Nassauische Allgemeine Zeitung.
FL 263
Donnerstag den 7. November
1850,
Die Nass. Alla. Zeitung mit dem Wanderer erscheint einmal täglich in Großfolro-Format, mit Ausnahme des Sonntags. — Der vierteljährige PräiiumecationSvreis in Wiesbaden für den Umfang des Her^ogthumS Nassau, des Großherzogthums und Kurfürstentums Hessen, der Landgrafschast Hessen-Homburg und der freien Stadt Frankfurt 2 st in den übrigen Ländern deS fürstlich Thurn- und Tarisschen VerwaltungsgebieteS 8 fl. 1O Er. — Inserate werden die dreisvaltige Petit,eile oder deren Raum mit 3 Er. berechnet Bestellungen beliebe man in Wiesbaden in der L. Schellenberg'schen Hof-Buchhandlung, auswärts bei den nächst gelegenen Postämtern ,» machen.
Uebersicht.
Amtlicher The.il. Dienstnachrichten. Nichtamtlicher Theil.
Der Braunkohlenbergbau und die Eisenindustrie in Nassau.
Deutschland. Wiesbaden (Die Acciseordnung. Der Gustav-Adolph-Verein. Der evang. Kirchengesangverein). — BomTaunus (Die preuß. Truppen). — BonderWeil (Verzögerungen bei Ausübung der Justiz). — Vom Westerwald (Der Gesetzentwurf die Sicherstellung dinglicher Rechte betreffend). — Hanau (Abschiedsbewilligungen. Würtembergische Truppen erwartet). — Kassel (Gerüchte über die Offiziere. General Haynau nimmt den Abschied. Stellung der Preußen. Der HauS- und . Staatsschatz). — Stuttgart (Wiedereröffnung des Landtags. Gustav Schwab t). —, Goth a (Vertagung des Landtages). — Dresden (Einberufung der Beurlaubten). — Hannover (Graf Kielmannsegge nach Wien). — Berlin (Die Ministerberathung. Die russischen Forderungen, Graf Brandenburg. Schreiben des Großherzogs von Baden.
Die freien Konferenzen. Die Union). — Hamburg (Militärische Akquisitionen). — Kiel (Gerüchte über Adoption des Herzog von Augustenburg. Das Heer). — Wien (Die „Presse". Schufelka. Koffuth. Beschlüsse in Betreff Badens. Aufstand in der Türkei. Kriegsrüstuiigen).
Galizien. Krakau (Verordnung des Kaisers). Frankreich. Paris (Die ständige Kommission. Die Botschaft deS Präsidenten. Die Wahl im Norddepartement. Eröffnung der Cortes in Madrid).
Neueste Nachrichten.
Amtlicher Theil.
Der Markfcheidbezirk Dillenburg ist dem Markscheider Dannenberg, ter Markschciderbezirk Diez dem Markscheider Beyer daselbst und die Verwaltung deS Markscheiderbezirks Weilburg dem Mark- scheiderei-Akzesfisten Stöckicht zu Dillenburg übertragen worden.
Der Oberförster Handes zu Schönbach ist nach Oestrich versetzt und die Verwaltung der Ober- försterei Schönbach dem OberforstamtS «Akzesststen Keller zu Oestrich übertragen worden.
Der Pfarrer Vtr fl assen zu Kleinschwalbach ist^zum Pfarrer zu Heiligenroth ernannt worden.
Dem AmtSapoiheker Holzhauer zu Braubach ist die nachgesuchte Dienstentlassung ertheilt und der Kandidat der Pharmacie Fr. Wilhelm von Hadamar zum AmlSapolhekcr zu Braubach sowie der bisherige Provisor Müsset zum Amts- apothckec für den Medizinalbezirk Marienberg mit Bestimmung des Wohnsitzes zu Marienberg ernannt worden.
Georg Ludwig Kleinschmidt von Idstein und Iulius Schultz von Wiesbaden sind nach erstandener Prüfung in die Zahl der geprüften Kandidaten der evangelischen Theologie ausgenommen worden.
Nichtamtlicher Theil.
Der Braunkohlenbergbau und die Eisenindustrie in Nassau.
. (Schluß.)
Gr. Rechnet man — um dieses Bild unserer möglichen gewerblichen Zukunft weiter aufzuhellen — den Ztr. Kohlen nur zu sechs Kreuzer auf den Gruben, so stellt sich ein Werth von 450 Millionen Gulden für die Braunkohlen-Niederlagen des We- sterwaldeS heraus — und bei einer Gewinnung von 10 Mill. Ztr. jährlich die Produktivkraft des Braunkohlenbergbaues auf eine Million Gulden. Hierbei darf man aber nicht stehen bleiben , denn der Transport der Kohlen an die verschiedenen Ver- brauchSörter wird ihren Werth wenigstens auf daS Doppelte, also zwei Millionen, erhöhen. Hierdurch würden gewiß 5000 Familien ihren Unterhalt beim Braunkohlenbergbaue und beim Transporte deö Produktes finden.
