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Mssamsche Ällgmeinc Zcittmg.

M S6 Freitag den 2S April 1851»

Die Nass. Allg. Zeitung nüt dem Wanderer erscheint einmal täglich mit Ausnahme des Sonntags. Der vierteljährige PränumecationSpreiS ist in Wiesbaden für den Umfang des HerzogthumS Nassau, des GroßherzogthumS und Kurfürstenthums Hessen, der Landgrafschait Hessen-Homburg und der freien Stadt Frankfurt S fl., in den übrigen Ländern des fürstlich Thurn- und Tarisfchen Verwaltungsgebietes S fL 10 kr. Inserate werden die dreispaltige Petitzeile oder deren Raum mit 3 kr. berechnet. Bestellungen beliebe man in Wiesbaden in der L. Schellenberg'schen Hof-Buchhandlung, auswärts bei den nächst gelegenen Postämtern zu machen.

Uebersicht.

Ueber die Armenpflege in der Stadt Wiesbaden. Deutschland. Wiesbaden sDie Vermählung Seiner Hoheit des Herzogs). Aus dem Justizamt Hoch­heim (Die Wege). Aus der Provinz (Die zweite Prüfung). AuS dem landwirthfchaftlichenLahn- kreise (Landwirthschaft). Frankfurt (DerDeutsche Phönir"). Kassel (v. Baumbach. Die Untersuchungen. Nothstand). Hannover (Die Kammer und die Regie­rung). Berlin (Die Eventualitäten in Frankreich. DaS Ministerium des Ackerbau's. v. Bunsen). Ham­burg (Die deutsch-brasilianische Legion). Altona (Die Dänenfreunde und das Ministerium. Vorkehrungen der Dänen). Wien (Oesterreichs Vorschläge. Der Pa- latinuS. Das Oberlandesgericht. Militärreform. Die Jngenieurakademie. Die österr. Flotte. Der ReichSrath). Frankreich. Paris (Geburtstag Louis Napoleons. Der portugiesische Gesandte. Lavalette. Der Feldzug gegen die Kabylen. Majorität sür daâ Ministerium. Vermischtet). Italien. Turin (Die Handelsverträge. Finanzminister Nigra). Florenz (Die englische Note. Die österr. Besatzung). Rom (König Ludwig. Der Paffatore).

Türkei. Konstantinopel (Die Londoner Ausstellung. AbbaS Pascha'S Schwester. Der bosnische, Aufstand). Smyrna (Das Erdbeben).

Neueste Nachrichten.

O Ueber die Armenpflege in der Stadt Wiesbaden.

in.

Betrachten wir genauer diese weit ausgedehnte Klasse von dürftigen Familien, die sich in guten Zeiten oft leicht, oft auch nur mit Anstrengung ernähren können, bei einem geringen Anstoß von Widerwär, tigkeiten aber, sei eS von Außen durch Ungunst der Zeit- und Witterungsverhältnisse, sei eS von Innen durch Krankheiten in der Familie, in die Klaffe der unterstützungsbedürftigen Armen zurückfallen, so be­gegnen wir ebenso dem sog. Proletariat d. h. demjenigen Theile der ärmeren Bevölkerung, wel­chem eS, obgleich arbeitsfähig, an dem guten Wil- len fehlt, sich und Familie mit einiger Anstrengung zu ernähren, der es vielmehr vorzieht, den verdien­ten Lohn in den Wirthshäusern zu verzehren und die Familie zu Hause entweder darben oder von Andern ernähren zu lassen wie auch dem nicht geringen Theile von Handwerkern übersetzter Ge­werbe, die bas ganze Jahr hindurch auS verschie­denen Gründen auf ihrer Profession nicht hinrei­chende Beschäftigung finden, und, wenn sie keinen Arbeitsverdienst haben, zu den Armen, welche Un­terstützung nöthig haben und solche auch ansprechen, gehören. Hieran reihen sich die vielen Taglöhner, welche eben wohl und zwar jährlich regelmäßig zur Winterszeit in dieselbe unterstützungsbedürftige Lage kommen.

ES ist rühmlich anzuerkennen, daß die hiesige Stadtarmenbehörde, sowie der (BonifaciuS-) Unter- stützungSverein und nicht weniger der löbl. Frauen­verein sich alle Mühe geben und nicht unbedeutende Mittel verwenden, um der Noth dieser Klasse von Armen zu steuern und diese armen Familien auf die verschiedenartigsten Weisen: durch Bezahlung deS Hauszinses, Anschaffung von Lebensmitteln und Brennmaterial, Verabfolgung von Kleidungsstücken und baarem Gelde unterstützen. Zu verkennen ist eS jedoch nicht, und sehr wünschenSwerth, daß, um eines Theils den Mißbräuchen durch Zuwen- Wendung von zu vielen Unterstützungen an dieselben Personen oder Familien durch mehrere Vereine und die Stadtarmenbehörde zugleich vorzubeugen, anderen Theils um bei diesen Unterstützungen, die gewöhnlich verzehrt werden, und ohne nachhaltigen Nutzen vorübergehend sind, einen bleibenden Zweck sür die Zukunft mit zu erreichen, mehr Ueberein­stimmung bei Verwilligung der Unterstützungen von verschiedenen Wohlthâtigkeitsanstalten an die armen Familien gebracht, und zugleich ein Plan zur Bes. serung der Zustände der unterstützten Familien zu Grunde gelegt und befolgt werden.

