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Nassauische Allgemeine Zeitung.

M 288 Mittwoch den 18. Dezember 1850.

Die Naff. Allg. Zeitung mit dem Wanderer erscheint einmal täglich in Großfolio-Format, mit Ausnahme des Sonntags. Der vierteljährige Pränumerationspreis ist in Wiesbaden für den Umfang des Herzogthums Nassau, des GroßherzogthumS und KurfürstentbumS Hessen, der Landgrasschalt Hessen-Homburg und der freien Stadt Frankfurt »fU in den übrigen Ländern des fürstlich Thurn- und Tarisschen Verwaltungsgebietes 8 fl. IO kr. Jnserate werden die dreispaltige Petitzeile oder deren Raum mit 3 kr. berechnet. Bestellungen beliebe man in Wiesbaden in der L. Schellenberg'schen Hof-Buchhandlung, auswärts bei den nächst gelegenen Postämtern ;u machen.

Uebersicht.

Zur Fortbildung des nassauischen Schulwesens. Deutschland. Wiesbaden (Asflsen). Vom Tau­nus (Die Dienstpragmatik. Das kirchliche Neujahr). Dillenburg u. Hachenburg (Gemeinderathâwahlen).

Vom Westerwald (Drillinge). Frankfurt (Graf Rechberg). Kassel (Die Bayern und Preußen. Die Marburger Bürgerwehr). Stuttgart (Schnitzer. Zimmermann). Aus Thüringen (Koalition mit Preußen). Hannover (Petitionen. Instruktion für Hrn. v. Dettmold. Das Bündniß). Schwerin (An­leihe). Berlin (Vervollständigung des Staatsministe- rillmS. Die Dresdener Konferenzen. Die schleswig-hol­steinische und kurhessische Frage. Graf Bernstorff. Ritter Bunsen, Berathungen). Altona (Rückkehr preußi­scher Landwehrmänner). Rendsburg (Gefecht). Wien (Der Reichstag und die Provinziallandtage. Die Bevollmächtigten der kleinen Staaten. Konferenz mit dem preußischen Gesandten. Radetzky. Reduktion der Armee). Großbritanien. Lo n don (Die Sahara-Erpedition. Die Antwort der Königin).

Italien. Florenz (Der Maltheserorden). Ferrara

(Die Po-Schifffahrtkommisston).

Neueste Nachrichten.

Zur Fortbildung des naffanifchen Schulwesens.

(Schluß.)

Für die bisherige Vernachlässigung der Naturwis- senschaften auf die sogenanten Gelehrtengymnasien ft üben wir keinen hierher passenden Ausdruck. Man sollte eS kaum für glaublich halten, daß in einer Zeit, deren Hauptruhm in einer glänzenden Ent- Wickelung der Wissenschaft vom Kosmos besteht, ie künftigen Lenker der Volksgeschicke von diesem mâch, tigen BildungSmittel entfernt gehalten werden und daß damit zugleich ihr Sinn für die wichtigsten Seiten der VolkSthätigkeit unentwickelt bleibt. We­niger in daS VolkSbewußtsein ist bis jetzt die an- dere Wahrheit eingedrungen, daß der griechische Geist daS beste BildungSmittel ist, um die Schöpfer­kraft und Erfindungsgabe auch im Industriellen und jedem Gewerbtreibenden zu wecken, welcher sein Ge­schäft der Kunst zu nähern strebt. In diesem Sinn haben die besten Gewerbzeiinngcn Deutschlands die Beschäftigung mit der griechischen Welt für den höheren Gewerbstand zu betrachten angefragen. Die I ersten pädagogischen Schriftsteller Deutschlands ha­ben die Bckannischasl mit guten deutschen Ueber» setzungen griechischer Klassiker sowie mit den plasti- schen unübertroffenen Kunstwerken dieses gottbegnâ- digten Volkes selbst für die Volksschulen verlangt.

