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Nassauische Allgemeine Zeitung.

JVI 36»

Mittwoch den 12 Februar

1831.

Die Naff. Allg. Zeitung mit dem Wanderer erscheint einmal täglich mit Ausnahme des Sonntags. Der vierteljährige PränumecationSpreis ist in Wiesbaden für den Umfang des HerzogthumS Nassau, de« GroßherzogthumS und Kurfürstenthums Hessen, der Landgrafschaii Hessen-Hamburg und der freien Stadt Frankfurt Ä fl., in den übrigen Ländern des fürstlich Thurn- und TariSschen VerivaltungSgebieteS « fl. IO kr. Inserate werden die dreispaltige Petitzeite oder deren Raum mit 3 fr. berechnet. Bestellungen beliebe man ix Wiesbaden in der L. Sch ellen berg'schen Hof-Buchhandlung, auswärts bei den nächst gelegenen Postämtern zu machen.

Uebersicht.

Geschichtliche Mission.

Deutschland. Wiesbaden (Beitritts Nassau'« zum Paß- kartenverein. Geschwornenliste). Au« dem oberen Rheingau (Auswanderung). Vom Fuße des Höchst (Die Familie). Von der Dill (Zustände. Dat Schul­blatt). Frankfurt (Vermischtet). Darmstadt (Verwerfung des Lehne'schen Antrag«). wch en (Eisen­bahnen, Einnahme aus dem Zollvereine). Dre «den (Prinz Albert nach Berlin). Leipzig (Haussuchung. Verurtheilung). Berlin (Der Vinke'sche Antrag. Dem- bintki. Der Schifffahrtsvertrag mit Holland Die franz. Note. Die Slbzölle. Volksvertretung beim Bunde. Kriegt- gerttchte). Hamburg (Die Dänen). Aus Holstein (Das Kriegtdepartement. Einrücken der 6fiert. Truppen).

Wien (Dat Komplot. Der Reichstag. Der Justiz- Senat au« Verona. Der Zollkongreß. Die Verschwörung. ^Polizeimaßregeln. Fürst Schwarzenberg. Graf Sponneck). Frankreich. Pari« (Der Bericht in der Dotation-frage.

Vermischtes).

Italien. Turin (Siccardi).

fetteste Nachrichten.

Geschichtliche Mission.

*Die deutsche Geschichte und TageSpresse ist reich an gewifien Kunstausdrücken, welche an und für sich hohl und nichtssagend, doch durch die klägliche Be- griffSverwirrung, welche sie in weiten Kreisen an- gerichtet, eine unheilvolle Bedeutung gewonnen ha­ben. Hieher gehört vor Allem daS viel gemißbraucht? und eben so viel mißverstandene Wortgeschichtliche Mission".

Oesterreich hat die geschichtliche Mission, die Bildung nach dem Osten zu tragen";Rußland hat die geschichtliche Mission eine schützende Mauer ge­gen den Einbruch der asiatischen Barbarei in Europa zu bilden". Solche und ähnliche Phrasen haben wir von Kindesbeinen aus biS zum Ueberdruß wie­derholen gehört und sie bald als Aushängeschild für unreife Ansichten, bald als Deckmantel dynastischer Willkür, bald als BethörungSmittel für die unselbst­ständigen Massen in Anwendung bringen sehen.

Vergleichen wir einmal den Schein mit der Wirklichkeit, fassen wir einmal klar ins Auge, was es mit dergeschichtlichen Mission" Rußland« und Oesterreichs, der beiden Länder,« welche am tiefsten in unsere Geschicke eingreifen, eigentlich auf sich hat.

Seit Jahrhunderten schon ist von Oesterreichs erhabener Bestimmungdie abendländische Kultur nach dem Osten zu tragen" die Rede; Weise und Thoren haben den Satz nachgesprochen und in allen Kompendien der Geschichte und Geographie ist er zu lesen. Fragt man aber: wie ist Oesterreich sei­ner Bestimmung nachgekommen? wo ist im ganzen Orient eine Spur davon, daß Oesterreich hier ir­gendwelchen bildenden oder veredelnden Einfluß ge­übt? so vermag Niemand eine befriedigende Antwort zu geben. Es ist vielmehr unwiderlegbar nachzu- weisen, daß Oesterreich mit all seinen Hülfsmitteln, mit all seinem großstaatlichen GesandlschaftSpomp im Orient nichts gethan hat, als der Herrschaft der Russen die Wege zu bahnen, um sich zum Dank dafür die Sulinamündungen verstopfen zu lassen.

Ist, wie das Niemand zu lâugnen vermag, die politische Bedeutung deS Wiener KabinelS im Orient nicht des Nennens werth, so klingt es doch noch lächerlicher von Oesterreich , als dem Vermittler abendländischer Bildung nach Osten zu sprechen. Und dann wie sollte Oesterreich eS anfangen, seine kulturfördernde Aufgabe im Osten zu lösen? Soll eS ewa Schulen anlegen in den Provinzen? Oder den Koran durch die Bibel verdrängen? Oder Türken und Perser zum Lesen derWiener Zeitung" anhalten? Oder soll die kurdischen Reiter in regelmäßige Kavallerie umwandeln, und die Sar- bassen nach Wiener hofkriegSrälhlichem Reglement eindrillen? Das klingt komisch, aber eS ist auch komisch, eben so komisch als von Oesterreichsge, fchichtlicher Mission" zu sprechen. Ein vernünftiger Mensch muß sich doch etwas dabei denken, utw wer das thut, dem drängen sich zunächst die obenhinge- stellten Fragen auf.

