Einzelbild herunterladen
 

Nassauische

Allgemeine Zeitung.

MUS. Mittwoch den LS Mai 1830,

Die Nass. Allg. Zeitung erscheint zweimal, die Beiblätter einmal täglich, mit Ausnahme des Sonntags. Der vierteljährige Pränume­rationspreis ist in Wiesbaden, für den Umfang des HerzogthumS Nassau, des Großherzagthums und KurfürstenthumS Hessen, der Landgrafschaft Hessen-Homburg und der freien Stadt Frankfurt S fl., in den übrigen Ländern des fürstlich Thurn- und TariSschen VerwaltnngSgebietes 3 fl. l<) fr. Jnsera te werden die dreispaltige Petitzeile oder deren Raum mit 3 fr. berechnet. Bestellungen beliebe man in Wiesbaden in der L. Sch ellen- bergischen Hof-Buchhandlung, auswärts bei den nächst gelegenen Postämtern zu machen.

U e b e r s i ch r.

Unsere Lage, unsere Hoffnung.

Deutschland. Berlin (Berathungen). Posen (Der Kongreß). ®ra6 (Ankunft des Kaisers). Wien (Hirtenbrief Die Kirchenfrage). Frankreich. Paris (Das Wahlgesetz. Katastrophe in Algier). Italien. Rom (Abermalige Abberufung eines Theiles der französischen Truppen).

Unsere Lage, unsere Hoffnung,

Wiesbaden, 10. Mai. Wir sind abermals an einem Wendepunkt der Dinge angelangt, über den wir nicht gebie­ten können. Unsere große nationale Bewegung spaltete sich M vielfacher Weise. Anfangs groß und majestätisch, verläuft sie wie der Rhein im Sande, und über die mit tausend Mühen, mit tausend Opfern und Demüthigungen erkauften, nothbürftig geretteten Erfolge richtet in letzter' Instanz ein Kollegium von Diplomaten, uneinig mit Vorbedacht und be­dächtig in ihrer Uneinigkeit. Der gewaltige Flügelschlag un­seres Nationalgeistes, der diese Diplomaten noch vor Kurzem dahinjagle wie Spreu vor dem Winde, ist matt geworden, und wird ihnen bei ihren Berathungen höchstens Kühlung zu- cheln oder um ihre Wangen schmeicheln; wird ihnen nicht den Athem versetzen, wenn sie davon sprechen, dem gegründeten Streben der einzelnen Bruderstämme nach größerer Einigkeit Rechnung tragen zu wollen. Es wird kaum Jemand sangui­nisch genug seyn , die Erfüllung dieser nationalen Wünsche von einer außerhalb der Nation, wenn nicht ihr schroff gegen­über stehenden Gewalt zu hoffen, welche für die Berechtigung dieses Strebens keinen Sinn, für das zureichende Maaß des. selben gar keine Beurtheilung hat und haben darf, will sie nicht die Konsequenzen ihres negirenden Prinzips bis zur Gefährdung ihrer eigenen Existenz durchführen. Wir werden von Glück sagen können, wenn die Erinnerung an die Vor­gänge des Jahres 1848 und an die gewaltige Regung des Volksgeistes, wenn die Erinnerung an feierlich abgegebene Versprechen hinreicht zu verhindern, daß zu der alten Harle- quinsjacke, der unser zerklüftetes Vaterland auf der Landkarte gleicht, nicht auch wieder als Schlußstein des Ganzen, als Gipfel der Pyramide die alte Schellenkappe mit den 69 klei­nen und den 17 großen Schellen hinzukommt.

