann sie ihm entrissen, FougnieS aber kaum eine Minute mehr gelebt habe. Sie begann zu lachen. (Bewegung.)Ich wußte wohl, daß mein Mann Ihnen daS sagen würde. In der Nacht nach dem Verbrechen sagte er zu mir: In der letzten Ertremität werde ich sagen, daß Gustav sich selbst vergiftet mit der im Buffet enthaltenen Nicotin-Flasche, die ich ihm entrissen, daß er dann aber keine Minute lang mehr gelebt".

Der k. Prok.: Bediente sie sich des Ausdrucks Phiole und nannte sie daS Buffet? A.: Ja, ausdrücklich.

Fr.: Lydia FougnieS, ist cS wahr, was der Zeuge sagt? A.: Ja.

Zeuge: Als ich Herrn von Bocarme die Aeußerung seiner Frau wieder mittheilte, erhob er die Arme und sagte:Mein Gott, waS kann man mit einer solchen Frau anfangen"! Frau von Bocarme sagte mir in einem späteren Verhör, daß sie ihrem Manne damals bemerkt, an die Selbst­vergiftung von Gustav werde Niemand glauben, er aber habe gesagt: daS gehe sie nichts an, daS fei seine Sache, sie habe nichts zu sagen, als daß sie nicht gegenwärtig gewesen, und nichts wisse.AlS nun der Zeuge gefragt wird, ob er weiter nichts zu sagen habe, legt er ein Papier auf den Tisch, daS der Gefängniß-Direktor vom Grafen zur Be­sorgung erhalten und ihm übergeben.

Der Präs. lieSt:Meine liebe Frau! verlange vom JustruktionSrichter, mich zu sprechen, und gib mir Nachricht von deiner Gesundheit. Sage m'r, mit waS du dich beschäftigst. Hast du lange Gon­zales (dieS ist der Sohn der Angeklagten) nicht ge, sehen, und wie geht es den beiden Mädchen? Er- hälft du Nachrichten? Warum bist du so böse gegen mich? Ich begreife eS nicht l Ich weiß nicht, welchen Vortheil dir daS bringen kann Ich habe dir kei­nen Grund dazu gegeben. Hast du kein Zutrauen, hälft du mich für deinen Feind? Hoffst du und glaubst du, daß du eine bessere Stütze, als mich, finden könntest? Gewiß, meine liebe Frau! unsere Interessen sind dieselben. Lies im Paroissien ro- main pag. 323 die 13. Zeile von unten, und be­folge den Rath, der Niemanden verdächtig sein kann, denn er kommt von unserm Heiland, JesuS Christus. DaS ist mein Weg, folge meinem Wege und wir werden unS wohlbehalten wieder treffen"!

Nachdem der Präsident den Angeklagten gefragt, ob er einen Paroissien Romain besessen und von wem er ihn erhalten, und erfahren, daß der Direktor des Gefängnisses ihm einen gegeben, wendet er sich an ven Zeugen und befragt ihn nach dem Sinne der angezogenen Zeile. Zeuge: ES ist der 20. VerS im 12. Kap. des Evangeliums Matthäi und lautet: Ein jegliches Reich, so mit ihm selbst uneinS wird, daS wird wüste, und eine jegliche Stadt oder HauS, so mit ihm selbst uneins wird, mag nicht bestehen". Wohl eine Aufforderung deS Angeklagten an feine I Frau, daß sie ihre Aussagen mit Den feinten möge I übereinstimmen lassen. lieber die Konfrontationen j der Ehegatten gefragt, sagt der Zeuge, daß er da. 1 bei sie beide gefragt, wer von ihnen den Mord be­gangen. Sie antwortete: Er soll eS sagen, er weiß eS , er! Als ich sie nun beschwor, die Wahrheit zu sagen, beschuldigte sie ihn mit dem vollen AuSdrucke der Wahrheit; er begnügt sich einfach, eS zu leugnen. Dann sagte sie:Wenn ich eS wäre, ich sagte eS, ich hätte eS längst gesagt. Würde ich dich im Ge­fängniß lassen ? Dazu hätte ich zu viel Herz" ! Ihre nervöse Aufregung, wobei sie daS Schnupftuch in ihren Händen zerriß, alles zeigte an, daß sie nach ihrer .Ueberzeugung sprach. Herr von Bocarme hingegen war phlegmatisch , als wenn gar nichts vorgefallen.

