Nassauische Mgcmeme Zeining.
Ji 87» Samstag den 12 April 1851
Die Nass. Allg. Zeitung mit dem Wanderer erscheint einmal täglich mit Ausnahme des Sonntags. — Der vierteljährige PrânumecationSvreiS ik in WieSbaven für den Umfang des HerzogthumS Nassau, des GroßherzogthumS und KurfürüenthumS Hessen, der Landgrafschail Heffen-Homburg und der freien Stadt Frankfurt S fl., in den übrigen Ländern des fürstlich Thurn- und TariSschen Verwaltungsgebietes S fl. 1O kr. — Inserate werden die dreispaltige Hetitzeile oder deren Raum mit 3 fr. berechnet. Bestellungen beliebe man in Wiesbaden in der L. Schellenberg'schen Hof-Buchhandlung, auswärts bei den nächst gelegenen Postämtern zu machen.
Uebersicht.
Amtlicher Theil.
Ernennung eines Kommissärs für die Londoner Industrie-Ausstellung. -
Nicht am tlich er Theil.
Vier Monate auswärtiger Politik.
Deutschland. Karlsruhe (Welcker. Verurthrilung). — München (Schmidt'« Anträge verworfen). — Dresden Die Konferenzen). — Berlin (Harkort« Antrag auf Bank- reformen. Depeschen aus Wien. Ministerverantwortlichkeit. Di« Presse. Die Paradeangelegenheit. Vermischte«). — Schle«wig-Holstein (Das Bundeskontingent. Renovation der Beamten). — Kiel (Die Kommissäre. Bageffen). — Danzig (Einholung de« neuen Dampfschiffes). — Wien (Die Reise de« Kaisers. Stadion. ®taf Thun. Die deutsche Frage. Die subalternen Offiziere. v. Bruck. Baron Gehringer. Dr. Fischer. Der Freihafen von Venedig. Amnestie. Frau Gentiluomo-Spatzer).
Frankreich. Pari« (Die Marine. Die MinisterkrifiS. Vermischte«).
Broßbritannien. London (Aus dem Unterhause).
Spanien. Madrid (Die Regelung der Staatsschuld. Auflösung der EorteS).
Italien. Turin (Eisenbahnprojekt« der päpstlichen Regierung. DaS Siccardi-Monument). — Rom (Ein Gnadenakt vielleicht bevorstehend. Savelli'« Rundschreiben).
Neueste Nachrichten.
Amtlicher Theil.
Seine Hoheit der Herzog haben geruht, den Ministerial-Asseffor Obernheimer zu Wiesbaden als Mitglied für das Herzogthum Nassau derjenigen gemeinschaftlichen Sommisston beizugeben, welche von den Regierungen deS Zollvereins für die Industrieausstellung zu London bestellt wird.
Nichtamtlicher Theil.
Vier Monate auswärtiger Politik.
(Fortsetzung).
Wenn Hr. v. Stockhausen auch damals die Lage deS StaatS noch nicht begriff die Lage Der Armee hätte er wenigstens kennen sollen". Der Verfasser schildert die letztere mit den eigenen Worten ver Neuen Preußischen Zeitung. Hiernach waren 20,000 Mann in Hessen, 18,000 in Baden, 3000 in Hamburg, 5000 bei Kreuznach, 2000 in Frankfurt, 5000 in Mainz, die übrigen 150,000 über die ganze Monarchie in einer Länge von 200 Meilen zersplittert; nirgends als bei Berlin war eine nen- nenSwerthe Zahl vereinigt. „Nur daS Korps in Baden war in der Verfassung, dem Feinde entgegen, geführt zu werden, die ganze Armee war so auseinander gesprengt, daß die Mobilmachung, wenn wir im Laufe des November überfallen wurden, gar nicht mehr möglich war". „UnS gegenüber standen völlig gerüstete Armeen; nahe an 130,000 Mann konnten in zehn Tagen vor BreSlau und Berlin stehen, 20,000 Mann standen vor der Kommunikation zwischen beiden Theilen deS StaatS, 25,000 Oesterreicher standen zwischen Nördlingen und Augsburg, 20,000 waren bereit aus Tyrol nachzurücken". So das Organ deS Hrn. v. Stockhausen. Hiernach ruft der Verfasser aus: „Und der Kriegsminister, der diese Lage der preußischen Armee — gegen die beständigen Mahnungen deS auswärtigen AmtS — selbst herbeigeführt hatte, verweigerte die Mobilmachung auch am 2. November!" „Er verweigerte sie, um endlich den Sturz deS Hrn. v. Radowitz herbeizuführen". In der 1. Kammer erklärte Herr v. Stockhausen hernach, die Mobilmachung wäre am 2. November ein brutaler Angriff auf daö Ausland gewesen. Vier Tage später entschloß sich Herr v. Stockhausen zur Rüstung. Da war aber nichts vorbereitet, Einkleidung und Ausrüstung währten sehr geraume Zeit. „Und in jenen Tagen, wo die größte Beschleunigung nothwendig war, beschäftigte sich Hr. v. Stockhausen damit, den frühern
Verband der Armeekorps, Divisionen und Brigaden wieder herzustellen, d. h. die Armee vor dem Feinde wieder umzuformen". In diesem Eiker ging er so weit, daß er sogar das badische Korps im Angesichte deS Feindes auflöste, und die einzelnen Bestandtheile den betreffenden Divisionen wieder zu- sendete. „Man kann — jagt der Verfasser — über die zweckmäßigste Verwendung dieser 20,000 Mann streiten — so viel ist sicher, daß man daS ganze Korps durch die bayrische Pfalz auf Kreuznach marschiren lassen konnte — und die bayrischen Behörden zitterten vor diesem Besuch —, um dem bayrischen Hochmuth in Hessen ein angemessenes Paroli zu geben". Die Auflösung deS Korps war unter allen Umständen ein Fehler, die Räumung RastattS, deS Stützpunkts der preußischen Politik in Süddeutschland, war ein noch größerer. Die ganze Rüstung betrieb Hr. v. Stockhausen nur als Demonstration. „Er, der den sogenannten Demonstrationen des Hrn. v. Radowitz so eifrig opponirt hatte, demonstrirte im Augenblicke deS letzten Ernstes. Ohne diese Annahme sind viele Maßregeln gar nicht zu erklären".
