Nassauische Allgemeine Zeitung.
Sonntag den 3 November
1850,
Sie Naff. Allg. Zeitung mit dem Wanderer erscheint einmal täglich in Großfolio-Format, mit Ausnahme des Sonntags. — Der vierteljährige Pränumecationspreis in Wiesbaden für den Umfang deâ Herzogtyumâ Raffau, des GroßherzogthumS und AurfürkenthllmS Hessen, der Landgrafschait Hessen-Homburg und der freien Stadt Frankfurt S rl in den übrigen Ländern des fürstlich Thurn- und TariSschen VerwaltungâgebieteS S fl. IO tr. — Inserate werden die dreispaltige Petitzeile oder deren Raum mit 3 kr. berechnet. Bestellungen beliebe man in Wiesbaden in der L. Schellenberg'schen Hof-Buchhandlung, auswärts bei den nächst gelegenen Postämtern zu machen.
Uebersicht.
Deutschlands Aussichten auf Macht und Ehre. Deutschland. Wiesbaden (Ein Kapitel über Publizität. Der Bundestag). — Eltville (Der Kindesraub). — Diez (Nachwahl. Die Lahneisenbahn). — Dillenburg (Berurtheilungen bei den Assisen. Musikalische Ab-ndunter- haltung). — Frankfurt (Fürst von Thurn und Taris. Graf Rechberg). — Hanau (Bayerische Truppen einge- rückt). — Kassel (Haynau'â Empfang). — Aus Baden (Verarmung der Mittelklassen). — Mannheim (Bestrafungen). — Hann over (Daâ Ministerium Stüve-Bennigsen). — Luxemburg (Die Adresse der Kammer). — Berlin (Die Warschauer Konferenzen. Die Sendung des General Hahn). — Von der Eider (Ausfall bei Friedrichstadt. Die Brücke bei Cappeln). — Rendsburg (RekognoSzirnug. Landung der Dänen). — Wien (Erzherzog Albrecht. Fürst Schwarzenberg. Rückkehr deâ Kaisers).
— Triest (Springflnth).
Frankreich. Paris (General Neumeyer'ö Versetzung. Einberufung der Nationalversammlung. Dupin. Appellation an'S Volk).
Italien. Mailand (F.-M.-L. Gyulai nach London). — Turin (Pinelli). — Florenz (Postverträge).
Polen. Warschau (Begrüßung des Kaisers. Das Königreich Polen).
Neueste Nachrichten.
Deutschlands Aussichten auf Macht und Ehre.
cf Limburg, 30. Okt. Wenn es wahr wäre, daß Dculschlanv erst auf den tiefsten Grad der Schmach und Erniedrigung herabgesunken sein müßte, um sich wieder zu nationalem Ansehen, zu Macht und Ehre zu erheben, so könnten wir in der That die schönsten Hoffnungen hegen. Denn die gegen, wârtigen Zustände Deutschlands lassen in jenen Beziehungen durchaus nichts zu wünschen übrig.
Im Norden, in Schleswig-Holstein kämpft ein edler Bruderstamm den heldenmüthigsten Todeskampf gegen dänische Anmaßung und Uebermaß! ; kämpft ihn, verlassen von der ganzen Welt. Daß die deutschen Fürsten die Sache SchleSwig-HolsteinS verlassen haben, hat uns bei unsern Jahren und Erfahrungen nicht sehr gewundert, daß aber daS Volk selbst ihr den Rücken kehrt, oder sie höchst lau und karg nur mit Almosen unterstützt; liefert unS den Beweis, daß in dem Staate Vieles krank ist. Daß die Demokratie in unserm Lande nichts für Schleswig-Holstein thut, müßte jeden patriotischen Ehrenmann bestimmen, aus ihren Reihen zu treten, wenn sich noch einer unter diesen Maulhelden befände! — Und von unsern armen Reihen mag ich gar nicht sprechen.
In Kurhessen steht daS ganze Volk ohne Ausnahme in dem verfassungstreuen Kampfe, in dem gesetzlichsten passiven Widerstand gegen eine fluchbeladene, verachtete Regierung. Kein Stempel wird mehr verwendet, kein einziger Steuer- oder Chausseegelderheber sinket sich, der Steuern oder Chansseegeld einnähme. Sämmtliche Offiziere mit ganz wenigen Ausnahmen haben gezeigt, daß sie" das Herz auf dem rechten Flecke hatten und ihre Entlassung gegeben. Sie haben dadurch den Beweis geliefert, daß sie Ehrenmänner sind, daß sie auch, wenn sie keinen Eid auf die Verfassung geleistet hätten, ebenso gehandelt haben würden.
Oesterreich, die kleinen Königreiche, die beiden Hessen und sonstige deutsche Großmächte, deren Na- men uns eben nicht gegenwärtig ist, haben sich in der Eschenheimcrgasse zu Frankfurt recht heimisch elngerichtet, nachdem sie der Welt weißgemacht hatten, der alte, an allgemeiner Verachtung zu Grabe getragene, Bundestag sei nur scheintobt gewesen. Sie haben bereits vollständig vergessen, daß eS ein Jahr 1848 mit einer Masse gebrochener Versprechungen und Eibe gegeben hat, die hoffentlich bis zum jüngsten Gericht auf der Seele brennen werden, und gedenken diesen Winter einen ganz angenehmen Karnevall zu erleben.
