Nassauische
Allgemeine Zeitung.
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Montag den 17 Juni
1850»
Dritte Ausgabe.
Uebersicht.
Lesefrüchte aus Bekk's Geschichte der badischen Revolution. Deutschland. Wiesbaden (Das Volksfest auf dem Neroberg polizeilich untersagt). — Karlsruhe (Der Ausmarsch der badischen Truppen nach Preußen). — Hannover (Bevorstehende Aenderung deS Ministeriums). — Magdeburg (Die Cholera). — Berlin (DaS Befinden des Königs). — Ham bürg (Die konstituirende Versammlung). — Wien (Die türkische Flotte segelt a»ö den Dardanellen).
Frankreich. Paris (Vermischtes).
Rußland. Petersburg (Graf Neffelrode).
Lesefrüchte aus Bekk's Geschichte der badischen Revolution.
L Die Volksschullehrer in Baden und Nassau.
(Fortsetzung )
* II * Wir glauben nicht, daß in unserem Lande die Lehrer durch den radikalen Geist der Gemeinden angesteckl und verdorben worden sind — eine Stadt dürfte vielleicht ausgenommen werden können — sind vielmehr der Ansicht, daß gerade eine nicht geringe Anzahl nassauischer Lehrer viele Gemeinden mit ihrem radikalen Gifte und mit der Seuche der Irreligiosität angesteckl haben. Hier und da wurden zwar allerdings, wie in Baden, Würtemberg und Hessen, Lehrer von Oberwühlern als Werkzeuge benutzt und ihnen glänzende Aussichten beim Umstürze der bestehenden Ordnung vorgespiegelt; eine nicht ge, ringe Anzahl Lehrer bedurfte jedoch nicht dieser Vorspiegelung und trieb in sinnloser Verblendung das Geschäft der Wühlerei auf eigene Faust. Es sind die Ansprüche vieler Lehrer auf namentlich gänzliche Unabhängigkeit von der Kirche, wenigstens 800 fl. Gehalt, sowie freie Wohnung, Becker und Wiesen in der Menge, daß darauf das Jahresbrod gezogen und wenigstens zwei Kühe gehalten werden könnten, wohl noch im Gedächtnisse der meisten Einwohner des Landes. Wollte Gott, daß unser und jedes deutsche Land die Kräfte hätte, "seine Lehrer auf eine solche Weise, für ihr allerdings eben so wichtiges , als mühsames Amt zu belohnen. Wir wären wahrlich einer der ersten, der ihnen eine solche Lage von Herzen vergönnte.
Daß unsere deutschen und insbesondere unsere nassauischen Lehrer ihre Lage zu verbessern wünschen, kann ihnen kein Mensch in der Welt übel nehmen; ein solches Bestreben ist tief in der menschlichen Natur begründet. Aber ein offenbarer Blödsinn von ihnen ist eS, wenn sie glauben, durch Wühlen und den Umsturz der bestehenden Verhältnisse könne ihre Lage überhaupt nur irgendwie dauernd verbessert werden. Man muß eS der früheren Landes-Regierung zum Ruhme nachsagen, daß sie es sich in den letzteren Jahren sehr hat angelegen seyn lassen, die Lage unserer Volksschullehrer nach den vorhandenen Kräften möglichst zu verbessern. Wir zweifeln nicht im entferntesten daran, daß sie in diesem achtungswürdigen Streben fortgefahren seyn würde, wenn nicht die stürmischen Jahre 1848 und 1849 gekommen
wären, in welchen eine Aufbesserung der BesoldungStheile der Lehrer nur ein frommer Wunsch seyn und bleiben konnte. So viel wir vernehmen konnten, hat sich die Lage der Lehrer seit der neuen Gemeindeverwaltung noch nicht verbessert, und wir befürchten sehr, daß nicht viele Gemeinden, selbst die, welche auch dazu die Mittel haben sollten, geneigt seyn möchten, an eine wesentliche Verbesserung ihrer Lehrer zu denken. Im In- tereffe der Lehrer, aber auch im wohlverstandenen Interesse ter einzelnen Gemeinden, wie des ganzen Staates muß aber noth, wendiger Weise die äußere Lage der Lehrers verbessert und die Mittel dazu müssen beschafft werden, mag es so schwer fallen, wie es nur immer kann. (Schluß folgt.)
DeutsâlsnD
* Wiesbaden, 16. Juni. Die Abhaltung des mittel- rheinisch enV o l ksf este s, welches am 7. und 8. Juli d. J. auf dem Neroberge bei hiesiger Stadt stattfinden sollte, ist durch eine Verfügung des Herzog!. Kreisamtes dahier polizeilich untersagt worden. (Die Verfügung mit den Motiven wird der Leser in dem Jnseratenraume unseres nächsten Haupt- blattes finden).
Karlsruhe, 11. Juni. (S. M.) Endlich scheint es denn doch mit dem Ausmarsch unserer Truppen nach Preußen wirklich Ernst werden zu wollen. Die Artillerie hat den Befehl, sich marschfertig zu halten; ihre Bestimmungsorte sollen Deutz und Wittenberg seyn. Das zweite Reiterregiment ist gleichfalls zum Ausrücken bereit und soll am 24. d. M. auSmarschiren, sein Ziel sey CotbuS und Wrietzen. DaS dritte wird sofort nachrücken. Die Meinung, daß das Verbleiben unserer Trup, pen im Lande ihrer Entfernung vorzuziehen sey , verliert selbst unter den Offizieren immer mehr Anhänger, seitdem man sich überzeugt hat, daß sich da und dort, wenn auch vereinzelt, wieder Spuren des unterdrückten bösen Geistes zeigen. Dies kann auch nicht anders seyn. Die aus der Schweiz und den Kasematten hervorgegangenen Soldaten, hauptsächlich aber die von ihren OffizierSstellen zurückgetretenen Unteroffiziere fühlen sich in den Schranken des strengen Dienstes noch nicht behag, lich; die Durchwühlung war zu gründlich, die Gewohnheit der Ungebundenheit und dessen, waS daran hing, zu festgewurzelt, als daß dies Alles mit einem Zauberschlage hätte umgewandelt werden können. Der Schaden muß, wie jeder andere, zur vollkommenen Heilung und zur Verhütung des Rückfalls feine Zeit haben.
In Hannover steht, wie die „N. Preuß. Ztg." berichtet, eine Aenderung d e S Ministeriums nach zuverlässigen Nachrichten bevor.
Man schreibt aus Magdeburg vom 12, Juni: Nachdem die Cholera nach etwa achtwöchentlicher Dauer in Hal- b e r st a d t ziemlich dem Erlöschen nahe schien, ist sie jetzt in wahrhaft schrcckenerregendcr Weise von Neuem auSgebrochen. Auch die westwärts von Halberstadt liegende Gegend, bis zu dem Städtchen Oscherleben hin, wird von der Seuche dergestalt heimgesucht, daß beispielsweise in einem Dörfchen, Stienha-