Nassauische Allgemeine Zeitung.
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Samstag den 26. Oktober
1830»
~ n [ Assa. Zeitung mit dem Wanderer erscheint einmal täglich in Großfolio-Format, mit Ausnahme des Ssnntaas. — Der Vierteljährige Prâuumi- inonsvreis ^â/i-.,l,adeu mr den Umfang des Herzogtbums Nassau, des GroßherzogthulnS und KurfürüentbumS Hessen, der Landgrafschait Hessen-Homburg und der freien Stadt Frankfurt " .. ........... lm— «1-----—^^-bietes 8 ft. 10 fr. — Inserate werden die dreisvalt>ge Petitzeile oder deren Raum mit 3 ff.
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Uebersicht.
Ministeriell und konservativ.
Deutschland. Kronberg (Die Kronihaler Quelle).
Höchst (Heckscher's Verwendung). - Von der We.l (Unterricht im Alt- und Mitteldeutschen). - Aus dem Rird)spiel Herborn (Bibelstunde). — Hadamar -Die Fideikommisse). - Wetzlar (Die Preußen nach Kur- _ gulba (Das Preuß. Armeekorps). — Kassel i Haff/npflug bleibt. Die Finanzkommission. Der Preuß. Generalstab). - Stuttgart (Fürst Waldburg-Zeil). - München (Das Armeekorps am Main. Die Provinzialsynode zu Freysing. Rückkehr des Königs). — Leipzig (Der akademische Senat). —• Hannover (General fobi'S Weigerung. Beiträge für Schleswig-Holstein). — Luxemburg (Matrikularbeitrage). — Berl in (Die Zusammenkunft in Warschau. Der Prinz von Preußen. Prinz Friedrich von Hessen. Die Verhandlungen in Betreff der anhaltinischen Länder). — Schleswig-Holstein (Aufruf für Friedrichstadt). - Kiel (Transportschiffe bei Flensburg). — Stettin (Eine ruff. Fregatte gescheitert). — Bon der polnischen Gränze (Untersuchung des Vorfall« mit den Tscherkessen). - Aus österr. Schlesien (Altieri). — Gratz (Fahnenweihe. Graf von Meran). — Wien (Die Reise des Kaisers nach Warschau. Erzherzog Leopold. Die „Neue Zeit". Die Mittheilungen über den Truppenmarsch. Die Lanvlage. Der Handelsvertrag zwischen Sardinien und England. Die kurhessische Frage. Der Zwist mit Preußen).
Frankreich. Paris (General Hautpoul's Rücktritt. Dupin's Aeußerung über die Revuen. Guizot. Vermischtes).
Großbritannien. L o n d o u (Die Ansprüche an Portugal. Die Britanniabrücke).
Italien. Turin (Der Handelsvertrag mit England). — Florenz (Die Verfassung. Der Großherzog). — Rom (Kardinal Antonelli. SÜKtfm»».
Münzverkehr).
Polen. W a r sch a u (Das Dienstjubiläum des Fürsten Pas- kiewicz. Ankunft des Kronprinzen von Würtemberg).
Neueste Nachrichten.
^ Ministeriell und konservativ.
Daß die ministerielle und konservative Partei indentisch sei, ist eine zwar häufige, deßhalb aber nicht minder irrige Behauptung, welche namentlich vielfach von der Demokratie ausgestellt wird, um die Konservativen zu verdächtigen und sie insbesondere nur alS blinde Anbeter und niedrige Speichellecker des jeweiligen Ministeriums vor der unkundigen Welt hinzustellen.
Die konservative Partei hat als solche nichts mit der Politik eines Ministeriums gemein; ihr selbstständiges Streben ist auf Würdigung der bestehenden und berechtigten Berhällnissc gerichtet. Abänderung derselben will fie nur auf dem Wege der Reform, nicht aber auf dem der Revo- lution; fie bestreitet daS Recht der Revolution, und erblickt in ihr den Untergang der staatlichen Ordnung und allen Grundlagen der menschlichen Gesellschaft, sowie überhaupt der Zivilisation; sie er- kennt die Geschichte als ihre Lehrmeisterin an und ordnet gerne und willig sich ihr unter; sie verwirft alle boden- und gehaltlose Schwindeleien, alles Probiren und Laviren auf dem Gebiete der Polilik. Sie ist geschworene Feindin deö Sozialismus und Kommunismus und entschiedene Gegnerin der Demokratie, in so fern diese an die Stelle des Gehör, sams gegen Fürst und Obrigkeit, Auflehnung und Widersetzlichkeit gegen die von Gott eingesetzte Welt- örbnung proklamirt; sie haßt daher alle Mittel, dilrch welche auf dieses Ziel hingearbeitet und wodurch, wenn nicht unmittelbar, so doch mittelbar, Ansehen und Macht der allein rechtmäßigen Staatsgewalt untergraben wird.