Aber auch in ihrer moralischen Haltung wurde die feindliche Armee durch verkehrte Maßregeln verstärkt. Nicht alle Truppen Oesterreichs waren zu- verlâsstg, am meisten die galizischen Regimenter; die ungarischen dagegen waren in der schlechtesten Disposition. „Es war die allgemeine Stimmung bei diesen Truppen, zu den Preußen überzugehen — wir basiren hier auf den sichersten Quellen. Erst als Herr v. Stockhausen die Deserteure der Regimenter Roßbach und Wasa aus Schlesien zurückliefern ließ, und diese nun in Ketten bei ihren Bataillonen wieder ankamen, begann die bisherige Zuneigung sich in Zorn und Abneigung zu verwandeln. Doch sprachen ungarische Offiziere auch nach diesen Ereignissen noch davon, daß man im ersten Gefecht die Truppen zu den Preußen überführen müsse". „Seit den Zeiten des Großen Kurfürsten stand Preußen zum erstenmal dem gerüsteten Auslande zuerst gar nicht und dann mangelhaft gerüstet gegenüber". Die Meinung deS Auslandes über die KriegSfähigkeit und die militärischen Institution uen Preußens wurde dadurch tief erschüttert. „Habe doch der Kriegsminister — so meinte man — gewiß ein erfahrener Soldat und guter Patriot, in genauer Kenntniß der Armee, im besten Ueberblick über die militärischen Mittel Preußens, sich am entschiedensten der KriegSführung widersetzt" ! Herr von Stockhausen hat selbst später, zur Unterstützung dieser Meinung, in der ersten Kammer erklärt, daß er „seit dem Februar 1850 immer für den Frieden gewesen sei", daß er „aus militärischer Vernunft" für den Frieden sei. Nicht vortheilhafter ist seine Amtsführung für die Armee selbst gewesen. Die Ausführung dessen würde zu weit führen, wir erwähnen nur, daß der Verfasser sich schließlich gegen den Vorwurf deS Unpatriotismus verwahrt, indem er sagt, eS sei Pflicht gewesen, „dem Jnlande wie dem AuSlande gegenüber durch offene Darlegung der Thatsachen den schlagenden Beweis zu führen, . daß nicht in den Institutionen und in den Mitteln Preußens, nicht in der Armee und in den Offizieren , nicht in dem Geiste und in dem Willen deS Landes die Ursachen liegen, daß Preußen sich schwach gezeigt hat, sondern allein in den Personen deS gegenwärtigen Ministeriums".
