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Nassauische Allgemeine Zeitung.

M 28«

Samstag den 7. Dezember

1850.

©ie Na ff. Alta. Zeitung ti.it dem Wanderer erscheint einmal täglich in G r o ß so lto-Format, mit Ausnahme des Sonntag«. Der vierteljährige PränumecationShreiS ist in Wiesbaden für den Umfang des Her;ogthumS Nassau, des Großherjogthumâ und NnrnirueuthumS Hessen, der LandgraffchaN Hessen-Homburg und der freien Stadt Frankfurt » fl in den übrigen Ländern des fürstlich Thurn- und TariSfchen Verwaltungsgebiete« 8 fl. 11» ko. Zulerate werden die dreifvaltige Petitteile oder deren Raum mit 3 fr. berechnet. Bestellungen beliebe man in Wiesbaden in der 8. Schellenbergs fchen Hof- Buchhandlung , auswärts bei den nächst gelegenen Postämtern tu machen

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Uebersicht.

Aufruf.

Deutschland. Wiesbaden (Assrsen. Ministercalrath Ber­tram. Prof. Schmitt. Pensionen der Reallehrcrj. Von der unteren Lahn (Petition). Da r m st ad t (Demo­kratische Wahl). Fulda und Kassel (Vorrücken der Bundestruppen). Mannheim (Militärschlägereien). Karlsruhe (Die Redaktion der Karlsruher Zeitung). Stuttgart (Einstellung der Rüstungen). Sigma­ringen (Der Herzog).Aus Thüringen (Anfrage an die preußische Regierung). Gotha (Rücknahme des Be­fehls zum Ausmaisch). Dresden (Schließung de« Pferdeankaufs. Die Londoner Industrie-Ausstellung). Münch eit (Anrede des Königs). Erfurt (Details der Olmützer Konferenzen). Berlin (Die Olmützer Kon­ferenz. Graf Westmoreland. Das Anerbieten Frankreich«). Breslau (Einstellungder Rüstungen).Lauenburg (Antrag der Landesversammlung). Altona (Patrouillen­gefecht. Das Kanonenboot. Antwortschreiben des Herzog« von Braunschweig). Rendsburg (Das Gefecht bei Lotttorffj. Wien (Der Pesther Jndustrieverein. Börse­spekulation).

Frankreich. Par i« (Der Creton'sche Antrag. Vermischtes).

Italien. Rom (Organische Gesetze).

Neneste Nachrichten.

Sprechsaal für Stadt und Land.

Aufruf!

