Nassauische Allgemeine Zeitung.
M 282. Freitag den 29. November 1850.
Die Nass. Allg. Zeitung mit dem Wanderer erscheint einmal täglich in Großfot r o-Format, mit Ausnahme des Sonntags. — Der vierteljährige PrLnumerationSpreiS ist in Wiesbaden für den Umfang des HerzogthumS Nassau, des GroßherzogthumS und KurfnrstenlbumS Hessen, der Landgraffchall Hessen-Homburg und ter freien Stadt Frankfurt g fl., in den übrigen Ländern des fürstlich Thurn- und Tarisfchen BerwaltungSgebieteS S fl. 1O rr. — Inserate werden die dreispaltige Petitzeile oder deren Raum mit .» kr. berechnet. Bestellungen beliebe man in Wiesbaden in der L. Sch e lle n b e rg'schen Hof-Buchhandlung, auswärts bei den nächst gelegenen Postämtern zu machen.
Uebersicht.
Preußens Kraft.
Deutschland. Wiesbaden (Assisen. Die neue Akzise- ordnung. Preußische Truppen). — Von der Lahn (Medizinalreform). — Weilthal (Der Schulplan). — AuS Kurhessen (Di- beiden Kommandirenden. General Haynau). — München (Lefevre nach Berlin). — Braunschweig (Preußens Antwort). — Hann over (Zusam- ziehung eines TruppenkorpS). — Osnabrück (Kinkel). — Berlin (v. Pnttkammer. Ministerkombination. Parteistellung in der zweiten Kammer. Hahm ausgewiesen. General von Radowitz. Antrag auf Erlassung der Antwort- Adresse. Russische und österreichische Note). — Oldenburg (Reise des Großherzogs). — Altona (Dankadresse an den Herzog von Braunschweig).—Rendsburg (Vorpostengefecht. Die dänischen Lazarethe. Mißstimmung).— Wien (Pferdeankauf. Verschärfung der RekrutirungS- gesetze. Koffuth. Rechberg. Truppentransporte. Beunruhigende Gerüchte).
Frankreich. Paris (Truppenbewegungen. Die Rüstungsfrage. Schreiben des Königs von Preußen. Von).
Großbritannien. London (Adresse an Wiseman. Gesetz wegen Nichtaunahme geistlicher Titel).
Türkei, Smyrna (Die Cholera). — Aleppo (Die Christenverfolgung). — Serajewo (Omer Pascha).
Neueste Nachrichten.
Sprechsaal für Stadt und Land.
5* Preußens Kraft.
Kaum vierzehn Tage sind vergangen, seit Preußens König sein Volk zu den Waffen rief, und schon stehen fünfmalhunderttausend Mann seines Winkes gewärtig. — Hoch und Niedrig, Reich und Arm, Alt und Jung tritt in die Reihe deS vater- ländischen Heeres, das ganze Volk ist zu einer kampfgeübten begeisterten Armee geworden. Wie in den großen Freiheitskriegen lebt nur Ein Ge, danke im preußischen Herzen, Ein Gefühl im ganzen Lande: die Scheide wegzuwerfen und daS blanke Schwert in der Faust Genugthuung zu fordern für die frechen Angriffe auf Preußens Stellung in Deutschland und Europa, zurückzuerobern, was eine feige und unfähige Diplomatie den wohlbegründeten Rechte Preußens vergeben, zu erstreiten in blutigem Kampfe, wenn man eS anders nicht haben will, die endliche Befriedigung der deutschen Nation, die Erfüllung feierlicher Verheißungen, daS neue deutsche Reich!
Ja, eS geht ein fester kühner Geist durch Preußens Volk, und was in deutschen Gauen noch ein Herz hat fürs Vaterland, und nicht in elendem Egoismus unterging, das jubelt ihm zu und wird freudig in seine Reihen treten, wenn die Stunde deS Kampfes geschlagen.
Die trügerische Larve, welche der sogenannte Bundestag wider Willen zu früh, abnehmen mußte, um daS wahre verhaßte Gesicht zu zeigen, die unerhörten Thaten in Kurhessen, daS Unglaubliche, was man gegen Schleswig-Holstein beschlossen, macht die früheren zahlreichen Gegner Preußens verstummen, und wird die bisherigen unseligen Parteiungen vollständig verschwinden lassen, wenn ein festes „Vorwärts" in Berlin den sehnlichsten Hoffnungen entspricht.
WaS die Liebe zum Vaterland, Verzweiflung an der Aufrichtigkeit und dem guten Willen ver Regierungen; was irgend ein an und für sich etleS Gefühl in extreme Richtungen getrieben , es wird freudig zu der Preußischen Fahne schwören, um wenigstens die Rückkehr bundestäglicher Herrschaft, daS Wiederaufleben trostloser Zerrissenheit unerträglicher Willkühr-Herrschaft, namenloser Schande unmöglich zu machen, und daS kleine übrig bleibende Häuflein verworfener Prediger deS allgemeinen Umsturzes würde eher zu belächeln, als zu fürchten sein.
