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Nassauische Allgemeine Zeitung.

M 120» Freitag den 24. Mai 1850,

Die Nass. Allg. Zeitung erscheint zweimal, die Beiblätter einmal täglich, mit Ausnahme des Sonntags. Der vierteljährige Pränume­rationspreis ist in Wiesbaden, für den Umfang des Herzogthums Nassau, des GroßherzogthumS und Kurfürstenthums Hessen, der Landgraffchajt Hessen-Homburg und der freien Stadt Frankfurt 8 fL, in den übrigen Ländern des fürstlich Thurn- und Tarisfchen BerwaltungSgebietes 8 fl. 1O fr. Jnfera te werden die dreispaltige Petitzeile oder deren Raum mit 3 fr. berechnet. Bestellungen beliebe man in Wiesbaden in der L. Schellen- terg'schen Hof-Buchhandlung, auswärts bei den nächst gelegenen Postämtern zu machen.

Uebersicht.

Die Rheingauer Eisenbahn.

Deutschland. Frankfurt (Uebertragung der Leitung der Kriminal- gerichtSpffege. Der russische Gesandte). Karlsruhe (Ordre an die preußischen Truppen). Stuttgart (Die Berfaffungsfrage). Mün chen (von Herrmann). Berlin (Vermählung der Prinzesfin Charlotte. Vermischtes). Wien (Finanzausweis. Schreiben des Erzherzogs Johann an Buß).

Frankreich. Straßburg (Deputirtenwahl). Paris (Wahlreform). Nachschrift.

SD Die Rheingauer Cifenbahn

Ein Nachruf.

DaS Projekt der Rheingauer Eisenbahn ist zu Grabe ge, tragen, die Gesellschaft hat sich aufgelöste weil sie als solche bankerott, und die Glocke zur Liquidation war ihr Grabge­läute. Es ist eine löbliche Sitte, der Dahingeschiedenen, bevor sie gänzlich die Vergessenheit verschlingt, nochmals zu gedenken und darum sey eS uns vergönnt, dem früh Verblichenen einige Worte nachzurufen.

Zu der Rheingauer Eisenbahn war die Konzession von der Regierung in allem Pomp ertheilt: sie wird gebaut, das war einst das alleinige Feldgeschrei; sie ist nicht gebaut, und darin liegt der Entscheid der ganzen Debatte über ihren Werth oder Unwertb. Noch ist der kleine Zeitraum eines Lustrums nicht verstrichen, und schon beweisen uns die Geldbeutel der Aktionäre, was jene Spekulation als kaufmännische zu bedeuten hatte. Aber noch einige andere Fragen scheinen einer öffentlichen Besprechung nicht unwürdig; in unsern eilenden Zeiten ist die Sache fast schon geschichtlich. Die ganze' Eisen- bahnangelegenheit war ein aus Vorliebe für Aklienhandel künstlich angelegtes Getriebe einiger wenigen oder vielleicht eines einzigen Spekulanten; nicht durch das Bedürfniß der - Masse war sie bedingt, noch sprach sich in ihr der Wunsch des Volkes aus. Dieß zeigte deutlich die Apathie der zunächst interessirt seyn sollenden Rheingauer selbst, und der redendste Zeuge war die gleichgiltige Aufnahme, welche das Projekt fand; nirgends ein Laut der Freude und des Enthusiasmus! Doch die Aktien wurden gezeichnet, und wer erinnert sich nicht deS Skandals, der dabei getrieben, als man für 30 40 kr. eine Aktie kaufte? Es blieb nun nur noch die Frage zu erwägen, ob am Rhein oder hinter den Orten die Bahnlinie geführt werden soll, und gerade diese Frage war für die Rheingauer wichtiger als jene, ob überhaupt gebaut werden soll? Wenn am Rhein, oder eigentlich mußte es ja im Rhein geschehen, gebaut wird, so waren es außer der ungeheueren Kostspielig­keit (Die übrigens nur die Mitglieder der Gesellschaft geküm­mert hätte) noch zwei andere Gesichtspunkte, von denen aus die Anlage am Rhein betrachtet, sie die wichtigsten Inte­ressen deS Rheingaus verletzt haben würde. Vor allen würde unsere herrliche Gegend hinter einen hohen (und man bedenke dem ungeheuer hohen Wasserstand im Jahre der Konzession) sehr

