Nassauische Allgemeine Zeitung.
^ 267. Dienstag den 12 November 18SEd.
Die Nass. Allg. Zeitung mit dem Wanderer erscheint einmal tâqlich in G rofifnlin-ft«» ----7------------------------------------------------------
Uebersicht.
Die Frage der Gegenwart.
Deutschland. Aus dem Maingrnnde (Betrachtungen über die jetzige Lage). — Von der Weil (Unterricht im Mittel- und Altdeutschen). — Vom Westerwald (Der Braunkohlenbau. Das Eisenwerk im Nisterthal). — Mainz (Müller-MelchiorS). — Frankfurt (Ein Zusammenstoß bei Fulda. Besetzung Fulda's durch die Bundestruppen. Die preußischen Vorschläge angenommen. Aussicht auf eine günstige Wendung der Dinge). — Hanau (Die verabschiedeten Offiziere). — Karlsruhe (Das Bündniß mit Preußen). — Stuttgart (Besetzung des Ständc- Hauses). — Weimar (Die Etappenverträge). — Braunschweig (Mobiliflrung). — Erfurt (v. Radowitz). — Berlin (Erklärung Hannovers.. Die Prinzen des königl. Hauses. Der König. Anfrage von Seite Rußlands. Der kurhesfische Gesandte. Abschiedsaudienz des General von Radowitz. Die Rüstungen. Die osterr. Antwort. Graf Bernstorff. Oesterr. Truppen in Koburg). — Oldenburg (Berichtigung). — Hamburg (Abmarsch der preußischen Truppe»). — (Kiel (Die Blokade). — Rendsburg (Oberst v. d. Tann). — Wien (Militärkonferenzen. Intervention in Schleswig. Truppenbewegungen. Giulay. Der Sohn des Fürsten Metternich. Die Zivilehe).
Frankreich. Paris (Die Gesellschaft vom 10. Dezember aufgelöst. Komplott. Die Besetzung KurhessenS).
Großbritannien. London (Antipapistische Kundgebungen. Gesetzentwürfe).
Italien. Mailand (Widerlegung von Gerüchten). — Rom (Finanzkonsulta).
Amerika. Port -au-Pri»ce (Krieg zwischen Haiti und Domingo. Pucatan).
Neueste Nachrichten.
Die Frage der Gegenwart.
4- Wiesbaden, 11. Novbr. Dem Kampfe, welchen wir auf deutschem Boden zwischen Deutschlands beiden Großmächten entbrennen scheu, liegt nicht die bekannte Streitfrage über Anerkennung oder Nichtanerkennung der in Frankfurt tagenden, sich den Namen des „deutschen Bundestages" beilegenden Versammlung, als Deutschlands Zentralgewalt, ebensowenig das Aufgeben oder Fortbestehen der Union, so sehr auch die täglich an der Spitze der Frankfurter O.-P.-A.-Ztg. paradirenden BlitterS- dörfischen *||* Tiraden sich abmühen, die Welt dieS glauben zu machen. Der eigentliche Kern der Frage, deren Lösung der Gegenwart beschieden ist, liegt tiefer und besteht in nichts Anderem als darin: „ob fortan in Deutschand der Absolutismus oder der KonstitutionaliSmuS bestehen soll"? ES ist daher die volle Wahrheit, daß Deutschlands Zukunft auf dem Spiele steht und die gegenwärtige Zeit welthistorische Bedeutung hat.
Preußen, seit einer langen Reihe von Jahren dem vernünftigen Fortschritte huldigend und nunmehr in dem Besitze einer auf gerechten Grundlagen basirten und allen Klassen deS Volkes gerechte Rech, nung tragenden Verfassung, welche sein König aus wahrhafter Ueberzeugung beschworen, da, wie der, selbe in der Thronrede sehr richtig und schön sagte, „er dies Werk bestätigen durfte, weil er es in Hoffnung konnte", hatte trotz aller Intriguen Seitens Oesterreichs, Bayerns, Sachsens und Hannovers den einmal betretenen Weg nicht verlassen, um der deutschen Nation den Bundesstaat, die berechtigte Forderung derselben, zu verleihen, wodurch dem Absolutismus in Deutschland für immer ein Ende gemacht werden kann, und der Konstitutiona« lismus in den kleineren Staaten erst Bedeutung er, hält und zur Wahrheit wird, da solcher, wie er bis zum Jahre 1848 bestand, nur ein Trugbild ist. Oesterreich, Preußen, wie dem übrigen Deutschland, an Kultur und Intelligenz so weit nachstehend, daß eS sich gänzlich außer Staude fühlen muß, auf dem betretenen konstitutionellen Wege gleichen Schritt mit demselben zu halten, konnte sich unmöglich verhehlen, daß seine Macht und Eristenz auf das ernst, liebste bedrohet sei, wenn diese StaalSsorm in Deutsch, land immer festere Wurzel fassen würde, und ist daher darauf hingewiesen, mit allen Kräften dem aufblühenden KonstitutionaliSmuS entgegen zu wirken. ES konnte ihm nichts näher liegen, als unter d»m Scheint des Rechts den deutschen Bundes,
tag wieder herstellen zu wollen, um dergestalt zu seinem Ziele zu gelangen; — daß es hierbei sich der Unterstützung der kleineren deutschen Könige für versichert halten durfte, konnte ihm so wenig entgehen, als daß deren Beispiele andere Fürsten folgen würden, da cö leicht zu begreifen ist, wie deren noch kein Menschenalter überlebter SouveränitätSdünkcl bei dem alten Staatenbund nur seine Befriedigung finden kann.
