Nassauische Allgemeine Zeitung.
â 266. Sonntag den 1O. November 1830
Nass. Allg. Zeitung mit dem Wanderer erscheint einmal täglich in Gropso l i o - Format, mit Ausnahme des Sonntags. — Der vierteljährige Prünumeratlonspreis . Wiesbaden für den Umfang des HerzogthumS Nassau, des GroßherzogthumS und KurfürüentknunS Hessen, der Landgraffchajl Hessen-Homburg und der freien Stadt Frankfurt in den übrigen Ländern des fürstlich Thurn-und TariSscheu LerwaltungSgebieteS S fl. iO fr. — Jusera te werden die dreispaltige Petitjeile oder deren Raum mit 3 ft. berechnet. Bestellungen beliebe man in Wiesbaden in der L. Schellenber g' schen Hof-Buchhandlung, auswärts bei den nächst gelegenen Postämtern zu machen.
Uebersicht.
Preußen oder Oesterreich ?
Stimmen der Presse.
Deutschland. Wiesbaden (Die Gerüchte über die Beschickung des Bundestages, Abfall von der Union und Rücktritt des Ministerprâstdenten widerlegt. Mobilmachung des Kontingents, Abmarsch desselben zum preußischen Truppenkorps bei Kreuznach). — Eltville (Der Kindesraub). — Von der Dill (Demonstration gegen einen Lehrer). — Fulda (Stärke des preußischen Korps). — Schlüchtern (Die beiden Heere). — Mannheim (Verlegung des preußischen Hauptquartiers). — Stuttgart (Königliche Verordnung. Polizeiliche Maßregeln gegen den Ausschuß. Protest desselben. Proklamation an das Volk. Veränderungen im Ministerium). — München (Die preußischen Etappenstraßen). — Leipzig (Mobilmachung der Armee). — Hannover (Berichtigung). — Berlin (Neue Forderungen Oesterreichs. Die Warschauer Konferenz. Stand der Dinge. Oesterr. Note. Palmerstons und La Hitte's Erklärungen. General Strotha. Ladenburg übernimmt den Vorsitz. Weisung an den Grafen Rechberg). ^- Altona (Die letzten Gefechte. Die bayerischen Offiziere). — Kiel (Das Inhibitorium). — Rendsburg (Oberst v. d. Tann). — Triest (Truppenbewegungen).
Frankreich. Paris (Die deutsche Frage. Prinz Kanino. Die Botschaft. Lord Normanby. Petition der Dezembristen. Die heiligen Orte in Kleinasien. Vermischtes). — S traß- burg (Eindruck der Vorgänge in Deutschland).
Portugal. Lissabon (Erpedition nach China). Großbritannien. London (Die Warschauer Konferenz.
Antipapistische Bewegung).
Neueste Nachrichten.
Preußen oder Oesterreich?
+ Wiesbaden, 8. Nov. Preußen oder Oesterreich? Das ist jetzt die Frage, welche in dcw klei- neren Staaten Deutschlands vor Allem ihrer Erledigung harret, da es lediglich davon, ob der eine oder andere dieser beiden Großmächte für sich an» schließen, abhängen muß, welche Politik sie zu befolgen haben, damit sie ungefährdet durch den Strom der drängenden Ereignisse gelangen, nicht in demselben untergehen und erlöschen, nichts auch thun, was gegen das Heil des gesammten Vaterlands ist.
Manche meinen, die Kleinstaaten, also auch Nassau, müsse zu Oesterreich stehen, und sie raifon» niren hierbei folgendermaßen:
„Die Freiheit ist einmal verloren, kann aber immer wieder gewonnen werden, ist aber die Souveränität einmal an Preußen hingegeben, so ist sie nimmer wieder zu erlangen." Welchen Namen soll man solchem RaisonnemenfMbeilegen?
Wir wollen nicht bestreiten, daß Gründe vorhanden sein können, welche eine Annäherung an Oesterreich für einen Staat wünschenSwerth erscheinen lassen mögen, allein die, welche auf die angegebene Weise schließen, können diese Gründe nicht für sich in Anspruch nehmen; denn kaum liegt ja die Zeit hinter unS, wo man von eben denselben für einen Verrâlher an Deutschlands Ehre gehalten worden wäre, wenn man sich mit solchem Lokalpatriotismus hätte hervorwagen wollen. Alle Souveränitäten sollten ja damals in dem „einen großen Deutsch- land" aufgehen. Wie schmähete man die österreichische Politik, wie verwünschte man Windisch-Grätz, Haynau und Radetzki!
Hal Oesterreich etwa seine Politik geändert, sind jene Stämme etwa von der Macht entfernt? Und dennoch wollen sie, daß die kleinen Staaten sich Oesterreich in die Arme werfen sollen! Man sieht hieraus, daß es ihnen nicht Ernst mit ihrem Vorschläge ist; ihre Herzensmeinung ist, weder mit Oesterreich noch mit Preußen zu gehen, sondern nur vorläufig von Preußen loS zu sein.
