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Nassauische Allgemeine Zeitung.

M 168. Freitag den LN Juli 1850,

Die Nass. Allg. Zeitung mit dem Wanderer erscheint einmal täglich in Großfolio-Format, mit Ausnahme des Sonntags. Der vierteljährige PränumerationSpreiS ist in Wiesbaden tut den Umfang des Her^ogtbums Nassau, des GroßherzogthumS und Kurfürstentbums Hessen, der Landgraffchaii Hessen-Homburg und der freien Stadt Frankfurt S fl., in den übrigen Ländern des fürstlich Thurn - und Tarisschen LerwallungSgebieteS S fl. 1O fr. Jnfera te werden die dreispaltige Petit,eile oder deren Raum mit « fr. berechnet. Bestellungen beliebe man in Wiesbaden in der 8. Schcllenb-rg'sche» Hof-Buchhandlung, auswärts bei den nächst gelegenen Postämtern zu machen.

Uebersicht.

Die Union.

Stimmen der Presse.

Deutschland. Wiesbaden (Assisen). Ems (Die deutsche Frage). Hadamar (Die Renitenten in Langen­dernbach). Frankfurt (Nahe Entscheidung. Die BundeS- kaffe). Dresden (Der Landtag. Prinz Johann. Bürgermeister Meier). Be rlin (Kriegsmarine. Der Friede mit Dänemark. Instruktionen für Hrn. v. Bunsen). Schlesw ig-Hostein (Die Gefion). Kiel (Verlegung deS Sitzes der Regierung. Gervinus). Rendsburg (EnthuflaSmuS der Schleswiger. Dänische Quartiermacher).

Wien (General-Major Jovich von Siegburg. Schiff­fahrtsvertrag mit Rußland. Lever in Frohsdorf. Turn­gesetz. Militärkordon gegen die Schweiz. Die Reduktion der Armee).

Frankreich. Paris (Das Gesetz über den Broschüren- stempel).

Großbritannien. London (Stephenson t. Der 12. Juli.

Robert Peel's Sohn).

Italien. Turin (Thätigkeit der Kammern). Florenz (Einberufung des Parlaments). Genua (Räuberbande).

Rom (Geschenke für Louis Napoleon).

Neueste Nachrichten.

* ® t e U n i o u.

Die Haltung der preußischen Regierung seit der Vertagung des Erfurter Parlamentes, abgesehen von dem erfolgten oder nahen Rücktritt einzelner unions- freundlicher Regierungen, und ohne zu untersuchen, ob dieser Rücktritt als Ursache oder als Wirkung der preußischen Politik zu betrachten ist, hat nach und nach die nur allzu gegründete Ansicht Hervorge, rufen: die Sache der .d e u t s ch e n Union sey eine verlorene oder vielmehr eine aufgegebene.

Wir haben dieselbe Ansicht vor Kurzem geäu­ßert und die voraussichtliche Rückwirkung des jetzi­gen Zustandes der Dinge auf die politische Mei­nung deS Einzelnen, wie auf die Politik der Re­gierungen angedeutet; konnten aber nicht umhin, bei dieser Gelegenheit des loyalen Benehmens unserer Regierung mit voller Anerkennung zu ge­denken, und die Ueberzeugung auszusprechen, daß von einem Aufgeben der Union nur bei dem Ab, fälligwerden dieser selbst die Rede seyn könne.

ES gibt wohl keinen Staat, der mehr darauf angewiesen wäre, in der Unionssache mit Preußen zu gehen, der sich aber zugleich mehr in Acht zu nehmen hätte, um nicht unter dem Einfluß dieser aufgedrungenen Politik ganz preußisch zu werden. Die deutsche Union mit Preußen an der Spitze for­dert gebieterisch Nassaus Anschluß, die blos preußi­sche eine Arrondirung, Kräftigung Preußens beab­sichtigende Union macht dagegen unserer Regierung die größte Vorsicht zur Pflicht, will sie anders für sich und ihr Volk die Selbstständigkeit wahren.

Naffau's geographische Lage, die Richtung, welche der bei weitem größte Theil seines Verkehrs die große Wafferstraße hinab nach den preußischen Rheinlanden, diesen großen Ventilatoren der preu- ßischen äußeren und inneren Politik hinnimmt, ge­nügen, diese Behauptung zu rechtfertigen.

