Prag, 23. Juni. Während die Eisenbahn von Pirna bis Aussig bereits so weit fertig ist, daß darauf Probefahrten können vorgenommen werden, wird die Strecke von Lobositz nach Aussig schwerlich vor drei Monaten fertig werden, so daß wir überhaupt kaum mehr hoffen dürfen, noch in diesem Herbste die ganze Bahn von Prag bis Dresden in ihrer Vollendung zu sehen.
Prag, 25. Juni. Nicht nur in unserer böhmischen Haupt» stadt, auch in 83 andern benachbarten Ortschaften wüthet jetzt die Cholera.
Wien, 24. Juni. Die „Oesterr. ReichSztg." theilt die Note des Fürsten Schwarzenberg an Lord Palmerston vom 14. April d. J. mit, worin der österreichische Minister Einsprache thut gegen die englischen Forderungen an ToSkana. Fürst Schwarzenberg fühlte sich hierzu um so mehr veranlaßt, als, wie eS in der Nole heißt, die Beschädigungen, welche die englische Reklamation hervorgcrufen, den Truppen Sr. Majestät des Kaisers zugeschrieben werden. Die Note erklärt eS für die erste Berechtigung jedes unabhängigen StaatS, seine eigene Erhaltung durch alle ihm zu Gebote stehenden Mittel zu wahren. Wenn dazu Waffengewalt nöthig sey, und wenn in dem daraus entstehenden Bürgerkriege daS Eigenthum der im Lande ansässigen Fremden beschädigt werde, so sey dies nach dem Erachten deS österreichischen Ministers ein öffentliches Unglück, woran die Fremden so gut wie die Einheimischen ihren Theil tragen müßten.__
Frankreich
Paris, 22. Juni. (A. Z.) In ihren Champagner-Momenten gestehen die Rothen selber ein, daß ihnen Helle, bildende Köpfe und feuerfeste Charaktere abgehen; sie können sich ebensowenig eines Heldenmannes rühmen; so oft sie eine heroische Miene annehmen, ruft man ihnen den berüchtigten Fensterspruch Ledu-RollinS in daS Gedächtniß zurück. Märtyrer hätten sie allerdings eine gehörige Anzahl aufzuweisen; sie sprechen mit echtem Zorn uni) falscher Rührung von den Schandthaten der Reaktion, aus den Pontons und den Leiden ihrer Brüder in den Gefängnissen. Aber all' diese Klagen und Flüche ermangeln der volksthümlichen Poesie. Es ist keine Legende daraus zu machen. Dazu gehört ein Blutzeuge.
Wahr ist eS nun, in den Junitagen geschahen Dinge, die der damaligen rep ub l i kan i schen Reaktion nicht den Ruf der Sanflmuth verschaffen konnten; waS von Erschießungen der gefangenen Jnsurgentenmasse geflüstert wird, scheint denn doch nicht ganz eine Mythe. An Blutzeugen hätten also die Rothen eher Ueberfluß als Noth; aber auch hier fehlt der glorreiche Name, das hervorragende Opfer, der Held. Kolossale Hinrichtungen lassen sich am Ende für die Phäntasie deS gemeinen Mannes nicht besser als der unfreiwillige Aufenthalt zu Belle-JSle und die Zimmerhaft in der Conciergerie ideali- siren. Das taugt weder zu einem Lied noch zu einem Bild.
DaS Gemüth deS Menschen ist monarchisch; eS braucht, um sich hinzugeben, immer eine große Gestalt, Tausende sind ihm zu wenig; ein Einziger ist ihm genug. Nach diesem Einzigen sieht die rothe Republik in Frankreich sich vergebens um. WaS man aber nicht hat, daS borgt man, und im Leihen waren die Franzosen von jeher stark. Sie haben also Robert B ! u m in den Katalog ihrer Märtyrer ausgenommen. Der Name Robert Blum ertönt in einer Ballade von Pierre Dupont, die von den Arbeitern der Vorstädte, deS Montags, wenn sie deS blauen Weins zu viel haben, gestöhnt wird. DaS gibt ihnen einen kosmopolitischen Anstrich, der jetzt sehr in der Mode ist. Die Züge Robert BlumS kommen auf mehreren allegorischen Lithographien vor. Jetzt fertigt ein demokratischer Künstler bas Bildniß deS deutschen Revolutionärs für den Steindruck an, und man könnte wetten, daß Robert Blum in dem gallischen Bewußtseyn noch einmal, wie Kotzebue, Rossini und Meyerbeer, als Franzose sich festsetzt, und bei dem nächsten siegreichen Krawall seine Asche unter Kriegsdrohung von ter österreichischen Regierung zurückgefordert wird, um in daS Pantheon unter die andern großen Männer deS Vaterlandes von Rousseau und Voltaire gebracht zu werden.