Preußen ist der einzige Staat Deutschlands, der für die deutsche Sache Opfer gebracht hat; Preußen ist das Land des gesunden Fortschritts, denn cS hat diejenigen Elemente in sich, die allein zur Geltung kommen können, wenn überhaupt an geordneten Zuständen festgehalten werden soll; Preußen hat seinen unverrückbaren Schwerpunkt in der Intelligenz seiner Bürger, in der Ordnung seiner Finanzen und in seinem treuen Heere. DaS sind
freilich für manche unbequeme Klippen, um welche glücklich herumzukommen ihnen schwer halten dürfte, wie sie selbst erkennen. Darum wollen sie um Alles in der Welt von Preußen los sein, um einen an» deren Boden zu erreichen, in welchem sie besseres Gedeihen für ihre Ideen hoffen.
Der Traum von Mitteldeutschland, an dem sich früher manche erwärmten, und welcher ursprünglich von den Konservativen in Mitteldeutschland auSgegangen war, in einer Zeit, wo man zwar rettete, was man retten konnte, scheint nun vergessen. So bleibt denn den Feinden Preußens nur Oesterreich übrig. Aber in welchen verzweifelten Umständen müssen sie sein, wenn dieö ihre letzte Zuflucht ist. Denn wirkliche Sympathien können sie für Oesterreich nicht haben, da sie die Freiheit von vornherein für verloren geben; sie wollen nur auf den Augenblick warten, wo dieser Staat, dem sie ein nahes Ende prophezeihet, keinen Widerstand mehr leisten kann.
Den Anschluß an Preußen sollte jeder kleinere Staat Deutschlands für seine eigentliche Lebensfrage betrachten, und sich nicht irre machen lassen durch die erbärmliche Verleumdung: „Preußen wolle die kleineren Länder nur verschlingen, Wäre daS Preußens Absicht, dann bedürfte es keine Kniffe und Pfiffe; eS hätte ganz offen die ihm angetragene deutsche Kaiserkrone nur anzunehmen brauchen, um ganz vollständig seinen Zweck zu erreichen; denn zu damaliger Zeit hätte die Macht deS preußischen Kriegsheeres bei dem Verfall aller übrigen deutschen Staaten allen Widersachern sehr leicht Trotz bieten können. Allein es waren zwei Beweggründe, welche die Annahme der deutschen Kaiserkrone für Preußen unthunlich erscheinen ließen. Einmal wollte es der Revolution nichts verdanken; so.ann aber wollte eS hauptsächlich daS Recht der kleinen deutschen Staaten gewährt wissen, und hielt eS unter seiner Würde, auS dem Unglück anderer Nutzen für sich zu ziehen Wie ihm diese seine edle Handlungsweise gelohnt worden ist, zeigt die Gegenwart. DaS nur durch Hülfe seines mächtigen Nachbars aus der Revolution hervorgegangene Oesterreich, will sich zum Be- schützer ganz Deutschlands aufwerfen; will Preußen sogar inS Schlepptau nehmen, und so seine unrettbar verlorene Vergangenheit wieder herstellen. Die nächste Zukunft wird lehren, ob Deutschland die Augen aufgehen, ehe eö zu spät ist!
Stimmen der Presse.
In der „Presse" findet man alle RaisonncmenlS über die jüngsten Vorgänge in Kurhessen in folgenden Worten zusammengefaßt: „Die Invasion Hessens durch die Bayern und Oesterreicher ist nicht nur ein gehässiger Gewalismißbrauch, ein Attentat, daS in der Geschichte, wie die Theilung Polens, gebrandmarkt dastehen wird, sondern auch, falls nicht unerwartete Nachrichten auS Berlin eintreffen, der definitive Bruch deS deutschen Gleichgewichtes durch die Erniedrigung Preußens. Wenn die an der Nordgränze von Hessen stehenden Preußen nicht gegen die Bayern marschiren, oder wenn sie, wie Alles schließen läßt, nur einmarschiren, um mit ihnen im Vereine zu handeln, so wird Preußen nothwendig zur Macht zweiten Ranges, nicht nur in Europa, sondern selbst in Deutschland. Das Gebäude Friedrich'S deS Großen stürzt zusammen, und die Unfälle Maria Theresia's werden gerächt durch die Schmach Friedrich Wilhelm's IV."
