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Nassauische

Allgemeine Zeitung.

JV» 123» Donnerstag den 30» Mai 1850»

Die Nass. Allg. Zeitung erscheint zweimal, die Beiblätter einmal täglich, mit Ausnahme des Sonntags. Der vierteljährige Pränums« rationSpreis ist in Wiesbaden, für den Umfang des HerzogthumS Nassau, des GroßherzogthumS und KurfürstenthumS Hessen, der Landgrafschaft Hessen-Homburg und der freien Stadt Frankfurt 8 fl., in den übrigen Ländern des fürstlich Thurn- und TariSschen Verwaltungsgebietes I ft. 1O fr. - Jnsera te werden die dreispaltige Pelitzeile oder deren Raum mit iS fr. berechnet. Bestellungen beliebe man in Wiesbaden in der L. Schellen- berg'schen Hof-Buchhandlung, auswärts bei den nächst gelegenen Postämtern zu machen.

Uebersicht.

Lamartine über das allgemeine Stimmrecht.

Deutschland. Wiesbaden (Kirchenraub). Mainz (Die Ludwigs- Eisenbahn). Frankfurt (Bulletins). Darmstadt (Stauff's Kaffalionsgesuch verworfen). Stuttgart (Protest der Standesherrn. Endabstimmung). Koblenz (Diebstahl). Düsseldorf (Ver­legung der Residenz des Prinzen nach Berlin). Münster (Temme). Berlin (Fürstenkollegium. Gottesdienst. Adressen. Beschränkung der Presse. Katholische Feiertage. Die österreichische Note).

Frankreich. Paris (Neueste Nachrichten. Der erste Artikel des neuen Wahlgesetzes).

Italien. Rom (Probst Ketteler). Turin (Prozeß Franconi). Florenz (Abreise des Großherzogs nach Wien).

Lamartine über das allgemeine Stimmrecht.

Eine demokratische Autorität, einer der Väter der Februar, revolution, einer der Begründer deS allgemeinen SnmmrechteS, Lamartine, hat sich in einer kürzlich erschienenen Schritt entschieden für eine Modifikation des bestehenden WahlsystemeS ausgesprochen. Lamartine sagt u. A.:

Von den tausend Bedingungen einer guten Wahl ist nicht eine einzige, welche nicht vernichtet, verhunzt würde durch die (verfassungsmäßige) Wahi nach einer Liste. Wer diesen Keim der Verwirrung, der Täuschung, der UnsiNlichkeit und deS TodeS in diesen einen Artikel der Verfassung und des Wahlgesetzes geworfen hat, der hat durch dieS eine Work scruhn de liste alle Kraft der Republik, alle Lebensfähigkeit der Republik zerstört. Wißt ihr, wer diese Falle erfunden hat, in der man zwanzig freie Völker fangen würde? Richt die Bosheit, sondern die Systemmacherei. Einige sieben bis acht Journalisten, welche fürchteten in den allgemeinen Wahlen von Pariser Quartieren oder von Departements vergessen zu werden, haben unbedachtsam gesagt: Entziehen wir dem Volke die Wahl! geben wir sie den Klubs! erfinden wir die Wähl nach der Liste, die Vertretung wird nicht mehr dem wür­digsten Bürger zufallen, sondern dem lautesten Schreier! Und so ist es geschehen.

Ich bin überzeugt, daß die republikanische Gesellschaft um so mehr berechtigt ist, moralische Garantien vom allg e meinen Stimmrecht zu fordern, weil sie auf die materiellen Garantien des Vermögens und des Steuerzcnsus verzichtet hat. Die republikanische Gesellschaft darf nicht, wie die Demagogen sich einbilden, von Unterpfändern und Vor- sichtömaßregeln sich entblößen. Nur sucht sie dieselben anstatt in materiellen in sittlichen Bedingungen. Sie ist spirituali- stlsch. Sie bewaffnet sich mit anderen Waffen ; aber dem Zn- ! falle gibt sie sich so wenig Preis wie die aristo,ratische oder die monarchische Gesellschaft. Sie hat daher das Recht Jeden, ; welcher als Wähler die menschliche Gesellschaft mitleiten will, zu fragen: Bist du ein Mensch im ganzen Umfange, in der ganzen Würde des Wortes? Bist du Franzose? Bist

du Bürger? Bist du srei? Hast du daS Alter der po­litischen Vernunft? Hast du die jedem Bürger noth­wendige allgemeine Bildung, um seine Rechte und Pflichten begreifen zu können? Hast du einen festen Wohn­sitz ? Bist du Hausvater oder Familie sohn? Hast du irgend eine dauernde moralische Verantwortlich­keit gemeinsam mit der Volksgruppe, deren Willen du auS« sprechen, über deren Zukunft du entscheiden willst? Treibst du ein ehrloses Gewerbe? Bist du Nomade durch regello­ses Leben? Bist du Bettler durch freiwilligen oder gewohn­heitsmäßigen Müssigang? Bist du gebrandmarkt durch gerichtliche Urtheile, welche dem Volke eine schlechte Meinung von dir geben?

Jeder vernünftige Mensch muß einsehen, daß die republika« j nische Gesellschaft das Recht hat, diese Fragen zu stellen, ehe - sie den Bürger zur Ausübung des Walftrechts zuläßt. Die ! Elementarbildung ist der geistige ZensuS des Bürgers. Lesen - unv schreiben können, daS heißt verstehen können. Die j Intelligenz ist die Kantionsleistung deS souveränen Wählers. 1 Die Ehe und der Hausvaterstand sind eine andere. Der Haus- ; Vater bietet ver gesellschaftlichen Ordnung weit größere Bürg- i schäften als der nur für sich einstehende vereinzelte, nomadische ^Unverehelichte. Die Ehe gibt Rath, die Vaterschaft Reife. ; Gewiß wird der Tag kommen, wo der Familienvater so viele i Stimmen bei der Wahl haben wird alö Greise, Frauen und ! Kinder an seinem Heerde sind, denn in einer besser i organisirten Gesellschaft bildet nicht das In d i- ! v i v u u m , sondern die Familie die Einheit. Darin ! liegt das konservative Prinzip. Man wird cs entwickeln, um ; der Demokratie eben so viel Stetigkeit zu geben, wie der I Monarchie.

Endlich ist das Domicil eine jener durchaus sittlichen Bedingungen, welche das Gesetz fordern muß. Wie kann bie ^abl eine erleuchtete seyn) wenn nomadische Massen, die ge­stern kamen und morgen gehen, unter Kandidaten entscheiden sollen, die ihnen völlig fremd sind? wie kann von Bürgschaften deS öffentlichen Wohles die Rede seyn, wenn diese nomadischen Wähler, nachdem sie ihren Zettel in die Urne geworfen, aus dem Lande verschwinden können, wie verabschiedete Tagelöhner und dem Lande, welches sie verlassen, die Last der Steuern, die Folgen der Aufregung, daS Unheil der Unordnung, die Schande einer schlechten Wahl zuwälzen? Eine gewisse Dauer des DomicilS vor und nach der Wahl ist also eine gerechte, sittliche, nothwendige Bedingung, welche das Gesetz fordern muß".

Neben phantastischer Spreu enthalten diese Bemerkungen Goldkörner politischer Weisheit, wie man sie immer selbst in den schlechtesten Schriften und Reden Lamartine's findet. Aber die Demokraten haben längst verlernt in Lamartine einen Pro­pheten zu verehren. Vielleicht will er wieder ein solcher bei ihnen werden, da er nun gegen das Wahlresormgesetz gespro­chen hat.