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Nassauische Allgemeine Zeitung.

M 21S

Donnerstag den L2. September

1830,

---in Großfolio-Format, mit Ausnahme des Sonntags. Der vierteljährige Prânumecationspreis be« öerwatf)um« Nassau, des Großherzoqthum« uns Kurfürstenthums Hessen, der Landgrafschait Hessen-Homburg und der freien Stadt Frankfurt ist in Wl°sbadeu nr den Uuna^ VerwaltungSgebi-t-S S fl. 1O fr. - Inserate werden die dreispaltige P-titieil- oder deren Raum mit 3 fr.

S^H. %£& man^in^Wi°st-d-u in der L. Sch elle u b - r g'schen Hof-Buchhaudlung , auswärts bei den nächst gelegenen Postämtern ,u mache».

Uebersicht.

Ueber einige Ursachen der religiös-kirchlichen Er- scheinungen.

Die weiteren Vorgänge in Kurheßen.

Dentschland. Wiesbaden (Assisen). - Srankfurt (Der Bundestag. Hr. Hassenpflug. Die »affaunch- gierung). - Koblenz (Di- Redemptoristen in Boruhofen). - Ulm (Der Festungsbau). Meiningen (Wiegand). -Dresden (Bürgermeister Koch. Die Prinzen Albert und Georg nach Böhmen. Mahnung des schleswig-holst. De­partements des Aeußern). - Berlin (Ein BundeSkom- missär nach Schleswig -Holst-iu. Di- Neuenburger Frage. Die Jschler Konferenz. Schleswig-Holstein. Vermischtes).

Wien (Depeschen ans Berlin. Adjustirung der Armee. Thätigkeit im Kabinet).

Ungarn. Pesth (Baron Geringer. Franz Drak). Frankreich. Paris (Die Ansprache des Präsidenten in Caen. General Changarnier. Prinz Joinville. Di- Ge- s-llschaft des 10. Dezember. Vermischtes).

Italien. Turin (Die Familie Santa Rosa'S. Stimmung). Parma (Das Kollegium Alberoniano). Livorno (Hr. Pinelli). Florenz (DaS Kabinet). Roni (Konkordat mit Spanien).

Neueste Nachrichten.

Ueber einige Ursachen der religiös- kirchlichen Erscheinungen.

V Von der Dill, 8. Septbr. In allen Lagern der politischen Parteien ist dermalen eine gewisse Lethargie eingetreten. Mit dem politischen Leben scheint' Hand in Hand zn gehen das kirchliche. Auch hier herrscht Ruhe, tiefe Ruhe. Von der längst er­warteten Kirchenverfassung hört man kein Wort. Diese Erscheinung, daß eS in politischer wie kirchli- cher Hinsicht so ruhig auSsieht, hat, so oberflächlich auch darüber geurlheilt werden mag, ihre psycho­logische Begründung. Alle ReorganisationSinstitute sind die Formen, sollen sie wenigstens seyn, wenn and.rS sie heilbringend werden sollen, der in's lebendige Bewußtseyn deS gesammten Volkes über- gegangenen, vollkommenst ausgebildeten Ideen. Diese Ideen werden zuvor von der Wissenschaft geläutert, ausgebildet und als Same in daS Volk gelegt. Es wäre gegen die Natur aller Entwickelung, wenn eine von jenen ausgesprochenen Ideen in dem Volks­bewußtseyn als völlig reif erschiene. Eine solche Erscheinung ist gleich einer Treibhauspflanze: in dem Zeitcnsturme findet sie ihr gewisses Grab. Jahre gehen dahin, bis der Same, den ein großer Geist der läuternden Kraft der Wissenschaft übergeben, von dieser ausgebildet erscheint und gegen alle An­läufe der wissenschaftlichen Untersuchung feststeht; aber noch mehr Jahre verschwinden, bis eine solche Idee völlig in'S VolkSbewußtseyn, wie in Fleisch und Blut, übergegangen ist und Früchte treibt. Der beste Maßstab dieser Jdeenreife ist das Denken und Handeln deS Volkes; durch dieses spricht eS die aufgenommenen und verarbeiteten Ideen aus.