Nenne man diese Meinung nicht ein schönes Bild aufgeregter Phantasie; — tretet unter das Volk offenen AugeS und OhreS, und hundert Bei- spiele werden meine Worte bestätigen.
Anders freilich, wenn nochmals der feste Wille, die kühne Entschlossenheit in Berlin fehlte; wenn auch dieser große Augenblick wieder ungenützt vor
überging, wenn jene berüchtigte Partei den König überreden könnte, eS sei ihm nicht möglich, die feierlich gegebenen Versprechen zu halten; die heilige Allianz müsse bewahrt, dem Willen des Czaaren gehorcht werden.
Dann, ja dann würde die Demokratie noch einmal eine Macht werden, denn auch der Vertrau- endste begriff nun; daß die Neubildung des Vaterlandes auf dem bisherigen Wege vergeblich erstrebt werde, und der Krieg, den man zauderte, gegen wortbrüchige Regierungen aufzunehmen, würde dann in vielleicht nicht allzu ferner Zeit gegen die eigenen Völker geführt werden müssen. Und mit welchem Erfolg? Fraget die Landwehrmänner, die freudig HauS und Hof, Weib und Kind verließen ; denn den jetzt drohenden Krieg sehnen viele preußischen Herzen herbei; — fraget sie, höret selbst die Armee, welche wahr, lich Vieles mit ächt soldatischem Gehorsam bisher duldete; — und eS wird Euch eine klare Antwort werden.
Darum vorwärts in Berlin! Durch einen ehrlichen Krieg, zu dem man Euch zwingt, wird die Monarchie Friedrichs des Großen mit höchster Wahrscheinlichkeit gerettet, durch einen schimpflichen Frie- cen mit Sicherheit vernichtet!
Deutschland.
* Wiesbaden, 27. Nov. (Afstsenverhandlung.) Die Geschwornen haben den Angeklagten, Georg Hartmann, der ihm zur Last gelegten Diebstähle schuldig erkannt. Der StaatSprokurator Reichman n beantragt, da der Werth der gestohlenen Sachen 15 fl. nicht übersteigt, und der zweite, an einer „zum Gottesdienste bestimmten" Sache begangene Diebstahl ein ausgezeichneter nicht zu nennen, eine Ko rr e kti o nS h a us stra fe von zwei Monaten, der Vertheidiger, Prokurator v. Arnoldi, nur G e fängn iß st ra fe. Der Gerichtshof verur- theilt den Angeklagten auf Grund eines ausgezeichneten Diebstahls an einer zum Gottesdienste geweihten oder gewidmeten Sache zu einer 1'/, jährigen Zuchthausstrafe. Von Seite der Staatsbehörde , wie der Vertheidigung steht Einlegung der Kassation zu erwarten.
* Wiesbaden, 28. Novbr. (Assisenverhand- lung.) Johann Sommer, 29 Jahre alt, Bergmann; Georg Sommer, 38Jahre alt, Bergmann, Bernhard Sommer, 27 Jahre alt, Schreiner; Georg Billmann, 25Jahre alt, Müller; Johann Dietz, 25 Jahre alt, Schieferbrecher, sämmtlich von Caub sind angekiagt nach vorgängiger Verabredung und Vereinigung in die Hofraithe des Müllers Peter Wagner von Caub widerrechtlich eingefallen zu sein, an den Mühlgebäuden Gewalt verübt, namentlich mit Steinen gegen die Mühle geworfen, hierdurch ein Fenster zerstört, die Hausthüre gesprengt und das Dach beschädigt, somit das Verbrechen der Gewaltthätigkeit begangen zu haben. Die Mutter der drei Brüder Sommer und Georg Villmann scn. besitzen die beiden unterhalb der Mühle deS Peter Wagner gelegenen Mühlen und es bestehen zwischen den Mühlenbesitzern wegen Ableitung deS Wassers seit geraumer Zeit Streitigkeiten und Reibungen.
Die Verhandlung wird von dem HofgerichtS- rath Trepka geleitet. Der Gerichtshof besteht auS den HofgerichtSräthen Löw, Stahl, Bierbrauer und HofgerichtSasseffor VigeliuS. Die Staatsbehörde vertritt Staatsprokurators Subst. Flach, die Angeklagten Prokurator Lang.
* Wiesbaden, 22. Novbr. Wie wir i* No. 263 dieser Zeitung mitgetheilt haben, ist die durch eine vom Gemeinderath gewählte und von dem StaalSministerium ergänzte Kommission ausgear« beitete neue Akziseordnung für hiesige Stadt durch Beschluß deS BürgerauSschusseS vom 3. d. M. dem Gemeinderath zurückgegeben worden, um solche mit einem bestimmten Antrag wieder an den Bürger- auSschuß zur Berathung gelangen zu lassen.