Nimmt man aber weiter an, daß von den geförderten 10 Mill. Ztr. Kohlen Eine Million auf den Hausbedarf und 9 Mill. auf die Eisenfabri- kation verwendet würden, wozu in unserem Lande die reichsten Elemente in der Nähe deS Westerwal- deS vorhanden sind, so können mit diesen 9 Mill. Ztr., wenn — wie hoch angeschlagen wird — zwei Ztr. Braunkohlen auf Einen Ztr. Roheisen gebraucht werden, 47, Mill. Ztr., also eilfmal so viel, als gegenwärtig mit Holzkohlen dargestellt werden. Wird aber, wie bei der vorausgesetzten Entwicklung unserer Eisenindustrie zu erwarten stünde, sammt- licheS Roheisen zu Gußwaaren und Stangeneisen verarbeitet, so können davon jährlich wenigstens 2 Mill. Ztr, fertig gemacht werden, die sich nach den niedrigsten Preisen zu 9 Mill. Gulden verwerthen lassen. Es würden also für diesen Theil der Industrie 7 Mill. Gulden erübrigen,. wobei mit dem dazu gehörigen Eisensteinbergbau und Transportwesen rc. 10,000 Familien ihre Nahrung hätten. Die ganze aus die Braunkohlen und den Eisenstein in Nassau zu gründende Industrie würde demnach einen Brutto-Ertrag von 9 Mill. Gulden jährlich liefern und 75,000 Menschen Unterhalt verschaffen.
Geht man in weiterem Verfolg dieser Erörterungen auf die Rentabilität einer solchen, für unser Land umfangreichen Industrie und auf den Werth der Braunkohlen als Brennstoff ein, so kosten jene nur ein Drittel der Holzkohlen, wenn diese zu 1 fl. 20 fr. per 100 Pfd. loco Hütte stehen, d. h. unter gleicher Transportbelastung. Da nun zur Darstellung von 100 Pfd. Roheisen bei gutem Ofengange 110 Pfd. gute harte Holzkohlen erforderlich sind, so stellt sich bei der Anwendung der Braunkohlen ein Vortheil von 53-/» Kreuzer auf 100Pfd. Eisen heraus, der gewiß als ein sehr ansehnlicher Schutzzoll, wie er nie für die deutsche Produktion nöthig war, zu betrachten ist. — Für die Stangen, eisenfabrikation, wobei in der Regel nur Steinkohlen verwendet werden, behaupten die Braunkohlen wenigstens einen gleichen Werth mit diesen, wenn die PudolingS-Frischcreien wie z. B. am Niederrhein und in Westphalen in die Nähe der Gruben verlegt werden; wobei noch zu bemerken ist, daß der Transport des Roheisens sich dann für die Braunkohlen- Frischereien billiger stellen würde — und wegen dem geringen Schweselgehalt der Braunkohlen aus dem ohnehin trefflichen nassauischen Roheisen ein weit vorzüglicheres Produkt entstehen würde, als die Werke in der Nähe mit schlechtem belgischen und englischen Eisen und ihren Steinkohlen zu liefern im Stande sind. Auch ist auf dem Westerwalbe ein wichtiges Hilfsmittel für die Eisenfabrikation, nämlich der Thon zu feuerfesten Steinen fast überall leicht und wohlseil zu haben; abgesehen davon, daß daselbst auch Eisensteine und gute Zuschläge in der Braunkohlenformation in nicht unbeträchtlicher Menge vorkommen, die gegenwärtig noch keinerlei Verwerthung finden.
ES fragt sich nun, waS eS bei einer solchen Umgestaltung der nassauischen Eisenindustrie, die wahrscheinlich näher ist, als vermuthet werden dürfte, mit unseren stolzen Wäldern gibt, die bisher allein das beschränkte Brennmaterial für unsere Roheisenerzeugung geliefert haben? Diese Frage ist, obgleich der Braunkohlen-Eisenfabrikaiion nicht im Wege stehend, für die öffentlichen Interessen unseres Landes so belangreich, daß sie, was auch nächstens geschehen soll, besonders behandelt zu werden verdient.
Das bisher Gesagte wird von Niemand als übertrieben oder einseitig behandelt angesehen werden können, der den Umfang und die Wichtigkeit unserer Braunkohlen-Ablagerungen, in denen Hunderte Urwälder aus einander gehäuft sind, und unsere reichen Eisensteinlagerstätten genauer kennt, und der mit den Erscheinungen vertraut ist, von denen die Entwicklung einer naturgemäßen großartigen Industrie begleitet wird, wenn der Wachsthum derselben einmal zum Durchbruch gekommen ist. Aber auch für den minder mit den Verhältnissen vertrauten wird daraus die Zuversicht ent# Ipringen , daß nicht nur Nichts für Deckung des Hausbedarfes an Brennmaterial zu fürchten ist; sondern im Gegentheil sogar das Holz der Wälder zum Theil wieder für den Hausbedarf verfügbar wird, welches bisher als Holzkohle in die Eisenhütten wandelte. ES geht aus dem Gesagten aber
auch hervor, daß Nassau in Bezug seiner Eisenindustrie weder die inländische noch englische oder belgische Konkurrenz zu fürchten brauche — und daß diese Industrie eine Quelle großen, nachhaltigen Wohlstandes für eS werden muß, wenn eS die vorhandenen Elemente gehörig zu benutzen versteht und zu der werkthätigen Ueberzeugung gelangt, daß eS seine Zukunft nur auf Entwicklung und sorgsame Pflege dieser Elemente bauen kann.