Preußen und die ihm treugebliebenen Staaten ---und wer sind sie? Ist Baden noch in der Union? Ist Nassau auch treulos geworden? Und ist Preußen sich selbst und der deutschen Nation
treugeblieben? Dies sind Fragen, welche zu beant. Worten, wir nicht im Stande sind, weil Nassau und Baden wahrscheinlich selbst noch nicht wissen, ob sie etwas mehr rechts oder mehr links rücken sollen. Und über Preußens Absicht können wir nichts sagen , weil wir zu den vaterlandSverrâtherischen Konferenzen zu Warschau nicht zugelassen worden wären, selbst wenn wir die Reise gemacht hätten. WaS wir aber wissen und waS wir täglich von hundert Stimmen im Herzogthume bestätigt hören ist, daß nur die leichtsinnigste Thorheit, nur der thörigste Leichtsinn unS von Preußen loskagen und Oesterreich und dem Bundestage zuführen könnte, daß Preußen nur zu wollen braucht, daß es nur entschieden den deutschen und konstitutionellen Weg zu betreten, nur entschieden die parlamentarische Union zu wollen braucht, um trotz allen Sprechens und Sträubens den König von Würtem- berg zu zwingen, baß er sich einem Hohenzollern sogar zum zweiten Male unterwirft, sobald das ganze würtembergische Volk da capo ruft. Preußen daS gegen Oesterreich und die deutsche Dynastie auf daS Ritterlichste handelte, steht heute verlassen, während Oesterreich eben so wenig Anstand nimmt, gegen Deutschland russische Hilfe herbeizurufen, als eS sie gegen Ungarn gebraucht hat. Und wir zweifeln um so weniger, daß in Warschau der Würfel für Oesterreich günstig gefallen ist, als der Kaiser Nikolaus selbst beabsichtigen soll, in Schleswig-Holstein ein Colleg über Legitimität und in Kurhessen eins über konstitutionelles Slaatsrecht zur Belehrung der deutschen Regierungen und zum abschreckenden Exempel zu lesen.
Deutschland.
5 Wiesbaden, 2. Nov. In Ihrem gestrigen Blatte bemerkt ein 0 Korrespondent von der Lahn : „ Dr. L's. Broschüre". Die Wiberberufung des Nassauischen Landtages sei hier wenig beachtet worden. DaS liegt wohl weniger an der besagten Broschüre als an dem hier herrschenden Mangel jeden regen politischen Lebens, jeden SinneS für publizistisches Wirken. Kramt doch seit einiger Zeit ein nassauischer Blittersdorff seine politische Weisheit in der Oberpostamts-Zeitung auS; vorgestern bekämpfte er daS bestehende Wahlgesetz; gestern ven- tilirte er den Abfall von der Union; heute empfiehlt er daS Zweikammersystem für unser kleines Lând, chen, ohne daß sich irgend eine der dazu berufenen Stimmen erhoben, ohne daß eine der sonst so gewandten Federn hier in Bewegung gesetzt hätte.
— Nun „Sie mögen's halten nach Belieben" — der eine Artikel, die Union betreffend, enthält jedoch 1 eine unsere ganze deutsche Politik auf das empfind- lichste berührende offenbar für die entferntesten Kreise berechnete Bemerkung, daß wir uns der Ueberzeugung hingeben, dieselbe werde wenigstens von Seite unserer Regierung nicht ohne Entgegnung oder Erörterung bleiben. An der betreffenden Stelle wird nämlich bezweifelt, daß Herr Präsident Vollpracht abermals als Bevollmächtigter bei der UnionS Regierung nach Berlin abgehen werde, und wird dieß, wie folgt, zu motiviren gesucht. „Wenn die Union, an deren Fortbestände hier sehr gezweifelt wird, nur' noch in der Idee leben soll (?) so kann ja diese Idee von hier auS gehegt, gepflegt und fortgesponnen werden, ohne daß Nassau in Berlin vertreten wäre". Am 15. Oktober ist der Fortbestand deS Fürstenkollegiums ausgesprochen, eine Nichtbeschickung desselben somit einen Abfall von der Union gänzlich gleich zu achten.