Obgleich diese wichtige Angelegenheit keine Hinausschiebung vertragen kann, da sie auf den Rech- nungSüberschlag für 1851 den größten Einfluß hat und obgleich der Gemeinderath in einer einzigen
Sitzung den gerügten Formfehler hätte verbessern können, so ist doch bis jetzt der Bürgerausschuß noch nicht wieder zusammenberufen worden.
Wir finden hierin eine nicht zu rechtfertigende Geschäftsverzögerung, geben unS aber zugleich der Hoffnung hin, daß eS nur dieser öffentlichen Erinnerung bedarf, um den Herrn Bürgermeister, welcher nach §. 23 des GemeindegefetzeS die Gemeindeversammlung (hier Bürgerausschuß) allein zu berufen hat und Mittel und Wege finden wird, den renitent scheinenden Gemeinderath zur baldigen Be- schlußsassung zu nöthigen, zur Beförderung der Sache zu bewegen.
Wiederholt heben wir hervor, daß eS sich nicht mehr darum handelt, ob die bisherige Akziseord- nung bestehen bleiben , oder eine neue eingeführt werden soll, denn letzteres ist mit großer Majorität bei Berathung deS diesjährigen RechnungSüberschla- geS vom Bürgerausschuß beschlossen worden. ES fragt sich jetzt nur, ob die Arbeit der Kommission gut und annehmbar ist, oder ob Abänderungen daran nöthig sind und welche.
Da der Gemeinderath hierüber lange genug verhandelt hat, so wird er auch wohl endlich so gut sein, daS Ergebniß seiner Berathungen von sich zu geben; oder glaubt er etwa die Sache würde im Liegen gut?
ES ist nicht zu verkennen, daß eine Veränderung des Tarifs und eine verschärfte Kontrole und alle belästigt und manchen Leuten, vielleicht gar Mitgliedern des GemeinderalhS, Ausgaben verursacht, die ihnen bisher ganz fremd waren, allein wir haben gleich allen größeren Städten eine solche indirekte BestcuerungSart, wobei die verzehrende Klaffe ohne Unterschied, mithin auch die Fremden angezogen werden, durchaus nöthig und da wir sie einmal nicht entbehren können, so wollen wir sie auch nach Möglichkeit zweckmäßig und gegen Unterschleif schützend, einrichteii,
• Wiesbaden, 28. Nov. Im Laufe deS heutigen TageS wird daS erste Bataillon deS 26. preußischen Infanterieregimentes, der RegimentSstab mit 43 Pferden, und der Gencralkommanvotrain mit 90 Pferden hier eintreffen. DaS Bataillon kömmt zunächst von Weinheim.
5 Von der Lahn, 23. Novbr. In der Kritik deS Dr. v. Shell zu EmS über einen den Aerzten des Landes vor einiger Zeit zur Besprechung vorgelegten Medizinal-Reform-Entwurf kommt ein Vorschlag vor, auf den wir die Aufmerksamkeit der Landstände und deS Ministeriums lenken möchten. ES heißt da unter Anderem • „Will übrigens der Staat in sozial-demokratifchem Interesse noch mehr und Gründliches leisten, so möge er für die Errichtung von Kreis- und Bezirks - Lazarethe sorgen. Den armen, oft heimalh- und obdachlosen Kranken sowohl alS auch den Lehr- und Dienstherrn vielen derselben und vielen anderen Landbewohnern wäre hierdurch weit besser und gründlicher geholfen, als durch die Besoldung ihrer Aerzte und durch die 4 kr. Taxe, die noch dazu wenig geeignet ist, den Pflichteifer der Aerzte rege zu halten. Meine Erfahrung hat mich im Allgemeinen gelehrt, daß den Kranken mehr mit gehöriger Wartung und Pflege, als mit den schönsten und längsten Rezepten genützt werden kann." „In den meisten der ärmeren Distrikte unseres Ländchens gebricht eS aber vollkommen an der Möglichkeit, jene den Kranken angedeihen zu lassen." Diese Idee der Kreis-Lazarethe verdient jeden Falls die Beachtung aller Staatsmänner und wahren Volksfreunde.
Die neue Institution der Kreise hat schon vielfach wohlthätig gewirkt und schlägt immer tiefere Wurzeln im Volksleben. Es wäre schön, wenn dieses für unS neue politische Institut an den Kreis- Lazarethen eine neue Stütze erhielte und umgekehrt diese mit aller Kraft förderte. Die KreiS-Lazarethe wären zugleich eine guie Schule für junge Aerzte, indem sie unter die Aufsicht der tüchtigsten Praktiker gestellt werden.
[§] Weilthal, 18. Nov. Der neue Schulplan von 1846 hat, außer bet feinen Schöpfern, wenig Anklang und Beifall bei den Schulmännern gefunden. Die Verdrängung der Mathematik auS der Prima deS Gymnasiums, der französischen Sprache