Deutschland.
cf* Wiesbaden, 5. November. Die Einführung einer besseren Acciseordnung für die hiesige Stadt ist längst als Bedürfniß erkannt, auch von der Gemeinde verlangt worden, was Jeder bestätigen muß, welcher sich noch der Sitzungen deS Bürgerausschusses wegen deS 1850r Rechnungsüberschlags erinnert. Sehr unpassend ist eS unS daher erschienen, daß der Gemeinberalh jetzt, nachdem eine von ihm erwählte und von Seiten deS StaatSministeriumS ergänzte Kommission die fragliche Angelegenheit mit Sachkenntniß und Umsicht bis zur definitiven Beschlußfassung bearbeitet hat, wieder zweifelhaft geworden ist ob überhaupt etwas geschehen soll. Kann der Gemeinderath nicht leugnen, daß die durch den Bürgerausschuß gesetzlich vertretene Gemeinde die Ausarbeitung einer neuen Acciseordnung beschlossen hat — und er wird daS nicht thun — so war es seine Pflicht für die AuS, sührung dieses GemeindebcschluffcS zu sorgen, einer# lei ob eS ihm sauer wurde oder nicht, und er durfte nicht mehr beschließen, daß es beim Alten bleiben sollte, wie er am 28. vorigen MonatS gethan hat. Der Herr Bürgermeister hat also nach unserer Ansicht ganz richtig verfahren, indem er den Bürger- auSschuß wieder versammelte und Herr Prokurator von Arnoldi würde vielleicht seinen Antrag, durch dessen Genehmigung die Frage dem in sich zerfallenen. Gemeinderach zurückgeschoben ist, nicht gestellt haben, wenn er gewußt hätte, in welcher eigenthümlichen, im Gesetz gar nicht vorgesehenen Lage der Gegenstand sich befand; wir glauben aber auch behaupten zu dürfen, daß bei deutlicher Darstellung deS Sachverhalts dieser an sich freilich gerechtfertigte Antrag keine Majoriät erlangt haben würde, wie eS übrigens auch noch zweifelhaft ist, ob die sehr unbedeutende Majorität nicht dem verdrießlichen Umstande zuzuschreiben ist, daß viele Ausschußmitglieder nicht noch ein Viertelstündchen anwesend bleiben konnten, bis die Abstimmung wiederholt und festgestellt war. Da selbst die Gegner deS neuen Accise-ReglementS demselben daS Wort reden, indem sie lediglich von gleichmäßiger Besteuerung sprechen, waS ja gerade der Zweck der verbesserten Kontrole ist, damit nicht der Eine seinen Verbrauch besteuert, der Andere aber leer auSgeht, — so wird hoffentlich bei einer nochmaligen Berathung ein günstigeres Resultat erzielt werden. Hierzu dürfte nun aber eine zweckmäßigere Fragestellung, als die in der GemeinderathSbefchlie- ßung vom 28. Okt., war zu empfehlen sein.
Schließlich erlauben wir unS darauf aufmerksam zu machen, daß die Sache eilt, weil sie einen sehr bedeutenden Einfluß auf den 1851r RechnungS, Überschlag, dessen Aufstellung gesetzlich im Laufe dieses Monats statt zu finden hat, auSübt und nach 8. 75. Absatz 6 deS GemeindegefetzeS auch noch die Genehmigung deS BezirkSratheS, sowie wegen der Strafbestimmungen die deS StaatSministeriumS, erforderlich ist. .
△ Wiesbaden, 4. Nov. In der am 29. Okt. hier stattgefundenen Generalversammlung deS nass. Gustav-Adolph-VereinS hatte man Grund zu vermuthen, daß daS Publikum noch zahlreicher und ausdauernder Antheil genommen hätte, wenn denselben die Sache und die getroffene Ordnung der Festversammlung bekannter gewesen wäre. Die gediegene Festpredigt deS Herrn Dekans Keim von Hachenburg, überhaupt der FestgotteSdienst schien schon die meisten Zuhörer hinreichend befriedigt zu haben, als erst die Verhandlungen von einer den PierjahrSberichl einleitenden und die Nothwendigkeit des Vereins auf'S Neue begründenden Rede deS Herrn Kirchenraths Schultz begannen. Lebhafter konnte der Redner diese Nothwendigkeit nicht dar, stellen, als durch die Erinnerung an die Befriedi-