Wir erlauben unS in dieser Beziehung nach­folgende Vorschläge zur näheren Erwägung bei Be­

rathung und Beschlußnahme über diesen interessan­ten und wichtigen Gegenstand zu machen.

Bei den in Frage stehenven arbeitsfähigen Ar­men ist vor allem ein wichtiger Unterschieb zu ma­chen zwischen Solchen, die gerne arbeiten wollen, wenn ihnen nur Gelegenheit dazu geboten wird und namentlich auch andere als ihre professionsmäßigen Arbeiten, wenn diese nur Verdienst gewähren, an­nehmen, und gut besorgen, unv Denjenigen, die keinen guten Willen haben und alleVorwänbe brau­chen, um sich der Arbeit zu entziehen, ober Letztere absichtlich auS angewöhnter Faulheit schlecht ver- richten. Diese letztere Klasse von arbeitsscheuen Müßiggängern, verdienen offenbar eine ernstere und zwar strengere Behandlung als Erstere. Denn derjenige, welcher arbeiten kann, die Kraft und die Gesundheit dazu hat, um sich und die Seinigen zu ernähren, eS aber nicht will, sondern den Müßiggang und daS Faulenzen in der Hoff­nung auf Unterstützung vorzieht, der verdient keine solche, und mag die Folgen seiner Unthätigkeit und Indolenz tragen. Dasselbe LooS darf jedoch häufig nicht die Familien solcher schlechten Subjekte, die da­runter am meisten leiden, treffen. Schwierig ist eS indes­sen, die Wahrheit in allen den verschiedenen Fällen bei einer ziemlich starken Bevölkerung zu ermitteln, und die nöthigen Mittel und Wege ausfindig zu machen, um dem arbeitswilligen Armen in der Zeit, wo es Noth thut, Arbeitsverdienst zu verschaffen. Wir schlagen dazu einige Mittel vor, die unS allein ge­eignet scheinen, den Zweck zu erreichen, oder doch wenigstens auf den richtigen Weg führen.

Durch untergeordnete Schwierigkeiten und ei­nige Mühe und Arbeit darf man sich bei einer für den Bestand der Gesellschaft so wichtigen Sache nicht abschrecken lassen.

1) Vor Allem scheint eS nothwendig, daß sich die Stadtarmenbehörde mit den Vorständen der PrivatwohlthätigkeitSvereine und umgekehrt diese mit jener in ein gutes ununterbrochenes Einverneh­men stellen, damit dieselben erfahren, was von an- derer Seite her für die unterstützungsbedürftigen Familien geschieht, um bei eigenen Verwilligungen darauf Rücksicht nehmen zu können. Die Freiheit der Privatvereine, nach eigenem Gutdünken Unter­stützungen zu verwilligen, soll und darf dadurch je­doch in keiner Weise eingeschränkt werden, man würde dadurch ihre Existenz gefährden. Wie wir mit Vergnügen vernehmen, ist hierzu bereits die Einleitung getroffen.

2) Diejenigen Familien, welche am meisten herabgekommen unv sowohl in Armuth , als auch, wie eS gewöhnlich der Fall ist, in Unsittlichkeit ver- fünfen sind, nehme man unter spezielle Aufsicht (nicht unter polizeiliche, sondern unter liebevoll christ­liche) zum Zweck der Besserung und Hebung ihrer bedauerlichen Zustände. Man fange dabei mit We­nigen, die guten Willen verrathen, an, um sich im Anfang nicht zu überladen und durch wahrschein­liche Erreichung deS Zweckes zu stärken, und schreite hierin allmählig voran. Es wird voraussichtlich nicht zu lange Zeit erfordern, auf'diese Weise nach und nach den größten Theil der armen Familien, bei denen moralische Einwirkung und materielle Unterstützung gleichmäßig Noth thut, genau kennen zu lernen und die rechten Mittel zu erfahren, wo, mit ihnen gründlich geholfen werden kann. Diese Pfleglinge müssen oft und wöchentlich iu ihren ei­genen Wohnungen besucht und aller Einfluß Der­jenigen, welche die Aufsicht übernehmen und führen, benutzt werden, um diese Armen auf bessere Wege und wieder zur Selbstständigkeit zurück zu dringen Hier wird man entdecken, daß der Grund der Ver­armung in den verschiedenartigsten Ursachen wurzelt, bald wird solcher bei gutem Willen in Mangel an Verdienst während längerer Zeit, wo die Ersparnisse Und Vorräthe verzehrt werden, bald in Krankheiten von Familiengliedern, bald in zu großer Kinderzahl u. dgl. bestehen; eS wird sich aber auch finden, daß jener Grund bei vielen derselben in Arbeits­scheu, Müßiggang, WirthShauSgehen und Lüderlich- keit, wobei die Kinderzucht auf unverantwortliche Weise vernachläßigt, und Haß gegen Kirche und Obrigkeit erzeugt und genährt wurde, zu suchen ist..

