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NassauW Allßmeme Zntung.

Ji 16^. Sonntag den Juli 1850»

Die Nass. Allq. Zeitung mit dem Wanderer erscheint einmal täglich in G r o ß s o l l o - F o rm at, mit Ausnahme des Sonntags. Der vierteljährige Pränumerationspreis ist in Wiesbaden für den Umfang des Herzogtums Nassau, des GroßherzogthnmS und Kurfürstentums Hessen, der Landgrafichait Hessen-Homburg und der freien Stadt Frankfurt S fl in den übrigen Ländern des fürstlich 'Thurn- und TariSfchen VerwaltungSgebieteS iS fl. 10 kr, Inserate werden die dreispaltige Petitzeile oder deren Raum mit 3 fr. berechnet Bestellungen beliebe man in Wiesbaden in der L. Schellenberg'schen Hof-Buchhandlung, auswärts bei den nächst gelegenen Postämter^ zu machen.

Uebersicht.

Amt! ich er The il.

Verfügung, betreffend außerordentliche Assisen des Hofgerichtsbezirks Wiesbaden im dritten

Quartale 1850.

Nichtamtlicher Theil.

Aus Viktor Hugo's Rede über das Preßgesetz.

Stimmen der Presse.

Deutschland. Wiesbaden (Entgegnung. Verhandlung gegen DeiSner. Außerordentliche Assssen). Schlangen­bad (Jenny Lind. Bildhauer Prof. Rauch). - Frank­furt (Ueber die deutsche Frage).Zweibrücken (Außer­ordentliche Sitzung des Spezialgerichtes). München (Gesetzentwurf die legislative Gewalt des KammerauSjchni-, seS betreffend). Leipzig (Der akademische Senat). Bra unschw eig (Austritt mehrerer Offiziere). Berlin (Note des Ritter von Bunsen. Die deutsche Frage. Pro- fessorenkongreß in Heidelberg, v. Kaulbach. Rosenberg. Der Prinz von Preußen. Sitzung des provisorischen Fürsten- kollegiuniS. Aufklärungen).- Schleswig (Das Ein­rücken der Dänen. Die dänischen Pläne). Wien (Neue Einrichtung die Audienz betreffend. Reduktion der Armee- Schleswig-Holstein. Verurtheilung in Ungarn).

Schweiz. Bern (Die Flüchtlinge).

Frankreich. Paris (Exkönig Ludwig Philipp. Legitimi­sten Kongreß. Das Preßgesetz. Girardin und die Linke. Boyer t).

Großbritannien. London (Der Herzog von Cambridge).

Neueste Nachrichten.

Sprechsaal für Stadt und Land.

Amtlicher Theil.

Verfügung,

Nachdem das Herzogliche Hof- und Appellations- gericht dahier auf Grund der Ermächtigung in Ar­tikel 7 des SlrafprozeßgcsetzeS beschlossen hat, daß im dritten Quartale dieses Jahres außerordentliche Assisen gehalten werden, verfügt der Unterzeichnete in Gemäßheit der Artikel 8 und 11 benannten Ge­setzes hierdurch:

daß diese außerordentlichen Assilen deö Hofge­richtsbezirks Wiesbaden Montag den 2. Sep­tember l. I. des Morgens um 9 Uhr eröffnet werden sollen, ernennt zugleich den Herzoglichen OberappellalionSgcrichtSraih, Herrn Lang­hans zu Wiesbaden, $um Präsidenten, und den Herzoglichen Hof- und AppellationSgerichtS- ralh, Herrn Trepka, zu dessen Stellver­treter bei diesen Assisen, und überlaßt eS dem Herzoglichen General-StaatSprokurator, Herrn Hergenhahn, diese Verfügung öffentlich bekannt zu machen.

So geschehen Wiesbaden den 10. Juli 1850. Der Präsident des Herzogs. Nass. Lassationshofs

(L, S.) (gez.) Muffet.

Für die richtige Ausfertigung: Der Sekretär des Caffationshofs

(gez.) Hofmann.

Gesehen und verkündigt durch den General- StaatSprokurator am CassationShof.

Wiesbaden, den 12. Juli 1850.

Hergenhahn.

Nichtamtlicher Theil.

Aus Viktor Hugos Rede über das Preßgefetz.