Die Entscheidung über den Rücktritt oder daS Verbleiben bei der Union scheint durch die von der preußischen Regierung beantragte Verlängerung deS Provisoriums der Union noch auf einige Zeit hin­ausgeschoben zu seyn. ES sind zwar bereits einige Erklärungen auf den preußischen Antrag wegen Ver­längerung deS Provisoriums der Union eingegangen. Von Den in der II. Curie vertretenen 11 Staaten haben bis jetzt sieben ihre Zustimmung zu dem An­träge erklärt; die Zustimmung der übrigen vier ist unzweifelhaft zu erwarten. In der III. Curie hiel­ten Die Hansestädte mit ihrer Erklärung noch zu­rück, während Mecklenburg.Schwerin, Oldenburg und Braunschweig dem Anträge beitraten; Braun­schweig mit Der Erklärung, daß eS so lange bei der Union verharren würde, als Preußen dieselbe fest- Halte; Oldenburg mit dem AuSdruckc deS Wunsches, daß diese Verlängerung deS provisorischen Zustan­des die letzte seyn unD man demnächst in das De- finitivum Der Union übergehen möge. Mehrere

andere Mitglieder dieser Curie waren mit ihren Aeußerungen noch rückständig. Eben Dasselbe war mit der IV. durch Baden repräsentirten Curie ledig­lich aus Gründen der weitern örtlichen Entfernung, der Fall. In der V. Curie waren von Nassan eine beistimmende, vom Großherzogthum Hessen eine aus­weichende, obwohl das Verharren der großherzogl. hessischen Regierung bei Dem Bündniß vom 26. Mai 1849 bekräftigende Erklärung eingclaufen.

Diese Zustimmungen beweisen jedoch nichtS für daS Zustandekommen der Union, noch können diese für die künftige Haltung einzelner Regierungen maß­gebendseyn; während auö der Verweigerung dieser Zustimmung ohne gleichzeitigen Rücktritt von Der Union sich mit mehr Recht der Schluß ziehen ließe, daß man jetzt schon aus dem provisorischen Zustand heraus und in ein Definitivum übergehen wolle. Bis jetzt scheint nur Oldenburg diese entschiedene Richtung eingeschlagen zu haben.

In Berlin selbst, wo von einem großen Siege der deutschen Sache im Ministerrath die Rede ist, beschränkt sich dieser Sieg auf die Verlängerung des Provisoriums.

Nach einer Korrespondenz der D. Allg. Ztg. Hat nämlich der erfolgte und der angedrohte Abfall mancher Unionsregierung bei Vielen die Ansicht her­vorgerufen, eS lohne nicht der Mühe, sich ferner mit dem deutschen Bundesstaate zu befassen, Preußen habe nur Verdruß und Schaden dabei. Man solle daher die in Erfurt geschaffene Reichsverfassung auf­heben und sich allenfalls mit den kleinen Regie­rungen, die noch bei Preußen Schutz suchen, über eine Art von neuem Bündniß verständigen. Dann würde zugleich der Forderung der österreichischen Regierung gewillfahrt, man ende die gefährlichen Streitigkeiten und könne dabei noch für Preußen manchen Vortheil eintauschen. Dies war eie eine Der beiden Meinungen, die sich geltend machte. Dieser trat nun Die andere gegenüber, Die daraus hinausgeht, daß man im jetzigen Augenblick zwar noch nicht den Bundesstaat auszuführen im Stande sey, weil eS nicht wenige deutsche Regierungen gibt, die da wollen, aber nicht können. Aber Preußen müsse fest daran halten, wozu cs sich anheischig ge­macht hat. WaS man im Augenblicke noch nicht durchsüuren könne; daS soll man ausbewahren bis eine bessere Zeit kommt, und sich davon durch nichts abbringen lassen.

Diese Meinung soll wirklich Herr v. Radowitz verfochten haben; wer aber Dc.i Ausschlag gegeben hat, daS sey der König selbst. Er geht bei' seinem festen Vorsatze, seine Pflicht gegen daS deutsche Volk zu erfüllen, Hand in Hand mit dem Prinzen von Preußen.

Von einer gänzlichen Zurückweisung der For­derungen deS österreichischen Kabinets, die als nothwendige Folge dieses sogenannten Beharrens bei der Unionspolitik bezeichnet wurde, scheint man nach den neuesten Nachrichten über Die Verständi­gungen zwischen den beiden Kabineten zu Wien und Berlin abgekommen und eS die wohlbegrün­dete Ansicht vieler, bisher der Union günstig gesinn- ten Regierungen geworden zu seyn , daß Preußens Absichten nur auf die Herstellung deS DualiSmuL in der Exekutivgewalt und auf die Durchführung des Grundsatzes der freien Vereinbarung in der internationalen Politik Deutschlands (sit venia verbo) gerichtet sind.