Zu den Schlagworten, deren so viele in der Revolution entstanden, für deren wahre Bedeutung Jeder, welche Partei- Achtung er auch verfolgt, das gleich richtige Verständniß be­sitzt, gehört auch das Schlagwort: Wiederherstellung des alten Bundestages. Unter diesem WorteBundestag" subsumirt Jeder die ganze, größere oder geringere Masse von Nebelstän­den, an denen nach seiner Ansicht das staatliche Ganze krankt; die ganze Masse der Beschränkungen, die seine individuelle Freiheit beeinträchtigen oder seinem Streben nach materiellem Wohlergehen hemmend in den Weg treten. Und selbst Jene, deren politisches Bewußtseyn nicht weiter reicht, als bis zu dem unwandelbaren Ausspruch r ES muß anders werden, er­

blicken in ihm ein Gespenst, für welches sie wohl einen Na­men, aber keinen Begriff haben, baS sie aber auf jede Weise glauben cxorziren zu müssen.

Der alte Bundestag ist der Wuwaz, mit dem man politisch Mündige und Unmündige schrecken kann; er ist der Alp , der während drei und dreißig jährigen Schlafes auf uns gelastet hat, und den natürlich der am meisten scheut, der die Schlaf- mütze wieder über die Ohren zieht, und sich zur Ruhe an- I schickt. Darüber, daß eS bis zur Wiederherstung des alten ; Bundestages nicht kommen darf, oder eigentlich, um weniger i energisch und der herrschenden Apathie und Asthenie angemcs- ! sener zu sprechen, daß es eine Kalamität wäre, wenn cS so * weit käme, darüber ist Alles einig.

Was für Aussichten haben wir, diesem Schicksal zu ent» i gehen ?

In Frankfurt tagt ein Kongreß von Bevollmächtigten ein­zelner Staaten, angeblich um über die Verlängerung des In­terims zu unterhandeln, eigentlich aber als bisher unvollstän­diges Bundeskollegium, das man durch die Hinweisung auf den Wiener Vertrag, die Bundesakte uno auf die in beiden ausgesprochene Unauflösbarkeit deS deutschen Bundes bald zu kompletiren hofft.

Die Berathungen des Fürstenkongresses in Berlin, auf welche der größte Theil des deutschen Volkes mit einem uner­schütterlichen Glauben und einer festen Zuversicht blickt, die schon deßhalb nicht getäuscht werden sollte, gehen dahin, daS Verhalten festzustellen, welches die Unionsfürsten nicht dem neuen alten Bundestag gegenüber, sondern in der Plenar- Versammlung desselben beobachten wollen. Die Union wird daher, wenn sie zu Stande kommt, nicht als ein selbständiges Ganze, sondern lediglich als ein Bundesglied dastehen, und die energischen Anstrcbungen selbstschöpferischer staatlichen Fort­bildung, wie wir sie von den Unionsfürsten erwarten, reduziren sich auf eine bloße Fraktionsthäiigkeü, auf ein ängstliches Stimmenzählen, auf eine Jagd nach der Majorität im Plenum deS Bundestages. Die Union wird zum Klub, die preußische Re­gierung zum Parteiführer und die mühsam ausgestellte Ver­fassung zum Programm der Fraktion. Der Protest den Preu­ßen gegen den Frankfurter Kongreß erließ, findet seine natür­liche Erklärung in dem Wunsch, dort nichts zu Stande kom­men zu lassen, wobei eS nicht mitgewirkt, während die Eifer­sucht aus die bevorzugte Stellung, welche cs bisher eingenom­men, sich natürlich gegen die von Oesterreich an das Nichter­scheinen geknüpfte Präklusion kehren muß. Der Krieg den die Ansprache deS Königs von Preußen den Unionsfürsten als drohend bargestellt, dürfte schwerlich durch das feste Beharren, auf dem einmal betretenen Weg, Hervorgcrufen werden, und jene 7 Millionen Thaler die von dem Anlehen von 18 Mil­lionen realisirt werben sollten, dürften eher dem jetzigen ge- meinfamen Zwecke der festländischen Großmächte, mit der De­mokratie aufzuräumen, geopfert werden, und wir werden eS vielleicht erleben, daß als Grund deS NichtzustandekommenS der Union dasselbe angegeben wird, waS der Kölner Deputa­tion bei Überreichung der Adresse über die Kettenbrückefrage gesagt wurde, daß es eben in Frankreich zu schlecht stehe, um an die Zustandcbringung dieses Werkes jetzt denken zu können.