Nassauische
Allgemeine Zeitung.
J£ LL6 Sonntag den 23. Juni 1850»
Bestellungen auf das mit dem 1. Juli neu beginnende Quartal der „Nassauischen Allgemeinen Zeitung" werden baldigst erbeten, damit die Expedition von vornherein in den Stand gesetzt ist,'vollständige Exemplare zu liefern.
Die Verhandlungen des Assisenhofes werden mit möglichster Schnelligkeit und Ausführlichkeit mitgetheilt werden.
Durch den „amtlichen Theil" der Zeitung kommen Kundmachungen der Regierung am frühesten zur Kenntniß des Publikums.
Da fich die „Nassauische Allgemeine Zeitung" einer stets im Steigen begriffenen ausgedehnten Verbreitung erfreut, so erscheint sie zur Veröffentlichung von Anzeigen aller Art ganz besonders geeignet.
Die Nass. Allg. Zeitung erscheint zweimal, die Beiblätter einmal täglich, mit Ausnahme des Sonntags. — Der vierteljährige Prânume« rationspreis ist in Wiesbaden, für den Umfang des HerzogthumS Nassau, des GroßherzogthumS und Kurfürstenthums Hessen, der Landgraffchaft Hessen-Homburg und der freien Stadt Frankfurt S fl., in den übrigen Ländern des fürstlich Thurn- und Tarisschen Verwaltungsgebietes 8 fL lO fr. - Inserate werden die dreispaltige Petitzeile oder deren Raum mit 3 kr. berechnet. Bestellungen beliebe man in Wiesbaden in der L. Schellen- terg'schen Hof-Buchhandlung, auswärts bei den nächst gelegenen Postämtern zu machen.
Uebersicht.
Friedrich Iakob Schmitthenner.
Deutschland, Wiesbaden (Der Gustav - Adolph - Verein). — Von der Aar (Generalversammlung und Preisvertheilung des landwirth- schaftlichen Vereins in Nastätten). — Trier (Die Trierische Zeitung und die Preßverordnungen). — Erfurt (Die Armirung). — Berlin (Dritte Sitzung des FürstenkollegiumS. Der Prinz von Preußen). —
Wien (Amnestie).
Großbritannien. London (Richterliche Gehalte).
Türkei. Konstantinopel (Die Renegaten).
Amerika. Havanna (Die Erpedition).
Friedrich Jakob Schmitthenner.
Gießen, 20. Juni. (O.-P.-A.-Z.) Der gestern hier gestorbene Prof. Dr. Schmitthenner war geboren 1796 zu Oberdreis im Fürstenthum Wied, studirte Theologie, wurde zuerst und zwar schon 1815 (19 Jahr alt) Pfarrer, ging aber dann zum Lehrfach über, indem er 1819 in die Stelle als Prorektor am Gymnasium zu Dillenburg eintrat, 1827 Direktor des Schullchrerseminars zu Idstein, und von da 1828 als Professor der Staatswissenschaft und Geschichte nach Gießen, berufen wurde. 1832 ging er als Oberstudienrath nach Darmstadt, behielt sich aber den Rücktritt an die Universität vor, und kehrte 1835 mit Auszeichnung als Geheimer Regie, rungsraih auf seine Professur nach Gießen zurück, wo er bis vor Kurzem als einer der tüchtigsten und gefeiertsten Dozenten in den ihm anvcrlrauten wichtigen Fächern gewirkt hat.
Mit dem obigen Lebensgange übereinstimmend behandeln seine Schriften Philosophie im engern Sinn, Schulwissenschaft ebenfalls im engern Sinn, namentlich Forschungen über deutsche Sprache, Geschichte und Politik. Sein Lebensgang zeigt, daß er sich von den mehr gelehrten Studien mehr und mehr den öffentlichen unmittelbar inS praktische Leben eingreifenden Fragen zugewendet hat, und in der That mögen Gelehrte selten so viel praktische Talente in sich vereinigen, als dieser Verstorbene. Darum erwarb er sich denn auch bald für die wichtigern Fragen über die Interessen theils der Universität, theils der Stadt Gießen, theils des engern und weitern Vaterlandes das allgemeine Vertrauen, und rechtfertigte cS als Deputirter des Wahlbezirks Gießen auf den Landtagen in glänzender Weise.
Aber nicht nur die Universität, sondern die ganze Stadt Gießen verdankt dem Verstorbenen sehr viel, indem er gerade als Mit« glied der Stänbekammer, nicht wie manche s. g. VolkSvertre- ter, leeren Träumereien folgend, sondern die wahren Interessen der Stadt im Auge behaltend, gerade die Anlagen und Bau» len mächtig gefördert hat, die wirklich wichtig, wie die Erbauung der neuen großarrigen Brücke über die Lahn, die Richtung der Eisenbahn über Gießen re. Ein gcborner ausgezeichneter Rc.bncr, hat er sich Loch bei der neuern Bewegung nicht Prak« tisch betheiligt. Die^ Verwirrung der Begriffe, welche in den Köpfen der meisten FreiheitSmänner geherrscht hat, daß man „das organisch gegliederte Volk", das „wirkliche Volk" mit rohen tumultuirenden Volkshaufen, den wahren Volkswillen, der sich in wirklicher Intelligenz nach den wirklichen Rechten (die am meijleh auf dem Besitz ruhen, je nach den Leistungen) aussprechen müsse, mit dem Geschrei des Pöbels verwechselte: alles Das war seiner klaren Einsicht herzlich zuwider. In der Nationalversammlung in Frankfurt dürften Wenige gewesen seyn, die über daS Wesen und den Charakter des falschen Frei« heitsgötzen, der s. g. VolkSsouveränelât , so entschieden richtig gedacht und cs in so ausgezeichnet klarer Weise ausgesprochen haben, als cS der Verstorbene in der „OberpostamtS-Zeitung" in den vortrefflichen Artikeln „von der Lahn" gethan hat. Schon diese Artikel würden dem Verstorbenen ein ehrenvolles Andenken sichern.
ES versteht sich von selbst, daß ein solcher Mann, ein so entschiedener Gegner der sogenannten „demokratischen" oder „republikanischen" Freiheit er auch war, ebenso entschieden ein Freund des wirklichen Fortschritts auf dem geistigen', wie dem materiellen Gebiete des Lebens, und der wirklichen oder wah, ren Freiheit, die nur in der Unterordnung unter die Gesetze möglich ist, war. Schmitthenner war ein wahrer Po, liliker, der den Staat und die Freiheit nur auf sittlicher Grundlage ruhend dachte, und dem die aufgeblasenen FreiheitSmänner ein Greuel waren. Im Besitz der feinsten geselligen Formen, war er stets geistreich, die Seele der wahrhaft gebildeten Gesellschaft, und der sonst so ernste Denker im Umgänge von dem heitersten Humor, in dem er den alten Weisen gleich die Thorheiten der Neuzeit belächelte. So hat denn sein Hintritt auch nicht nur die Mitglieder der Universität, sondern auch die Bürger Gießens tief berührt, und auch die zahlreichen fernen Schüler und Verehrer des Verstorbenen werden diese Trauerkunde nicht ohne innige Theilnahme vernehmen.