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heute hier eingegangenen polnischen Privatbriefen aus War^ schau der Kaiser Nikolaus vorgestern daselbst angekommen und im Palast Lagienki abgestiegen, wo zugleich die erwarteten fremden Fürsten residiren werden. Auffallend ist es dabei, daß der Kourier das Eintreffen deS ZzarS noch nicht meldet, weß- halb es möglich ist, daß nur erst der Fürst-Statthalter ange- kommen ist, waS zu einer Verwechselung Anlaß gegeben hat. Sodann heißt cs, daß noch heute Abend der Prinz von Preu­ßen auf der Eisenbahn hier anlangen, und morgen früh die Reise nach Warschau fortsetzen werde« Ferner bringt der Dziennik Polski" die Nachricht, daß einem verbreiteten Ge­rücht zufolge der König von Preußen Willens sey, zu Gunsten des Thronfolgers, des Prinzen von Preußen, abzudanken. Der Gedanke dazu sey vom Petersburger Kabinet angeregt. DaS Blatt fügt jedoch vorsichtig hinzu: wir geben diese Nachricht ohne ihre Wahrheit verbürgen zu können. Die wichtigste Neuigkeit, falls sie sich bestätigen sollte, wäre jedoch die, daß die bereits von unserer Grenze zurückgezogene russische Armee Befehl erhalten habe, schleunigst nach der untern Donau auf- zubrechen; es soll nur ein Armeekorps im Königreich Polen zurückbleiben. Dieß würde offenbar auf eine Differenz mit England und auf einen Anschluß an die französische Politik hinvcuten. Vielleicht hält das russische Kabinet den Augenblick für günstig, durch ein Einschreiten zu Gunsten Griechenlands die morsche Psorte sür immer zu schließen! Da hätten wir einen europäischen Krieg; doch dazu wird eS wohl noch nicht kommen. Die ZeitungWielkopolanin" (Großpole) be­hauptet dagegen, daß die russischen und vstereich. Heere blos des Erfurter Parlaments wegen so nahe an die preußische Grenze gerückt wären, daß jedoch Preußen eine so drohende Pa­rade an seiner Grenze nicht länger habe mit ansehen können, daß es daher nach plötzlicher Beendigung der Geschäfte sich ertlârt habe, den Erfurter Reichstag aufzulösen, worauf dann auch sofort die russischen und österreichischen Armeen von der Grenze zurückgezogen worden seyen , was allerdings seine Richtigkeit hat. DaS genannte Blatt knüpft daran die Bemerkung, daß die an die Soldaten ergangene Erlaubniß, oder vielmehr Befehl, die deutschen Kokarden von den Mützen zu entfernen, damit in Verbindung stehe. Die Soldaten hätten, wie Trun­kene, die deutschen Farben von den Dienstmützen abgerissen und die schwarz-roth-goldenen Kokarden in den Koth getreten; so sey die deutsche Einheit im Rinnstein ersäuft worden. Uebrigens tragen hier noch sämmtliche Militärs die deutschen Kokarden neben der preußischen an ihren Dienstmützen.

Die polnischen Zeitungen fallen jetzt im Allgemeinen mit einer wahren Wuth über Preußen und Deutschland her. Die polnische Presse ist übrigens gänzlich gespalten, die aristokra­tischen Blätter halten es jetzt mit Rußland und treten als Apostel eines russischen Panslavismus, der demnächst über das verfaulte, altersschwache Germanenthum herrschen werde, auf, wogegen die Zeitungen der Volkspartei die Russen nur alö Räuber und Barbaren schildern, mit denen kein Vertrag zu schließen sey ; die ganze russische Herrschaft sey auf die schauderhafteste Unsittlichkeit gegründet und demoralisire die Menschheit.

Wien, 18. Mai. (Wes. Ztg.) Fürst Schwarzenbergs An­kunft wird eher als die des Kaisers, der zum 23. zurück seyn wird, erwartet. Die Ursache hiervon soll die schnelle Ausfer­tigung jenes Antwortschreibens seyn , das gegen die letzte Re, plik deS Herrn von Schleinitz auf die österreichische Zirkular- Note bereits ausgearbeilet in dem Departement des Aeußern hier vorliegt. Oesterreich soll darin nach wie zuvor fest auf seinem Präsidialrecht bestehen. Ein gewaltiger Vorrath von Dialektik finde sich, wird uns versichert, in dem Aktenstücke aufgewendet zum Beweise dessen, daß der alte Bund noch fort­bestehe ; namentlich führe man den Gedanken aus: der Erz- herzog-Reichsverweser habe die Gewalt von der BundeSko mmission übernommen, und da er sie wieder in die Hand von Interims-Kommisionen zurückgelegt, soseyeinejuridischeUnterbrechung deS alten BundeSvertragSrechtS gar nicht vor­handen. ______

