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Nassauische Allgemeine Zeitung.

M 103» Samstag den L Mai 1831

Die Naff. Allg. Zeitung mit dem Wanderer erscheint einmal täglich mit Ausnahme des Sonntags. Der vierteljährige PrânumecationSvreiS ist in Wiesbaden für den Umfang des HerzogthumS Nassau, des Großherzogthums und KurfürssenthumS Hessen, der Landgrafschau yeffen-Homburg und der freien Stadt Frankfurt 2 fL, in den übrigen Ländern des fürstlich Thurn- und Tarisschen Verwaltungsgebietes 2 fl. 1O fr. Inserate werden die Dreispaltige Petitzeile oder deren Raum mit 3 fr. berechnet. Bestellungen beliebe man in Wiesbaden in der L. Schellenberg'schen Hof-Buchhandlung, auswärts bei den nächst gelegenen Postämtern zu machen.

Uebersicht.

Amtlicher Theil.

Dieuftnachrichten.

Nichtamtlicher Theil.

Der Prozeß Bacarm^.

Deutschland. Wiesbaden (Deputation aus Weilburg. Die Abendmusik in Biebrich. Festlichkeiten. Umfall. Die Filanda). Boin Fuße des Höchst (Das Oranien- steinerVolksfest). Kassel (Iustizrath Meier. Belegung der Residenz). Stuttgart (Einberufung bei Land­tags). München (Die Hauskollekte für Traunstein).

Leipzig (Haupt, Jahn und Mommsen entsetzt). Berlin (Der Bundestagsgesandte. Leeoq. Die Anklage gegen Arnim. Interpellation). Stettin (DerNir" gestrandet). Kiel (DaS Kronenwerk). Au« Angeln (Veränderte Politik der Dänen). Wien (Maßregeln gegen Venedig. Verbesserung der Lehrergehalte. DaS Strafgesetz. Der Zolltarif. Erzherzog Ferdinand. König Otto. Scheidemünze. Graf Plessen. Graf Grünne. Fürst Metternich. Graf Stein, v. Bruck. König Otto. Der deutsch-österreichische Postverein. Bhiacz von Skenderbeg genommen).

Belgien. Brü sse l (Vermischtes).

Frankreich. Paris (Die Verfassung-revision. Perfigny und Changarnier. Vermischtes).

Spanien. Madrid (Regelung der Staatsschuld. Der Hof).

Großbritannien. London (Die Einkommensteuer. Die Titelbill).

Italien. Turin (Note an Oesterreich). Verona (Der Cordon. Die Schatzscheine). Florenz (Polizei- 1 aufsicht. Radetzky). Rom (Die Mantua-Florenz- | Bologna-Bahn).

Türkei. Konstantinopel (Die bosnischen Gefangenen, v. Titoff. Die Jnternirten).

Neueste Nachrichten.

Amtlicher Theil.

Reallchrer Sch übler von Diez ist an die Realschule zu EmS versetzt worden.

Den geprüften Realschulkanvivaten Dr. Cr a- Hier von Höchst, 6b un von Langenschwalbach und MaaS von WürgeS sind in provisorischer Eigen­schaft die Reallehrcrstellcn, den Ersteren an der Realschule in Diez, dem Zweiten an derjenigen zu Höchst und dem Letzteren an derjenigen zu EmS üdertrageo worden.

Nichtamtlicher Theil.

Der Prozeß Bocarm^

Der früher in diesen Blättern kurz erwähnte Mord, welcher im Schlöffe Bury in Belgien an dem Schwager des Grafen von Bocarmè verübt worden, hält, wie leicht begreiflich, die öffentliche Aufmerksamkeit in unserem Nachbarlande in hohem Grade gespannt. Der Graf und die Gräfin von Bocarme sind vor den Assisenhof verwiesen; bevor die öffentliche Verhandlung die Einzelheiten deS Verbrechens genauer herauSstellt, beschwichtigen die belgischen Blâlter die Spannung ihrer Leser durch Privatmitiheilungen, denen wir Folgendes ent­nehmen :

Hyppolite von Bocarmè ist der einzige Sohn eines Grafen Julian von Bocarmè , seine noch le­bende Mutter eine geborene Marquise von Cbasteler, Nichte deS berühmten österreichischen Heerführers. Der Graf Iulian war Generalinspektor ter Domä­nen auf Java, und dort, in Batavia, wurde Graf Hyppolite geboren ; er erhielt eine Farbige zur Amme und wuchs zwischen Malayen auf. Nach der 8an- deSsitte soll man, um ihm Muth einzuflößen, den Knaben Löwenherzen haben essen lassen. Nach mehr, jährigem Aufenthalte auf Java kehrte der Graf Iulian in seine Heimat nach Tournay zurück. Aber Thatendurst und Unternehmungslust trieben ihn bald wieder in die Ferne; er begab sich mit seinem Sohne nach Nordamerika und gründete eine Kolonie am Ohio (AlpencaS), mitten unter den Wilden.

