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Nassauische Allgemeine Zeitung.

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Sonntag den 1. September

1850-

Die Nass. Allq. Zeitung mit dem Wanderer erscheint

erscheint einmal täglich in Großfolio-Format, mit Ausnahme des Sonntags. Der vierteljährige Prünnmeeatlonspreis iS Nassau, des GroßherzogthumS und KurfürstenthumS Hessen, der Landgrafschait Hessen-Homburg und ber freien Stadt Frankfurt " '' ' " " Inserate werden die dreispaltige Petitzeile oder deren Raum mit 3 kr.

auswärts bei den nächst gelegenen Postämtern zu machen.

Uebersicht.

Amtlicher Theil.

Dienstnachricht.

N ichtamtlich er Theil.

Louis Philipp.

Deutschland. Wiesbaden (Abreise deS ©rasen von Chambord. Seine Abschiedsworte). Freiburg (Am­nestie). Zweibrücken (Kolb verurtheilt). Lan­dau (Der Preßprozeß wegen Arndt's Mahnruf). Stutt­gart (Der Ministerprozeß). Dresden (Die tharander Untersuchung). Berlin (Die außerordentliche Sitzung deS provisorischen Fürsteukollegiums. Die Antwortnote. Die badischen Offiziere. Der Einfluß Rußlands). Oldenburg (Das Gerücht über Beschickung des engeren Bundes). Aus dem Schlesw igsch en (Zustände in Schleswig. General de Meza). Kiel (Fehmarn noch immer okkupirt). Wien (Die Prügelstrafe. Batthyany. Der Partiarch Ra- jacic. Annäherung von Seite Koburg's. Der Rabbiner- kongreß. Die italienischen Angelegenheiten. Zusammenkunft des Kaisers mit dem Grafen Neffelrode).

Frankreich. Paris (Die Reise des Präfidenten. Die Presse über Louis Philipps Tod. Die Orleanisten. Ministerrath. Auslieferungsvertrag mit Spanien. Geschenk an .General Narvaez).

Großbritannien. London (Ankunft der Königin in Castle

Howard. Die Telegraphenlinie zwischen Dover unb Calais.

Die Repeal-Versammlung).

Türkei. Konstantinopel (Kossuth'S Schwester. Die Flüchtlinge/ Die Gefangenen auf Cuba).

Amerika. Washington (General Taylor. Die Aboli­tionisten).

Neueste Nachrichten.

Sprechsaal für Stadt und Land.

Amtlicher Theil.

Seine Hoheit der Herzog haben den Major Fuchs, Chef des 4. Bataillons zum Oberstlieute­nant zu ernennen geruht.

Nichtamtlicher Theil.

Loui sHi lipp

LouiS Philippe, geboren in Paris am 6. Okt. 1773, war der Sohn des Herzogs Louis Joseph Philippe von Orleans, jenes Egalite, dem daS Volk bei seiner Hinrichtung (am 6. Nov. 1793) zurief:Du hast Deinen Vetter zum Tode verur- theilt, um ihm nachzufolgen; aber Du wirst sein Nachsolger nur auf der Guillotine"! Er ward im neunten Jahre der Frau von Genlis zur Erziehung übergeben und wuchs in der Anfklârung des acht­zehnten Jahrhunderts auf, die mit dem Unkraut der Vorurtheile auch die Lilien des Glaubens und der Sittlichkeit auSreutete. Doch hat er sich nicht durch Ausschweifungen befleckt, und besaß jene Gulmü. thigkeit, welche der großen Menge schon ausreicht, um den Inhaber einen guten Mann zu nennen. An seiner körperlichen und geistigen Erziehung ist nach Rousseau's Ideen, die im Ganzen ein großer Fortschritt waren gegen die Verweichlichung und Un­natur der beiden letzten Jahrhunderte, viel gekünstelt worden. Doch war Voltaire mehr ein Schrifisteller nach seinem Herzen, oder vielmehr nach seinem Ver, stände, der bei ihm vorherrschte. Bald indeß nahm ihn das Leben in seine hohe Schule. Die Taae- damaligenHerzogS von Chartres bewei­sen, daß die neuen Ideen auch in seinem Kopfe zündeten, und er stand mit den Jakobinern in Ver- bmdung. AlS die National-Versammlung beschloß, ecn Regimentern diese entweder T ^ Dienst verlassen soll- t n, begab sich der Herzog, welcher den Namen eines Obersten trug, sofort an die Spitze seines Regimentes nach Vendome. Hier hatte er Gelegen­heit, zwei Priester, welche den von der Verfassung verlangten Eid verweigert hatten, aus den Händen mordschnaubenden Pöbels zu befreien. Er zeigte bei vielem Auftritte nicht blos Muth, sondern auch ^Meisterschaft ausgebildete Geschick- ße süßt drehen iu leiten, indem man sich

