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Nassauische Allgemeine Zeitung.

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Freitag den 2. August

1850.

Die Nass. Allg. Zeitung mit dem Wanderer erscheint einmal täglich in Gr o ßf 0lt 0-ForMat, mit Ausnahme des Sonntags. - Der vierteljährige PränumeeatienSpreiS ist in Wiesbaden für den Umfang des Hcrzoatbums Nassau, des GronherzogthumS und KiirturtientbumS Hessen, der Landgraucha-i Hessen-Homburg und der freien Stadt Frankfurt » , in den übrigen Ländern des fürstlich Thurn- und Tariâfchsn Verwaltungsgebietes 3 tr. - Jnierate werden die dreispaltiae Petitzeile oder deren Raum mit 3 kr.

berechnet. Bestellungen beliebe man in Wiesbaden in der L. Schellenberg ichen Hof-Buchhandlung, auswärts bei den nächst gelegenen Postämtern zu machen.

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Uebersicht.

Die Anklage gegen die Lehrer Deisuer, Horn und Schmidt wegen Meineids und Verleitung zum Meineid.

Stimmen der Presse.

Deutschland. Wiesbaden (Asstsen). E l t v i ll e (Neue

Fälle von Meineid). Schwalbach (Die Saison). Frankfurt (Die deutsche Frage. Süddeutscher Zollverein).

Aachen (Die deutsche Flagge). Stuttgart (Ver­handlung gegen das Ministerium). ' Dresden (Vcr- urtheilungen). Naumburg (Truppenbewegung). Berlin (Die Berathungen. Die Legitimisten in Oester­reich. Unionsgesetz zum Schutz von Auswanderung). Schwerin (Haussuchung bei den Mitgliedern der Linken).

Von der Stiebe reibe (Inspektion der einzelnen Ba­taillone). Altona (Militäraufstand). Rendsburg (Der Rückzug über die Eider). Kiel (Bekanntmachung des KriegSininisteriumS. Nachrichten vom Kriegsschauplatz).

Von der Eger (Fürst Metternich). Wien (Schles­wig-Holstein).

Dänemark. Kopenhagen (Offizielle Berichte). Frankreich. Paris (Verhaftungen).

Türkei. Semlin (Der bosnische und der bulgarische Auf­stand).

Amerika. New-Bork (Cuba und Hayti).

Neueste Nachrichten.

*** Die Anklage gegen die Lehrer

Deisuer, Horn und Schmidt wegen

Meineids und Verleitung zum Meineid.

(Fvrisetzttng )

Der Lehrer D eigner wurde, da er in den Verhören darauf bestand, in der Werkstätte des Schreiners Weygand zugegen gewesen zu sein, wie Wilhelm Schmidt das Zeitungsinserat schrieb, von dem Untersuchungsrichter aufgefordert, dieses Lokal vorzuzeigen. Diese Zumulhung schien ihm sehr ungelegen zu kommen, denn er erklärte sofort, hierzu vielleicht nicht im Stande zu sein, weil er seine Aufmerksamkeit auf das HauS und die da­rin befindliche Werkstätte nicht sonderlich gerichtet habe.

In der Mauergaffe, wohin er den Untersu­chungsrichter führte, zeigte er die Häuser deS Phi­lipp Dörr, Schreiners Christian Gebhard und der Wittwe Knefeli als eines derjenigen vor, in welchem sich die Werkstätte des S-dreinerS Weygandt befin. den müsse, ohne sich mit Bestimmtheit für das eine oder andere Haus zu entscheiden. Diese drei Häu­ser sind unansehnlich und liegen auf der rechten Häuserreihe, wenn man auS der Marktstraße in die Mauergaffe geht; dagegen steht das HauS deS Schreiners Weygandt, ein diesen gar nicht ähnliches Gebäude von bedeutendem Umfange, auf der gegen- übcrliegenven Seite; eine Verwechselung des letzten HauseS mit den von Deisuer bezeichneten ist nicht möglich.

Solches geschah am 21. Januar L I. Nach etwa 14 Tagen ließ sich DeiSner zum Verhöre melden und redete den Untersuchungsrichter, als dieser nach seinem Begehren fragte, mit folgenden Worten an:

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Ich "> mich wirklich vor Ihnen schämen, ich habe neulich da vor Ihnen in der Gasse ge» .standen, wie ein agnus dei, ich war ganz ver. ârt. Gleich nachdem ich in meine Zelle wieder zuruckgebracht worden war, habe ich mir die unb ^nn Ihnen jetzt das Haus Weygandt zeigen. Mein Ge- dachtniß hat sehr durch meine Krankheit und meine Absetzung gelitten.»