So ist denn Deutschland in zwei Theile gespalten, deren einer auf dem betretenen Wege des zeitgemäßen Fortschritts zu beharren entschlossen ist, wogegen der andere mit gänzlicher Mißachtung der gerechten Forderungen der Zeit einen Zustand herauf« zubeschwören bereits angefangen hat, der nimmer zum Guten führen kann. Preußen kann und wird nie zum Absolutismus zurückkehren, ohne sich selbst zu vernichten, und diejenigen kleineren Staaten, welche ferner sich ihm anschließen, werden stets eine ! Stütze deS KonstitutionaliSmuS an ihm finden, sowie die unter Oesterreichs Absolutismus Zuflucht suchenden Fürsten zusehen mögen, ob für alle Zeiten die Interessen der Dynastien denen der Völker verstehen. Mag immerhin Rußland nur auf die Seite dessen stehen, der demselben Prinzipe mit ihm huldigt; die Zeit mit ihren Forderungen ist gebieterischer, alS das Schwert deS mächtigsten Diktators der Welt, und eS wird keiner Macht der Erbe gelingen , den Lauf der Zeiten zu hemmen und in GotteS Weltordnung einzugreifen.
Deutschland.
DVom Westerwald. Wenn die schönen Hoffnungen, die wir in Nr. 263 dieses Blattes a u f- b e re ite t finden, die Braunkohlen zur Eisenproduktion brauchbar zu machen, sich auch für die Folge nicht in dem Grade realisiren sollten, daß dieselben wirklich mit Vortheil dazu ^verwendet werden könnten, so würden wir vielmehr eine große Befriedigung in einem bestimmteren überzeugenderen Nachweise deS wirklichen BraunkohlenvorrathS, soweit derselbe durch Aufschluß bekannt ist, gesunden haben, wenn derselbe auch nicht in Q nad r atme ilen auSgedrückl worden wäre, statt der oberflächlichen Perspektive auf meilenweite Ausdehnung der Braunkohlenlagerung, wovon man bis jetzt kaum weiß, daß an verschiedenen Orten theilweise bauwürdige Lager dieses Fossils sich vorfinden, wie weit dieselben sich aber erstrecken und bauwürdig bleiben, darüber soll dem Vernehmen nach, bis jetzt noch jeder Aufschluß fehlen. ES mag daher vor der Hand nicht gerathen sein den Nachbau auf Holzproduktion zu versäumen, der voraussichtlich l sicherer erreichbar ist und wovon die Eristenz der I Grundbesitzer deS WesterwaldeS so sehr abhängt. Wie man sich übrigens erdreisten kann , in dem Eisenwerk der Englischen Gesellschaft im Nistcriyal, dessen Betrieb theils durch mißglückte Spekulation dieser Gesellschaft, theils durch die Agitation eines längst durchgegangenen ManneS und seiner Helfershelfer seit der Zeit in Stocken gerathen ist, einzudringen, darin Versuche auf Anwendbarkeit der Braunkohle zum Hochofenbetriebe zu machen, laßt sich kaum begreifen.
Bis jetzt soll der Englischen Gesellschaft zur Wiedererlangung des ungestörten Besitzes nicht die geringste Unlerstützung geworden sein, während unter gleichen Verhältnissen die Besitzungen derselben im benachbarten Preußischen durch die dortigen Gerichte alsbald wieder verschafft wurde. Nach nunmehr Jahrelangem Hinhalten mögle der biS jetzt l übelberathenen Gesellschaft noch die Hoffnung bleiben, die Verwendung der höheren Gerichte unseres Landes anzurufen oder auf dem diplomatischen Wege den Versuch zu machen, ihr theuer erwor, benes Eigenthum den Klauen der Hinterlist zu entreißen.
*§* Don der Weil, 6. Rov. Bis zum I.1846 wurde denZöglingen deS Gymnasiums durch alle Klassen hindurch Unterricht in der Mathematik ertheilt. DaS war sehr vernünftig; denn die geistbildende Kraft der Mathematik ist allgemein anerkannt. Die Schulkommission deS I. 1846 aber hielt cs für gut, daS mathematische Fach auS der Prima zu verdrängen und für die drei oberen Klassen den Unterricht im
Mittel, und Althochdeutschen einzuführen. Diese Neuerung war keine Verbesserung, wenigstens nicht in den Augen Derer, die in der Mathematik mehr geistbildendes Element, als im Mittel- und Althochdeutschen erkennen.