Als im April 1792 der Krieg an Oesterreich erklärt war, machte er seinen ersten und einzigen Feldzug. Nach seinen ersten Waffenthaten zum Generallieutenant ernannt, kämpfte der neunzehn jährige Herzog unter Kellermann an der Spitze der zweiten Linie gegen die Preußen bei Valmy am 20. Sept. 1792 mit glänzender Tapferkeit. Bei Je- mappeS, am 6. Nov. , befehligte er vierundzwanzig Bataillone und gab den Ausschlag dieses ersten be­deutenden Erfolges der französischen Waffen. Unten deß schritt die Revolution fort. Die Bourbons wurden verbannt. Der Herzog eilte nach Paris und drang in seinen Vater, zu flüchten. Seine Vorstellungen waren vergebens; er kehrte zum Heere zurück. Der Argwohn richtete sich bald nicht bloß gegen Dumouricz, sondern auch gegen den Prinzen. Als sie vor den Wohlfahrts-Ausschuß ge­laden wurden und Dumouriez sich von seinem Heere verlassen sah, flüchteten Beide über die Gränze nach Belgien, welches damals noch den Oester- reichcrn gehörte. Diese forderten den Herzog von ChartreS auf, in ihre Dienste zu treten; er aber verweigerte, gegen sein Vaterland zu kämpfen. Er wanderte nach der Schweiz, wohin auch seine Schwester Adelaide, Mademoiselle d'Orleans, mit Frau von Genlis flüchtete. Ihre Lage war pein­lich; denn sie wurden von den Freunden und den Gegnern der Revolution gehaßt, und bald gingen ihnen alle Mittel auS. Ludwig Philipp, dem daS Geschick zudachte, nicht blos ein König, sondern einer der reichsten Menschen der Erde zu werden, wußte nicht mehr, wie er sein Leben fristen sollte. Da verschaffte ihm der Hr. v. Montesquieu eine Stelle an der Schule zu Reichenau bei Chur. Er wanderte dorthin, bestand die Prüfung und unter, richtetein der Geometrie und Geschichte. Er hatte den Namen Chabaud Latour angenommen. Aber die nahenden Kriegsstürme vertrieben ihn auch aus der Schweiz. Er beschloß, nach Amerika zu gehen, aber als er sich in Hamburg einschiffen wollte, ver­mochte er nicht, eine hinlängliche Summe Geldes aufzutreiben. Bald darauf wanderte er zu Fuß durch Norwegen und Schweden und langte im August 1795 am Nord-Kap an. Er besuchte auch Finnland, vermied aber Rußland, wo er die Kai­serin Katharina zu fürchten hatte.

Unterdeß gelang eS dem Direktorium, den jun­gen Herzog v. Orleans ausfindig zu machen. Es bot ihm an, für die Herzogin v. Orleans Sorge zu tragen und ihm seine Brüder ausliefern zu wollen, unter der Bedingung, daß er sich nach den Ver­einigten Staaten begäbe. Er nahm den Vorschlag an und schiffte sich nach Amerika ein, wo er am 24. September 1796 in Philadelphia anlangte. Seine beiden Brüder folgten ihm. Sie besuchten zusammen Mount Vernon, wo sie mit Washington vertraut wurden. Nach manchen Reisen und Irr­fahrten in Amerika langten sie 1800 wieder in England an, wo sie in Twinckenham an der Themse einen freundlichen und friedlichen Aufenthalt ge, nossen. Im Jahre 1807 starb indeß der Herzog v. Montpensier, und der jüngere Bruder, Graf Beaujolais erkrankte'tödilich. Der Herzog begleitete ihn nach Malta, wo er sein Grab in der Johan- niter-Kirche fand. Da nahm Ludwig Philipp eine Einladung des Königs Ferdinand nach Sicilien an, wo er sich in Palermo die Neigung der Prinzessin Amalie (geb. 1782) erwarb und sich im folgenden Jahre mit ihr vermählte.

Nach Napoleon's Fall segelte der Herzog nach Frankreich und traf am 18. Mai 1814 in Paris ein. Hier trat er endlich die Erbschaft seiner Vä­ter an. Leider aber mußten Bourbons und Orle­ans noch einmal vor Napoleon flüchten. Er wurde von Ludwig XVIII. zum Befehlshaber der Nord- armee ernannt, legte aber schon am 24. März 1815 diese Stelle nieder und suchte wieder sein Twincken- ham auf. Nach den hundert Tagen nahm er als Prinz von Geblüt seinen Platz in der PairSkammer ein. Da er aber dem Hof durch seine Freimüthig- ke>t mißfiel, begab er sich noch einmal nach England Mück, und verlegte erst im Jahre 1817 seinen Aufenthalt dauernd nach Paris.