Besonders hat Direktor Weber in seiner Re- Vision des Schulwesens ein kräftiges Wort darüber gesprochen. Derselbe erzählt, daß cS den Bremer Kaufleuten, welche nicht Krämer, sondern wahre Kaufherrn sind und ihre nationale Aufgabe besser verstehen, als so viele andere Städte, nicht einfallt ihre Söhne auf Realanstalten zu schicken, sondern stets auf die allen Gymnasien, wenn diese auch noch an manchen Mängeln leiden. Schon vor mehrere» Jahren hat Mayer in einigen echt staatsmännischen Aufsätzen aus englischen und französischen Gesichts­punkten auf die Verkehrtheit des deutschen Bürger- standeS hingewiesen, welcher für sich nicht ganz und gar dieselbe Vorbildung wie der StaatSdiener sucht. Ueber dieses Kapitel wäre noch Vieles beizubringen. Neuerdings haben Manche die Idee gehabt, die künftigen Aerzte auf Realgymnasien erziehen zu wol­len. Dieser Gedanke kam ihnen wohl deßhalb, weil sie auS ihrer Jugend ein schauerliches Bild deS da­maligen griechischen Unterrichts fest in der Brust bewahrten und zum Theil wohl auch durch eigene Schuld nicht sehr lief in die Herrlichkeit des griechi­schen Geistes und Lebens eingedrungen waren, daher über seine Kraft und Wirksamkeit nicht sprechen kön­nen. AlS vor einigen Jahren in mehren größeren deutschen Staaten diese Frage ebenfalls auftauchle, wurden die ersten Aerzte uno Naturforscher Deutsch­lands zu Gutachten darüber aufgefordert. Alle er­klärten sich gegen die Realgymnasien. Wir erinnern nur an die in öffentlichen Blätter mitgetheilten Aeu­ßerungen von Liebig und CaruS. Letzterer hat

sein dem sächsischen Ministerium übergebenes geist­volles Gutachten in einer Broschüre bekannt ge- macht. Freilich verlangen diese Männer von den alten Gymnasien, daß sie eine andere Ari von Ma­turität erstreben, alS sie oft bei unseren Maturitäts­prüfungen gefordert wird. Daß Architekten nicht auf den eigentlichen Gymnasien gebildet werden sol­len, halten wir ebenfalls für verkehrt. Eine ganze Reihe der ersten pädagogischen Schriftsteller Deutsch, landS, wie Mayer, die Direktoren Weber, Drin- Hardt :c. haben sich in den letzten Jahren gegen die unselige Trennung der Real- und Gelehrten- gymnasien ausgesprochen und baraufhingewiesen, daß die Realgymnasien nur entstehen konnten, weil daS Personal der alten Gymnasien sich in eigen­sinnigem PcdantiSmuS gegen die rechtmäßigsten For­derungen der Zeit verschloß. Die Staatsmänner der Gegenwart werden diese Frage bald spruchreif fin­den müssen. Dieser Riß in der Nauonalbildung muß baldigst beseitigt werden. Wir wissen, daß daS Realgymnasium ein Schoßkind des größten Theiles unseres Volkes und insonderheit unserer Residenz ist. Manche hofften eine neue, bessere, glücklichere Zeit von dieser Realbildung , weil die alte Gym­nasialbildung gar zu formalistisch, pedantisch, stock­philosophisch geworden war; dem Ernst der Zeit und der Wissenschaft gegenüber wird sich indessen die öffentliche Meinung bald aufllären und wahrhaft staatsmännische Organisationen würdigen lernen. Zum Fünften wird verlangt, daß Herzogliches StaatS-Ministerium sich mit den Regierungen der beiden Hessen in Beziehung setze, um eine organi­sche Verbindung deS nassauischen UnterrichtSwesenS und LehrerstanbeS mit den beiden Universitäten zu Gießen und Marburg unter Berücksichtigung der besonderen Fakultätsverhältnisse auf beiden Hoch­schulen herbeizuführen, ohne übrigens die Studien- freiheit der Nassauer im Geringsten zu beschränken. Zur Begründung wird angeführt, daß hierdurch ein näheres Verhältniß der Lehrer der höheren Schul- Anstalten zur Wissenschaft angebahnt, daS Prü- fungSwesen besser geordnet werden könne te. Aus einer organischen Verbindung mit einer Hochschule würden belebende Kräfte ununterbrochen auf das gesammte UnterrichtSwesen ausströmen und demsel­ben die Kraft und Blüthe nicht ausbleiben, welche ihm den geistigen Anlagen deS Volkes gemäß zu­kommen. ES ist nicht zu leugnen, daß etwas im Reich deS Nassauischen Schulwesens faul sein muß und daß trotz häufiger Auffrischung durch anSwâr- tige Kräfte die innere Stockung nicht ganz hat über­wunden werden können.