DaS Gesetz ist eine Protestation der Regie­rung gegen den Volksgeist. Eine solche Regierung ist nicht die wahre Regierung unseres Landes. Die wahre Regierung Frankreichs im neunzehnten Jahr­hundert würde organisiren und nicht unterdrücken, die Ideen entwickeln nun nicht bekämpfen. Allein die wahre Zukunft der wahnsinnigen Reaktion ist schon zu erkennen. Ich habe die zwei vorigen Re­gierungen vor ihrem Sturze gewarnt, ich warne auch

die gegenwärtige, d. h. die öffentliche und die geheime denn wir wissen Alle, daß der Präsident der Repu­blik ein Numa mit 17 Egerien ist. In drei Monaten wird Ihr Gesetz unwirksam seyn. Die nächste Wahl wird gegen Sie auSsallen. Sie werden die Stärke der sie überlebenden Oppositions-Journale verdop­peln. Was dann? Man hat viele Regierungen den Berg hinuntergleiten, keine wieder heraufkommen sehen. Die wahren Revolutionärs sind die Reak­tionärs."

Ein ganzes Arsenal zwar verfassungswidriger aber vollkommen gesetzlicher best im mutigen cristirte schon gegen die Preßfreiheit, woran gerade nur noch daS lebendige Verbrennen fehlte. DaS Maß der Willkür und ter Tyrannei schien erschöpft. Dies war ein Irrthum. Es fehlte noch, waS man heute vorschlägt: die bloße Anklage an die Stelle deS Ur# theils gesetzt, und damit die KauttuS-Vermehrung der Minister übergeben, Geldstrafen, die möglicher Weise zwischen 27, und 10 Millionen belaufen können, ein Stempel für die Lieferungen nicht nur politischer, sondern auch wissenschaftlicher Schriften eingeführt, unsere Arbeiter brodlos gemacht, den Buchhandel zum Besten des ausländischen Nach­drucks ruinirt dies ist das Gesetz, was man vorschlägt. Daß das Gesetz nicht nur politische, sondern auch alle andern literarischen Blätter und Broschüren trifft, und z. B. in Paris allein auf einmal an 300 vollkommen unschuldige periodische. Schriften verschiedenen Inhalts unterdrückt, beweist recht seinen Charakter.

ES gründet ein Zirkulations-Privilegium für die erbärmliche ultramontane Sippschaft, und macht die kleinen Schriften, diese wohlfeile Nahrung der Intelligenz, unmöglich. Alle früheren Systeme, die Zensur einbegriffen, sind übertroffen. Wie der Minister Peyronnet von denen, die ihn verdammten, so ist auchGnlzot vondcnen,dteahn in Anklage- Zustand versetzten, übertroffen, und ich hoffe, daß Herr Guizot noch kommen wtv, um Hrn. Laroche in Anklagezustand zu versetzest/"

Der Redner nennt daS neue Preßgesetz ein Werk der Jesuiten - Partei, und ruft zuletzt aus: Was wir fürchten, ist freilich nicht die Jesuiten- Partei selbst, die so sehr heruntergekommen ist, in der Politik sich auf Voltairianer, die ihrer spotten, und in den Finanzen auf Juden, die sie gern leben­dig verbrennen möchten, stützen zu müssen. Was wir fürchten, ist, daß die Regierung, die doch andere Interessen hat, den Plänen dieser Partei dienend, die Kräfte der Gesellschaft gegen die Tendenzen die­ser Gesellschaft selbst aunwcnde, und dadurch zuletzt schreckliche Katastrophen herbciführe. Bedenken Sie den wahren Feind, gegen den Sie zu Felde ziehen! Die Partei der Furcht in Europa nennt den Schul­digen Frankreich, die in Frankreich nennt ihn Paris, die tu Paris nennt ihn die Presse. SUlein der wahre Schuldige ist der Mcnschengeist selbst, und dies ist der Feind den Sie bekämpfen, und der sich immer wieder und stets furchtbarer vor Ihnen auf- richlen wird."

Stimmen der Greffe.

Die Sprache der österreichischen ministeriellen Organe wird wieder viel versöhnlicher gegen Preu­ßen. Die Oesterr. Korresp. weist auf die darüber schwebenden Unterhandlungen und bemerkt:Daß Preußen ungeachtet all der bekannten Negationen nicht füglich umhin kann die Existenz deö Bundes anzuerkennen, beweist der Vorbehalt, welcher bei dem Friedensabschlusse mit Dänemark eingeschaltet worden ist. Preußen räumt dem Bunde daS Recht ein, bezüglich der Kriegführung in Holstein zu ent­scheiden. Wenn nun, der älteren preußischen Auf­fassung gemäß, lediglich die Idee des Bundes eri- stirte, mit der Bundesverfassung aber jedes berech­tigte Organ desselben untergegangen wäre, so schlösse dieser Vorbehalt einen eklatanten Widerspruch in sich ein. Es ist die höchste Zeit, daß Deutschlands Geschick definitiv festgestellt, seine politische Bedeu­tung in Europa angemessen wiederhcrgcstellt, und Widerspruch und EgoiömuS vom Rathe Derjenigen, welche sich mit dieser Aufgabe beschäftigen, ernstlich auSgeschieden werden".