Dort wuchs Hyppolite auf, bis zu feinem achtzehn­ten Jahre, wo er nach Europa zurückkehrte. Kurz nachher heirathete er ein Fräulein Lyvie FougnieS aus Peruwelz, eine Frau von glühender Einbil- dungSkraft, gebildet und geistreich, schwärmerische Bewundererin neufranzösischer Romantik. DaS junge Paar |siedelte sich im Schlosse Bury bei Tournay an. Der Graf Hyppolite verrieth, wie man sagt die gefährlichsten Instinkte; er machte den Kummer seiner Familie auS und war der Gegenstand der Verwünschung von Seiten der Bauern seines Dor, fcS. Man behauptet sogar, daß er auch seine Frau geschlagen, und daß er sich zu den größten Miß, Handlungen derselben habe Hinreißen lassen.

Die Gräfin war ihrem romantischen Hange treu geblieben. Sie schrieb einige Erzeugnisse ohne großes Verdienst und unterhielt enge Verbindungen mit den hervorragendsten Pariser Schriftstellern, und besonders mit Hrn. von Balzac, der oft wäh­rend des Sommers einige Wochen auf dem Schlosse Bury zubrachte. Einer der Romane der Gräfin, Adeline Helney, ist zum Theil im Druck erschienen und kürzlich in dem Antwerpener BlatteCourrier de l'Escaut" wieder miigeiheilt worden.

In einer Haushaltung dieser Art, bei einem Manne von ausgelassener Lebensweise, konnten die p-kuniâren Verhältnisse nicht blühend fein, und daS junge Paar soll einen bedeutenden Theil seines Ver­mögens verzehrt haben. Aber die Gräfin hatte einen Bruder, dessen Hinterlassenschaft für die Zukunft beruhigen konnte. Von sanftem Charakter, aber von schwächlicher Gesundheit, schien Herr Gustav FougnieS kein langes Leben zu versprechen. Er hatte sich bereits in Folge eines «turzeS vom Pferde einen Schenkel' ampuuren lassen müssen uns ging auf Krücken. Er jagte oft, daß sein Schwager sein Vermögen begehre, und. daß er im Schlosse nichts genießen möge, bevor nicht »sein Schwager davon genommen Man sagt auch, er habe behauptet, der Graf habe seinen Vater vergiftet aber dieß ist blos Gerücht. Gewiß ist nur, daß Gustav Foug- nies trotz feiner Liebe für feine Schwester, welche er zu feiner Univetfaierbin gemacht hatte, die Ge­sellschaft deS Grafen floh und seit längerer Zeil nicht nach Bury kommen wollte.

Im verflossenen Herbst entschloß sich Gustav FougnieS, die Gräfin Duvzoele de Grandmetz zu heirathen. Der Hochzeittag rüefte heran, die Ge, schenke waren bereits gekauft, am 23. November sollte der Kontrakt unterschrieben werden, als Foug, nieS sich vornahm trotz den Bitten seiner Braut, welche ihm ein Unglück weissagte seine Hei« rath seiner Schwester und seinem Schwager persön­lich janzukündigen. Am 20. November, als die Gräfin ihrem Manne miltheilte, Gustav FougnieS werde zu ihnen zu Tische kommen, soll der Graf geantwortet haben:Gest aujourdhui que je lui fais son affaire. Am selben Abend war Gustav FougnieS nicht mehr unter den Lebenden.

Am anderen Tage kündigte man im Dorfe an, daß FougnieS plötzlichen ToveS im Schlosse gestor- beu sei; aber die öffentliche Stimme besann sich keinen Augenblick, den Grasen Bocarme für seinen Mörder zu eifhnen. Der Friedensrichter von Pc« ruwelz machte davon dem königlichen Prokurator Mittheilung. Am 22. November erschien die Justiz im Schlosse Bury viel mehr in der Absicht, ver­leumderische Gerüchte niederzuschlagen, als um ein Verbrechen zu entdecken. Bald aber wurde dem JnstruktionSrichter die Verlegenheit und das Unzu- fammenhängende in den Antworten des Grafen auf­fallend , er verlangte die Hände desselben zu sehen, und erblickte mit Schrecken einen tiefen Biß in der rechten Hand. Der Graf und die Gräfin wur­den augenblicklich verhaftet und inS ArresthauS ge­schafft.

