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Nassauische

Allgemeine Zeitung.

^L 132» Freitag den 7. Juni 185O»

Die Nass. Allg. Zeitung erscheint zweimal, die Beiblätter einmal täglich, mit Ausnahme des Sonntags. Der vierteljährige Pränume­rationspreis ist in Wiesbaden, für den Umfang des HerzogtkumS Nassau, des GroßherzogthumS und Kurfürstenthums Hessen, der Landgrafschaft Hessen-Homburg und der freien Stadt Frankfurt 8 fU in den übrigen Ländern des fürstlich Thurn- und Tarisfchen VerwaltungSgebietes 8 fl. io fc. - Inserate werden die dreispaltige Petitzeile oder deren Raum mit 3 £r. berechnet. Bestellungen beliebe man in Wiesbaden in der L. Schellen- terg'schen Hof-Buchhandlung, auswärts bei den nächst gelegenen Postämtern zu machen.

Uebersicht.

Wien und Frankfurt.

Deutschland. Stuttgart (Sitzung des Ausschusses der LandeSver- sammlung). München (Die Kammern). Von der Mosei (Weinärnte). Leipzig (Regierungsmaßregeln). Berlin (Das Fürstenkollegium. Der Frankfurter Kongreß. Der Prinz von Preußen. Eefeloge. Die Beschränkungen der Presse. Bülletin. Wien (Die GenSdarmerie in Ungarn. Judenverfolgung in Mähren). Triest (Ankunft des Erzherzogs Johann).

Frankreich. Paris (Antrag wegen Verlegung der Nationalversamm­lung. Sonderbare Zahlenkombination. Hotel de Ville. Das Wahlgesetz).

Wien und Frankfurt.

Wiesbaden, 5. Juni. Als in der rcformirten Kirche zu Frankfurt die bekannten Paragraphe 2 und 3 der Verfas­sung aus der temporären und zufälligen Koalition der Klein­deutschen , spezifisch Preußen und der Linken hervorgingen; als die ersteren in der Hoffnung, Oesterreich durch die unan­nehmbare, undurchführbare Bestimmung dieser Paragraphe aus Deutschland hinauszudrängen die Mitglieder der Linken in der Hoffnung, die deutschen Länder Oesterreichs an Deutsch­land heranzuziehen, organisch mit dem einer Neugestaltung entgegenschreitenden Mutterland zu verbinden, und die Idee der Freiheit in die vom Druck der Metternichschen Politik kaum befreiten Länder zu verpflanzen, beide somit aus den verschie­densten Gründen für eine und dieselbe Sache, für die Personal- Union stimmten, da tonte ein Schrei der Verwunderung und Entrüstung durch ganz Oesterreich. Selbst die wahrhaft deutsch Gesinnten erschrocken über diese Konsequenz, die sich aus der damals doch als leitendes Prinzip hingestellten Idee deS Bundesstaates ergab; das Partikularbcwußtsein überwu­cherte über Nacht die so üppig aufgeschossenen Ranken des National-GesammtbewußtseinS und der Enthusiasmus für die geliebten rothen Hosen, wie er in Tirol zu Zeiten des bairi- schen Erbfolgekrieges nicht geherrscht, verdrängte jedes andere Gefühl, und Oesterreichs Bestand als selbständiges Kaiserreich war gesichert. So antwortete die Bevölkerung auf eine Be­stimmung, die an sich zwar naturgemäß und folgerichtig war; bei der man aber vergessen hatte, daß eine so gewaltsame durchgreifende Veränderung nicht mit einem Schlage hcrbei- geführt werden kann; daß cs in der Politik ebenso wenig als in der Natur einen Sprung gebe.