Man braucht nur oberflächlich in der Geschichte geblättert zu haben, um zu wissen, daß, was sich in den Beziehungen des KaiserstaatS zum Orient rühmend hervorheben läßt, nicht durch die Regie­rung, sondern trotz der Regierung entstanden ist. Hierher gehört z. B. die Erleichterung der Kominu- nikalion durch die Dampfschifffahrt deS Lloyd. Die regelmäßige Verbindung zwischen Rebut-Kale und Trapezunl wurde hergestellt von Hrn. v. Bruck zu einer Zeit, wo er noch Kaufmann und nicht Mini­ster war, während der Wi ren deS JahreS 1848, wo gleichsam gar keine Regierung eriftirte.

So viel über Oesterreichs historische Mission, die Kultur nach dem Osten zu tragen.. ..

WaS nun Rußland anbetrifft, dessen geschicht­liche Bestimmung sein soll, unS vor der asiatischen Barbarei zu schützen.

ES kann hier doch nur von dem möglichen Fall eines Krieges oder einer neuen Völkerwande­rung die Rebe sein, und Niemand wird behaupten wollen, daß die Horden der Steppe in ihrer frühe­ren zersplitterten Unabhängigkeit unS halb so gefâhr- lich sein würden, als sie jetzt unter russischer Zen­tralisation sind, wo ihnen noch alle Vortheile mo­derner Kriegskunst zur Seite stehen. Over will man etwa von dem bildenden und veredelnden Ein­fluß reden, welchen Rußland auf die ihm unterwor­fenen Völkerschaften geübt? Eine solche Behauptung würde nur von Unkenntniß der wirklichen Sachlage zeugen.

In ähnlicher Weise, wie wir eS hier an Ruß, land und Oesterreich versucht, ließe sich an Preußen, Frankreich u. s. f. die Haltlosigkeit dessen nachwei­sen, was man dieser Staatengeschichlliche Mission" nennt.

Für die Regierungen wie für alle welche durch geistige Kraft in daS Schicksal des menschlichen Ge­schlechts nachhaltig einzugreifen vermögen, gibt eS nur Eine wahrhaft geschichtliche Mission: daS un­ablässige Streben die Menschen zu erlösen auS dem Banne der Vorurtheile, welche der Zwangsherrschaft, der Vielregiererei und Massenbevormundung als Grundlage dienen. Die gesunde Politik kennt für die Grundübel der Zeit, welche sich unter verschie­denen Formen offenbaren (Schutzzwang, Kommu­nismus, Sozialismus rc.) aber nur Einer Quelle entspringen, auch nur Ein Heilmittel: stufenweise Befreiung deS Menschen von allen künstlichen Hemm­nissen. ES ist ein tiefer, innerer Zusammenhang in dem Streben, welches alle Menschen zu materieller, geistiger und sittlicher Vervollkommnung treibt. Die­ses Streben kann nur dann Früchte tragen, wenn jeder Mensch die naturgemäße Freiheit hat, der Schmied seines eigenen Glückes zu fein, ohne daß irgend welche Behörde hindernd oder fördernd in sein Thun und Treiben eingreift, so lange er sich in den von Sitte und Gesetz gezogenen Schranken bewegt. Jeder Mensch soll frei verfügen können über sich selbst, seine Handlungen, seine Intelligenz, seine Thätigkeit, sein Eigenthum, sein geistige« und materielles Kapital.

Nur auf auf diese Weise hat der Reiche die Sicherheit, seinen Reichthum zu erhalten und zu vermehren; und nur auf diese Weise hat der Arme die Hoffnung sich auS seiner Armuth heraus- zuarbeiten.

Die Freiheit deS Verkehrs und der Person, die Erwerbs- und Gewerbsfreiheit darf nur da aufhö­ren , wo der Mißbrauch anfângt ; hier tritt die hemmende und strafende Kraft deö Gesetzes ein.

Einen solchen, die Freiheit der Person, deS Ei­genthums und deS Verkehrs sichernden Zustand her­zustellen, ist die wahregeschichtliche Mission" aller Feinde der Revolution und ihrer Auswüchse. AlleS was man sonst von geschichtlicher Mission spricht, ist eitel Worlkram.

Deutschland.

Wiesbaden, 10. Febr. Wie wir vernehmen ist der Beitritt zum Paß karte »verein von un­serer Regierung nunmehr definitiv beschlossen und werden die dieSsâlligen offiziellen Erklärungen an die betreffenden Regierungen nächsten« abgehen.