DaS dritte Kapitel führt die Ueberschrift: „D a S auswärtige Amt". DieMittel, sagt der Verfasser, welche Hr. v. Manteuffel angewcnket hatte, um an die Spitze deS Ministeriums zu kommen, erschwerten ihm wesentlich die Führung desselben. „Er. selbst war eS gewesen, der im Vereine mit Hrn. v. Stockhausen die Bewaffnung verhindert hatte, um Hrn. v. Radowitz die Durchführung der Union unmöglich zu machen und endlich dessen Sturz herbeizuführen". Da man unbewaffnet unterhandeln mußte, war eS doppelt nöthig, die Unterhandlungen mit Umsicht und mit Geschick zu führen. Der Ver- fasset gibt hiernach eine Uebersicht der Lage vom Juli biS zu den Konferenzen in Warschau, wo man sich über die Hauptpunkte nicht verständigt hatte. Graf Brandenburg hatte dort die Forderungen Oesterreichs ad referendum entgegengenommen, keine zugegeben. „Indem Hr. v. Manteuffel in dieser Lage der Dinge daS Programm der Verständigung mit Oesterreich aufstellte, folgte daraus, daß
die Positionen, welche Graf Brandenburg in Warschau trotz der ungünstigen Lage behauptet hatte, nicht mehr sämmtlich gehalten werden könnten". Der Streit zerfiel in zwei Theile, Union und Intervention in Hessen und Holstein. In beiden zugleich konnte man die Negation nicht festhalten. „Man mußte die eine Seite zugcben und Die andre verweigern, wenn man sich versöhnen wollte, oder vielmehr Dank dem Verfahren der HH. v, Manteuffel und v. Stockhausen, versöhnen mußte mit Oesterreich". Man mußte zwischen Union und Intervention wählen, die Wahl konnte nicht schwer fallen. „In Hessen und Holstein handelte eS fich um die Ausführung von BundeSbeschlüssen, welche mit voller Absicht gegen Preußen gefaßt und zu dessen Demüthigung bestimmt waren. Diese Truppen standen einander gegenüber. Wich man hier, so strich Preußen selbst die preußische Geschichte biS zu den Zeiten deS Großen Kurfürsten aus". Eine österreichische Intervention zwischen und hinter den preußischen Provinzen war gegen den politischen Anstand, eine offenbare Demüthigung vor ganz Europa, Oesterreichs Herrschaft in Norddeutschland wurde dadurch thatsächlich zur Geltung gebracht; im Norden gab man erprobte Bundesgenossen der Rache Oesterreichs preis. Man war außerdem in Hessen und Holstein durch feierliche Erklärungen und Verheißungen gebunden. Viel eher konnte man in der Unionsfrage nachgeben. Ueber die VerfassungS- ■ frage war der Streit entbrannt, mit einem Nachgeben in diesem Punkte konnte man am besten hoffen , ihn zu lösen. „WaS bedeutete überhaupt der Rücktritt des Hrn. v. Radowitz, der Eintritt deS Hrn v, Manteuffel in seine frühere Opposition gegen die Union, wenn man nicht gerade hier nachgeben wollte"? Gab man die Bestrebungen von 1814 auf, kehrte man zur alten Stellung Preußens zurück, so lag darin selbstverstanden, daß Oesterreich in Norddeutschland nicht intervenirte. „ES folgte mit Nothwendigkeit auS dem Personenwechsel, daß Hr. von Manteuffel auch mit dem System seines Vorgängers brach, daß die Union fallen, daß der ganze Apparat des Hrn. v. Radowitz: freie Konferenzen, gleiches Präsidialrecht, Eintritt GesammtösterreichSrc. sofort über Bord geworfen werden mußte, daß aber ebenso bestimmt die alte Machtstellung Preußens be, hauptet werden mußte. Man mußte sich daS Aufgeben der Union nicht abdringen, man mußte eS sofort anbieten und sich den Vortheil dieses Zugeständnisses nicht entgehen lassen". „Indem man die Nachtheile der Restauration, daS Aufgeden der Union über sich nahm, mußte man auch die Vortheile der Restauration für sich geltend machen. Hr. v. Manteuffel mußte sofort den Bundestag beschicken. Die Herstellung der 17 Stimmen deS Engern Raths, die Hr. v. Radowitz in Warschau verlangt hatte, daS war für Hrn. v. Manteuffel daS einzig brauchbare Stück der Hinterlassenschaft seines Vorgängers". Man entriß damit Oesterreich und seinen Verbündeten Die Waffe deS RechtSbodenS und fetzte sich mit Beschickung des Engern Raths in den Besitz einer Verfassung, welcher durch ihre Stimmenver- theilung Preußen vor dem Uebergewichte Oesterreichs und der Königreiche sicherte. Eine Revision konnte Vorbehalten werden. Die Bundesversammlung wäre dadurch genöthigt worden, ihre früheren Beschlüsse zu revidiren, Oesterreich und Bayern konnten nicht mehr eigenmächtig die Erekutive vollstrecken. Im schlimmsten Falle erlangte man Aufschub, Der für Preußen von Werth war. Die Rückkehr zum Bundestage war freilich auch eine Demüthigung, aber eine geringere als die Zulassung der Intervention in Hessen und Holstein. „WaS that Hr. v. Manteuffel? Er bewies gleich mit feinem ersten Schritt, daß er ohne jeden andern Gedanken und jeden andern Plan als den deS NachgebenS daö auswärtige Amt übernommen. Er dachte an feine Alternative und ging gegen die erste diplomatische Regel gerade auf den Punkt zurück, wo er gedrängt wurde". Am 3. Nov. notifiziere er nach Wien, daß „die Ausführung der Bundesbeschlüsse in Hessen und Holstein keinem Widerstand begegnen werde". General von der Gröben erhielt Befehl, jeden Zusammenstoß zu vermeiden. Am 5. Nov. trafen Die Bayern und Preußen bei Fliedern zuerst aufeinander; die Preußen gingen zurück. (Forts, folgt.)