DaS leibliche'und geistige Elend, daS schon seit Jahrzehnten in den meisten europäischen Län­dern herrscht, und in seiner ganzen Größe in den beiden letzten Jahren hervorgelreten tst, ist eine drin­gende Aufforderung an Alle, welche nur irgendwie Hülfe leisten können, mit vereinter Anstrengung aller ihrer Kräfte dem immer mehr auschwellen- den Strome der Verarmung und des Verderbens sich entgcgenzustellcn. Daß dieser in allen Zeiter- j'chemungen so ernst an uns ergehende Mahnruf nicht überall unbeachtet geblieben ist: davon legen beson­ders die zahlreichen Vereine, die an allen Orten Deutschlands sich gebildet haben, zur Pflege der Kranken, zur Unterstützung der Armen, zur Für­sorge für wandernde Handwerker, zur Beaufsichti­gung entlassener Sträflinge, zur Erziehung verwahr­loster Kinder, und andern ähnlichen Zwecken; davon legt bas ganze Bestehen der in so weiten Kreisen und so segensreich wirkenden sogenannten inneren .Miilfton hinlängliches Zeugniß ab. Verschiedene Umstände ließen daher in unserm so reich gesegneten engeren Valerlande die Noch nicht so sehr wie in manchen andern Ländern hervortreten und wohl deß­halb vornehmlich wurde auch bei uns, bei aller Wohlthätigkeit im Einzelnen, ein gemeinsames Wir­ken zur Hebung der herrschenden Uebclstânde fast gänzlich vermißt. Da eS sich aber immer deutlicher herausstellt, wie auch Nassau, ohne die nachtheilig­sten Folgen fürchten zu müssen, nicht länger mehr zögern darf, dem so vielfach gegebenen Beispiele der Bildung freier Vereine zu den angegebenen Zwecken nachzufolgen; so haben die Unterzeichneten sich ent- schloffen, an ihre Nassauischen Mitbürger gegen­wärtigen Aufruf zu erlassen zur Theilnahme an ei­nem Werke, das ihnen für jetzt als baS nothwen­digste erscheint: an der Gründung eines Kranken- hauseS, daS, so weit Raum und Mittel reichen, Mitglieder aller Konfessionen aufnehmen und pflegen soll, und einer Erziehungsanstalt für arme und ver­wahrloste Kinder, welche freilich für den Anfang auf Knaben evangelischer Konfession sich beschränken würde. Wie wünschenswert!) die Errichtung gerade dieser Anstalten sei, glauben wir nicht weltläufig auseinandersetzen zu dürfen. DaS traurige Loos, welches meistens Arme bei länger dauernder Krank, heit zu haben pflegen und die Schwierigkeiten, mit welchen die Verpflegung erkrankter Dienstboten oft in dem Hause ihrer Herrschaft verbunden ist, sind gewiß Niemanden unbekannt und wo könnte, was ihnen fehlt, leichter und vollkommener ihnen barge- bolcn werden, als in einem unter spezieller Aufsicht eines ArzteS stehenden Krankenhause? Daß aber unser Herzogthum auch eines nach Art des Rauhen Hauses bei Hamburg eingerichteten RetlungShauseS bedürfe, ist schon öster, in größeren und kleineren Versammlungen und in verschiedenen Aufsätzen öf-

fentlicher Blätter überzeugend ausgesprochen worden; und eS führt darauf auch schon der Umstand, daß in Deutschland schon mehr als 70, in Würiemberg allein etwa 30, solcher Anstalten bestehen, und ihre Zahl noch mit jedem Jahre vergrößert wird.'

Sollte es ohne bedeutende Schwierigkeiten ge­schehen können, so beabsichtigen wir, beide Anstal­ten an demselben Orte zu errichten, weil wir glau­ben, auf diese Weise einige Ersparnisse in der Ver­waltung erzielen, und die Zöglinge der RettungS- anstalt bei Bebauung deS für beide Anstalten noth­wendigen Feldes auf angemessene Weste beschäftigen zu können. Freilich wird zur Erwerbung der für diese Anstalten nothwendigen Gebäude und Grund­stücke immer ein Kapital von einigen Tausend Gul­den erfordert werden und auch die Unterhaltung der Kranken und der Kinder wird ohne jährliche frei- willige Beiträge sich nicht bestreiten lassen; aber da in andern Ländern die christliche Liebe schon so große Summen zu ähnlichen Zwecken zusammenge- ! bracht hat, so geben wir und der Hoffnung hin, auch in unserm Nassau werde ein durch die Um­stände dringend gebotenes Unternehmen nicht auS Mangel an thätiger Theilnahme aufgegeben werden müssen. An Euch, die der Herr mit Geld und Gut reichlich gesegnet hat, wenden wir uns zunächst mit unserer vertrauungsvollen Bitte. Hier bietet sich Euch eine Gelegenheit dar, zu beweisen, daß Ihr treue HauShalter seid über die von Gott Euch an- vertrauten Güter. Leiheil dem Herrn, indem Ihr für die Armen sorget; und Er, der, was an den Geringsten unter seinen Brüdern geschehen ist, an­sehen will, als sei eS ihm selbst erwiesen worden, wird hier und dort Euch reichlich vergelten. Doch auch an Euch, Ihr weniger Bemittelten, auch an | Euch, Ihr Armen, ergeht unsere Bitte; wir werden auch die geringste Gabe, die mit fröhlichem Herzen gegeben wird, nicht zurückweisen/ da wir wohl wissen, welch ein Segen auf den Scherflein der Wittwen ruht.

