Nassauische Allgemeine Zeitung
M 210
Freitag den O September
1850.
Die Naff. Allq. Zeitung mit dem Wanderer erscheint einmal täglich in Großsollo-Format, mit Ausnahme des Sonntag«. — Der vierteljährige Pränum-cationsyreis in Wiesbaden für den Umfang des Her^ogthumS Nassau, des GroßherzvgthumS und KurfurüenthuinS Hessen , der Landgrafscha'I Vessen-Homburg und der freien Skadt Frankfurt S in den übrigen Ländern des fürstlich Thurn - und TariSfchen Verwaltungsgebietes 8 ft. IO kr. - Jnierate werden die dreichaltige Pelit,eile oder deren Raum mit » fr. berechnet, Bestellungen beliebe man in Wiesbaden in der L. Sch e ll e n b - r g'schen Hof-Buchhandlung, auswärts bei den nächst gelegenen Postämtern zu machen, —
Uebersicht.
Der engere Rath.
Deutschland. Wiesbaden (Assiscn). — Frankfurt (Die Wiedereröffnung deS Bundestages, Note des Herrn von Schleinitz. Das bayerische ObservationSkoryS. Die hessischen Stände). — Aus dem Großherzogthum Hessen (Die Kammern). — Koblenz (Hr. Eichmann).
— München (DaS ObservationSkoryS auf dem Marsch).
— Berlin (Die Union. Schleswig-Holstein. Neuenburg. Das NnionSgefetz über Aufhebung des Papiergeldes. Kollektivnote der Unionsstaaten). — Kiel (Ein Geschenk für Lieutenant Lange). — Re ndsburg (Die letzte Afaire. Der kleine Krieg). — Innsbruck <Das Scharfschützenkorps), — Wien (Die fremdländischen Juristen. Reise des Kaisers, Graf Nesselrode).
Dänemark. Ko p en h a ge n (Das Zollgesetz. Die März- errungenschaften).
Frankreich. Paris (Dr. Chomel. Die Stellung der Parteien).
Spanien. Madrid (Außerordentlicher Kredit. DieWah- len. Die Mauren vor Melilla).
Italien, Rom (Das Kardinalskollegium).
Griechenland. Athen (Zweck der Reise des Königs. Sammlung der Deutschen für Schleswig-Holstein).
Amerika. (Die amerikanisch-portugiesische Differenz. Die kubanische Gefangenen. Der Kongreß in Valparaiso).
Neueste Nachrichten.
£5 Der engere Nath
Die Bundesversammlung ist konstituirt; sie hat förmlich in vollem Umfange ihre verfassungs- mäßige Thätigkeit angetreten. So lauten die amtlichen Mittheilungen über die erste Sitzung des. neu erstandenen Bundestages.
Ob eine Berechtigung zur Wiederbelebung des Bundestages vorhanden war, darüber wollen wir keine Worte verlieren, darüber hat sich die preußische Regierung in der Denkschrift vom 25. August t). I. — zu einer Zeit umfassen» ausgesprochen, woAlleS fast daran verzweifelte, daß Preußen seine Stellung in Deutschland, seinen Beruf, für das Vaterland durch festes Voranschreiten zu wirken, erkenne, daß Preußen seiner Vergangenheit, seiner Verheißungen eingenk sei.
Wir wollen nur vorübergehend bemerken, daß selbst die zum rechtlichen Bestände deS rechtlos beginnenden neuen Zustandes erforderlichen formellen Bedingungen nicht vorhanden sind. Der alte Bundestag zählte wie bekannt 17 Stimmen für den engeren Rath und 69 Stimmen für das Plenum. Wir fragen, wo sind denn diese 17 Stimmen. — Nach den Zeitungsberichten waren im engeren Rath 9 Dirilstimmen und zwei Curialstimmen vertreten. Wir haben daher blos 9 Stimmen unter 17, die allerdings die Mehrheit bilden würden; unter diesen 9 Stimmen befindet sich aber die Stimme deS dänischen Bevollmächtigten, deS Abgesandten einer mit einem deutschen BundeSlande in Krieg begriffenen Regierung, wahrend die gesetzmäßige Regierung deS HerzogthumS, die Statthalterschaft bei dem Bunde nicht vertreten wird; ferner ist die den Niederlanden zukommende Stimme nicht zu zählen, indem die Niederlande wie bekannt nur rücksichtlich Limburg's, nicht aber in Bezug auf Luxemburg vertreten sind. Wo bleibt da die für den engeren Rath erstrebte Mehrheit. Diese beruht ebenso, wir wählen den gelindesten Ausdruck, auf einer Rechtsfiktion, wie die Annahme, daß der alte Bund nie aufgehört habe zu eristiren.
Es ist jedoch auch die Angabe unrichtig, daß nebst den 9 Virilstimmen auf zwei Kurialstimmen im engeren Rath vertreten waren.