Für die Verdrängung der Mathematik ist in dem Entwürfe deS neuen SchulplancS kein Grund angeführt; wohl aber für die Einführung deS Mittel- und Althochdeutschen und zwar in folgenden Wortenr „Da ohne beständige Rücksicht aus den früheren Stand unserer Sprache daS Neuhochdeutsche in seiner Wesenheit nicht verstanden werben kann; so muß schon darum auf die frühere Sprache, namentlich die alt- und mittelhochdeutsche, der Blick gerichtet werden. Eine weitere, ja besondere Kenntniß deS Mittelhochdeutschen fordert noch daö Verständniß der reichen Literatur jener Periode!'.
Waren die Mitgliederder Kommission alle von der tiefen Wahrheit dieser Behauptung überzeugt und lebhaft durchdrungen, warum forderten dann die Lehrer des Griechischen, Lateinischen, Französischen und Englischen nicht gleiche Berücksichtigung und gleiche Gründlichkeit für ihre Lehrfächer? Gründlich wäre eS doch, wenn die Gymnasiasten im AltpelaSgischen, Altlateinischen, besonders im Proventzalischen, im Altenglischen (Wälischen, Kym- rischen) Unterricht erhielten. Wie schön, wenn die Lieder der Troubadours und der Minstrels zu denen der deutschen Mienesänger in der Aula deS Gymnasiums erklängen I Und warum führt ihr nicht, um eurer Gründlichkeit die Krone auszusetzen, daS S a n s er i t ein!
Doch eure gepriesene Gründlichkeit, meine Herren, hat auch ihre Kehrseite besonders in den untern Schulen, sie kann zur Sucht werden, die unseren Jünglingen die Köpfe verwirrt. Liest man die obige Behauptung, so sollte man fast glauben, der Zweck deS Gymnasiums sei nur, gelehrte Sprachforscher, besonders für das Deutsche zu bilden. DaS ist aber keineswegs der Fall; man kann getrost diese gelehrte Fachbildung der Hochschule überlassen, und sich damit begnügen, daß die Schüler Gewandtheit im Gebrauche deS Neuhochdeutschen erlangen. Dazu gehört aber nicht nothwendig die Plage mit dem All- und Mittel-Hoch- deutschen, sondern eS ist hinreichend, wenn die Gymnasiasten die Lektüre des Schönsten und Gediegensten der neuen Literatur, besonders von Klop stock bis zur neuesten Zeil so recht in Saft und Blut verwandeln. Zu dieser Bildung werden ihnen Klopstock, Lessing, Herder, Gölhe und Schiller ic. eher verhelfen, als die reiche Literatur der mittelalterigen Periode. — Ueber das eingeführte Nibelungenlied haben wir in einem früheren Artikel das Urtheil Hegels angeführt. Wir fügen hier noch einige fragmentarisch hingeworfene Aeußerungen G ö th e'S über diese Dichtung bei: (45r Bd. Stuttg. 1833.)
„Die Motive durchaus grundheidnisch; keine Spur von einer waltenden Gottheit; Alles den Menschen und gewissen imaginativen Mitbewohnern der Erde angehörig und überlassen. Der christliche Kultus ohne den mindesten Einfluß; Helden und Heldinnen gehen eigentlich nur in die Kirche, um Händel anzufangen. Alles derb und tüchtig von Hause auS; dabei von der gröbsten Rohheit und Härte. In Absicht auf Lokalität große Düsterheit. ES läßt sich kaum die Zeil denken, wo man die fa- betasten Begebcnheilcn deS ersten Theils (AuSg. von K. Simrock) innerhalb der Gränzen von WormS, Tanten und OstfrieSland setzen dürften k." — Hat der Altmeister G. Recht? —
△ Aus dem Maingrunde, 7. Nov. Seit der in Kurheffen obschwebenden Krisis sind alle Gemüther in einer ängstlichen Spannung, und von Tag zu Tag hofft man, daß die Spalten der Zeitungen uns ein energisches Vorgehen der Preußen gegen die volksfeindlichen BundeStagSmänner melden; jedesmal wird man aber bitter getäuscht. Noch hat man die Hoffnung auf Preußen nicht ganz aufgegeben, obgleich daS Vertrauen schon sehr stark gefallen ist, weil die BundeStruppen festen Fuß in Kurhessen gefaßt und Preußen noch nichts als leeres Geplänkel gegen dieselben hat sehen lassen. Laßt Preußen Kurheffen im Stich — nämlich daS ruhig und würdig auf dem Boden der Verfaffung gegen eine