Nassauische Allgemeine Zeitung.
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Dienstag den 17. September
1830.
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Die Nass. Allg. Zeitung mit dem Wanderer erscheint einmal täglich in Großfolio-Format, mit Ausnabme des Sonnra m
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<u machen.
Uebersicht.
Die weiteren Vorgänge in Kurhessen.
Deutschland. Frankfurt (Die Jenny Lind der Paulskirche und Freiligrath). — Darmstadt (Prozeß gegen Student Fendt. Dankvotum an die kurhessischen Stände). — Köln (Haffenpflug'S Reiseabenteuer). — Landau (Fehlende Grwehre). — München (Hassenpflug in Schuß genommen). — Dessau (Einberufung des Landtags durch das Präsidium). — Dresden (Die Maiangeklagten. Prinz Albert. Dec König). — Leipzig (General Haynau). — Hannover (Der Kurfürst von Hessen). — Hildesheim (Die EnlschâdigungSgelder). — Berlin (Naffan'S ablehnende Antwort. Depesche von Lord Palmerston. Die Ge- meinderalhwahlen. Die Cholera. Der BundcSbeschlnß vom Jahr 1832. Vorkehrungen. Empfang der Deputation des konservativ-konstitutionellen Zentralvereinâ). — Hamburg General Willisen abermals zurückgeworfen). — Schleswig- Holstein (Einzelnheiten des glücklichen Gefechts vom 12. d. M.). — Wien (Entrüstung über die Mißhandlung Haynaus. Bakunin. Gnadenakt. Die Cholera. Reise des Kaisers. Der Militärkvder. Preußische Note), Frankreich. Paris (Ankunft des Präsidenten. Die Gesellschaft dxs 10. Dezember. Depeschen aus München. General Pyat).
Großbritannien. London (Ein Dcmokratcnbankctt). Italien. Rom (Herr Pinelli). — Neapel (Der Prinz von Kapua).
Neueste Nachrichten.
Die weiteren Vorgänge in Kurbessen.
Kassel, 12. Sept. (D. Z) So hat sich denn ine Voraussetzung verwirklicht. DaS Militär an seiner Spitze der Oberbefehlshaber Bauer haben das Gesetz, den Richterspruch respektirt. Sie wissen, daß heute Morgen ein Piket Garde die Druckerei der Neuen Hess. Zrg. besetzte, während der Generalmajor v. Stark sich in der Nähe derselben aufhielt, und daß der Unteroffizier den ihm vom Herausgeber der Neuen Hess. Ztg. verabfolgten Abdruck des die Presse betreffenden obergerichtlichen Dekrets dem Gencrallicutcnant Bauer zustellen ließ. Letzterem hatte man wirklich bis dahin jenes Erkenntniß verheimlicht, als er aber sich Gewißheit über die Richtigkeit desselben verschafft hatte, ließ er sofort die Wachen zurückireten. Wir wollen annehmen, daß der General auS freien Stücken so gehandelt hat und daß nicht später eingelroffene Er- eigniffe ihn zu einem solchen Entschlusse gebracht haben. DaS Gencralauvitorial hat die Klage des landständischen Ausschusses entgegen genommen und sofort darüber berathen. Der Beschluß darüber, ob dem Anträge des Ausschusses, die Verklagten alsbald zu verhaften, Folge zu geben, ist nicht bekannt. Generallieutenant Bauer ist krank geworden und muß das Bett hüten. Eine Verhaftung ist also unzulässig. Es wird ihm allgemein große Theilnahme gezollt, seitdem man weiß, welche Verhältnisse ihn zwangen, den Posten, den er jetzt Hal, mit Sträuben zu übernehmen. AlS er zuerst ablehneu wollie, da versuchte Hassenpflug, ihm den Glanz einer solchen Stellung klar zu machen und ihm zugleich zu beweisen, wie alle Maßregeln rechtmäßig seien und er ja nicht die mindeste Verantwortung trage; alS er sich dennoch weigerte, anzunehmen, drohte man damit, ihn zu pensioniren. Erst da gab der General, dessen Vermögrnsverhältmsse nicht die besten sind, nach, zumal er glaubte, die Pflicht der Dankbarkeit nicht außer Singen lassen zu dürfen. Sein Sohn nämlich, der mit einer Hofdame vcr- heiraihet ist, erhält vom Kurfürsten auS dessen Pri- vatchalulle eine jährliche Unterstützung von 300 Thlr. Heute ist er um seine Pensionirung selbst eingekommen. Inzwischen ha, heute der höchste Landesgerichtshof mit einer Mehrheit von 14 gegen 3 Stimmen (Kaup, Knatz, ElverS) entschieden, daß die Verordnung vom 4. Sept, gesetzwidrig und unvollziehbar sei. Vielleicht klärte diese Entscheidung den Kurfürsten auf, daß er besser gethan hätte, den flehenden Bitten seiner Gemahlin nachzugeben und das gewagte Spiel nicht auf die äußerste Spitze zu treiben. Auf unser Militär kann er nicht mehr rechnen bei Ausführung seiner Pläne. Ob hannoversches Militär, welches der Adjutant des Kurfür,
sten Hr. v. Eschwege, der heute wieder eiligst nach Berlin abgereist ist, requiriren soll, sich dazu herge- den wird, wissen wir nicht.