Wiesbaden, 11. Febr. Bei der Ziehung der Geschwornen für die Afsisenverhandlung deS ersten

Quartals 1851 im Wiesbadener Hofgerichtsbezirke traf daS LooS folgende

I. Hauptgeschworne: Andreas Korn von Oberwalluf, Leonhard Weißkirch von Rauen- thal, Jakob Reichmann von Erbach, Kohlen­händler Günther Klein von Wiesbaden, Kauf­mann C. Anton Schäfer von Oberlahnstcin, Ja­kob Rößler von Lorchhausen, Lorenz Jost von Eddersheim, Heinrich Bücher von Delkenheim, Gemeinderath Georg Philipp Michel von Bor­nich, Bäcker Wilhelm Kimmel von Wiesbaden, Sebastian Christ von Oestrich, Ziegler Philipp Vogel 6r von Bierstadt, Marrin Zehe von Kö­nigstein, Philipp Adam Göller von Bogel, Kauf­mann Adolph Querfeld von Wiesbaden, Jakob Mosel von Camp, Johann Aram Gruber von Oberseelbach, Schneider Carl Wittlich sen. von Wiesbaden, AmtSakzessist Kleinschmidt von Nastätten, Tüncher Philipp Schramm von Wies­baden , Bürgermeister Karbach von Kestert, Schreiner Bernhard Gaab von Wiesbaden, Lehrer Johann Becker von BommerSbeim, Andreas OchS d. ä. von Neuenhain, FeldgerichtSfchöffe Philipp Weygandt von Wiesbaden, Christian Hertling von Strüth, Christian Bierbrauer von Kloppenheim, Johann Leyenthal von Nie­derlahnstein, Johann Peter Schneider von Gem­merich, Carl Müller von Massenheim.

II. Ersatzgeschworne: Ja lob Momber, ger, Kaufmann I. J. Möhler, Glaser Philipp Hofmann (Häfnergasse), Gärtner Ferdinand Fi­scher, Wilhelm Habel, Graveur Heinrich Deu­ker, Maurer Anton Hofmann, Gerber Wilhelm Käsberger, Kohlenhändler Andreas Gleis, sämmtlich von Wiesbaden.

? Aus dem oberen Rheingau, 7. Febr. Da nimmt Mancher seinen Wanderstab und will in Amerika goldene Berge aufsuchen. Viele finden dort ihr reichliches Auskommen. Daß es aber auch Viele gibt, die da arm werden, denen eS schlechter geht, als daheim, will Mancher nicht glauben; dieß kommt daher, weil so selten ein Solcher wieder zurückkommt, daß er eS erzählen könnte. Zufällig traf Einsender dieses vor Kurzem auf dem Dampf­boot zwei Auswanderer, die auf dem Rückweg be­griffen waren. Es waren vermögende Wein- und Fruchtbauern auS dem Hessischen. Zu Hause ging e« ihnen recht gut; aber die unselige Idee, schnell reich werden zu wollen, hatte den Einen, und eine allzu große Vorliebe für politische und religiöse Freiheit den Andern zur Auswanderung veranlaßt. Im April 1850 verkauften sie ihre Güter und zogen fort, begleitet von zahlreichen Familien. Jenseits angekommen suchten sie eine passende Niederlassung und machten zuerst in den mittleren vereinigten Staaten einen Versuch. Da wollte eS ihnen jekoch schlecht behagen, daS Land war nicht übel, aber si« sollten e« erst urbar machen Bäume fällen und hinweg schaffen, Sümpfe auStrocknen mit un­säglicher Mühe. Da ihnen über der harten Arbeit die Geduld auSging und die Kraft dabei, alt sie in Folge der großen Anstrengungen und der neuen Lebensweise schwer erkrankten und sich dabei der gütigen Natur überlassen mußten, da weit und breit kein Arzt zu finden war, verkauften sie mit Verlust ihr Land, zogen weiter, kauften sich in dem Staat Wisconsin angebautes Land und zogen schöne Früchte. Aber da die Ländereien zu weit von einem größeren Ort, resp, einem Markt, entfernt liegen, auch die Wege äußerst schlecht sind, so waren sie angewiesen, ihre Produkte um einen Spottpreis an Wucherer abzulaffen. Ueberhaupt seien Uebervor» theilung und Betrug an der Tagesordnung und würden mehr geübt, als irgendwo. An Gewinn, an Zurücklegen fei nicht zu denken gewesen. Man habe wohl Getreide, Kartoffeln, Fleisch, Holz, aber kein Geld und keine Gelegenheit, Kaffee, Salz, Gewürz rc. zu kaufen. Die Arbeiten feien viel schwieriger und anstrengender, als bei uns, als selbst beim Weinbau. In mittleren Staaten sei auch daS Klima gar nicht gesund. Zuweilen brenne die Sonne mit tropischer Hitze, so daß man nicht wage, auS dem Hause zu gehen oder gar zu arbei, ten; plötzlich wehe ein kalter Nord west, so daß man einen Mantel um werfen müsse. Sie seien alle krank gewesen, besonders der eine Familienvater. Ein Arzt, vielleicht nur ein Quacksalber, behandelte