Ein Ministerium muß nicht dasselbe Ziel, wie die konservative Partei, verfolgen, und daß dies nicht immer und überall der Fall gewesen ist, lehrt die Geschichte zur Genüge. Verfolgt es aber dasselbe Ziel, und eS ist zu wünschen, daß dies zu allen Zeiten und allen Orten stattfinden möge, so ist seine Politik und diejenige der konservativen Partei allerdings identisch, allein diese ist in solchem Falle lediglich und allein durch den Umstand mini*
steriell, daß ihre Grundsätze mit denjenigen deS Ministeriums zusammenfallen, was sich begreiflicher Weise mit jedem Tage ändern kann, ohne daß die konservative Partei sowenig, alS das Ministerium deßhalb seine Eristenz aufgi-bt. Fehlt eS ja doch nicht an Beispielen, daß einem Ministerium von Seiten der Konservativen opponirt wird, und dasselbe seine Stütze in der Demokratie hat, wo diese letztere also ministeriell ist!
Hingegen befolgt eine ministerielle Partei an und für sich keine selbstständige Politik; ihr oberstes Gebot ist Anschluß an daS jeweilige im Besitze der Herrschaft befindliche System; sie will nur die- nen, nicht selbstständig nach eigenen Prinzipien handeln; sie ist daher ebenso gut konservativ, als demokratisch oder auch parteilos, je nachdem daS Ministerium, in dessen Diensten sie sich befindet,', auf dieser oder jener oder auf keiner Seite steht.
ES liegt dies alles so sehr in der Natur der Sache, daß es in Wahrheit eine gar plumpe Verdächtigung ist, Dinge absichtlich verdrehen und vermengen zu wollen, die so klar wie die Sonne sind. Aber freilich ist es eine bequeme Sache, zu vcr- läumden, wo man mit ehrlichen Waffen nicht auS- reichen kann, und sich dadurch vor der Well erheben zu wollen, daß man andere auf alle Weise anschwärzt; eS ist diese Verfahrungsweise der sicherste Beweis der Schwäche und inneren Haltlosigkeit, und man muß cs daher als ein erfreuliches Zeichen unsehen, wenn von der Demokratie solche Vorwürfe gegen die konservative Partei geschleudert werden!
Deutschland.
[*] Kronberg, 23. Ort -her ^Der hiesige Korrespondent in Nr. 248 Ihres Blattes ist uns noch immer die Mittheilung über den weitern Verlauf der von ihm ganz ungenau berichteten „Fas- sungSangelegenheit" schuldig. Sein Schweigen gibt der .irrigen Vermuthung Raum, als befände sich oder habe sich Medizinalrath Dr. Küster wirklich in Haft befunden und als sei die streitige Angelegenheit noch nicht beglichen. Wir sehen unS daher bemüssigt um jeder derartigen Vermuthung zu be* gegnen, zur Ergänzung und Berichtigung deS er, wähnten Referates zu bemerken, daß aus irriger An, sicht deS SachverhällniffeS ein VerhaftSbefeyl gegen Dr. Küster wohl erlassen, aber von der kompetenten Behörde als un g e r e ch t f e r ti g t augenblicklich zu- rückgewiesen, und daß die Fassung der Kronthaler Wilhelmsquclle ohne weitere Störung bereits vollzogen sei.
t t Höchst, 24. Oktober. Den in der H e ck- sch e r'schen Untersuchungssache, wie neulich berichtet, verurteilten hiesigen Einwohnern ist in der Nacht ihrer B trübniß ein HoffnungSstern aufgegangen, indem Hr. Heckscher selbst auf Veranlassung ihm befreundeter Männer auS hiesiger Stadt und Gegend sich geeigneten OrtcS für die Angeschuldigten verwendet und seinerseits auf deren weitere Verfolgung vollkommen verzichtet hat.
'Die Verurteilten glauben um so mehr hoffen zu dürfen, daß die großmüthige Handlung deS Hrn. Heckscher von einem ihrer würdigen Erfolge gekrönt werden wird, als das ergangene Urtheil in Folge des dagegen ergriffenen Rekurses zur Zeit noch nicht rechtskräftig geworden, nach §. 312 deS Strafgesetzes aber Zurücknahme strafrechriicher Klagen zulässig ist, so lange daS Urtheil Rechtskraft nicht erlangt hat.
Die freudige Theilnahme , welche obige Nachricht in unserer Stadt erregt hat, bestätigt übrigens meine frühere Behauptung, daß die bei Weitem überwiegende Mehrheit der hiesigen Einwohner in Rücksicht auf die Familien- und Erwerbsverhältnisse der Angeschuldigten die Aufhebung, mindestens aber eine Milderung deS hofgerichtlichrn Urtheils wünscht.
