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Nassauische Allgemeine Zeitung

M 274,

Mittwoch den 20. November

ISM

-------, v Skanderer erscheint einmal täglich in Großfolio-Format, mit Ausnahme des Sonntags. Der vierteljährige Pränum .gtionsprei« Die Raff. Allg. Zeitung oem . 9xflffait Be4 GroßberzogthumS und Kurfürflentbum« Hessen. der Landgrafschatt Hessen-Homburg und der freien Stadt Frankfurt

in Wiesbaden ,nr den Umfang deS H rz-gtUums - B-rwaltungSg-bieteS 3 fl. U» fr. - Inserate werden die dreispaltige Petitzeile oder deren Raum mit 3 fr.

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u e b t r s i ch t.

Preußens Wehrkraft.

Deutschland. Wiesbaden (Landtag. Assisen. .Durch­marsch preußischer Truppen). A v S der Provinz (Be­schickung der Londoner Ausstellung). Diez (Erzherzog Stephan). Von der Lahn (DaS Oraniensteiner Fest). AuS dem N i !i e r t h a l e (Entgegnung). Mainz (Die Mainzer Zeitung und daS Tagblatt). Von der kurhesfifchen Gränze (Nassauische Truppen nach Wetz­lar). Karlsruhe (Oesterreichischer Einfluß). AuS Bayern (Die Rüstungen). München (Einrücken der Preußen in die Pfalz). Koburg (Einberufung des Landtages). Dresden (Die preußische Entschädigungs­forderung). Hannover (Die Agitation für Schleswig- Holstein verboten). Berlin (Der hannoversche Kom­missär). Oldenburg (Hauptmann Wcdekopp). Lübeck (Die Gefion). Schleswig-Holstein (Vor­postengefecht. Antwort an die Bundesversammlung). Kiel (Sitzung der Statthalterschaft. DaS Kanonenboot Nr. 8). Rendsburg (RekognoSzirung. Ein Norweger tritt in die Armee). Wien (Fortdauer der Rüstungen. Verwarnung der Redakteurs. Die böhmisch-mährische Armee. Der Kaiser soll den Oberbefehl übernehmen. KriegSrath. Reise Radetzkys nach Böhmen. Die ersten Asflseii). Triest (Nachrichten aus China).

Ungar». Preßburg (Baron Schirnding).

Türkei. Konstantinopel (Ein Neffe des Sultans).

Neueste Nachrichten.

+ Preußens Wehrkraft.

Die preußische Nation rüstet und ganz Europa wird dadurch in Spannung und Erwartung der Dinge, welche eine Folge hiervon sein werden, ver­setzt. Wirft man einen Blick auf die Landkarte und überschauet den Flächengehalt, welchen der preuß. Staat im Verhältniß zu anderen europäischen Groß­mächten einnimmt, so mag wohl manchem cs auf. fallend sein und rätbselhafi dünken, warum auS den KriegSrüstungen dieses zu den kleineren Ländern Europas gehörenden Staates alle Welt so Bedeu­tendes folgert, und wie derselbe gegen einen an Kopfzahl mehr als doppelt überlegenen und überdieß von dem mächtigsten Herrscher unterstützten Gegner in die Schranken zu treten sich anlaffen kann.

ES ist dieS Veranlassung genug, Preußens Wehrkraft, wenn sie auch im Allgemeinen als be­kannt vorausgesetzt werden muß, hier einer näheren Betrachtung zu unterziehen, um sie in einem Au- genblick, wo aller Welt Augen darauf gerichtet sind, und wo so unendlich vieles davon abhängt, in ihren Hauptgrundzügen zu vergegenwärtigen.

Die Wehrverfaffung Preußens ist seine groß­artigste Institution. Ihre Grundidee bestehet darin: die ganze Nation wehrhaft zu machen, im Frieden das gesammte Volk in den Waffen zu üben, für Aufhäufung und Bereitung von Kriegs­material, für Erbauung von Festungen 2C. za sor­gen. ES erklärt sich hieraus leicht, daß deßhalb der Militäretat in Preußen ungefähr die Hälfte der ge- sammten Staatseinnahmen im Frieden verschlingt, und aus diesem Grunde die Staatsabgaben dort höher sind, als wohl in manchem anderen Staate; allein cS sind, diese Abgaben nothwendig zur Er­haltung eines HeereS, welches der Vertheidiger und Beschützer der Macht und Unabhängigkeit von ganz Deutschland ist. In Folge des angegebenen Prin­zipes der Bewaffnung der ganzen Nation ist jeder ohne Unterschied, hoch oder niedrig, reich oder arm, verpflichtet, persönlich dem Vaterlanbe zu dienen und dasselbe zu vertheidigen, und zwar nicht allein während einer sogenannten Militärdienstzeit von einigen Jahren, wie dies in anderen Staaten statt findet, sondern während der ganzen Dauer seiner kräftigsten Lebensjahre, waS in der Weise geschieht, daß nach Vollendung der kurzen Dienstzeit in der Linie jeder bis zum 40. Lebensjahr« zum Dienste in der Landwehr verpflichtet bleibt. Daß auf solche Weise eine verhältnißmäßig ungeheuere HeereSmacht geschaffen wird, und daher Preußen mit 16 Millionen Seelen mehr Leute in'S Feld stellt, als bei weitem größere Staaten, liegt sehr nahe.