Einleuchtend ist eS, daß diese Familien behufS ihrer Wiedergewinnung und Besserung ganz ver­schieden zu behandeln und zu unterstützen find, und daß vorübergehende milde Gaben, die gleich ver­

zehrt werden, aber bei Allen für die Dauer nicht helfen, vergeblich gespendet werden. ES ist begreif­lich, baß die für jedeS der 12 Viertel hiesiger Stadt bestellten Armenpfleger für diese Art der Beaufsich, tigung und Ueberwachung zum Zweck der Besserung der verarmten Familien bei Weitem nicht auSrei« chen, vielmehr noch andere Organe, als: brave religiös-gesinnte Bürger im Verein mit der Geist­lichkeit zu Ausübung dieser Aufsicht auSerwählt werden müssen, und dürfte denselben Sitz in den Sitzungen der städtischen Armenbehörde zu bewil­ligen sein, um von Zeit zu Zeit Vortrag über den Erfolg ihrer Bemühungen zu erstatten und die nöthigen materiellen Unterstützungen für ihre Pflege­befohlenen per Woche ober per Monate zur Be­willigung in Antrag zu stellen.

Der hiesige BonifaciuSverein soll mit dieser Art der Wirksamkeit zu sittlicher und materieller Besserung und Hebung verarmter Familien bereits früher den Anfang gemacht haben und sich in sei­nem Verfahren durch gemachte Erfahrungen bestärkt finden. ES scheint dies die einzige Art solchen Ar­men , wo eS noch möglich ist, gründlich zu helfen.

Es ist einleuchtend, daß auch durch dieses Ver­fahren nicht in allen Fällen mehr zu helfen ist, aber man wird alsdann doch den wahren Zustand sicher erkennen und demgemäß einschreiten, entweder da­durch, daß solche Familien wie derartige Fälle bereits dahier vorgekommen sind entweder ganz oder theilweise sich selbst auflösen oder aufgelöst werden, weil sie im Verband nicht fortbestehen kön­nen und die verschiedenen Glieder, wie die Kinder in die Kleinkinderbewahranftalt oder sonst wo zur besseren Erziehung untergebracht, erwachsene dem Müssigang ober der Lüderlichkeit bereits ergebene Söhne und Töchter, sei eS in Lohnbienst oder zu einem Gewerbe gethan, und die Eltern, je nach Umständen und Alter als alte Leute verpflegt oder als böswillige Söffer und Haustyranne anderwärts (beim Mangel eines Arbeitshauses zeitweis im KorrektionShauS mittelst Antrag bei der höhern Be­hörde) versorgt werden. (Schluß folgt.)

Deutschland.

* Wiesbaden, 24. April. Nach einer gestern Abend dahier eingetroffenen telegraphischen Depesche ist die Vermählung Sr. Hoheit des Herzogs mit Ihrer Hoheit der Prinzessin Adelaide Marie. von Anhalt gestern Abend nach 8 Uhr in Dessau' voll­zogen worden.

t Wiesbaden, 24. April. Daâ gestern zur Feier der Vermählung Sr. Hoheit deS Herzogs mit der Prinzessin Adelaide. von Dessau im Gast­hof zum Adler abgehaltene große Festdiner hatte über 200 Gäste vereinigt.

Herr Präsident Vollpracht; nach ihm der Geheimerath von LangSdorff Namens der in Wiesbaden wohnenden Fremden, und Herr Nikol, als Mitglied des Gemeinderathes NamenS deS ab« ' wesenden Herrn Bürgermeisters Fischer brachten Toaste auf das Wohlergehen der Hohen Neuver­mählten Hr. Kirchenrath Schultz einen solchen : auf Ihre königliche Hoheit die verwittwete Frau Herzogin aus. Sämmtliche Trinksprüche wurden mit lautem Beifall ausgenommen. Dem Toast deS I Hrn. Präsidenten Vollpracht antwortete der Don- - ner der Geschütze.

Die telegr. Nachricht von der Vollziehung der | kirchlichen Ceremonie traf um 9'/, Uhr hier ein.

A AuS dem Justizamte Hochheim, 18. April.

In einer früheren Nummer dieser Blätter wurde der Wegunterhaltung in der Gemarkung FlörSheim eben nicht sehr schmeichelhaft Erwähnung gethan, worüber die Gemeinderäthe in FlörSheim so schreck­lich böse geworben sind, daß sie sich einen langen - Artikel in der Freien Zeitung haben anfertigen lassen, um diese, sowie eine andere Beschuldi­gung, deren Grund ober Ungrund wir nicht kennen, von sich abzuwälzen. Die Gemeinderäthe in FlörS- H^m hatten recht.; denn warum sollte FlörSheim allein in einer Sache getadelt werden, welche andere Gemeinden und wohl die meisten des AmieS Hoch­heim gemein haben. Schlechte Wege, du liebe Zeit l