Die zwei Jahre 1848 1850 haben uns ge­nügsam Proben dieses Denkens und Handelns offen gelegt und wir haben uns sattsam überzeugt, welche Ideen jene zwei Faktoren deS Volkslebens regieren. Man hat zwar dieselben mit den schönsten Namen zu bezeichnen gesucht; allein waren dies blos Namen. Der rechte Geist und daS thatkräftige Leben mangelte ihnen durchaus: sie waren den Gemüthern schlechthin oktroyirt, daS Bewußtseyn, der Volksgeist entbehrte aller Adhäsionskraft. Daher alle jene Mißgestalten auf politischem und kirchlichem Gebiete. Soll eine Idee Eingang finden, so müssen, gleich dem Fruchtboden, die Geister und Herzen würdig vorbereitet seyn, und eS wird dann nicht schwer halten, daß sie bleibend Wurzel fassen und den Sieg über alle Gewalt davon tragen. Eher aber wird und kann dies nicht geschehen, bis daS innere sitt­liche und religiöse Leben deS Einzelnen wie der Ge. sammtheit veredelt, verchristlicht ist. Jeder Un. befangene, Jeder, der den Erscheinungen der letzten Jahre einigermaßen mit Aufmerksamkeit folgte, muß eingestehen, daß unserer Zeit der Geist deS Christenthums fehlt.

Unsere Zeit ist eine, fast durchweg den materiellen Antereffen ergebene. Wenn wir sie in religiöser und

kirchlicher Hinsicht auf keine frivole nennen wollen, so war sie in diesen PrüfungSjahren doch nahe dar­an, eS zu werden. Die Erscheinungen in der durch­lebten Sturmperiode brachten gar Manchen zur Besinnung und auf bessern Weg. Woher aber jene Auswüchse? Die höheren Klassen der Gesellschaft waren schon im vorigen Jahrhundert hinsichtlich ih­rer religiösen Bildung in einen Zustand der Ent­artung gerathen. Die unteren Volksklassen blieben davon verschont; sie hielten in kindlicher Einfalt an dem Glauben der Väter fest. Nach und nach träu­felte daS Gift von oben herab in die Herzen des Volkes. Und wie leicht hier die Einflüsse von oben Wurzel fassen, begreift der leicht, der daS geistige Leben des Volks näher kennt; die Einwirkung jener Einflüsse hat theils ihren Grund in der Eigenthüm­lichkeit, das nachzuahmen, nachzudenken und sich daS anzugewöhnen, was genannten Klassen angehört. Wenn auch in gewisser Hinsicht hier und da, doch ziemlich selten, Abneigung dagegen herrscht, eS schleicht gleichsam instinktmäßig ein und wird kaum bemerkt, wenn eS zur andern Natur geworden ist. AnderentheilS findet sich hiervon der Grund in den absichtlichen Bestrebungen einzelner, mit Gott und Welt zerfallener, so recht moralisch schiffbrüchiger oder halbgebildeter und verbildeter Individuen, kirchen- und religionsfeindliche Ansichten unter den schönsten Namen und in den unschuldigsten DarstellungSwei- sen in Gesellschaften, in Wirthshäusern rc. vorzu­schwatzen ; dabei wird denn auch nicht versäumt, hier und da über die Diener der Kirche in abge­schmackter Weise loSzuziehen, ferner mißverstandene Stellen der heiligen Schrift auf frivole Art zu be­sprechen und endlich die Anstalt der Kirche als einen

Zaum für das Volk zur besseren Handhabung der weltliche» Herrschaft Lar^ kurz die Religion und deren geheiligte Institute, so wie die Moral der Herabwürdigung preiszugeben.