Kassel, 13. Septbr^ 9 Uhr. (D.^Z.) DaS Un- erhörte ist geschehen. Die Regierung ist entflohen, mit dem Kurfürsten an der Spitze. Sie ist eniflo- hen vor einem ruhigen gesetzlichen Volke. Kassel ist ruhig, die Bürgerwehr bezieht mit dem Militär gemeinschaftlich die Wachen. In Begleitung des Kur> fürsten befinden sich die Minister Hassenpflug, Haynau und Baumbach, so wie der Redakteur des Hessischen VolkSfreundeS, Konsistorialrath Vilmar und einzelne Ministkrialrefereylen. Die Abreise erfolgte in drei Reisekaleschen heute Morgen 4 Uhr in der Richtung nach Hannover. Um 4% Uhr passirte der Kurfürst daS lctzie hessische Dörfchen Sonbers- hausen. Hat man vielleicht die Absicht, durch diese Abreise einen Aufruhr, vielleicht die Konstituirung einer provisorischen Regierung durch den landständischen bleibenden Ausschuß zu provoziren? Man täuscht sich. Für die Ruhe und Sicherheit der Stadt ist gesorgt. Die BezirkSdirektion, als höchste Behörde, hat die Zügel der Direktion ergriffen und sofort ein Bataillon Bürgerwehr unter die Waffen treten lassen. Nicht die mindeste Spur einer Unordnung. Man sieht auf den Straßen nur einzelne Gruppen Neugieriger stehen. Es herrscht unter Zivil und Militär die größte Einigkeit. Militär- und Zivilbehörden konferiren.
10 Uhr. Der landstândische Ausschuß begibt sich inS Ministerium, um die Glaubwürdigkeit der Gerüchte zu konstaiiren; daS Ministerium ist nicht da, hat au'ch keine Jnstru'tionen zurückgelassen. Der Ausschuß begibt sich inS StändehauS, um über fernere Schritte zu berathen.
11 Uhr, Die WackM der Büraerwebr werden verstärkt. General Baüerchlegt auf dem Krankenlager; Vie außerordentlichen Ereignisse haben ihn zu tief erschüttert. Er hatte seine Entlassung noch nicht eingereicht, wollte es aber thun ; gestern hatte er keine Gelegenheit. Zur Zeit ist sie ihm gänzlich genommen. Doch muß sie ihm werden, da er über 50 Jahre gedient hat. Es wird bekannt, daß Bauer gestern eine längere Unterredung mit Jordan gehabt, und dieser ihn auf daS Strafbare seiner Handlungen aufmerksam gemacht hat. Dadurch ist der Entschluß deS Generals, um seine Pensionirung anzuhallen, zur Reife gediehen.
12 Uhr. Es trifft auS hannoverisch Münden vom Minister Haynau eine Staffelte andaSKriegS- ministerial-Büreau ein, welche die Mittheilung überbringt, daß die Regierung In die Provinz Hanau verlegt sey, und dem General Bauer aufgibt, die Aufhebung der Verordnung vom 7. Sep« teMber über Verhängung des Kriegszustandes, mit Ausnahme deS §. 2 (die Ausübung der SlaatSpolizeigewalt durch den KriegSkomman« banten) dieser Verordnung zur Kenntniß deS Publikums zu bringen, einstweilen die KriegS- reserven zu entlassen, selbst aber so lange auf seinem Posten zu bleiben, bis weitere Ordre erfolge.
1271 Uhr. Gestern Nachmittag 3 Uhr ist der preußische Geschäftsträger, Herr v. Thiele, hier ein- getroffen. Man erfährt auch, daß noch gestern Abenv Munition auSgeiheilt und die Kanonen geladen worden si id. DaS Leibregiment hat der Garde gestern die Kaserne räumen und auf Slroh schlafen sollen. Man hat sich geweigert und den Willen durchgesetzt.
1 Uhr. Der landständische Ausschuß erläßt ein Schreiben an den StaaiSprokurator, daß die Lage des Landes durch die jüngste Handlungsweise deS Ministeriums noch verschlimmert worden sei und beantragt die schleunigste Suspension und Verhaftung der Minister.