m Der Untersuchungsrichter hielt einen zweiten Versuch nicht für nöthig, da Deisuer zwischenzeitlich von irgend einer Leite her eine Mittheilung über das richtige Haus erhalten haben konnte Diele Vermuthung hat sich nach kurzer Zeit bestätigt Am 2o. Februar l. J. wurde von dem herzoglichen Ju- st'zffmte zu Eltville auf Requisition des herzoglichen Knmina.gerichts in der Wohnung des Lehrers Deis, ner zu Rauenthql eine Haussuchung nach Schrift­

stücken vorgcnommen. Bei dieser Gelegenheit fanden sich eine große Anzahl Briefe deS LehrerS DeiSner an seinen Sohn Jakob DeiSner, im Gefängnisse mit einem Hölzchen und Blut auf kleine Blättchen ge­schrieben, von denen ein Theil aus dem Gebetbuchs herausgerissen war.

Mittelst dieser Briefe hat Lehrer Deisuer mit seinem Sohne kolludirt, ihn aufgefordert, falsche Zeugen zu werben, deren zu machende Angaben er in den Briefen vorschrieb; nebenbei wurde auch Auskunft über den Stand der Untersuchung von ihm verlangt. Die heimliche Zustellung der Briefe . geschah, wie er sich mit seinem Söhne über angeb­lich dringende Angelegenheiten seines Hauswesens mehrmals unter Aussicht unterhielt; auf demselben Wege steckte ihm Jakob Deisncr die Antwort­schreiben zu.

Sämmtliche Kollusionöbricfe wurden dem Lehrer DeiSner am 28. Februar L I zur Erklärung vorgelegt. Derselbe machte wiederholt den Versack, den Untersuchungsrichter zum Vernichten der Briefe zu überreden. Er nannte sie verkehrtes Zeug, in einem verwirrten krankhaften Zustande geschrieben, welcher durch seine Haft und seinen häuslichen Kummer herbeigeführt worden sei.

Johann Joseph Frank und Johann Münch von Rauenthal wurden nach dem Ausfinden der Kollu- sionSbriese des LehrerS DeiSner, woraus sich die Unwahrheit der von ihnen als wahr beschworenen Thatsachen ergiebt, gleichfalls wegen Meineids in Untersuchung gezogen. Der Erstgenannte ist der Sohn des noch lebenden TaglöhnerS Frank zu Rauenthal, 26 Jahre alt, gleichfalls Taglöhner und ledigen Standes. Sein Ruf ist schlecht; außer verschiedener Strafen wegen Forst- und Feldfrevels hat er im Jahre 1849 wegen Mißhandlung des Salamon Kahn vo^Schierstciu eine Gefä.ngnißstrafe von sieben Tagen verbüßt. Nach seinem eignen Eingeständnisse ist er dem Trunke ergeben.

Johann Münch, 46 Jahre alt, Täglöhner, ist ein Familienvater von sieben Kindern, deren ältestes achtzehn Jahre alt ist. Die Ortsbehörde schildert ihn als einen leichtsinnigen Menschen.

Am 12. März I. J. haben Beide eingestauden, daß sie verführt durch den Buchbinder Jak. Deisuer, einen Sohn deS Lehrers DeiSner, am 25. Januar ungeachtet ihrer Beeidigung als Zeugen die Wahr­heit nicht gesagt hätten. Jakob DeiSner hat ihnen von einem Papier, auf welchem sich eine rothe, oder, wie Frank sich auSdrückt, eine blulartige Schrift be­fand, vorgelesen, waS sie bei ihrer Vernehmung bei dem Hcrzogl. Kriminalgerichte sagen sollten. Eine Belohnung hierfür ist ihnen nicht geworden, dagegen hat sie DeiSner einige Male in den Wirthshäusern freigehalten. Alle von ihnen bezeugten Wahrnehmun­gen haben sie nicht gemacht und sie lediglich in Folge der Ueberredung des Jakob DeiSner als wahr eidlich bestätigt. Nach der Angabe des Jakob Deisuer stammten die Papiere, aus denen er ihre Aussagen vorlaS, von dem Lehrer DeiSner.

Mit Johann Joseph Frank und Johann Münch war Jakob DeiSner, wie Frank behauptet, einmal zu Wiesbaden und hat ihnen die Friedrich'sche Buch- handllchg gezeigt; Münch gibt zu, mit Jakob Deis- ner zu Wiesbaden gewesen zu sein, allein von dem anderen Punkte will er nichts wissen.

Verschiedene Zeugen Deponiten, daß Frank schon vor seinem Geständnisse bei dem Herzog. Kriminal­gerichte eines TageS in der Betrunkenheit Gewissens­bisse hatte, sich vor dem Teufel fürchtete und da­mals ohne Rückhalt mittheiltc, er habe in der vor­liegenden Untersuchung falsches Zeugniß abgelegt.

(Fortsetzung folgt)

Stimmen der Presse.