P äs. : Angeklagter v. Bocarme haben sie nichts gegen diese Aussage zu bemerken? A.: Durch aus nicht».

Zeuge: Sie sagte noch: Beschuldige mich offen, geradezu. Sage, daß ich eS gethan. Ich gebe dir freies Feld; sage eS, du wirst mir Ver­gnügen machen. Aber dann wirst du auch erklären, wie ich daS Verbrechen beging. Du wirst erklären, wie ich Gustav nieverwerfen konnte, wie eS kam, daß dein Finger statt deS meinen gebissen worden, daß du daS Gift in den Mund bekamst statt meiner, warum er Pardon Hippolyte! anstatt Pardon ma soeur, gerufen". Sie sprach so schnell, daß ich weiter nichts ausfassen konnte. Von Herrn Fran^oiS hat der Zeuge vernommen, daß Gustav immer gefürchtet, von seinen Verwandten vergiftet zu werden. Die Speisen, die sie ihm geschickt, hatte er weit wegwerftn lassen, damit daS Geflügel selbst nicht davon fresse. Man suchte ihn in letzterer Zeit mit Geschenken zu besänftigen, setzte der Zeuge hin> zu. Den Tag nach Gustav'S Tod hatte ihm die Gräfin den Wagen geschickt, um ihn nach Bury zu holen, aber, habe Hr. FranxoiS gesagt,ich war zu sehr aufgebracht wegen ihres infamen Benehmens, und bis heute ist eS meine tiefe Ueberzeugung, daß sie Gustav umgebracht haben".

Hr. Toussaint, Vertheidiger der Frau von Bocarme: Der Zeuge führt eben Worte deS Hrn. Francois an, ohne zu erwähnen, daß Letzterer dem JnstruklionSrichter als Ursache seines Verdachtes die öffentliche Meinung angab und hinzusetzte: ich halte den Grafen gegen seinen Schwager zu Allem fähig. Der Zeuge: So ist eS. Hr. Toussaint: Hr. FranxoiS hat noch gesagt: Gustav bemerkte mir: Ich genieße nichts, im Schlosse, bis eS der Graf versucht. Der Zeuge: Ja, so ist eS; auf den Grafen richteten sich Hrn. FranxoiS und Gustav'S Verdacht.

Hr. Lachaud, Advokat des Grafen: Ich lege Werth darauf, zu konstatiren, daß Hr. Francois der Onkel der Frau v. Bocarme ist.

Nun kommt eine lange Auseinandersetzung über

einen Wandschrank, worin die Giftphiolen verwahrt gewesen. Dann erzählt der Zeuge, daß er in den nassen Kleidern die Hr. v. Bocarme am 20. getra­gen, einen kleinen Flaschenstöpsel gefunden, bei dessen Vorzeigen der Graf sehr verwirrt worden und auf Befragen angegeben, daß er zu einem Fläschchen Zahnlinklur gehöre, daS er immer bei sich getragen; weil eS aber leer geworden, in ein Kästchen gethan, worin Flaschen aufbewahrt würden. DaS Kästchen habe er auch im Schlosse an der bezeichneten Stelle gefunden, aber trotzdem, daß eS dreißig bis vierzig Fläschchen enthalten, kein einziges, zu dem der Stöpsel gepaßt. Dann wendet sich das Verhör der Wunde zu, die der Graf an der Stirn trug und von der er behauptet, daß er sich im Dunkeln an eine Thür des Speise.SaaleS gestoßen, als er nach Hilfe für seinen Schwager geeilt, während er früher gesagt hat, sie kühre von dem Falle her, in den ihn Gustav gezogen, als er sich an ihn geklammert. Bei der Voruntersuchung hatte er mit einer langen Locke die Verwundung bedeckt.