DaS ganze Heer besteht aus dem Gardekorps und 8 Armeekorps oder Generalkommando'S. Jedes

Armeekorps hat 2 Divisionen, jede Division 3 Bri­gaden eine Infanterie-, eine Kavallerie- und eine Landwehrbrigadc; außerdem hat jedes Armee­korps ein Referveregimeut , eine Artilleriebrigade, eine Pionier, eine Jäger- oder Schützen-Abtheilung. Als Kriegsschule dient für ss den waffenfähigen Preu­ßen die Linie, in welcher er 1, 2 oder 3 Jahre die­nen muß und zwar vom 21 bis 25. Lebensjahre; von da an bis zum 32. Lebensjahre gehört er zur Landwehr ersten Aufgebots und ist alle 2 Jahre zu einer 14tägigen Uebung verpflichtet; vom 32 bis 40. Lebensjahre aber gehört er zur Landwehr 2ten Aufgebots, welchem jährlich einmal die Kriegsar­tikel über Gehorsam und Subordination vorgelesen werden.

Es springt in die Augen, daß hiernach die Kraft des preußischen Heeres nicht auf der Linie beruhet, aus welcher in unteren Staaten die mili­tärische Macht lediglich und allem besteht, sondern auf der waffengcüblen Landwehr, welche den waffen­fähigen Kern der ganzen Nation umschließt. Wenn daher die preußische Armee mobil gemacht wird, so heißt daS nichts anders, als daß die preußische Nation unter die Waffen tritt.

Allein die eigentliche wahre Macht des preußi­schen KriegSheereS beruhet nicht sowohl in der gro­ßen Masse, aus welcher eg besteht, sondern bei Wei­tem mehr und hauptsächlich in dem eS beseelen­den Geiste, welcher durch die angegebene Mili, tärorgauisation geweckt und belebt wird. Darin, daß eine ganze Nation wehrhaft gemacht wird, be. ruhet eben die Freiheit eines Volkes; die Waffen zur Vertheidigung deö Vaterlandes zu tragen, wird da nicht mehr als eine Last, der sich Jeder zu ent­ziehen sucht, wie und wo er nur kann, sondern als ein Recht betrachtet, aus welches jeder Staatsbür­ger .stolz ist, Bei den Freiheilsbestrebungen des Jahres 1848 hat sich dieses Prinzip geltend zu machen gesucht, allein keine Lebensfähigkeit in den in Folge dessen überall gewährten allgemeinen VolkSbewvffnung erhalten. Eine solche bestehet in der großartigsten Weise in der preußischen Wehr- verfassung. Vor Allem liegt in ihr eine in keinem anderen Staate in solchem Maße bestehende Gleich­heit vor dse m Gesetze.

AlS Landwehrmann steht der ärmste Taglöhner dem hochgestelltesten und reichsten Staatsbürger voll­kommen gleich. Sodann aber wird durch dieselbe bei der ganzen Nation der kriegerische Geist ge­weckt, die kriegerische Fertigkeit entwickelt, und es lernen Alle sich an die Entbehrungen, Anstrengun­gen und Gefahren deS Soldatenlebens gewöhnen; nicht minder erhält dadurch mehr, als durch alles Andere der VolkSgeist und wahre Patriotismus seine ? Nahrung. Derselbe Waffenrock ist für Jeden, ohne I Ausnahme für den Höchsten, wie für den Niedrig­sten, ein Ehrenrock, und eS wirkt dies unbe­rechenbar auf das Selbstgefühl der unteren Klassen ein; daS Gefühl für Ehre wird in ihr geweckt; eS fühlt sich ein Jeder als Genosse einer mächtigen Korporation stark, und ist er stolz darauf, sich den Vertheidigern DeS Vaterlandes zuzählen zu dürfen. Endlich aber verdrängt eine solche allgemeine Mili« lärdienstpflicht, welche die gebildeten Stände ebenso wie die niederen Klassen zum Dienste heranzieht, alle Rohheit aus rem Heere, weßhalb dieser bei allen anderen Heeren so oft und laut beklagte Mißstand bei dem preußischen längst ganz verschwun­den ist.