Als diese beiden Kurialstimmen werden die Stimmen des Fürstenthums Liechtenstein und der Landgrafschaft Hessen-Homburg angeführt. Liechtenstein partizipirt mit den jetzt preußischen Fürstenthümern Hohenzollern, mit den beiden Fürstrn- thümern Reuß, mit den beiden Fürsteuthümern Lippe und dem Fürstenthum Waldeck an der sechzehnten Stimme, hat also allerdings ein bedeutendes selbst, ständiges Gewicht in die Wagschale zu legen; dagegen partizipirt aber Hessen-Homburg mit Hessen- Darmstadt an der neunten Stimme, und ist daher als selbstständige Kurialstimme nicht zu zählen. Die
stolze Zahl der eilf im BundeSrath vertretenen Regierungen gebietet daher, wenn man die der zehnten und eilften Virilstimme entgegcnstehcn rechtlichen Bedenken nicht berücksichtigt, über die bescheidenere Zahl von 9'/, Stimmen.
Zu erwähnen ist ferner, daß wir nun einen engeren Rath besitzen, ohne daß ein weiterer Rath besteht, daß also »gn einem engeren Rath eigentlich nicht die Rede sein kann. Wir haben bisher vergebens nach einem triftigen Grunde geforscht, indem es uns kein Widerspruch schien, auch als Bundes-Plenum nur Majoritätsbeschlüsse zu fassen, wenn man die Leitung der BundeSangelegenheiicn im engeren Rathe für die Mehrheit der zu vertretenden Stimmen , an Stelle der dazu berechtigten Gesammtheit usurpirt. Wir glauben nun die Lösung gefunden zu haben.
Im engeren Rath, der wie erwähnt 17 Stimmen zählt, haben die mit der Herbeiführung deS antediluvianischen StatuSquo beschäftigten Regierungen allerdings die scheinbare Majorität. Dasselbe ist jedoch nicht beim Plenum der Fall. Diese Regierungen waren nicht im Stande, Plenarbeschlüsse zu fassen, resp, als Bundesplenum zu sun- giren. Deßhalb mußte der wiederbelebte Bundestag unmitelbar in den engeren Rath übergehen, dessen eigenthümliche Stimmenvertheilung den eilf Regierungen unter 38 Bundesstaaten die scheinbare Mehrheit gibt. DaS Rechenerempel ist ganz ein, fach. Von den genannten Regierungen zählt Oesterreich , Bayern, Sachsen, Hannover und Würtcm- berg jedes vier Stimmen im Plenum, daS Herzog- thum Holstein, das Großherzogthum Luxemburg und daS Herzogthum Limburg, das Kurfürsten» thum, das Großherzogthum Hessen jedes drei Stimmen, Liechtenstein und Homburg je eine Stimme im Plenum. . ®ie_.^ zählen daher nur 34 resp, die Stimmen für Holstein und Luxemburg abgerechnet und Limburg seiner Bevölkerung und seinem Flächenraum nach mit einer Stimme veranschlagt nur 29 unter 69 Stimmen.
Diese angeregten formellen Bedenklichkeiten kommen jedoch, wie es sich leider von selbst versteht, in keinen Betracht; indem die vereinigten Regierungen der Anerkennung dieser vollendeten Thatsache von Seite der Großmächte sicher sind, und eS zuletzt doch nur auf diese ankommt.
Es frägt sich nur, da daS deutsche Volk sich wieder unbestreitbar in Besitz seines lang entbehrten Kleinods befindet, was dieser vollendeten Thatsache gegenüber von den in Aussicht gestellten freien Konferenzen zu erwarten steht.
Deutschland.
*. âiesbaden, 5. September. Gegenstand der heutigen Assiienverhandlung war die Anklage gegen Joseph Kalkofen, 30 Jahre alt, Fischer auS Oberlahnstein, wegen Fälschung. Der Angeklagte, der schon mehrere Male wegen Diebstahl verurtheilt war, wurde von den Geschwornen für schuldig erkannt, in der Absicht, sich drei Pfund sechSschnürige Kordel, zwei Pfund dreifältige Schnüre und ein Pfund zwölfschnürige Kordel widerrechtlich zu verschaffen, am 17. Mai l J. einen von ihm auf den Namen Douque von Nieverlahnstein geschriebenen, an den Seiler Hubert Collig zu Koblenz gerichteten Brief bei Collig abgegeben, diese im Briefe benannten Schnüre verlangt und, mit Ausnahme der nicht vorräthig gewesenen zwölfschnürigen Kordel, in Empfang genommen zu haben. Der Angeklagte wurde zu einer KorrektionShauSstrafe von 9 Monaten, verschärft durch Beschränkung der Kost auf Wasser und Brod während der ersten vierzehn Tage eines jeden Vierteljahres seiner Strafzeit ver» urtheilt.