Die Klugheit deS StaateS an sich war nicht Schuld daran; denn kleinere Staaten haben viel mehr geleistet. Es fehlte auch nicht an jungen tüch­tigen Lehrkräften, welche mit schönem Wissen und voll Begeisterung für ihren Beruf von der Univer­sität zurückkehrten.

DaS Hauplunglück für den Lehrerstand und die Schule war der allzubureaukratische Geist, welcher die Schulverwaltung durchdrang, und besonders der unglückliche Grundsatz, welcher im Nassauischen schärfer als anderswo ausgebildet war, daß jeder Lehrer in jedem Gegenstand müsse Unterricht erthei­len können. In der PrariS wurde oft von demsel­ben abgegangen, aber manche schöne Kraft hat sich doch durch denselben verwüsten lassen. Eine bureau- kratischc Verwaltung im Unterrichts- und ErziehungS- wescn stammt meistens auS dem Mangel an Ehrfurcht vor wahrer Wissenschaftlichkeit und wird daher am leichtesten durch recht innige Beziehung zur Wissen­schaft beseitigt. Die Verbindung mit den uns zu­nächst gelegenen Universitäten wird freilich erst dann eintreten, wenn die kleinen Staaten wieder mehr Kraft und Halt in sich selbst gewonnen haben und wieder mehr OrganisationStricb in sich selbst fühlen werden, statt AlleS von einem großmächtigen Nach­bar zu erwarten.

Zum Schluß wird im sechsten Punkte verlangt, daß den Lehrern aller Anstalten zur Ermöglichung eines fröhlichen Gedeihens deS UnterrrichtS ein zur Befriedigung derLebenSbebürfnissc angemessenerGehalt ertheilt werde, damit die schwerste Arbeit, die Ent­wickelung der produktiven StaatSkräfte nicht ferner an Geist und Körper auSgemergelten und abgestan­denen Individuen zugeinulhet werde, von denen man weder die Kraft zur Handhabung der rechten Me, thode noch den zum Gedeihen ihres Volkes nothwen­

digen pädagogischen Muth verlangen könne, Eigen­schaften, welche durch alle noch so gut gemeinten Reglements allein nicht herbeigeführt würden. Einen Stand, von dem die gesammte Nationalwohlfahrt abhäuge, müsse man auch in die ihm gebührende äußere Lebensstellung einsetzen. In diesem Punkte hat Nassau schon mehr als viele andere Staaten gethan; indessen bleibt auch bei uns noch viel zu wünschen übrig. Es kommt hierbei hauptsächlich auf den Landtag an, welcher hoffentlich sein Mög­lichstes thun wird. Die Regierung hat den guten Willen, zu helfen; auch das Volk zeigt für feinen Lehrerstaub eine große Theilnahme. Dem neuen Schulreferenten ist eine schöne große Aufgabe ge­stellt. Wir hoffen, daß er die schwebenden Fragen der Schulorganisation nach den Forderungen der Wissenschaft der Gegenwart und den Bedürfnissen unseres Nationallcbcns gemäß in ächt staatsmän­nischem und pädagogischem Geiste und mit fester Hand lösen werde.