Paris, 26. Juni. „Pouvoir" (vormals „dir Deeembre") ist mit der Abstimmung in der Dotationssache unzufrieden, woraus man schließen darf, daß auch im Elysee nicht die beste
Stimmung darüber herrsche. Dies Blatt spricht sich heute deutlich auS. ES behauptet, daS Land habe nach der Wahl des Präsidenten der Republik am 10. Dez. seine Ansichten vervollständigt, indem eS in die gesetzgebende Versammlung Abgeordnete gesandt habe, um sich mit dem Präsidenten zu verstau, digen. „Frankreich muß wissen, heißt es, daß seine Hoffnun, gen getäuscht worden sind. Im Innersten der Versammlung herrscht ein andauernd feindseliger Gedanke gegen den Prinzen Ludwig Napoleon Bonaparte". „Pouvoir" hat zwar seine Schlüsse noch nicht gezogen, in diesen wenigen Worten jedoch schon genug gesagt. — Aber auch auf anderer Seite herrscht Unzufriedenheit, und mehrere Abgeordnete, welche Montags gegen das Ministerium gestimmt haben, erklären, sich von den Vereinen in der Richelieustraße und im StaatSrathSgebäude zurückziehen zu wollen, waS leicht eine Spaltung in der Mehrheit Herbeiführen könnte.
— Ein weiterer Umstand, welcher im Elysee Mißfallen erregt hat, ist das zunehmende Uebergewicht und der Einfluß deS Generals Chargarnier, der sich bei diesem Anlaß bethätigte. — Der Präfekt von Oran ist abgesetzt worden.
Großbritannien.
London, 26. Juni. (D. Ztg.) Auch in ihrer gestrigen Sitzung haben die Gemeinen die Berathung über daS Vertrauensvotum noch nicht zu Ende gebracht. Lord Palmerston trat in dieser Sitzung als Anwalt seiner eigenen Sache auf und suchte in einer Rede, die nicht weniger als fünf Stunden dauerte, die von ihm in den verschiedenen europäischen Fragen befolgte Politik zu rechtfertigen. Seine Rede, welche mir einer würdigen und beredten Ansprache an das englische Nationalgefühl schloß, fand lauten und lange dauernden Beifall. Vor ihm sprachen Hr. Oöborne, dessen lebhafte Rede reich an beißenden Sarkasmen gegen Palmerstons Gegner war und vielen Beifall fand, für den Roebuck'schen Antrag, Lord I. Man, nerS und Hr. Cochrane dagegen. Hr. Anstey erklärte, weder für noch gegen den Minister stimmen zu können. Die Berathung wurde bis auf Donnerstag den 27. vertagt. Ein Londoner Korrespondent der Jndependance beige versichert, Sir Robert Peel werde dem Ministerium opponiren, wahrscheinlich auch Cobden als Mitglied deS Friedenskongresses. Der Korrespondent traut hiermit Hrn. Cobden eine große politrfchr^ Takilosigkeit zu. Die Angabe des Korrespondenten, daß Peel über einen Anhang von 130 Köpfen gebiete, ist viel zu hoch gegriffen. Die Zahl der eigentlichen Anhänger Pcel'S im Unterhause beträgt noch lange keine hundert. Demselben Korrespondenten zufolge seyen übrigens die Ministeriellen noch guten Muths uns rechneten auf eine Mehrheit von vierzig Stimmen.
Italien.
Turin, 21. Juni. In der heutigen Sitzung hat .die De- putirtenkammer den Beschluß gefaßt, daß auf der Insel Sardinien fortan keine Zehnten mehr bezahlt werden sollen. Der Senat hat daS Gesetz zur Abschaffung deS Zeitungsstempels ohne Berathung mit bedeutender Mehrheit bestätigt.
Modena. Die Jesuiten sind auf das künftige Fest Aller, heiligen zurückberufen, auch stellt ein Herzogliches Handbillct ihnen ihre Güter und die Leitung deS öffentlichen Unterrichts zurück. —
Neapel, 17. Juni. Hier hat sich heute ein schreckliches Unglück ereignet. Ein Theil deS Grenaglio, ein ungeheures, als Kaserne vixnendeS Gebäude ist eingestürzt und soll 4 bis 500 Personen unter seinen Trümmern begraben haben. Genaue Einzelheiten fehlen.
T u r f et
Konstantinopel, 12. Juni. Gestern ging Kurschid Pascha in der Uniform eines Paschas mit den Kindern KossuthS in Pera spazieren. Die zahlreichen Magyaren, die sich in Konstantinopel befinden, begleiteten sie auf dem ganzen Wege mit dem lauten Ruf: „Eljen Kossuth"! (Wand.)
Verantwortlicher Redakteur r W. H. Riehl.
Druck und Verlag der L. Schellenberg'schen Hof-Buchhandlung in Wiesbaden.