*t* Frankfurt, 4. Sept. In tiefer Sülle ist die Wiedereröffnung des Bundestags vor sich gegangen. Bis jetzt ist noch keine Regierung hinzugekommen, als diejenigen, welche schon im sogenannten Plenum getagt haben. Die Merkwürdigkeit dabei ist, daß allgemein alle Bundestagsformen ein» gehalten sind. So schreibt man, eS seien die 9 Virilstimmen dagewesen, allein Luxemburg ist nicht vertreten, nur Limburg, und von den Gesammt« stimmen sind ihrer nur zwei halbe da, wovon im
Bundesrathe nichts bestimmt gewesen ist. Der Senat der freien Stadt Frankfurt richtet sich nach den übrigen drei freien Städten, welche der Union treu bleiben und deßhalb den Bundestag nicht anerkennen. Minister von Wintzingerode wird wohl ähnliche Resolutionen von Baden-Baden zurückbringen. —
Die Depesche deS Ministers von Schleinitz vom 25. August, in welcher vie preußische Regierung ihre Gründe angibt, weßhalb sie den Bundestag als rechtlich aufgehoben betrachtet und nicht Herstellen will, hat hier sehr großen Eindruck gemacht. Es ist in ihr keine Künstelei, sondern ein offenes Wort über daö Bedürfniß Deutschlands und wenn die Regierung dabei verharret, so wird es den übrigen, namentlich den kleineren Staaten, unmöglich, eine andere Politik zu treiben. WaS augenblicklich in Apathie hingenommen wird, ist deßhalb nicht vergessen. Wir haben Urtheile sehr verschieden gesinnter Männer über die fragliche Depesche vernommen, aber alle stimmen darin überein, daß Minister Schleinitz ein Aktenstück geliefert hat, daS allgemeinen Anklang in ganz Deutschland finden muß, weil es wirklich herzlich ist und nicht die kalte Gleichgültigkeit gegen den Andrang von außen bekundet, die sich anderswo zu zeigen kein Bedenken trägt. —
Ueber das in Aschaffenburg zusammengezogene bayerische ObservationSkorpS lacht man. Gehört auch Bayern zu den Großmächten? WaS hat eS zn ob- servircn? Einige lassen die Truppen nach Holstein gegen unsere wackeren Brüder rücken, andere nach Kurhessen, um Herrn Hassenpflug zu unterstücken, andere in unsere Nähe, um den Bundestag und daS Bundeseigenthum gegen etwaige preußische Ueber, griffe zu schützen , andere endlich lassen daS Ganze ein Herbstmanövcr sein. Gewiß, eS ist ein Manöver, welches den ohnedies zerrütteten bayerischen Finanzen sehr zum Nachtheile gereichen wird, und daß König Otto kein Geld auS Griechenland mitgebracht hat, ist gewiß.
Die kurhessischen Stände find entlassen. Die Hessen-Darmstädtischen werden am 10. berufen, um baldigst entlassen zu werden. Meint man in der That , cS sei eine Sicherung der Ruhe? DaS Abspringen von der Union ist meist nur eine Opposition gegen deren parlamentarische Verfassung. Sonst stützt man sich nur gar zu gern auf Preußen, namentlich in Darmstadt. Es wird jetzt, wie in dec Bibel steht, nach beiden Seiten gehinkt.
Aus dem Großherzogthum Hessen. Die Auf, lösung der kurhessischen Lanrstände will unSalS ein böses Omen für daS Schicksal unserer Kammern erscheinen, obgleich hier die Grundsätze nicht so schroff sind. ES ist indessen noch nicht mit Gewißheit anzunehmen, daß unsere Kammern am 10. d. zusam- mentrcten werden, da wenigstens bis zu diesem Augenblicke noch keine Einberufungs-Schreiben an die Abgeordneten erlassen sind. Eine merkwürdige Physiognomie wird unsere zweite Kammer darbieten, da sie, mit Ausnahme eines halben Dutzend Mitgliedern, fast nur auS Demokraten besteht. Keiner Frage unterliegt eS auch, daß der quieSzirte KreiS- gerichtSprâsident Mohr von Oberingelheim zum Präsidenten gewählt wird.
Koblenz, 2. Sept. Der Oberpräsident der Rheinprovinz, Herr v. Auerswald, ist feit vorgestern hier anwesend und findet gegenwärtig die Ueber» gäbe der Geschäfte an ihn statt. Hr. Eichmann nimmt heute in der hiesigen Zeitung Abschied von der Rheinprovinz.
München, 1. Septbr. (A. Z.) Die am Main und an der Regnitz statioiiirten Truppen vom „bayerischen BeobachtungSkorpS am Main" sind nach von dort hier eingelaufenen Nachrichten bereits sämmtlich auf dem Marsch. Der Kommandant deS ersten bayerischen Armeekorps, Generallieutenant Graf Usenburg, und der Kommandant der ersten Kavallerie-Diviston, Prinz Eduard von Sachsen- Altenburg, sind zur Zeit mit der Inspektion der betreffenden Kavallerie-Abtheilungen beschäftigt.
Berlin, 2. Septbr. (Lith. Corr.) Es ist jetzt eine ungewöhnliche politische Stille eingetreten. Di« Depeschen sind nach den verschiedenen Seiten erpe<