Es haben sich diese und noch sehr viele andere Vorzüge der preußischen Wehrverfassung auf daS vollständigste schon so vielfach und noch in neuerer Zeit bewähret, daß darüber kein Zweifel obwaltet. Während die Heere in anderen Staaten mehr oder weniger auS Söldlingen bestehen, welche nur ge­zwungen dem Rufe zur Fahne folgen, während sie, fast allen Patriotismus baar, kaum wissen, zu wel­chem Zwecke sie die Waffen tragen, folgt der preußische Wehrmann mit Begeisterung dem Rufe seines Königs zu den Waffen und läßt freudig Alles im Stich, um nicht zurückzubleiben, wenn es gilt, für K ö u i g und Vaterland" das Leben daran zu setzen. ES dürfte nicht wohl etwas mehr dies bestätigen, als der im gegenwärtigen Augen­blicke sich überall kundgebende Geist der preußischen Nation. WaS vermag ein von solchem Patriotismus beseeltes Heer, ganz abgesehen von seiner Waffengeübt- heil, auszurichten gegen die Schaaren, welche ihm

gleich Maschinen entgegengerückt werden I Die Ge­schichte aller Nationen und aller Zeiten lehrt, daß auf dem Schlaebtselde der Geist der streitenden Heere weit entscheidender ist, als deren Größe, und cS erkennt die Gegenwart diese Wahrheit an, wenn sie durch die Aufmerksamkeit, mit welcher sie den Rüstungen der preußischen Nation folgt, an den Tag legt, daß sie weiß, daß nicht blos die Armee, sondern auch und hauptsächlich der N a t i o n a l g ei st deS preußi­schen Volkes mobil gemacht wird.

Deutschland.

s* Wiesbaden, 16. November. (26. Sitzung deS Landtags.) Nachdem der Abg. Großmann die in unserem Blatte vom 17. Nov. schon mitgetheilte In­terpellation an die Regierung, wegen eines Prote­stes gegen daS Einrücken der Preußen in daS Her- zvglhum gestellt hatte, diese genügend beantwortet worden war, und der Abgeordnete Snell bemerkt hatte, daß eS ihn freuen würde, wenn der Protest wahr wäre, hört die Kammer den Bericht deS Ausschusses über daS Gesetz, die Errichtung einer Kriegsschule betr. Der MehrheitSbc- richt, unterzeichnet von Keim, B e l l i n g er, R a u, Trsipp, Müller 11. wird von dem Berichterstat­ter Keim verlesen, und besteht auS zwei Theilen, in welchen Die beiden Fragen beantwortet werden: 1) Ob eine solche Anstalt im Herzogthum Nassau nöthig fei , und 2) ob dem Bedürfnisse durch daS vorliegende Gesetz genügt werden könne. Die erste Frage wird bejaht. Zuerst wird gezeigt, daß die Anforderungen an die Offiziere viel größer sind, alS früher, weil Die KriegSwissenschaften durch Der Fort­schritt der auf sic Einfluß übenden Wisienfchafien und Elfittdungen zu gleichem Fortschritte nöthig seien. Sodann wird nachgewiesen, daß nicht bloß die grö­ßeren deutschen Staaten Anstalten zur Bildung ih- ' rer Offiziere besitzen, sondern auch solche, die kleiner sind, als das Herzogthum Nassau. Hiernach wer­den die Nachtheile aufgezählt, wei te für das Land entstehen würden, wenn es eine Kriegsschule ent­behren müßte. Diese Nachtheile würden sein: ES würde Mangel an Personen, Die man zu Offizieren ernennen könnte, entstehen; die Nothwendigkeit für junge Leute, auswärtige Anstalten mit großen Ko­sten zu besuchen, würde eS nur dem Reichen mög, lich machen, Oifizicr zu werden, und besonders wird Der Umstand hervorgehoben, daß selbst diese ohne be­sondere Slaalöverlräge Dorten keine Aufnahme fin­den würden.

Sichere Bildung deS Soldaten und umsichtige Führung im Kriege, so wie Vertrauen Der Mann­schaft könne nur durch tüchtige Kenntnisse Der Offi­ziere erlangt werden. Welche traurige Folgen auS Mangel an tüchtigen Offizieren entstehen könnten, habe man in Der Schlacht bei Idstedt gesehen.

Nachdem dieser erste Theil DeS Berichtes ver­lesen war, verlangte der Berichterstatter Der Min­derheit , Wenckenbach, DaS Wort, um seinen Bericht vorzulesen, welches ihm von dem Vorsitzen­den gestattet wird. Der MincerheitSbericht, unter­zeichnet von Wenckenbach und Snell, sucht zu zeigen, daß Nassau nicht Dem Beispiele Der Staa­ten folgen solle, welche Kriegsschulen besitzen, son- den andern, welche keine haben; es sei mehr als seltsam, für 2 Regimenter und 2 Batterien eine Kriegsschule zu errichten. Man solle DaS Projekt aufgeben und eine polytechnische Schule errichten, zugleich will er in einem Punkte DeS Mehrheitsbe- riiteS einen Angriff auf Die Nassauischen Offiziere und in einem anderen einen Widerspruch finden und trägt am Ende auf Verwerfung deS Ge- s e tz e S an.

Naht ist gegen die Ansicht der Regierung un DaS Gesetz; die kleinen Staaten wollten groß werden: das richte das Land zu Grunde; der Ruhm der Nassauischen Waffen habe bestanden, als man noch keine Kriegsschule hatte.

Ministerpräsident v. Wintzingerode wider­legt in kurzen Worten die Ansichten Raht'S und Den Inhalt DeS MinderheitSberichteS.

Keim: Es erscheine seltsam, daß der Berichts erftatter der Minderheit darauf antrage, die Kam­mer solle ein Gesetz und einen Bericht über da-