Einzelbild herunterladen
 

S

â 2^7» Samstag den LS Oktober L8SV

_. «ff Ma. Zeitung mit dem Wanderer erscheint einmal täglich in Großfolio-Format, mit Ausnahme veS Sonntags. Der vierteljährige PrLnnm?calivnSvreiS

. ^«u^sbade» für den Umfang des Herzogthums Nassau, des Großherzogthums und KurfürstknthumS Hessen, der Landgrasschat: Hessen-Homburg und der freien Stadt Frankfurt » in den übrigen Ländern des fürstlich Thurn- und Tarisfchen Verwaltungsgebietes s fl. IO kr. Jnfera te werden die dreispaltige Petitzeile oder deren Raum mit 3 kr. b 'Anet Bestellungen beliebe man in Wiesbaden in der L. Schellenberg'schen Hof-Buchhandlung, auswärts bei den nächst gelegenen Postämtern zn machen.

Uebersicht.

Ueber die Ansprüche unserer Zeit an die öffent­liche Erziehung.

Deutschland. Wiesbaden (Festmahl zur Feier der Ver­lobung Sr. Hoheit des Herzogs). - Kirberg (Aufbau her Brandstätten). Herborn (Konskription. Die Feld- fâchte). Mainz (Preisschrift). Frankfurt (Die neue Derfassttng. Gerüchts aus Wilhelmsbad). Kassel (Hr. v. Losberg. General Hahnau über die Kartoffelkrank­heit. Vermischtes). München (Eröffnung des SiegeS- thoreS). Augsburg (Betheiligung des Vereins für Schleswig-Holstein). Dresden (Gerücht über Einbe­rufung der Reserve). Berlin (Die knrhessische Ange­legenheit). Hamburg (Scharmützel. Aufhebung der Feldwache). Altona (Verlust). Husum (Friedrich­stadt vernichtet). Bregenz (Der Kaiser). Wien (Marine).

Schweiz. Aarau (Verwerfung der Verfassung). Frankreich. Paris (Hautpoul und Changarnier. Dupin.

Persigny. Demonstration in Lille).

Großbritannien. London (Abreise der Königin nach Osborne).

Italien. Turin (Die Kirchenfrage).

Neueste Nachrichten.

Ueber die Ansprüche unserer Zeit an die öffentliche Erziehung

(Fortsetzung.)

Die öffentliche Erziehung darf nicht hinter den Förderungen der Zeit zurückbleiben ; sie muß mit der Zeit fortschreiten. Und deßwegen ist eS deck Erzie­hers Pflicht, ja Nothwendigkeit für ihn, das Denken anzuregen und zu üben.

Der Erzieher 'soll bilden. Wie der Künstler den rohen Stoff, den Marmorblock, zu einer schönen Gestalt umschafft; so soll der Erzieher den noch formlosen Geist des Zöglings zu einem schönen Gebilde gestalten. Dazu gehört von seiner Seite Vernunft, ausgebildete Vernunft, um die Anlage des Zöglings zu entwickeln und zu kräftigen. Nur Geist kann den Geist beleben.

WaS auch kirchliche Zeloten und Heuchler ge­gen Vernunftbildung sagen mögen; Vernunft ist und bleibt deS Menschen Vorzug, die schönste Gabe deS Himmels. Nehmt dem Menschen die Vernunft und ihr habt in ihm nur das Thier , daS auf die Weide geht und dem Magen und dem Schlafe fröhnt. Ohne Vernunft keine Erziehung. Die Ver­nunft gleicht der Sonne. Ohne die Sonne würden wir alles Schöne und Gute, was der Frühling entfaltet, der Sommer reist, der Herbst und zur Labung schenkt, entbehren; aber dieselbe Sonne ist eS freilich auch, welche Giftpflanzen und Unge­heuer hervorkockt. Wollt ihr euch vor diesem Schäd­lichen bewahren; so müßt ihr es kennen lernen und auf Mittel sinnen, es zu entkräften. Dazu gehört aber wieder Vernunft. Und so gehört auch Ver­nunft dazu, um die Abwege, auf welche der den­kende Mensch gerathen kann, zu vermeiden und den rechten Weg wieder zu finden.Die Philosophie, oberflächlich gekostet, führt von Gott ab; aber tief in vollen Zügen getrunken, führt sie zu Gott zu- rück. Wissenschaft ist Macht" sagt ein großer Denker (Bako v. Verulam) Die Vernunft gleicht dem Spieße deS Achilles beim Homer; sie verwundet und heilt zugleich.

Da das Denken der Vorzug deS Menschen und seine höchste Kraft ist, so gibt eS auch kein schöneres, kein des Menschen würdigeres Mittel der Erziehung, als diese Denkkraft, anzuregen und zu kräftigen. Alles Gedächtnißwerk kann abnehmen und verschwinden; die geübte Denkkraft aber hält daS einmal Erworbene fest oder ersetzt daS Verlo­rene leicht wieder. Der an daS Denken gewöhnte Zögling kann sich selbst bilden, kann sich in jeder Lage zurecht finden, sich im Leben am Besten fort­helfen, selbstständig, ohne Bevormundung.