Hier nahm er dem regierenden Zweige seines Hauses gegenüber eine Stellung ein, vie ihn trotz aller Demuth und Ergebenheit, als das Haupt der Opposition bezeichnete. DaS PalaiS Royal, der Sammelplatz der ausgezeichneten Künstler, Gelehr,

ten und großen Kaufleute, bildete eine Art bürgen, lichen Hofes, der von dem Hofe der Tuilerien argwöhnisch überwacht wurde. Und nicht ohne Ursache. Am 9. August 1830 nahm Ludwig Phi­lipp den Königstitel an, den ihm beide Kammern (die Pairs-Kammer mit einer Mehrheit von 89 unter 114 anwesenden PairS) übertrug. Er ver­rieth die Bourbons, um daS Königthum zu retten" I

ES ist ihm nicht gelungen, und die Gründe des Mißlingens können nicht verkannt werden. Statt sich auf die Verfassung zu stützen, würdigte er sie zu einem Scheine herab. ES düukte ihm genug, wenn er der Mehrheit gewiß war in einer von den Wohlhabenden gewählten, verderbten Kammer. In der Wahl der Mittel hatte er ein weites Gewissen. Der französische Staat ist mit Aemtern und Stellen überfüllt, und das Schutzzoll-System ist ja dazu da, um Einzelne auf Kosten Aller zu qegüustigen. So fesselte er den reichen Mittelstand an sich; aber nur in diesem Sinne war er ein Bürgerkönig. Er strebte vor allen Dingen dem Wohlwollen der fremden Höfe nach, und erreichte sein Ziel indem er seine Verdienste für die Ruhe in Frankreich und den Frie­den in Europa geltend machte, und für persönliche Beleidigungen kein Gedächtniß oder vielmehr kein Gefühl hatte.

Doch wir haben heute blos an die Schicksale dieses merkwürdigen Sterblichen erinnern wollen. Die Geschichte seiner Regierung ist in Aller Erinne, rung. Nur auf bad Bild seines Charakters möchten wir noch durch die wenigen, aber bezeichnenden Worte derTimes" hindeuten:Gesunder Ver­stand, Klugheit, Vorsicht, Kenntniß der Welt, die mehr aus Erfahrung abgeleitet, als aus großar­tiger Anschauung, Geduld, Selbstbeherrschung und eine scharf hervortretende Selbstsucht waren die ein­fachen Stoffe eines Charakters, der in keine Hel­denform gegossen war." (K. Z.)

Deutschland.

' * Wiesbaden, 31. August. Heute Morgen um 6 Uhr ist der Graf von Chambord von hier abgereist. Er nahm seinen Weg über Frankfurt. Hr. Barrande wurde durch Unwohlsein verhindert, den Grafen zu begleiten. Gestern um 4 Uhr Nachmittag empfing der Graf v. Chambord noch die Abschiedsbesuche der hier anwesenden Legitimi­sten. Er entließ dieselben mit folgenden Wor, ten: Meine Freunde ! Ich biete Euch, die Ihr Eu­ren Hecrd, eure Familien meinetwegen verlassen habt, meine letzten Grüße. Ich danke Euch für die mir kundgegebenen Gefühle. Ihr kennt die Män­ner , die mein Vertrauen besitzen; unser Weg ist uns vorgezeichnet, wir wollen diesen Weg mit Strenge, und mit Versöhnlichkeit verfolgen (Ja! Ja!) Wenn Frankreich, die gesellschaftliche Ord­nung bedroht wird und eines Tages jenes Mannes bedarf, den Ihr Euren König nennt, und der Euer Aller Freund ist (ES lebe der König!); sollen sie unS, Euch wie mich, bereit finden. Lebt wohl, meine Freunde! Lebt wohl!

Freiburg, 28. August. AuS Anlaß des Ge, burtöfesteS des Großherzogs sind zahlreiche Begna, digungcn ausgesprochen. Von den vom Freiburger Hofgericht verurtheilten politischen Verbrechern sind 38 Personen, gegen welche theilweise eine Strafe bis 3 und 4 Jahren Zuchthaus erkannt war, der Haft entlassen, darunter ein Frauenzimmer, Rosa Müller von Freiburg, verurtheiltwegen versuchter Verleitung wünembergischer Soldaten zum Bruch deS Fahneneides".

t Zweibrücken, 29. August Der Redakteur der Speyerer Zeitung, chem. Parlamentsmitglied und LandtagSdepulirte Kolb stand heute wegen Preß­vergehen vor den Assisen. Die Verhandlungen dauer­ten bis NachtS 12 Uhr. DaS Auditorium war äußerst zahlreich. Nach langer Berathung sprachen die Geschwornen das Schuldig aus und daS Assi, sengericht verurtheilte den Angeklagten zu 1 Monat Gefängniß und 100 fl. Geldstrafe.

Landau, 29. August. DaS königliche Bezirks, gericht hat verordnet, daß die gegen den Redakteur