Im Hinblicke auf die Möglichkeit eines Krieges zwischen Preußen und Oesterreich beschäftigt sich die „TimeS" heute mit der Finanzlage beider Staaten. Daß Oesterreich bei dem Vergleiche sehr schlecht fährt, versteht sich von selbst. Gegen Preußen, von dessen Geldverhältnissen gesagt wird, daß sie in ihrem vortrefflichen Zustande dem Engländer auf den ersten Blick fast den Eindruck einer utopischen Vision machen müßten, wird nur das Bedenken ge, äußert, daß in Wirklichkeit die Sache wohl nicht ganz so glänzend sein möge, wie sie aussehe. Die Zerrüttung der österreichischen Finanzen erkennt die „Times" vollkommen an, glaubt aber keineswegs, daß sie die Wirkung haben werde, Oesterreich vom
Kriege abzuschrecken. „Ein solcher Zustand der Dinge, daS muß man zugeben, ist allerdings einiger Maßen geeignet, zum Kriege zu verleiten. Da Oesterreich sein stehendes Heer unmöglich länger erhalten kann, obgleich eS das sicherste Band ist, welches seine streitenden Elemente am Zerfallen verhindert, so hegt eS vielleicht die Hoffnung, Deutschland die Ernährung desselben aufzubürden. Viel- leicht greift Oesterreich nach diesem Strohhalm. Eine aktive Präsidentschaft über die Angelegenheiten deS Bundes stellt möglicher Weise jene Einheit wieder her, welche kürzlich sowohl an der Donau, wie am Po so furchtbar erschüttert worden ist. Ein auswärtiger Krieg ist ein sehr altes Arzneimittel gegen Uneinigkeit im Innern. Doch sind dergleichen AuS« kunftSmiltel gefährlich.
Deutschland.
& Wiesbaden, 8. Novbr. Die in der ersten Beilage zur Deutschen Zeitung von hier auS mit# getheilte Nachricht, daß daS Abtreten deS Ministeriums Wintzingerove und ein Abfall Nassaus von der Union in naher Aussicht stehe, können wir mit ziemlicher Bestimmtheit für unbegründet erklären» Im Gegentheile soll einer aus glaubwürdiger Quelle herrührenben Gerüchte zufolge Die sofortige Einberufung der Beurlaubten, die Mobilmachung unseres auS 6000 Mann und 16 Geschützen bestehenden Kontingents, sowie dessen Absendung zu dem bei Kreuznach konzentrirten preußischen Armeekorps beschlossen sein.
+ + Eltville, 8. Nov. Die „Freie Zeitung" bringt in der vorgestrigen Nummer eine Berichtigung meiner Berichte vom 30/31. v. M. über den „Kinderraub", der ich wahrlich eine Antwort nicht nachgeschickt haben würde, wenn nicht auch heute die „Nass. Allg. Ztg." eine ähnliche Korrespondenz brächte. Beide Hrn. Korrespondenten, der homo quadratus in der „Freien" und der DP. Korresp. in der „Nass. Allg. Ztg.", scheinen ihre eigene Vertheidigung zu schreiben, weßhalb ich ihnen nur kurz entgegne, daß ich die Thatsache gerade so, wie sie war und wie sie die öffentliche Stimme kund gab, reden ließ, und ist cS jetzt 6 — 8 Tage nach der That wahrlich nicht schwer, zu „berichtigen", waS damals von mir „berichtet" wurde, da sich unterdessen die Sache aufklärte und Hr. v. Zabo- rowsky sein Kind seiner auf der Flucht mit diesem befindlichen Frau „abjagte". Daß die Mutter deS Kindes die That leitete und anführte, (wie der DP. Korresp. von Eltville selbst zugibt) ändert die Thatsache ebensowenig, als sie ihre Strafwürdigkeit mit# dert, denn der Art. 292 deS Strafgesetzbuchs sagt; „Wer widerrechtlich sich eines Menschen, vor dessen zurückgelegten sechszehnten Lebensjahre, mit dessen Willen, jedoch ohne Einwilligung der Eltern ober Vormündern, dergestalt bemächtigt, daß er denjenigen, welche ihn in rechtsmäßiger Gewalt haben, entzogen wird, ist zu betrachten 2C." Daß im Allgemeinen (insbesondere aber im vorliegenden Falle) die Mutter beim Leben deS Vaters keine Gewalt über die Kinder hat, diese vielmehr allein dem Vater (als gesetzlich so bezeichnete väterliche Gewalt) , steht fest, uno wird keiner der beiden Hrn. Korresp. leugnen wollen. Wenn aber auch die handelnden Personen ein vermeintliches Recht glaubten geltend zu machen, so stehen ihnen die Bestim, mungen (deS Tit. XVII. deS Strafgesetzes) über Selbsthülfe und Gewaltthätigkeiten entgegen, so daß im allergünstigsten Falle immer ein strafbares Verbrechen vorliegt. So viel ist gewiß, das allgemeine SittlichkeilS- und Rechtsgefühl ist durch die erzählte Handlung tief verletzt.
Schließlich habe ich meinen früheren Berichten noch beizufügen, daß der Landsitz des Hrn. StaatS- rathS v. Klindworth (der Ort, wo das Kind entwendet wurde) rings mit einer Mauer umgeben ist, und über diese weg daSKind in den bereitstehenden Kahn rheinabwärts in dem Landhaus der Frau Englert geborgen und von da aus nicht (wie der Korresp. der „Freien Ztg." fälschlich angiebt) in die Wohnung der Mutter, sondern nach St.Goarshausen gebracht wurde. Ebenso unwahr ist eö, daß die bei dem „Raub" beteiligten Personen auS der Dienerschaft der Frau v. ZaborowSky bestanden haben. Den