1 V. Uhr. ES trifft eine Staffelte von Münden ein, welche meldet, daß der Kurfürst um 7 Uhr oort eingetroffen sei. Er habe den Kommandanten von Münden zu sich kommen lassen, und ihn gefragt, wie viel Militär an der Gränze liege. Der Kommandant theilte ihm mit, daß Hart an der Gränze ein ObfervalionSpiket von 160 Mann stehe und daß Münden zur Zeit eine Garnison von 600
|abe. Der Kurfürst setzte hierauf seine Reise nach Hannover fort, um von dort über Köln mit der Eifenbahn nach Frankfurt zu gehen. Der be
kannte Obermüller, welcher sich hier im Interesse der großdeutschen Partei und der OberpostanuSzei- tung aufhält, ist von der Polizei in Haft genommen, und wild derselbe angewiesen werden, binnen 3 Stunden Stadt und Gebiet Kassel zu verlassen. Der frühere Privatdozent Ilse, welcher sich kurz vor dem Zusammentritte deS Erfurter Parlaments um die Redaktion der Erfurter Zeitung bemühte und jetzt für Oesterreich und den Bund agitirl, ist zum ordentlichen Professor an der Universität Marburg ernannt und hält sich zur Zeit hier auf. Die Polizei hat auch auf ihn ein wachsames Auge gerichtet.
3 Uhr. Soeben erscheint die folgende Proklamation :
„Die unerwartete Abreise deS Landesherrn und feiner Minister auS der Residenz hat zu einigen Besorgnissen Veranlassung gegeben, welche nach den inmittelst unter den hiesigen Zivil- und Militärbehörden gepflogenen Verhandlungen und den sonst getroffenen Maßregeln alS beseitigt anzusehen sind. DieS Mitbürger! Zur Beruhigung! Euer bisheriges Verhalten auf dem Wege der strengsten Ordnung und Gesetzlichkeit hat überall Anerkennung, ja Bewunderung erregt. Verdient auch fernerhin diesen Ruhm, dann Mitbürger! wird der Sieg unserer gerechten Sache gewiß nicht fern mehr sein. Kassel, am 13. Sept. 1850. Der Oberbürgermeister der Residenz: Hartwig."
37i Uhr. Die BezirkSdirektion verkündet die Mittheilung deS Kriegsministers, daß die Regierung nach Hanau verlegt ist.
33/ 4 Uhr. Die Ruhe der Stadt ist musterhaft.
Kassel, 13. Sept. So eben — um 1 Uhr Mittags — erfahre ich aus bester Quelle, daß ein Kurier auS dem Hannöver'schen die vom Kriegsminister Major v. Haynau gegengezeichnete Entschließung gebracht hat, der Regierungssitz solle nun doch vorerst nicht von Kassel weg verlegt werden. (Bald nach Ankunft jenes Kuriers traf ein hannöver'scher Staadosfizier hier ein, welcher sich sofort zu dem österreichischen Geschäftsträger, Herrn Baron v. Kübeck, begeben hat.) Auch sollen bereits hannöver'sche Quartiermacher im Amte Lichtenau, 5 Stunden von hier, eingetroffen sein; die letzte Nachricht klingt nicht sehr wahrscheinlich, wird mir aber bestimmt verbürgt. Over sollte man mittlerweile wirklich von Hannover Zusicherung von Intervention oder Schutz erhalten haben? Gewiß ist, daß der jüngste Flügcladjutant, Lieutenant von Eichwege, schon vorgestern Abend eiligst nach Han nover gereist ist.
Kassel, 14. Sept. (D. Z.) Eine öffentliche Bekanntmachung besagt, daß der Regierungssitz in den Bezirk Hanau, das Generalkommando der Truppen nach Bockenheim verlegt ist.
Kassel, 14. Scptbr. (N. H. 3 ) Herr von Dehn Roifelser war nicht zum Zivilkommissär von dem Oberbefehlshaber ernannt, sondern von dem Justizministerium, und zwar nicht ohne sein fortgesetztes und eindringliches Widerstreben beauftragt worden, jenen in den Fällen, in welchen er des juristischen BeiraiheS bedürfen würde, auf Ersuchen damit zu unterstützen.
Morgen, am Jahrestage unserer Verfassung, findet in der St. Martinskirche dahier ein feierlicher Gottesdienst statt. Die gesammte Bürgergarde und die verschiedenen Bataillone Schutzwachen versammeln sich ohne Waffen auf dem Königsplatze gegen neun Uhr Morgens, um sich von da, mit dem Stadtralhe u. s. w in einem Zuge, zur Kirche zu begeben.
Unter der amtlichen Rubrik „Ernennungen" liest man heute in der „N. Hess. Zig.«; „Der Ge- nerallicutenant Bauer, Kommandeur der Infanterie- Division, ist „„während der Dauer des verordneten Kriegszustandes"" zum Kommandeur deS Armee- Korps ernannt, dagegen derselbe von den Geschäften deS ersten Komandanien der Residenzstadt Kassel entbunden und sind dem Generalmajor von Starck, interimistischem zweiten Kommandanten der Residenzstadt Kassel, die Geschäfte deS ersten Kommandanten mit übertragen.
Kassel, 15. Sept. (F. I.) Generallieutenant Bauer ist nach Bockenheim adgereist, welches, wie