Sobald die zur Ausführung unseres Wunsches nothwendige Summe gezeichnet sein wird, wird sich für jede der beiden Anstalten ein besonderes Komste bilden und einen mehr in daS Einzelne eingehenden Plan entwerfen und veröffentlichen. Da wir glau­ben, daß Einige mehr für daS Krankenhaus, Andere mehr für das RettungShauS sich interefstren, Manche auch wohl bereit sein werden die Errichtung beider Anstalten zu befördern, so erlauben wir uns, zwei Subskriptionslisten beizufügen, mit der Dille, die einmaligen sowohl alS auch die jährlichen Beiträge auf denselben gefälligst angeben und die Listen so­dann an Einen der Unterzeichneten einsenden zu wollen. Die Zeit der Einsammlung der subskribir- ten Gaben wird später noch näher bestimmt werden.

Nassau, Ende September 1650. }

Kissel, KreiSamtmann. Steu- ! b i n g, LandoberschuliheiS. Cra­mer, Justizamtsverwalter. C. A. Bingel. Burchhardi, Kap­lan. W. C. Ulrich, DekanalS- verwalter. Dr. Haupt.

(Subskriptionslisten liegen bei allen evangeli­schen Geistlichen, bei allen Kreis- und Justizamt- männern, sowie bei den Landoberschultheisen und Medizinalrâthen des HerzoglhumS offen.)

Deutschland.

* Wiesbaden, 6. Dczbr. (Assisenverhandlung gegen Wilhelm Seil von Oberlahnsteln, 42 Jahre alt, wegen Mordes.) Zu Ende August v. J. ge- rielh der Angeklagte mit Johann und Jakob A l t» mann von Oberlahnstein in Streit und wurde von Johann Altmann tüchtig durgeprügelt, wofür Letzterer mit einer achttägigen Gefängnißstrafe belegt wurde. Seit jener Zeit nährte der Angeklagte Haß gegen die Brüder Alt mann und besonders gegen'Johann Altmann. Er ließ sich eine Pi­stole Herrichten und trug selbe dann fast stets bei sich, um wie er sich ausbrückle, gegen dieselben sich zu schützen. Er äußerte auch zu wiederholten Malen, wenn ihm einer der Brüder Alt mann zu nahe käme, würde er auf ihn schießen. Er soll auch Uebungen im Schießen angestellt haben. Sein Haß gegen die Brüder Altmann wurde noch durch einen Rechtsstreit vermehrt, den er für seine Frau gegen die letzteren wegen geforderter Abtretung eines