Es ist in unserer Zeit mehr als je die Sache der Nothwendigkeit, den Geist vielseitig anzuregen und seine Kraft zu üben. Bei den vielen Unter- richtSgegenständen, bei den vielen Mitteln zur Be­lehrung , die daS Leben anbietet, bei den vielen wichtigen Fragen, welche die freie Presse behandelt,

ist eS eine Sache der Unmöglichkeit, daß der Er­zieher sich gleichsam absperre, um nicht zum Nach- denken aufgeregt zu werden, und eS ist auch nicht zu verhindern, daß er, einmal in Geistesthätigkeit versetzt, die Zöglinge zu gleicher Thätigkeit anrege. Unsere Zeit drängt und zum Nachdenken über Alles, was den Menschen und den Staatsbürger interes- strt; wir können und deS Denkens nicht erwehren; wir haben es zu unserm geistigen Leben so nöthig, als Licht, Luft und Nahrung zum körperlichen. Ohne Denken fehlt uns Schiffern auf dem LebenSmeere der Kompaß. In dem denkenden Kopfe hat der Mensch daS beste, sicherste Kapital für daS Leben. ES soll unS aber keineswegs gleichgiltig sein, an welchen Gegenständen sich unser Denkvermögen sich vorzüglich übe. Unsere Zeit verlangt in allem Wissen daS Praktische. Sie ist eine Feindin un­fruchtbarer Spekulationen. Manche Fragen, die im Mittelalter die Scholastiker beschäftigten, haben für uns ihren Reiz und Zauber verloren. Dinge, wor­über man nie ins Reine kommen kann, die dem menschlichen Geiste ewig ein Räthsel bleiben, läßt man gern bei Seite liegen und wendet sich lieber solchen Gegenständen zu, deren Erforschung und auf sichere, den Lebenszwecken förderliche Ergebnisse führt.

Unter den UnterrichlSgegenständen, mit denen sich jetzt die öffentliche Erziehung beschäftigt, haben die neueren Sprachen und die Naturkunde mit ihren Hilfswissenschaften an Bedeutung und Wichtigkeit außerordentlich gewonnen. Die alten Sprachen, sonst fast der einzige, wenigstens der wichtigste Ge­genstand des Unterrichts, sind zwar nicht verdrängt worden und werden sich auch nicht so leicht ver­drängen lassen, aber sie haben doch mit den neue­ren Sprachen und mit den Nalurwissenschaften ihren Rang theilen müssen. So lange die Menschheit noch Sinn und Gefühl für -daS Große und Schöne der Vergangenheit haben wird, so lange wird die Literatur der Griechen und der Römer nie ihren Werth verlieren; and dieser unversieglichen Quelle deS Geistes werden immer die Völker schöpfen. Aber dessen ungeachtet würde sich jetzt Jeder den Vorwurf deS Mangels an Bildung zuziehen, bei in Athen und in Rom zu Hause, in der neueren Welt dagegen und besonders in seinem Vaterlande ein Fremder wäre. Man würde Jeden bedauern, der nicht wenigstens einige Bekanntschaft mit den Sprachen und der Literatur der gebildetsten Völker unserer Zeit und mit den Fortschritten der Natur­wissenschaften gemacht hätte. Bei dem jetzigen Ver. kehr der Völker untereinander, bei dem gegenseitig gen Austausche der Ideen dürfen unS die Mittel des Verständnisses nicht fehlen. Lehrer und Zög­linge müssen daher diesen unentbehrlichen Gegen­ständen deS Wissens ihre volle Aufmerksamkeit, ihren anhaltenden Fleiß zuwenden. Je bewanderter wir darin werden, desto mehr Hilfsmittel erlangen wir, nicht nur die Schätze deS Geistes zu vermehren, sondern auch den materiellen Wohlstand zu erhöhen. Es liegt daher im allgemeinen Interesse, den Zög­lingen eine solche Bildung zu verschaffen, die sie geeignet macht, einst nach den Bedürfnissen der Zeit in der menschlichen Gesellschaft zu wirken und für ihr einstiges LebenSglück zu sorgen.

Sind wir nun so bemüht, mit der Verstandes» richtung unserer Zeit fortzuschreiien, so muß und auch die Frage wichtig fein : Was ist für die sitt­liche Bildung zu thun, um den Gefahren, die eine einseitige VerstandeSbildung mit sich führt, vorzu­beugen?

Der Verstand aöeiii bildet noch nicht den tu­gendhaften Charakter. Die größten Kenntnisse sind nicht immer mit hohen Tugenden verbunden. Die hellste Einsicht ist nicht immer im Stande, uns von bösen Gewöhnungen abzubringen und die Herrschaft der Sinnlichkeit über uns zu bewältigen. Tugend ist sittliche Willenskraft, eine Frucht, die auf dem Boden des Herzens gedeiht.Was kein Verstand der Verständigen sicht, das übt oft in Einfalt ein kind­lich Gemüth" ; in diesen Worten hat Schiller eine große Wahrheit ausgesprochen. Um den cdeln Charakter zu bilden, muß zur Einsicht noch Etwas hinzukommen: fester Wille, Standhaftigkeit in an­erkannten guten Grundsätzen, und diese setzt eine _ gesunde sittliche Anlage und Hebung der sittlichen Kraft voraus. Die Bildung des guten Charakters ist das höchste Ziel der Erziehung. Nicht auf dem Wege vieler, mühsamer Belehrungen und Vorschrif­

ten, sondern durch Befolgung einfacher, von jeher bewährter Grundsätze wird dieses Ziel erreicht. So viel man auch über Erziehung geforscht und ge­schrieben , so hat man doch nichts Besseres zur Charakterbildung auffinden können, als waS in den zwei Worten liegt: Gewöhnung und Ver­hütung.