hohen Steindamm und Erdwall gesetzt, wir würden einge« dämmt worden seyn, wie eine belagerte Stadt. Der Fremde, dèr auf dem Rhein oder auf dem jenseitigen Ufer gefahren, müßte neugierig fragen, wenn er an die Stelle kommt, wo in seiner Reisekarte der Name deS paradiesischen Rheingaus ver­zeichnet ist, wo dann jenes Ländchen läge? Schweigend eine Thräne im Auge, hätte dann der Gefragte mit dem Finger auf jenen grauen einförmigen Steindamm gedeutet, hinter dem ein paar alte Kirchihurmspitzen, eine Menge rauchender Schorn­steine, ein paar baufällige Dachgiebel, oder höchstens hier und da ein Theil eines höher gelegenen Landhauses herausgesehen hätte. Den Hintergrund hätte das Irrenhaus gebil, det. Der Reisende hätte nochmals unwillig seine Fragen wiederholen müssen, da er eigentlich nichts gesehen, und statt der Antwort hätte man ihm den Johannisberg, die Krone des Rheingaus, gezeigt: denn nur noch an ihm könnte man die herrliche Gegend erkennen, die er als König der Trauben beherrscht. Er allein als höchster Punkt würde sich der freien Aussicht haben erfreuen können auf deS Rheines grüne Fluten, die hier das Golo deS Nibelungen- Schatzes in die Reben deS geliebten Gaues so gerne spenden. Er würde zum Denkmal dienen, daß nicht ganz jene prächtige Gegend vergessen würde, und eine große Inschriftdie schö­nen Tage waren" würde das einzige Gedächtniß der gefallenen Größe sein: ein kollossalcs Monument auf einem verwüsteten Schlachtfelbe. Und was würde denen ein herrlicher Genuß geworden sein, die gelockt von den unmuthigen Ufern deS Stroms an seinen romantischen Windungen sich niederließen, um ständig sich in dem herrlichsten Anblick zu ergötzen, um bei uns in Regionen deS südlichen Himmels zu schwelgen, auS- zuruhen von ermüdenden Anstrengungen, und neue Kräfte zu neuen Thaten zu sammeln? Welche himmlische Lust müßte eS sein, dann beständig den schönen, regelmäßig gebauten, geraden Damm bewundern zu können, von Zeit zu Zeit ein paar Wa­gen vorübersahren zu sehen, und den melodischen Schrei der Lokomotive zu hören? Solche Aussicht hätte gewiß viele Fremde gelockt, künftig ihren Aufenthalt bei und zu nehmen, besonders jene, die dem traurigen Anblick der Dünen am Mce- reSstrand milfliehen! Die Besitzer von Häusern, Gärten und Gütern würden sich Haden getrösten müssen, einst am schönen Rhcinstrom gewohnt zu haben!

Wenn dieser erste Grund schon die innigsten Interesse deS gestimmten Rheingau'S berührte, so ist der zweite jetzt auSzu- führende Grund ein noch viel wichtigerer, der gegen die Eisen­bahn sprach; ein Punkt, der die wahre Wohlfahrt des Rhein­gaus mächtig berührt. Durch die Anlegung eines solchen SteindammcS würde das Rheingau fern vom Strome gelegt, ganz dem Rhein entrückt. Statt nun am grünen, vom fließen­den Wasser bespülten Ufer zu wohnen, statt die wohlthätigen Einflüsse eines strömenden Flusses zu genießen, würden dann die Dörfer und die Ebenen in der Nähe künstlicher Sümpfe liegen, deren giftige Ausdünstungen nicht ohne die übelsten Folgen für die Gesundheit Aller und Jeder bleiben konnte. Statt der durch den Strom stets ventilirten Luft würden wir stets haben faule Dünste einaihmen müssen, deren noth­wendige Begleiter ansteckende Fieber sind. Statt alles Raison-