Frankreich

Paris, 21. Mai. Nach der heutigen Abstimmung über die Dringlichkeit, die, wie schon berichtet, mit der großen Mehrheit

von 461 gegen 239 Stimmen von der Nationalversammlung zugestanden wurde, ist wohl kaum noch zu zweifeln, daß der Wahlreformentwurf schließlich, wenn auch nicht mit der­selben großen, doch jedenfalls mit einer ansehnlichen Mehrheit bewilligt werden wird. Umsonst werden die bedeutendsten Redner der Linken ihr ganzes Talent und ihre ganze Leiden­schaft aufbieten: das Schicksal des Gesetzes ist so gut wie be- siegelt. In der heutigen Sitzung wurde das Gesetz geschickter angegriffen als vertheidigt. In der That bietet die konser­vative Partei in dieser Angelegenheit auch eine sehr schwache und angreifbare Seite, indem sie das allgemeine Wahlrecht so lang sich mit Freuden gefallen ließ, als es ihr die Mehrheit gab, wie ja auch bekanntlich mehrere stimmführende legiti, mistische Organe unter Ludwig Philipp dem allgemeinen Wahl­recht lebhaft das Wort zu reden pflegten. Kaum aber fallen die Wahlen in der Hauptstadt ihr zum Nachtheil aus (oder fühlt sie überhaupt den Boden unter ihren Füßen unsicherer werden?) als sie sich, und zwar unmittelbar nach geschehener Wahl, beeilt, das Wahlrecht zu beschränken und zu erklären, daß, wenn eS nicht beschränkt werde, d. h. wenn die Haupt­stadt forlfahre, nicht konservativ zu wählen, Frankreich und die Gesellschaft verloren seyen. Unter den heutigen Rednern ver­diente Viktor Hugo den Preis. Obschon er hier und da in den Hohlweg überpathetischer und in sich unwahrer Floskeln gerieth und gelegentlich mit der Montagne zu sehr koquettirte, so bewies er doch abermals ein unleugbar großes und ener­gisches Rednertalent.

Die Bewegung, welche seinem Vortrage folgt, war unbe­schreiblich. Die Mitglieder der Linken drängten sich zu ihm, um ihm Glück zu wünschen. Unter den übrigen Rednern gegen daS Gesetz sprach Cavaignac kurz, ernst, würdig, ohne irgend­wie an die Leidenschaften zu appelliren, Lagrange überaus leidenschaftlich, maßlos, herausfordernd, verletzend, Deflotte an sich haltend und gemäßigt, Pascal Duprat wie fast immer klar und schicklich. Die Majorität betrug sich in ihrer Mehr­zahl angemessen und taktvoll, nur einige jener wüthendsten Konservativen, welche sich diesen Namen sehr mit Unrecht bei­legen, erlaubten sich unparlamentarische Ungezogenheiten. Ver­theidigt wurde der Entwurf bei weitem nicht so gut, Herr DesvotourS de Chaulieu fiel durch, besser sprach, wie sich denken läßt, Hr. Jules Lasteyrie, der mit einzelnen kräftigen Bemerkungen eine gute Wirkung machte, aber zu weitschweifig und ermüdend sprach und von der eigentlichen Frage zu oft ablenkte.

Paris, 22. Mai. (Köln. Z.) In der Nationalvsrsamm- lung wurden gedruckte Dokumente über die griechische Angele­genheit vertheilt; die Kommission für das Wahlreformgesetz ließ ihren modifizirten Entwurf vertheilen. Die Debatte über die Wahlreform wurde fortgesetzt. Bechard sprach für den Entwurf; er bemerkte, daß alle bisherigen Verfassungen für das Wahlrecht Bedingungen hinsichtlich des Wohnortes aufge­stellt hätten. Canet (?) sprach dagegen; Graf Montalembert griff V. Hugo heftig an und tadelte Cavaignac'S Haltung. Er äußerte, es sey entschiedene Absicht der Majorität, die Of­fensive gegen den Sozialismus zu ergreifen. Cavaigngc er­klärte sein Benehmen dahin, daß er gegenwärtig wie zur Zeit des Juni-Aufstandes daS allgemeine Stimmrecht vertheidige. Die allgemeine Diskussion wurde heute geschlossen, die der ein­zelnen Artikel beginnt morgen.

AuS Toulon ist ein Dampfschiff mit Regierungsdepeschen an Vize-Admiral Parseval nach Neapel abgegangen; es glaubt deßhalb Niemand an einen Bruch mit England, obgleich die Seerüstungen noch fortdauern.

Die Hauptstadt ist fortwährend ruhig; die Kourse sind wieder bedeutend gestiegen. (Die 5% Renten stehen 89 Fr. 50 C.)

In Abwesenheit deS Redakteurs für die Redaktion ver­antwortlich: A. Boczek.

Die erste Ausgabe des politischen Blattes wird an jedem Werktage, Nachmittags um 3 Uhr, ausgegeben oder kann im Expeditionslokale abgeholt werden.

Die Expedition der Nnfl. Alig. Zeitung.

Druck und Verlag der & Schellenberg'schen Hof,Buchhandlung in Wiesbaden.