In der frühen Gewöhnung zum Guten, in der Verhütung und Abwehrung böser Einflüffe liegt der Stein der Weisen für die Pädagogen. Ja man kann sagen: die gute Gewöhnung ist die Regel, um die sich Alles in der Erziehung dreht. Wer gut gewöhnt, der braucht nicht viel Mühe zum Ver­hüten. Gewöhne denZögling frühe an daS Sitt­liche und Gesetzliche, besonders ungeordnete Thätigkeit, und du bist sein größter Wohlthäter, sein bester Erzieher. (Schluß folgt.)

D e u t f ch l a n d.

§* Wiesbaden, 18. Oktober. Gestern Abend führte die freudige Erregung welche die Kunde von der bevorstehenden Vermählung Sr. Hoheit des Herzogs insbesondere hier hcrvorricf, die Beamten und Bürger hiesiger Stadt zu einem Festmahl von nahe an 300KouvertS im Gasthofe zumAdler" zu­sammen. Am Schlüsse dieses Festmahles brachte der Ministerpräsident von Wintzingerode ein Hoch dem Brautpaar" aus, in welches sämmtliche Anwesende begeistert einstimmten. Der Beifallsjubel wollte nicht enden, als die Herzogliche Regiments- Kapelle nach dem Toast die Nassauische Volkshymne, gepaart mit der Melodie desalten Dessauer" vor­trug. Bürgermeister Fischer sprach in seinem Gegen« toast Namens der Stadt Wiesbaden die rege Theil« nahme an diesem freudigen Ereigniß und den auf­richtigen Wunsch aus, daß die Ehe deS Hohen Brautpaares eine lange und glückliche fein möge. Der mit zum Feste geladene englische Kolonel Hals l rächte Namens seiner Landsleute einen Toast glei- chen Sinnes in französischer Sprache aud. DaS Fest verlief heiter und ohne Störung.

+ Kirberg, 17 Oft. Zwischen heute und jenem Zeitpunkte, als in diesen Blättern des hiesigen Brandunglücks Erwähnung geschah, liegt ein großer Zeitraum. Große Veränderungen sind während des­sen borgegangen. Wer früher hier bekannt war und die jetzige Physiognomie des abgebrannten Theils betrachtet, weiß sich kaum zurcchtzufinden, und ohne Führer kommt selbst ein gcborner auswärtiger Kir- berger nicht zurecht. In schönerer und freundlicherer Gestalt steigen die neuen Gebäude aus dem Schutte hervor. Daß nach der jetzigen Bauordnung der ab­gebrannte Theil deS Fleckens schöner und ausgc- breitetcr aufgebaut wird, braucht kaum erwähnt zu werden. Viele der abgebrannten Gebäude werden außerhalb der den Flecken beengenden alt-ehrwür­digen Mauer errichtet, so daß eine ganz neue Straße entsteht, welche viel zur Verschönerung deS Fleckens beiträgt. Wenn gleich mit Riesenschritten unter den Händen zahlloser Arbeiter die Errichtung der Gebäude vor sich geht, so werden gar viele Häuser nicht wohnlich eingerichtet und manche Fa­milien nicht einziehen können. Es wurde eigentlich zu spät angefangen, waS dem Umstande zuzuschrci- ben ist, daß sich über die Anlegung der Bauplätze die Brandbeschädigten anfangs nicht wohl einigen konnten.

Mit Vergnügen können wir jetzt der Oeffent- lichkeit darüber Bericht erstatten,, was die Menschen­liebe zur Hebung der Noth unserer heimgesuchtcn Brüder beisteuerte. Auf Grund sicherer Quellen sind wir im Stande, die Mittheilung zu machen, daß die Beiträge mit Inbegriff der Nalurallieferung die hohe Summe von 11,000 fl. erreichen. Die Naturalien wurden gleich nach Verhältniß und Be­dürfniß vertheilt. Von der Geldsumme sind den Brandbeichädigten gegen Prozentvergütung Dar­lehen verwilligt und die allernothwendigsten HauS- gegenstände angcschaffl worden. Die Vertheilung deS Geldes ist noch nicht bewerkstelligt und dürfte diese auch auf große Schwierigkeiten stoßen, da hierbei, um der Gerechtigkeit vollkommen Genüge zu leisten, gar Manches in Erwägung zu ziehen ist. ES wird daher dem Komite bei aller Umsicht und GerechtigkeitSliebe schwer halten, alle Bescha-