Die Kölner Zeitung schreibt in ihrem gestrigen Leitartikel: ES ist die höchste Zeit, daß der Bun, dcsstaat der Union definitiv fonftituirt, daß den, Preußen und Deutschland an den Abgrund brin­genden Provisorien ein Ende gemacht, und daß von der Bundesstaats-Regierung und insbesondere vom Bundes-Vorstande laut verkündet werbe, wie .sie jetzt sofort stehen und fallen wollen mit den letzten lauten und feierlichen Verheißungen vom 3. Avril und 15. Mai 1849,

»Dessen aber möge Deutschland gewiß sein und das, Meine Herren, verkünden Sie in allen seinen Gauen: Bedarf cs deS preußischen Schil, des und Schwertes gegen äußere oder innere Feinde, so werde Ich, auch ohne Ruf, nicht feh- len". Und:

Meine Regierung hat mit den Bevollmächtig­ten der größern, deutschen Staaten, welche sich Mir angeschlossen, das in Frankfurt begonnene Werk der Deutschen Verfassung wieder ausgenom­men. Diese Verfassung soll und wird in kürzester Feist Der Nation gewähren, was sie mit Recht verlangt und erwartet: ihre Einheit, bargestellt durch eine Erekutiv-Gewalt, die nach außen Den Namen und die Interessen Deutschlands würdig und krâsiig vertritt, und ihre Freiheit, gesichert durch eine Volksvertretung mit legislativer' Befug- niß.... Einem Reichstage aus allen Staaten, die flch dem Bundesstaate anschließen, wird diese Verfassung zur Prüfung und Zustimmung vorge­legt werden. Deutschland vertraue hierin dem Pa­triotismus und dem Rcchtsgcfühle der preußischen Negierung; sein Vertrauen wird nicht ge­täuscht werden"!

Wohlan! Deutschland bedarf eben jetzt des preußischen Schildes und Schwerles"! es bedarf sehr dringend derErekutivgewalt, die nach außen den Namen Deutschlands würdig und kräftig ver­tritt"!!

Der Däne steht hart an den Gränzen deS deut­schen Bundesgebiets, und die uralte Gränzfcstuna der deutschen Nord-Mark ist von' ihm bedroht! Wohlan! jetzt gilt eS für Preußens Regierung, jetzt, im allerletzten Augenblicke, noch daS Königs- Wort einzulösen und nichtPatriotismus und Rechtsgefühl der preußischen Regierung" schmach­voll uneingelös't verfallen zu lassen!

Die Abberufung der Bevollmächtigten von Frankfurt ist für sich allein gar nichts! Der letzte Augenblick ist da, den deutschen Bundesstaat unerschrocken in'S Leben zu rufen,mit Allen, mit Vielen oder mit Wenigen", und so die eigene Ehre zu rettenWir rufen dem feigen Geschwätz der Konst. Korresp." entgegen mit der neuesten

3eitg." auS:Es gilt einen männlichen Entschluß. Man zertrete der Intrigue, Die in Frank­furt gespielt wird, den Kopf, oder man erkläre, daß man Der Führung der deutschen Dinge nicht gewach­sen sey. In letzterem Falle spart man den Kredit von 18 Millionen und ist in der Lage, die Lasten deS Volkes zu erleichtern durch Verminderung des herrlichen KriegsheercS und deS minder herrlichen diplomatischen KorpS".

Also: Entweder Oder!!

Die Weser-Ztg. sagt in gleichem Sinne:DaS Bundesgebiet, die deutsche Gränzfestung deS Nor­dens, ist heute bedroht. Werden die deutschen Groß­mächte, die deutschen Bundesregierungen, die deut­schen Armeen auch diesem Kampfe müßig zuschen, einem Kampfe, nicht mehr um ein streitiges Recht, nicht mehr um die Ehre allein, sondern um die ei­gene Sicherheit, um die eigene Existenz? Auch jetzt, nachdem Schleswig von Deutschland Preis gegeben und von Dänemark erobert ist, ist die Sache Schles­wig-Holsteins noch nicht verloren. Auf Holstein ruht das Recht Deutschlands, aber viel Größeres, als bloß daS Recht eines deutschen Landes, steht hier auf dem Spiele. Ueber Deutschland selbst wird in Holstein entschieden werden. Der Aufruf um den Schutz Schleswigs an Preußen und Die deut­schen Bundes-Regierungen ist vergebens gewesen. Heute ergeht derselbe Aufruf an Preußen und die deutschen Bundesregierungen um den Schutz .hob steinS".

Deutschland.

* Wiesbaden, 1. August. (Assisenverhandlung gegen DeiSner, Schmidt, Horn und Genvs- >en). Heute wurde das Jnquisilorium Der Ange­klagten und die Vernehmung der Zeugen bezüglich deS zweiten Anklagepunktes begonnen.