Solche, der Selbstsucht und dem ungebildeten und zum richtigen Urtheilen unfähigen souveränen Menschenverstände genehme, gleichsam einschmei­chelnde Ansichten werden oberflächlich hingenom­men und bringen jene Unzufriedenheit und Gleich­giltigkeit, ja, nicht allein moralische, sondern häufig auch physische Widersetzlichkeit gegen alles Kirch, liche in den Gemüthern hervor, welche die Grund­pfeiler der Kirche und des Staates wanken machen. DaS Volk ist, namentlich in den Zeiten des Dru­ckes und der politischen Bewegung resp, der Poli, tischen Enttäuschung zweifelsüchüg, und Ansichten, deren Realisirung die materielle und politische Lage zu verbessern in Aussicht stellen, finden mehr als andere, dem wahren Bedürfniß angemessene und der Bildungsstufe entsprechende, Eingang in die Köpfe. Wenn auch die Mehrzahl nicht in der schroffen Weise eraltirt ist, so macht sich doch ein Einfluß geltend, der gleich einem schleichenden Gifte auch die bessern Elemente ergreift , so daß mit der Zeit und, da namentlich daS jüngere Geschlecht aus be­greiflichen Gründen dieser Gefahr in Wort und Beispiel sehr ausgesetzt ist, ein anti kirchlicher, irr- religiöser und unsittlicher Geist einreißt, der nach und nach die ganze Gesellschaft gleich einer krebs­artigen Krankheit faßt. Wir glauben nicht, zu stark die Farben aufgetragen zu haben, da wir Gelegenheit hatten, diese Erfahrung an der Quelle zu machen.

Die weiteren Vorgänge in Kurheffen

Kassel, 8. Sept., Abends 10 Uhr. (D. Ztg.) Die einzige erfreuliche Mittheilung, die ich Ihnen heute bringen kann, besteht darin, daß bis auf diesen Augenblick die öffentliche Ruhe noch nicht im Geringsten gestört ist. Wenn eS auch bis jetzt den Anschein haben mag, als ob daS Militär sich zum blinden Werkzeuge hergäbe, so hegen wir doch die feste Zuversicht, daß eS im entscheidenden Momente fick) auf die Seite deS Rechtes und Gesetzes stellen wird. Erst dann, wenn die Hülfe deS Militärs zur Vollziehung rechtskräftiger Urtheile von den Ge- richten in Anspruch genommen wird, erst dann ver­mögen wir ein entscheidendes Urtheil über seine Gesinnungen auszusprechen. Gegenwärtig sind eS nur Muthmaßungen und Erklärungen einzelner Mi­

litärs, auf die man baut. Das Verhalten unserer städtischen Behörde sowohl, als auch der obersten Staatsbehörde gegenüber den Gewaltstreichen des Ministeriums gestalten sich immer fester. Der Stadtrath hat heute Abend folgende Ansprache er­lassen:

Mitbürger! Unser Vaterland ist nach einer Verkündigung vom gestrigen Tage in den Kriegs­zustand erklärt worden. Wir haben hiergegen bei dem kurfürstlichen GesammtstaatSministerium pro- testirt, weil insbesondere die Einwohnerschaft Kassels zu einer solchen, mit Verfassung und Gesetz im grellsten Widerspruch stehenden Anordnung nicht die entfernteste Veranlassung geboten hat.

Mitbürger! Wir vertrauen Eurem stets be­währten Sinn für Ordnung und Gesetz!

Beharret ferner, wie bisher auf dem gesetz­lichen Wege, dann wird, dessen sind wir gewiß, der dermalige, daS gesammte Vaterland in Gefahr bringende Zustand nicht von langer Dauer sein. Kassel, am 8. September 1850. Der Stadtrath der Residenz. Hartwig. Bierner. Eißengarthen. Engehard, Fchrenberg. Fiedler. St. G. Gliede. Hüllerott. Knappe. Müller. Fr. Oetker. Scherb.