Grundstückes führen mußte. In diesem Rechtsstreite hatte Seil am 26. Juli d. I. einen Termin bei dem Herzoglichen Justizamte zu Braubach. Er war wie gewöhnlich heftig, machte dem Vertreter seiner Gegner Vorwürfe,, befand sich den ganzen Tag über in gerei ter Stimmung, hatte mit verschiedenen Per­sonen Streit und stieß Drohungen nicht allein ge­gen Die Brüder Alkmann , sondern auch gegen an­dere Personen aus. Wilhelm Seil ging an jenem Tage etwa um 10 Uhr nach Hause, und lärmte auf Der Straße, ohne betrunken zu sein, so beftiq, daß Die ihm gegenüber wohnende Ehefrau deS Bäckcrö Burckhardt in der Meinung, eS fei Feuerlärm, zum Fenster hinauSfah. Sie erkannte Wilhelm Seil und sah, daß sich dieser nach Hause verfügte. An der Ecke ihrer Wohnung sah dieselbe, als Wilh. Seil schon zu Hause war, einen Mann, den sie für Joh. Altmann hielt. Sie sprach denselben an, rief ihm zu, er möge nicht herumqehen, auf daß man hören könne, was drüben vorgehe, erhielt jedoch keine Ant­wort. Auf einmal hörte sie, daß Jemand in der Wohnung des Angeklagten Die Treppe herabeilte, und sah unmittelbar darauf den Wilhelm Seil, obgleich ihn seine Ehefrau und Schwiegertochier zurückriefen, rasch um die Ecke seines Hauses auf den Menschen an der anderen Ecke loS gehen, und einige Schritte von ihm mit weitauSgestrecktem Arm und dem AuSruf rdaS ift_ für Dein Aufpaffen" ein Geschoß abfeuern. Der Schuß, wie der AuSruf so wie daS Jammergeschrei deS Getroffenen:ach Mutter, Mutter hilf"! wurden von vielen in der Nähe wohnenden Personen gehört. Diese eilten her­bei und fanden den Jakob Schuldes von Oberlahn' stein. Dieser, ein ordentlicher Bursche von 23 Jah­ren, Der seine verwiltweie Mutter ernährt, war durch den Lärm den Wilhelm Seil beim Nachhausegehen machte herbeigezogen worden um zu sehen, was eS gebe. Jakob Schuldes soll, wie viele Personen versichern, eine große Aehnlichkeit mil'Johann Alt­mann haben und schon oft mit demselben verwcch, selt worden sein. Jakob Schuldes war mit Schrot in die Brust geschossen und starb am 28. Juli I. J.

Wilh. Seil gibt vor, an jenem Abend auf dem Wege nach Hause von Joh. Altmann mit einem Prügel angefallen und zu Boden geschlagen worden zu sein. Altmann habe sich entfernt und er sei nach Hause gegangen, um die Pistole zu holen und dann den Alt mann aufzusuchen. Plötz­lich habe er an Burckhard'S Hause einen Menschen gesehen und in der Meinung, eS sei Altmann, auf denselben geschossen. Die Brüder Altmann waren zu jener Zeit schon zu Bette gewesen. W. Seil äußerte, eS thue ihm unendlich leid, den Jak. Schuldes getroffen zu haben, er gäbe fein halbes Vermögen, wenn Dies nicht geschehen wäre, doch den Joh. Altmann würde er jeden Augenblick niederschießen. (Diese letzte Aeußerung wiederholte er auch bei seiner heutigen Vernehmung.) Wilh. Seil ist daher angeklagt, in der mit Vorbedacht gefaßten und ausgeführten, wenn auch nur im Affekt ausgesührtcn (eventuell in der im Affekt ge­faßten und auSgeführten) Absicht, den Joh. Alt- mann von Oberlahnstein zu tödten, eine mit Schrot geladene Pistole auf den Jakob Schuldes, den er für Joh. Altmann hielt, abgcfeuert, demselben an Der unteren Seite der linken Brust mehrere Wun­den beigebracht und denselben dadurch getödtet zu haben.

Wilh. Seil ist schon wiederholt wegen Dieb­stahls und Mißhandlung gestraft. Er wird als sehr streitsüchtig geschildert.

Die Verhandlung leitet der Assisenprâsiden Trepka, die Anklage führte StaaiSprok. Subft Flach, die Vertheidigung Dr. Leisler, junior

Wiesbaden, 4. Dez. In diesen Tagen ist Herr Ministerialrath Dr. Bertram nach Berlin abgereist. Der neue Referent im Schulwesen, Herr Professor Schmidt, ist bereits hier ange­langt und wird seine Stelle nächste Woche antreten. Die Zahl der Pensionäre in den Real- und Elementarschulen ist 88, deren Stellen also nach Festsetzung DeS PensionSgesetzeS, alle erledigt werden und zu besetzen sind.

t Von der mittleren Lahn, Ende November. Die Petition DeS nassauischen Vereins für vater­ländische Arbeit und Bildung an Herzog!. StaatS, Ministerium, die Fortbildung deö Zollvereins zu ei»