Mag auch noch so sehr die beutle Gesin­nung der erwähnten Personen gepriesen , mag die Verlängerung deS Provisoriums, die stauueuSwer, the Thätigkeit des provisorischen Fürstenkollegiums als Beweis für die Lebenskräftigkeil der Union auf­gestellt werden; unser Glaube an den mißlichen Stand der Union wird dadurch nicht erschüttert. Die echt deutsche Gesinnung kann hier nur durch ein enffschiebenes Vorgehen, niemals aber durch eine temporisirende Politik erprobt werden. Die Erklärung, daß der Augenblick zur Durchführung der Union noch nicht gekommen sey, daß man aber an dem begonnenen Werke feststen wolle, kann die einmal gesunkene Hoffnung nicht wieder bele­ben. Wann sollte, wann sonnte dieser Augenblick kommen? etwa dann wann die Verhandlungen in Frankfurt zu einer definitiven Konstituirung des StaatenbundeS geführt und die Rechte und Befug­nisse der einzelnen BundeSglieder neu geregelt und beschränkt sein werden; etwa dann? wann dort

ein neuer Rechtsboden geschaffen, und die Bildung einer Union einzelner Staaten durch feierliche Traktate für einen Gegenstand erklärt worden seyn wird, welcher gleich wie der Bestand der dänischen Gesammtmonarchw mit den Interessen der Erhal­tung des europäischen Gleichgewichtes auf das engste verbunden ist? Mit dem unverbrüchlichen Festhalten und dem Beharren auf dem betretenen Wege ist dann wenig geholfen; wir haben daS schon einmal bei den feierlichen Erklärungen über daS Festhalten an der ReichSverfassung erlebt.

Es ist schon Alles dagewesen".

Die Verlängerung des Provisoriums beweiset nichts, sie schiebt höchstens die Entscheidung auf; ebensowenig beweißt die Thätigkeit deS Fürstenkolle­giums ; zur Erlassung und Einführung der UnionS- gesetze braucht man keine Kammern.

Es scheint also jetzt schon der Augenblick ge­kommen zu seyn , der die einzelnen Regierungen zrtr Entscheidung in dieser wichtigen Sache drängt; die nächste Zeit muß unS über die Ansichten und Absichten derselben belehren.

Ueber die Stellung Preußens und über die Neugestaltung unseres Vaterlandes dürfte vielleicht jetzt schon die Entscheidung gefällt seyn; wie die­selbe lauten wird, ist leicht vorauSzusehen.

Stimmen der Presse.

_ DieNeue Preußische Zeitung" bringt folgende interessante Mittheilung:Wenn man auch nicht sagen kann, wie die Const. Ztg. gethan hat, Preußen werde unter Umständen die Union aufgeben; fivcnn man noch weniger sagen kann, Preußen werde die Union aufgeben, um an Oesterreich eine Konzession zu machen, so dürfte doch die Union in Die Lage kommen, eS für gut und nützlich zu halten, sich auf« zülösen, wenn nämlich dadurch daS Hindzrniß für den weiteren deutschen Bund beseitigt wird. Preu­ßen wünscht diesen weiteren Bund lebhaft, aber wie eS materiell mit Oesterreich Deutschland regiert, so will cs dies auch nominell, und es wird einem wei­ten Bunde beitreten, in welchem eS neben Oester­reich steht, in welchem derDualiiSmuS gilt. Darum hat Preußen jetzt Oesterreich auheimgestellt, desfall- sige Vorschlägs mit seinen Freunden in Frankfurt zu berathen und an Preußen zu übermalen. Ehe diese Vorschläge aber nicht eingegangen und nach Lage der Sache annehmbar gefunden worden, wird die Union sich zuverlässig nicht auflösen, insbesondere, weil eS immerhin möglich wäre, daß, wenn die Union sich aufgelöst und man sich auch mit Oester­reich an sich verständigte, die übrigen Königreiche ihre Zustimmung verweigerten". Man sieht: wenn die Union auch gar nichts taugt, so ifl sie wenig­stens gut genug dafür dem Dualismus die Wege zu bahnen.

Seinem leitenden Artikel gegen die National­versammlung bezüglich der Debatten über das Preß- gesetz schließt daSDebatS" mit folgenden prophe, tischen Worten:Ihr folgt heute Dem Rufe:Man muß den Schreibern den GarauS machen!"" Gebe Gott, daß an die Stelle dieses Rufes nicht eines Tages ein anderer trete:Man muß den Schwätzern den GarauS machen! " "

Als hätte das Organ des Elysee die im Bu­reau deSDebatS" niedergeschriebene Prophezeiung vernommen, schicktLe Pouvoir" bereits sich an, sie enstweilkn auf dem Papier auSzuführen: denn unter der Ucberschrift:Stufenweise Abnahme der Macht der Nationalversammlung," entwickelt dieses Blatt, daß im Lande mehr Ruhe und Ordnung, als in der gesetzgebenden Versammlung herrsche; daß eine Nation nicht lange zusehen könne, wie im Schooße ihrer Vertreter der Streit der Parteien nur unterhalten werde ; wie das Land einsehe, daß eS Bürgschaften eines dauernden Friedens und einer festen Ordnung nicht von der Legislativen zu er­warten habe; mit Einem Worte:Man muß den Sprechern den Garaus machen, nachdem man den Schreibern wird den GarauS gemacht haben!"

Dieses Zusammentreffen deSJournal deS De­batS" mit demPouvoir" verdient um so mehr her­vorgehoben zu werden, als ein anderes Organ,