Anfänglich scheiterte die Justiz in ihren Nach­forschungen vollständig. Die Gefangenen läugneten, die Domestiken schienen eine Lektion haben lernen zu müssen, die sie gleichlautend hersagten, die Aerzte konstalirten eine Vergiftung durch Schwefelaid (Vi­triol) endlich erhielten die lange getäuschten Un­tersuchungsrichter Licht, und zwar durch eine junge Pariserin, Mademoiselle Emerence, welche seit Kur­zem im Dienste der Gräfin als Kammerjungser stand. Sie sagte auS: Der Graf habe am Mor­gen deS TageS, an welchem daS Verbrechen be­gangen, feinem Kammerdiener nach einem einige

Stunden weit entfernten Orte geschickt; Emerence hatte statt seiner bei Tisch auswarten müssen. 2118 cS zu dunkeln begonnen, habe sie gefragt, ob sie Licht anzünden solle, die Gräfin habe ihr aber be­sohlen, daS Zimmer zu verlassen und sich nach oben in daâ Kinverzimmer zu begeben. Auch die Kinder und die anderen Mägde seien in dieses Zimmer, welches von dem Eßzimmer sehr weit entfernt liege, gesandt worden. Eines der Kinder verlangte Milch zu trinken; zwei Mägde begaben sich in die Küche hinab, um Milch zu kochen. Während sie hiermit beschäftigt waren, hörten sie plötzlich unter­drückte Schreie: Au meurtrel â l'assassinat I Hyp­polite ! Hyppolite! «le eilten zur Thur der Küche, die von dem Speisezimmer nur durch einen kleinen Raum getrennt ist, unb sahen, heißt es, Frau von Bocarme auS dem Eßzimmer treten und die Thür desselben hinter sich schließen. Die erschrockenen Mâgde flüchteten sich, und unter den Fenstern deS Speisesaales hergehend, hörten sie daâ letzte Röcheln eines Sterbenden. Später sah Emerence Herrn und Frau von Docarmè in ihr Zimmer hinauf gehen; sie sahen verstört auS und befahlen, man solle sie allein lassen. Aber eine Halde Stunde nach« her kamen sie herab, und nun begann, waS man Komödie nennen könnte, trenn der Gegenstand nicht so ernster Natur wäre. Beide Angeklagten ergin­gen sich beim Anblick der Leiche in lauten Ausru­fen aber ihre Augen blieben trocken.

Außerdem machte man rie Entdeckung eines chemischen Laboratoriums im Schlosse ; ein Arbeiter auS dem Dorfe, der darin als Gehülfe deS Schloß- Herrn gedient, sagte auS, daß man vierzehn Tage und vierzehn Nächte hindurch darin gearbeitet habe, ohne daS Feuer ausgehen zu lassen, daß Herr v. Bocarme sich gewöhnlich in den Kleidern nicderge« legt habe, und mehrmals während der Nacht ge­kommen fei, den Fortschritt der chemischen Opera­tion zu überwachen, ja, daß sogar die Gräfin mehr­mals gekommen, um zu sehen, wie daS »ErbschaftS- wasser" (leau de Succession ) sich mache. ES ergab sich bald, daß der bei diesen Operationen ver, wendete Grundstoff Tabak war, und demgemäß wurde die Vergiftung denn auch als durch Niko­tine bewirkt entdeckt.

Ein Jncidenz von großer Wichtigkeit gab neues Licht. Die Journale hatten mitgetheilt, Herr v. Bocarmè sei im vorigen Sommer in Brüssel ge, wesen, eine Equipage zu kaufen; er hatte befohlen, diese weiß auSzuschlagen, der größern Kühlung we­gen, während er selbst vom Kopfe bis zu den Füßen in Pelze gehüllt war. Beim Lesen dieser Angabe fiel einem Ptvsessor in Gent, Herrn CoppenS, ein, daß im Frühjahr ein Mann , wie der beschrie­bene unc Bcirand sich nennend, bei ihm gewesen feien, ihn zu fragen, wie man Nikotine mache. Herr CoppenS meldete sich deßhalb beim königlichen Prokurator und wurde in Tournay mit dem Gra­fen fonfrontirt; er erkannte ihn sofort alS den an­geblichen Bcirand und übergab der Behörde Briefe, welche der letztere ihm unter demselben Namen über die Herstellung deS GifteS geschrieben hatte. Der letzte Brief soll mit den Worten schließen:Ich habe endlich reussirt, die Probe ist gemacht worden; die Wirkungen sind furchtbar". Die Briese, scheint , sind von der Hand der Gräfin geschrieben.

Die Untersuchung hatte trotz aller vorher er­wähnten Entdeckungen die Gräfin Bocarme nicht zum Grstänknlß gebracht. AlS ihr jedoch die Bei­rand unterzeichneten Briefe vorgelegt wurden, ge­stand sie, wälzte jedoch die Schuld auf ihren Ge­mahl und behauptete, nur auS Furcht für ihr eige­nes Leben daS Verbrechen nicht verhindert zu ha­ben. ES scheint, daß der Ermordete niedergeworfen worden ist und daß man ihm daS Gift gewaltsam eingeflößt hat. Der Graf Bocarme lâugnet mit bewundernswürdiger Kaltblütigkeit und weiß mit aalglatter Geschicklichkeit alle Fallen zu vermeiden, welche man ihm stellt.

Die Jndependance Belge enthält unter dem Bericht über diese Thatsachen einen Brief der un­glücklichen Mutter deS Grafen Hyppolite Bocarme, Die Nichte deS berühmten österreichischen Felbmar- schall« Lieutenants bittet darin, daS Urtheil über ihren Sohn so lange auSzusetzen, bis der Tag de6 Gerichtes gekommen.