Prâs.: Hat der Zeuge nicht Erkundigungen über die Vergangenheit und die Moralität der Frau v. Bocarme angestellt? A.: Ich habe in der That über den Herrn und die Dame diese Erkun­digungen tingezogen, nnd was die letztere betrifft, nichts gegen ihre Moral erfahren. Die Bewohner von Peruwelz waren alle eher geneigt, ihr Gutes als Schlimmes nachzusagen. Sie fanden nur einen Vorwurf gegen sie, wenn eS einer ist, daß sie stolz sei. (Tiefe und anhaltende Sensation.)

Hr. Toussaint: Man hat gesagt, die Dame lese nur Romane und schreibe selbst sogar welche, so wie auch, daß in ihren Werken nie etwas Un­moralisches vorkomme. A.: DaS ist richtig.

Hr, Toussaint: Weil man gesagt, sie lese nur Romane, bat ich den Zeugen um den Katalog ihrer Bibliothek. Der Zeuge sagt nun, daß in der Bibliothek der Gräfin nur sehr wenige Romane ge- wesen: Voffuet, Fenelon, viele Memoiren über Italien, über Napoleon, Büffon'S Naturgeschichte. Dann führt der Zeuge an, daß eS ihn sehr viele Mühe gekostet, die Angeklagte zum Gestândniß zu bringen; es fiel ihr sehr schwer und sie schluchzte so sehr, daß ich die Fenster deS Gefängnisses, die offen standen, mußte schließen lassen, damit man sie nicht draußen höre. Sie sagte:ES ist so pein­lich, nicht Die Wahrheit sagen zu können, ohne seinen Mann anzuklagen". Hr. v. Bocarm< sagte da­gegen:Welch peinliche Lage, ich kann mich nicht vertheidigen, ohne meine Frau anzuklagen".

Fr.: Sagte nicht Frau von Bocarme am 14. Februar, sic habe alle Ruhe, allen Schlaf verloren, aber sie müsse Der Kraft Der Wahrheit nachgeben?

A.: DaS ist wahr. Ihre Mittheilungen wur­den aber erst vollkommen, als man ihr den Brief zeigte, den sie für ihren Mann an den Kesselschmied Vandenbergh wegen der Distillir - Apparate ge­schrieben. ___________

Deutschland.

* Wiesbaden, 8. Juni. Wir sind in den Stand gesetzt, ein von dem Herrn Ministerialassessor und ZollvereinSkommissär Odern hei wer an Her­zogliches StaatSmlnisterium gerichtetes Schreiben Datirt London den 28. Mai in nachstehendem Aus­züge mitzutheilen:Außer den Rohprodukten ist von dem höchsten Interesse die Fülle der ausgestell­ten lankwirthschaftlichen Geräihe und Maschinen, ein Feld, deS gründlichsten Studiums würdig und belehrender als eine ganze Bibliothek der besten Schriften. Es ist mir leid, daß ich in Diesen Be­ziehungen mich in keiner Weise als Sachverständigen bezeichnen kann, um so mehr muß der Wunsch in mir rege werden, daß Nassau diese Gelegenheit nicht vorübergehen lasse, die möglichsten Erfahrungen der ganzen Erde, soweit als klimatische und andere Ver­hältnisse erlauben, auch auf seinen Boden zu über­tragen. Ich erlaube mir daher die Zweckmäßigkeit der Absendung eines Sachverständigen der Land­wirthschaft auS dem Herzogthum Nassau zu befür. werten; der landwirthschafiliche Verein bietet in feinem DirekioriumSmitgliedern genügende wissen­schaftliche Kräfte, um der gestellten Aufgabe ge­wachsen zu fein. Eine gründliche wissenschaftliche Ausbildung ist jedenfalls Bedürfniß, Empirik würde allein nicht auSreichen".