* Wiesbaden, 2. November. Wie den „Hamb- Nachrichten" auS Frankfurt vom 27. Oktober geschrieben wird, ist an die Mittheilung der „Ober- Postamts-Zeitung", daß Lord Cowley „als Repräsentant der vermittelnden Macht" der bereits thatsächlich entkräfteten Auswechselung |oed ratifizirtcn Friedens zwischen Graf Thun und v. Bülow bei- wohnte, die Bemerkung zu knüpfen, daß diese Assistenz des Lord Cowley nur im Zusammenhänge mit der englischen Vermittelung deS Friedens als solcher, nicht im Entferntesten aber mit einer Anerken« nung des Klubs, unter dem angemaßten Namen deS „Bundestages", steht. Lord Coley soll auch in solcher Beziehung eine daS Sachverhältniß scharf
limitirende Reservation vorauSgeschickt haben. DieS wird wohl in'S Auge zu fassen sein, um der Deutung , welche die Gegner dem Akte geben werden, von vorn herein die Spitze abzubrechen. Der Klub ist in keinem Stadium feiner Eristenzwehen weiter davon entfernt gewesen, dem AuSlande Achtung abzunöthigen, als gerade jetzt. Am wenigsten aber hat derselbe auf Sympathien Englands zu zählen.
tt Eltville, 31. Okt. Meinem gestrigen Berichte über den dahier verübten „Kindesraub" habe ich noch nachzutragen, daß die Räuber (ein Schiffmann und zwei Helfershelfer) mit geladenen Pistolen bewaffnet waren und daß daher anzunehmen ist, daß sie ihre Absicht um jeden Preiß — selbst blutigen Kamps — erreichen wollten, was die That um so schrecklicher bezeichnet. — Diesemungcachtet ist — zum allgemeinen Erstaunen — bis jetzt noch nichts von der richterlichen Behörde gethan, vielmehr soll diese jeveS Einschreiten, bevor der Vater deö Kindes die Sache anregt, abgelehnt haben. Dieser wird eS zwar hieran nicht fehlen lassen; eS bleibt aber immerhin auffallend, wie hier ein Gericht die von der Dienerschaft verlangte Hilfe von der Hand weisen kann, wo es sich selbst für verpflichtet halten sollte, der Sache auf die Spur zu kommen und das Verbrechen zur Bestrafung zu bringen, umsomehr als die öffentliche Meinung den Versteck der Beute genau angibt.
Erpresse Boten werden den Vater deS KindeS berufen, um dieses wieder zu erhalten, und er wird eS erhalten, daS hoffen wir und wünschen eS, — wünschen aber auch strenge Ahndung deS Verbrechens, welches alsdann den Assisen einen seither unerhörten Fall zur Verhandlung liefern wird und dürfte diese vielleicht auch einen Blick in die längst anstö- ßige Lebensweise der bei der That Betheiligten, gestatten.
<z> Diez, 30. Oktober. Auf den 3. k. MtS. sollen die Urwahlen zu einem neuen LandtagSab- geordneten an die Stelle des ausgeschiedenen Pfarrers Creutz, hier statlfindcn. DaS Publikum, besonders auf dem glatten Lande äußert sehr wenig Interesse für diese Sache. — Dem Vernehmen nach hat die demokratische Partei den Redakteur der „Freien Zeitung", Oppermann ausgesprochen, die Konstitutionellen dagegen haben sich bis jetzt noch nicht über ihren Kandidaten vereinigt.
Die Angelegenheit der Lahneisenbahn schlummert nicht, wie hier und da geglaubt wird, daS Zeutral-KoMt«! arbeitet fortwährend mit großem Eifer und soll kürzlich eine sehr gründliche und umfassende Schrift um Unterstützung deS Prozentes von Seite des StaateS bei dem Staats-Ministerium ein# gereicht haben.
x Dillenburg, 30. Oktbr. Die Assisen des Hoferichtsbczirkö Dillenburg für das vierte Quartal b. I. wurden am Gestrigen geschlossen. Die Straf- erfenntniffe des Assisenhofes waren folgende: Es wurde
Johannes Brado von Dillbrecht, wegen Diebstahls, zu einer KorrektionShauSstrafe von 1 Jahr;
Joh. Adam Reefer von Edelsberg, wegen Schriftfälschung, zu einer KorrektionShauSstrafe von 2 Monaten;
Karl Schäfer von EuSpel, wegen Schriftfälschung, zu einer KorrektionShauSstrafe von 2 Monaten verurtheilt; dagegen
Georg Adam Müller von Philippstein, der Schriftfälschung angeklagt, freigesprochen und sodann weiter verurtheilt:
Oldwig Weber von Pfuhl, wegen Brandstiftung, zu einer Zuchthausstrafe von 6 Jahren;
Chansscewârter Johann Aumüller von Kirburg, wegen Dienstvergehens, zur Dienstentsetzung;
Wilhelm Heinrich Kilo von Löhnberg, wegen Meineids, zu einer Zuchthausstrafe von 1'/, Jahren;
Philipp Krem bei von Saynerholz, wegen Schriftfâlschung und Anstiftung zum Meineide , zu einer Zuchthausstrafe von 6 Jahren;
Johann Gutwinter II. von WirgeS, wegen Meinei eS, zu einer Zuchthausstrafe von 3 Jahren;
Peter Wolf von Leuteroth, wegen Meineides, zu einer Zuchthausstrafe von zwei Jahren;
Martin Sturm von Langenhahn, wegen Meineides zu einer KorrektionShauSstrafe von 2V, Jahren;