Die österreichische Regierung antwortete auf diese Bestim­mung mit dem Gegenmittel offenbar über das Maaß der drohenden Gefahr hinausgehend, mit der Stadionschen Idee der Zentralmonarchie, und der Verfassung vom 4. März.

gefährlich einerseits die Durchführung des Föderativ- Systems, die Emanzipirung so vieler heterogener nationaler Elemente für den Bestand deS österreichischen KaiserthumeS Ware, so viele Schwierigkeiten bereitet andererseits die Durch­führung dcö ZeniralisirungSsysicms im Innern wie gegen Au­ßen. In erster Beziehung erwähnen wir nur die Bestrebun­

gen der Altkonservativen Ungarns, gegen welche daS Ministe­rium nur mit Mühe ankämpft; der in demselben Maaße mit dem anscheinenden Gelingen dieser Bestrebungen steigenden Forderungen der italienischen Vertrauensmänner; der sich re­genden SeibständigkeitSgelüste der Kroaten und Serben und der noch in Aussicht stehenden Gährungen des deutschen und deS speziell czechischen Elementes, welche beide durch die fak, tisch noch nicht durchgeführte Verfassung in ihren Interessen zwar nicht berührt wurden, bei der Verwirklichung derselben die unausbleiblichen gewichtigen Rückschläge derselben, gewiß nicht unempfindlich hinnehmen werden.

Oesterreichs Stellung gegen Außen ward durch die Ver­fassung vom 4. März eine äußerst schwierige aus positiven und negativen Gründen. Die positiven liegen in der Absicht, die unpraktische Idee der Zentralisirung unter allen Umständen durchführen zu wollen; die negativen im Verlassen des konsti­tutionellen Weges, in der Aufhebung oder Beschränkung der Verfassungsbestimmungen durch ungebührlich lange fortdauern­den AuSnahmszustänbe und Maßregeln.

Die Verlegenheiten in welchen die österreichische Regierung, namentlich Deutschland gegenüber, dadurch geräth, schildert ein Korrespondent desWanderers" auf folgende treffende Weise, indem er an die in der deutschen Politik Oesterreichs vor sich gegangenen Veränderungen anknüpft.

Thatsache ist, daß Oesterreich in der deutschen Politik sein bisheriges negatives System aufgegeben hat. Dies ist an und für sich jedenfalls ein Fortschritt, wenn man auch die Art und Weise, wie er gemacht wird, nicht billigen kann. Oester­reich führt die deutsche Einheit auf ihr diplomatisches Grund- element zurück und will von da auS eine Verfassung oktroyiren lassen, und man muß mit Trauer gestehen, daß wenigstens das Mißlingen aller ändern Versuche entschuldigend für dieses unpopuläre Verfahren spricht. Daß auch auf dem Weg der Revision der Bundesakte etwas erreicht werden kann, waS besser ist als ein russischer Kongreß zur Schlichtung deutscher Angelegenheiten, ist klar, und wenn unS schon dieser gewiß sehr kleine Trost vor gänzlicher Verzweiflung an der deutschen Sache bewahrt, so beweisen wir dadurch gewiß auffallend, daß wir zum deutschen Volk gehören, welches bekanntlich daSHoff­nungsvoll" der Erde genannt wird."

Weil wir aber ungeachtet der wirklich verzweifelten Lage Deutschlands nicht verzweifeln, glauben wir um so mehr daS Recht zu haben, das Ministerium vor sanguinischen Hoffnungen zu warnen. Es erfreut sich zwar in Deutschland temporär eines wichtigen Erfolges. Nicht nur.daS Organ Ludwig Napo­leons, sondern die öffentliche Stimme Europas muß anerken­nen, daß Oesterreich in der deutschen Sache wieder mit einer Macht auftritt, welcher die Beachtung nicht mehr verweigert werden kann. Der Kongreß in Frankfurt wird selbst von den sonderbündlerischen Fürsten beschickt werden, und ohne Zweifel wird Oesterreich nach altem Herkommen das Präsidium führen. Aber man hüte sich, daß dies nicht in Wahrheit blos ein AlterS, Präsidium werde! Man gebe sich nicht dem Wahn hin, Oester­reich stehe an der Spitze Deutschlands, wenn unser Gesandter im traurigen Bundespallast in der Eschenheimergasse auf dem alten Präsidentenstuhl sitzt. Wenn der Kongreß auch wirklich