© Von der Weil, im Oktober. In den Kreis deS Gymnasial-UnterrichtS gehören nur solche Lehr- gegenstände , die eine allgemeine klassische Bildung bezwecken und für die Fachgelehrsamkeit der Universität vorbereiten. In dieser Beziehung hat die Schulkommission deS I. 1846 einen großen Mißgriff gethan , daß sie zu den vielen Lehrgegenstän
den, welche bereits den jugendlichen Geist vollauf beschäftigten, noch einen dreijährigen Kursus deS Unterrichts im Mittel- und Alt-Hochdeutschen hinzufügte. Dieses Steckenpferd der Herren K e h r- ein und Wackernagel hätten die übrigen praktischen Männer von dem Gymnasium abweisen und den Philologen vom Fach auf der Universität, wie bisher, zuweisen sollen. Ucberladung mit zu ivie- len Lehrgenständen schadet dem jugendlichen Geiste eben so sehr, alS Uebcrfüllung des MagenS mit zu vielen Nahrungsmitteln dem Körper. Zur Styl- bildung im Neu-Hochdeutschen Zeit und Kraft zu verwenden, ist dem Gymnasiasten nothwendiger und nützlicher, alS in der Beschäftigung mit dem Miliel- und Alt-Hochdeutschen Zeit und Kraft zu verschwenden. Die Richtung deS Geistes auf diesen Zweig einer Fachwissenschaft führt zu einem andern Unfug bei dem Vortrage der Geschichte der deutschen Na- tionallitteratur. Anstatt einer kurzen Uebersicht bis zu Opitz, einer etwas ausführlicheren Behandlung von Opitz bis Klopstock und der ausführlichsten von Klopstock bis zu Göthe'S Tod, von welcher Periode daS Gediegenste und Schönste gelesen und erklärt werden müßte, verweilt man am längsten bei den alten Sagen, bei der Tafelrunde, beim h. Graal, bei den Nibelungen , bei Wolfram von Eschenbach und Gottfried von Straßburg re. Man ergeht und gefällt sich in hochtönenden Phrasen , die zur Zeit der Begeisterung und Erhebung des deutschen Volkes im I. 1813 mehr Anklang fanden, als jetzt, wo die Zeit uns abgekühlt und nüchtern gemacht hat; man spricht von einer deutschen Ilias und einer deutschen Odyssee, da doch die Gedichte, welche man mit diesem Namen schmückt, mit der heiteren, von Jahrtausenden anerkannten, Homer'jchen Dichtung keinen Vergleich aushalten. “
Was namentlich die Nibelungen betrifft, so verdient daS, waS Hegel in seiner Aesthetik darüber sagt, wenn er auch die Farben etwas stark austrâgt, wenigstens unsere Beachtung. „Die Burgunder, CH r i e m h i ld c n s Rache, Siegfrieds Thaten, der ganze BildungSzustand, daS Schicksal deS gesummten nntergehenden Geschlechtes, die nordischen Wesen, König Etzel, daS Alles hat mit unserem häuslichen, bürgerlichen, rechtlichen Leben und unserer Verfassung in Nichts mehr einen lebendigen Zusammenhang, vergleichen jetzt noch zu etwas Nationalem (einem National - EpoS) und gar zu einem Volksbuche machen zu wollen, ist der trivialste und tollste Einfall gewesen".
Man werfe also den unnützen Ballast, womit die gelehrten Herren daS Gymnasialschiff beschwert haben, über Bord, und daS Schulschiff wird wieder flott werden und nach achtjährigem Laufe und Hin« und Herkreuzen die junge Mannschaft wohlbehalten auf daS grüne Eiland der Hochschule befördern.
* Aus dem Kirchspiele Herborn. Dem Freunde der Kirche und Religion ist eS wohlthuend zu vernehmen, wie daS religiös-kirchliche Leben rege erhalten und gepflegt wird, und dieS um so mehr, wenn eS Geistlichen und Laien wahres Bedürfniß ist, außer dem allgemeinen Institut deS sonntägigen Gottesdienstes noch besondere Anstalten in's Leben zu rufen, wo jenes auf eine ungezwungenere Weise geschieht. Herborn scheint in dieser Hinsicht im Lande voranzugchen. Soll ja doch von der hiesigen Anstalt deS Predigerseminars neues frisches Leben in den Kandidaten des Predigtamtes erregt und sollen ja doch der Kirche würdige Diener vorberei, tct werden.
Auf den Wunsch deS KirchenvorstandeS hält der erste Stadtpfarrer, Herr Professor Bauer jeden Mittwoch deS AbendS von 8—9 Uhr eine Bibelstunde , worin derselbe in sehr anziehender und erbaulicher Weise Abschnitte auS den Evangelien erklärt (dermalen daS Evangelium Marci). Die Herborner beteiligen sich bei diesem Institute sehr stark. In der letzten Zeit zählte die Versammlung über 100 Besucher. Viele der gemäßigten sogenannten Pietisten wohnen bei, während die Ultra'S derselben aus bekannten Gründen Zurückbleiben. Die Urtheile über die Bibelstunde sind allgemein sehr beifällig. Wir glauben nicht, daß sie als etwas Neues so zahlreich besucht wird; dafür bürgt unS der bekannte kirchliche Sinn der Herborner.