Im übrigen ist der Belagerungszustand mit Ausnahme der strengen Maßregeln gegen die Presse bis jetzt noch nicht sehr drückend. Die Neue Hessi­sche Zeitung wird den Versuch machen, hier noch fort zu erscheinen. Sollte sie der Gewalt weichen müssen, so beabsichtigt die Redaktion, die Offizin außerhalb Kurhessen in einen an der Eisenbahnlinie gelegenen Ort (vielleicht Gotha) zu verlegen. Aehn- licheS scheint auch die Hornisse zu beabsichtigen, welche heute folgendesJntelligenzblatt" statt ihrer ZeitungSnummer versandt hat:Die letzten paar hundert Blqfter unser» gestrigen Nummer sind durch vier Mann Mttttâr iw-d«^LLiuk«rei kansisrirt wor- den. Die heutige Nummer kann wegen MangAan Setzern nicht geliefert werden. Doch wird die Re­daktion Alles thun, um den Fortdruck möglich zu machen. Die Post hat sich geweigert, die Besor­gung der Hornisse weiter zu übernehmen".

In Beziehung auf den letzten Passus, der auch auf dieNeue Hessische Zeitung" Anwendung fin­det, so ist der Postrath Setzekorn aufgefordert wor­den, den Grund seiner Weigerung anzugeben, und hat derselbe erklärt, von seinem Vorgesetzten (Ge­neral Bauer) den deßfallsigen Befehl erhalten zu haben. Der landständische Ausschuß hat ihm je­doch begreiflich zu machen gesucht, daß Herr Gene­ral Bauer sein Vorgesetzter nicht sei, und ihn an­gewiesen, seinen Pflichten als Staatsbeamter nach­zukommen, widrigenfalls man ihn zur Verantwor­tung ziehen werde. Gleiche Dienstwilligkeit hat der Herr General hei unserem Oberbürgermeister Hart, wig nicht gefunden. Er erhielt gestern ein Schreiben desOberbefehlshabers", worin ihn dieser zu einer Konferenz zu dienstlicher Besprechung" einlud. Der Oberbürgermeister erwiederte hierauf, daß ihm an­genehm sein würde, wenn Se. Exzellenz in der für die dienstlichen Besprechungen des Oberbürgermei­sters bestimmten oder einer sonst ihm etwa genehmen Stunde im Lokale deS Magistrats von Kassel, im Rathhause sich einfinden wolle. Der Kommandant der Bürgerwehr, Herr Seidl, der sodann zum Ober­befehlshaber gerufen wurde, gab diesem, auf die Frage, ob er für die Ruhe der Stadt einstehen könne, zur Antwort, daß bis jetzt die Ordnung noch nirgends gestört fei , und daß er versichern könne, die Bewohner von Kassel wüßten die Gesetze zu respektiren, ohne daß man nöthig habe, dieselben durch Militär daran zu erinnern. Dann könnte Alles beim Alten bleiben, meinte der General, d. h. die Bürgerwehr brauche nicht aufgelöst zu werden. Ich habe Ihnen in einem früheren Briefe die Sus­pension des Bürgermeisters Henkel von feinem Amte als Polizeidirktor mitgetheilt. Diese Nachricht hat sich bestätigt. Zu seinem Nachfolger ist der bisherige Landtagskommissär der aufgelösten Ständeversamm­lung , Assessor von GoeddaeuS ernannt. Hr. Henkel hat jedoch gegen seine Amtsenthebung protestirt und erklärt, daß er die Akten nicht auSliefern und seinen Platz nicht räumen würde. Nöthigenfalls werde er der Gewalt Gewalt entgegensetzen. Ein eben so festes Benehmen hat der StaatS-Kasse-Direktor von Schotten gezeigt, der sich dahin äußerte, daß, , so lange er lebe, er den Schlüssel zur Staatskasse nicht aus seinen Händen geben werde. Sämmtliche Ober-