Deutschland.

* Wiesbaden, 17. Dezember. (Assisenverhand« lung gegen Heinrich Karl Altenkirch 42 Jahre alt, Bäcker und Wirth von Diedenbergen wegen Fälschung).

Am 9. Dezember vorigen Jahres wurde der Bürgermeister Kleber in Diedenbergen in daS HauS des Wirthes Altenkirch gerufen, weil ein Herr aus Frankfurt ihn sprechen wollte. Derselbe (Georg August Blattner auS Worms, Buchhal­ter bei einem Frankfurter Kaufmann) erklärte ihm, er habe eine Urkunde von einem kürzlich verstorbe­nen Herrn auS Frankfurt Namens Mai in Hän­den, der mit der verstorbenen Ehefrau des Karl Altenkirch einen vertrauten Umgang gepflogen, und dieser letzteren einen von seinen Erben auszuzahlenden Geldbetrag von 2500 fl. versprochen habe. Er ver­langte von dem Bürgermeister die Beglaubigung der Urkunde. Kleber ließ sich dazu herbei, wurde aber doch bedenklich, verweigerte die Bedrückung deS GemeindksiegclS, (wofür ihm 300 fl. von Alten­kirch und Blattner geboten wurden), und machte am 11. Dezember 1849 bei dem Herzoglichen Ju­stizamte Hochheim Die Anzeige von dem Vorfall. Am Abend des 11. Dezember machte Altenkirch im Verein mit seinem Stiefbruder, David Fein, unter Vorzeigung der gedruckten Einberufung der Mai'schen Verlaßgläubiger nochmals den Ver­such, den Kleber zur Beivrückung deS Siegels zu vermögen.

Am 12. Dezbr. 1849 wurde bei dem Kurator der Erbschaftsmasse deS einige Wochen vorher zu Frankfurt a. M. verstorbenen Rentiers Rudolph Ma v ein von I. R. Mai unterzeichneter Wechsel auf 25,000 fl. lautend präsentirt. Dieser Wechsel wurde Protcstirl und von dem Kaufmann Karl Schäfer in Frankfurt, der angeblich am 3. Sept. 1849 dem Altenkirch 1000 fl. auf den Wechsel geliehen und das Einkassiren des Wechsels übernom­men hatte, bei dem Frankfurter Stadtgericht einge­klagt. Mittlerweile war die Anzeige deS Bürger, meister« Kleber dem Frankfurter Stadtgericht mit, getheilt, und die Untersuchung eingeleitet, in deren Verlauf von Blattner auch die angeblich von R. Mai verrührende Urkunde, abgeliefert, in welcher er dem Karl Altenkirch für die Verletzung seiner Ehre und derjenigen seiner Frau eine Entschädigung von 25,000 fl. nach seinem Tode zahlbar schenkte. Im Laufe der Untersuchung wurden noch zwei Wechsel gegen Den M a i'schen Nachlaß angemeldet, der eine übet, 16,000 fl. an den Chirurgen Johann Heinrich Stütz in Frankfurt ein anderer über 11,530 fl. 37 kr. an Herrn J. C. GorkuS in Großsteinheim ausgestellt.

Nach dem Ergebniß dieser Untersuchung sind alle diese Wechsel und die Urkunden falsch und auf den Namen deS R. M a i von einem Komplot Be­trüger verfertigt, um den Nachlaß dieses kinderlos verstorbenen reichen Mannes zu plündern. Nach Vergleichung mit echten Unterschriften deS Rud. Mai fand eS sich, daß die Unterschriften unter den Wechseln und der Urkunde nicht von Mai, wohl aber von einer und derselben Hand geschrieben waren.