Die Vossische Zeitung, welche vor Kurzem eine unversöhnliche Stimmung gegen dasHauS Habs­burg-Lothringen" bei jeder Gelegenheit kund gab und von einer versöhnlichen Politik nicht reden hören wollte, stellt heute daS sehr naive Entweder Oder, Krieg oder friedliche Ausgleichung auf, und meint, da man Krieg doch nicht führen zu wollen scheine, so möchte man sich mit Oesterreich auS- einandersetzen. Sie schließt mit folgenden Worten:

Sollen die Waffen nicht zwischen Oesterreich und Preußen entscheiden, und sie werden eS nicht, so ist eine Verständigung mit demselben um so noth­wendiger und um so mehr zu beschleunigen, als dieser verewigte Zweifelzustand alles Vertrauen und jeden gedeihlichen Aufschwung von Handel und Gewerbe zuletzt vernichten muß. Die Situation ist so und nicht anders, wenn man sie sich klar machen und sich keinen unfruchtbaren Illusionen hingeben will; ob sie eine andere seyn könnte oder nicht, ist jedenfalls jetzt ein vergebliches Geschäft der llnteriuchung. Auch darüber darf man sich keine JÜussioncn machen, daß eine Verständigung immer mehr oder weniger die Natur eines Vergleiches an­nehmen wird, bei dem jeder Theil etwas von seinen Rechten nachzulassen pflegt. Daß aber dieses Nach­lassen nicht über diejenige- Gränze ausgedehnt wer­den wird, jenseits welcher die Union aufhören würde, ein lebensfähigerKeim für die deutsche Zu­kunft" zu werden, kann keinem Zweifel unterliegen. Die Verständigung wird unter allen Umständen Preußens rechtliche und thatsächliche Stellung an sich und seinen treuen Verbündeten gegenüber zum Ausgangspunkte haben. Unabweièlich aber ist und bleibt die Alternative: Entweder Oder."

Deutschland.

Wiesbaden, 13. Juli. Als Entgegnung auf den in der Beilage zur Nummer 164 der Frank­furter O.-P.-A.-Z. enthaltenen v Artikel datirt auS Darmstadt 10. Juli über die in dem Leit­artikel: Nassau und die Union aufgestellte Behaup­tungder Staatsminister Jaup sey zum Rücktritt veranlaßt worden, weil er zu den neuen Kammern nach dem alten Wahlgesetz wählen lassen wollte", bemerkt der Verfasser des oft erwähnten Leitartikels, daß er das n e u e großh. Hessische Wahlgesetz deß­halb daS alte genannt habe, weil cs sich bekannt­lich darum handelte, ein neues Wahlgesetz für die bevorstehenden Kammerwahlen zu erlassen resp, zu oktroyiren, welchem Ansinnen sich der StaatS- minister Jaup von seinem Standpunkte auS mit eben so viel Grund als Erfolg wiedersetzte.

* Wiesbaden, 13. Juli. Sicherem Ver­nehmen nach kommt die Anklage gegen die entlasse­nen Schullehrer Deiöner aus Rauenthal, Horn aus Thalheim, Schmidt auS Neudorf und Kon­sorten , wegen MeincidS, Verleitung zum Meineid ic., Dienstag den 30. 1. Mis. und die folgenden Tage als der letzte und der längstwährende Fall in dieser Quartalsitzung der Assisen zur Verhandlung. Er wird voraussichtlich wenigstens mehrere Tage in Anspruch nehmen. Der vorliegende Fall ist nicht nur in pädagogischer, psychologischer und rechtlicher, sondern auch noch in manch anderer Beziehung von dem größten Interesse. Die Verhandlung wird zeigen, wie diesen Menschen, welche nach verschie­denen Seiten je nachdem der Wind ging oder ihnen zu gehen schien mit Heuchelei, Lug und Trug operirten, weder Vermögen, noch Ehre, Ge­sundheit und Leben ihrer Mitbürger auch nur im geringsten heilig war. Die öffentliche Verhandlun­gen werden nicht nur für den Juristen, sondern auch für Pädagogen, Geistliche und VerwaltungS- beamten, sowie für jeden denkenden Staatsbürger so interessant und lehrreich sein, wie selten die Ver­handlungen über andere Fälle, namentlich über so­genannte Spcktakelstücke.

Wir glauben deßhalb daS Publikum, besonders unsere nassauischcü Mitbürger darauf aufmerksam machen zu müssen.

Wie man vernimmt, so werden die für den Monat September anberaumten außerordentlichen Assisen zur Erledigung über Fälle nicht hinreichen und werden diese erst bei den Oktoberassifen zur Verhandlung komchd» sönnen.